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John Sinclair - Folge 1791

Im Dorf der Verdammten

Plötzlich wurde es eiskalt!

Die vier Männer im Pub schauten sich an. Der Reihe nach wurden sie kreidebleich. Auch der Wirt hinter der Theke gab keinen Kommentar ab. Er schlug nur ein schnelles Kreuzzeichen.

Einer sprach schließlich und sagte: »Sie kommt!«

Die anderen nickten.

»Sollen wir flüchten?«, fragte jemand.

»Es hat keinen Sinn«, wurde ihm geantwortet. »Sie ist immer besser als wir – oder?«

Keiner widersprach. Die Männer und der Wirt warteten ab. Der Mann hinter der Theke stöhnte, bevor er mit einem Tuch durch sein Gesicht wischte.

Alle wussten, dass die Unheimliche in der Nähe lauerte. Es würde auch nicht dabei bleiben. Sie würde sich zeigen. Sie würde kommen und ihnen keine Chance lassen.

Noch stand nur die Warnung im Raum. Es war auch nichts zu sehen. Aber die Kälte, die bildete sich keiner ein. Sie hatte einen Ring um sie gelegt. Egal, wohin die Augen auch blickten, zu sehen war einfach nichts, und nur die Kälte war schlimm. Der ganze Schankraum war von ihr in Beschlag genommen worden. Das wollten die Männer nicht akzeptieren. Sie waren sauer, obwohl die Angst bei ihnen an erster Stelle stand. Da sie nicht wussten, wie sie sich anders hätten verhalten sollen, sagten sie nichts und warteten auf das Folgende.

Sie würde kommen, das war ihnen klar. Stellte sich nur die Frage, wann die andere Seite zuschlagen würde. Das konnte sehr schnell sein, konnte aber auch dauern. Sie wussten es nicht, denn sie waren zu Spielbällen geworden.

Warten auf den bösen Kick!

So musste man es sehen, denn sie würde erscheinen. Das stand fest, und schon jetzt konnten sie darüber nachdenken, wen von ihnen es dann treffen würde.

Plötzlich gab der Wirt einen Laut von sich. Erst wenn jemand genauer hinhörte, wurde für ihn daraus ein Lachen, und das war bestimmt kein fröhliches. Er schüttelte dabei den Kopf und hatte sich schließlich zu einer Bemerkung durchgerungen.

»Ich bin mal gespannt, wen sie sich jetzt holen wird. Einer von uns muss es sein.«

»Und dann?«

»Keine Ahnung. Dann ist derjenige von uns verschwunden, und es fragt sich, ob er jemals zurückkehren wird.«

Wieder gab es keine Antwort. Aber auch durch das Schweigen stimmten die Gäste zu. Sie hatten Angst, das stand fest. Eine höllische Angst, auch wenn man ihnen das nicht ansah.

Die Kälte verschwand nicht. Sie hatte einen Ring gebildet, der sich auch bis zur Tür hinzog. Dort passierte nichts. Es kam niemand, um die Tür zu öffnen, denn es schien, als hätten die anderen Bewohner des Ortes mitbekommen, was hier abging.

Der Wirt bewegte sich wieder. Er hatte ein Glas mit Gin vor sich stehen. Jetzt leerte er es, schluckte, stieß dann auf und stellte das leere Glas wieder zur Seite.

Das war auch der Moment, wo jemand die Tür des Pubs öffnete. Nicht normal, denn sie erhielt einen harten Tritt, wurde aufgestoßen und prallte sogar noch mit der Klinke gegen die Wand. Dort blieb sie dann wie von einer harten Hand gestoppt. Auf keinen Fall schwang sie zurück, sie blieb dort, als sollte noch jemand nachkommen.

Die Männer taten nichts.

Sie hockten da und starrten auf die offene Tür. Dabei merkten sie, dass die Kälte sogar zunahm und sich so etwas wie helle Wolken bildeten.

»Sie ist da«, sagte der Wirt leise. Er hatte den besten Blick zur Tür hin.

»Und?«

»Nichts …«

»Wie nichts?«

»Sie wartet noch. Sieht jedenfalls so aus.«

»Wie sieht sie denn aus?«

»Wie immer.«

»Ist sie auch bewaffnet?«

»Kann ich nicht sehen. Glaube ich aber nicht.«

»Das bringt uns nicht weiter.«

»Vielleicht geht sie wieder«, sagte ein anderer Gast.

Der Wirt winkte nur ab. Er wartete wie die anderen, nur hielt er seine Blicke auf die Tür gerichtet, und dort sah er, wie sich die Gestalt herein schob.

»Sie ist auf dem Weg.« Mehr konnte er nicht sagen, denn seine Stimme erstarb …

***

Und dann war sie da. Ja, sie hatte den Schankraum betreten. Und es war zunächst nichts zu hören. Sie schwebte herein, aber sie war kein Geist, sondern ein Mensch.

Sie gab kein Geräusch von sich. Man hätte sagen können, dass sie ging, doch das traf nicht zu. Es hatte den Anschein, dass ihre Füße den Boden kaum berührten. Wenn sie sich voran bewegte, dann war es eine Sache zwischen Schweben und Schleichen.

Sie brachte keine weitere Kälte mehr mit, obwohl die Männer das Gefühl hatten.

Ihr Ziel war die Mitte des Raumes. Auf den alten Holzbohlen, auf denen sogar noch Nussschalen lagen, war kein Knacken und Knirschen zu hören.

Sie blieb an einem bestimmten Punkt des Schankraums stehen. Sie bewegte Kopf und Augen, als sie sich umschaute.

Dann nickte sie.

Noch immer hatte sie keinen Ton gesagt, was die Männer nicht überraschte. So war es stets, das kannte man schon. Auch jetzt ließ sie sich Zeit, schaute jeden der Menschen an, nickte dann, und plötzlich lag in ihren Augen ein Strahlen.

Es war der Beginn des Ganzen.

Sie warf die Arme in die Höhe, brachte ihre Hände über dem Kopf zusammen, fing an zu tanzen, was die Gäste nicht überraschte, denn das kannten sie.

In den ersten Sekunden machte sie den Eindruck einer Bauchtänzerin. So ähnlich bewegte sie sich auch, wobei sie die Arme in die Höhe gestreckt hielt.

Sie tanzte, sie wiegte dabei den Kopf, löste dann den Griff der Hände auf, und ab jetzt wurden ihre Bewegungen noch schneller und auch tänzerischer. Da sah sie aus, als würde sie einen Walzer tanzen, denn sie holte immer wieder stark aus, um sich danach in eine Drehung zu werfen.

Sie nutzte die gesamte freie Fläche im Lokal aus, und wer sie in ihrem kurzen hellen Kleid sah und dann in ihr Gesicht schaute, das bei jeder Bewegung von den Haaren umtanzt wurde, der konnte nur von einer tollen Darbietung sprechen.

Sie war in ihrem Element. Sie wollte die Verführung und kam dabei den Männern immer näher.

Es war wie immer.

Auf einen von ihnen würde ihre Wahl fallen. Hinter ihm würde sie stehen bleiben, um ihm die Hände auf die Schultern zu legen. Ihm würde nichts anderes übrig bleiben, als das zu tun, was man von ihm verlangte. Er würde mit ihr gehen.

Weg aus dem Lokal. Einfach nach draußen und dann erst mal verschwinden.

Noch tanzte sie. Noch wusste keiner, wen sich die Person ausgesucht hatte. Dass es so werden würde, war klar. Sie hatte sich niemals anders verhalten.

Obwohl die Männer über Flucht nachdachten, machte niemand den Anfang. Es gab auch keine falschen Bewegungen, die irritiert hätten, die Starre war geblieben.

Und dann hörte der Tanz auf.

Mitten aus der Bewegung hervor passierte es. Plötzlich blieb sie stehen. Sie bewegte nur noch ihre Arme, und auch das sah aus, als wäre sie auf der Suche.

Das stimmte irgendwie. Sie war auf der Suche. Wäre es anders gewesen, hätte sie nicht zu kommen brauchen.

Es war noch immer kalt.

Aber man konnte auch jetzt nicht von einer normalen Kälte sprechen. Diese hier stammte aus einer anderen Zone, sie war nicht mit einer winterlichen Kälte zu vergleichen, man hätte sie als eine Leichenkälte bezeichnen können.

Es war eine Frau, aber es war zugleich noch etwas anderes. Man konnte sie als ein weißes oder ein bleiches Gespenst bezeichnen. Die Person aus dem Jenseits, die sich dort nicht mehr wohl gefühlt hatte und nun zeigte, wozu sie fähig war. Für sie gab es keine Grenzen. Sie kam, sie huschte herbei und sie ließ sich auch nicht von irgendwelchen Widerständen aufhalten.

Wen suchte sie sich jetzt aus?

Noch war es nicht klar. Hin und wieder gab es bei ihr kleine huschende Bewegungen. Aber es war nichts zu hören. Es gab keinen Kommentar und auch kein Lachen.

Sie ging.

Der Vergleich mit einem gespenstischen Soldaten war nicht aus der Luft gegriffen, so zackig wurde ihr Gehen.

Und plötzlich blieb sie stehen. Sie hatte es mit keiner Geste zuvor angedeutet. Mitten aus der Bewegung hervor war sie nicht mehr weiter gegangen.

Sie schaute nach vorn.

Das Opfer, das sie sich ausgesucht hatte, stand nicht weit entfernt von ihr.

Es war der Wirt!

***

Vorher hatte sie sich immer um einen der Gäste gekümmert. Jetzt aber war es der Wirt, der hinter seinem Tresen stand, starr wie eine Plakatsäule. Er war nicht in der Lage, etwas zu sagen, geschweige denn, etwas zu unternehmen. Aber er wusste Bescheid, denn in seinen Augen breitete sich der Ausdruck einer tiefen Angst aus. Es war nicht zu übersehen. Es hätte nur noch sein Jammern gefehlt, aber das trat nicht ein.

Der Mann mit den dünnen braunen Haaren und dem runden Gesicht war nicht in der Lage, etwas zu tun. Es musste gehorchen. Er spürte, dass er sich nicht bewegen konnte, und er hatte das Gefühl, dass der Blick ihn allmählich zu Eis werden ließ.

»Komm …«

Jeder hatte das geflüsterte Wort gehört. Es war aus dem Mund der Frau gedrungen.

Aber der Wirt zögerte. Er wusste nicht genau, was auf ihn zukam, dass es aber kein Vergnügen war, das wusste er schon.

Einer der Gäste meldete sich. Der glatzköpfige Kevin fuhr den Wirt an.

»Los, du musst es tun!«

»Was?«

»Mit ihr gehen!«

»Nein. Ich will aber nicht!«

»Dann hast du dein Leben verwirkt und wir das Unsrige ebenfalls.«

»Quatsch …«

»Doch, verdammt. Geh endlich mit.«

»Und dann?«

»Was weiß ich denn? Oder was wissen wir? Und du kehrst bestimmt wieder zurück, das ist doch mit den anderen auch passiert.«

»Aber die waren so gut wie wahnsinnig.«

Kevin lachte. »Na und? Lieber wahnsinnig als tot.«

»Du hast gut reden, du bist nicht dran.«

»Vielleicht kommt es noch dazu.«

»Ja, ich …«

»Geh jetzt!«, schrie Kevin.

Der Wirt zuckte zusammen. Er spürte den Druck im Magen. In seinem Kopf zuckten kleine Blitzeinschläge. Er wünschte sich weit weg, stattdessen hing er hier herum, ohne eine Chance, aus dieser Klemme zu kommen.

Er ging.

Seine Beine bewegten sich wie automatisch. Als hätten sie einen Befehl erhalten, den sie bis zum Ende ihres Lebens durchziehen mussten. Er nahm seinen Weg. Er ging um den Hocker hinter der Theke herum und bewegte sich auf den Durchgang zu. Da musste nur eine Klappe angehoben werden, was der Mann auch tat.

Danach hatte er seinen Bereich endgültig verlassen. Da er nicht wusste, wo er hingehen sollte, blieb er stehen und konzentrierte sich auf das Gespenst.

Es stand da und wartete.

Ein kalter Blick. Ein noch junges Gesicht. Ein helles Kleid mit einem weiten Rock. Beim Tanzen hatte er sich angehoben, und aus der jungen Frau war so etwas wie ein Sterntalermädchen geworden. Nur dass keine Goldtaler gefallen waren.

Sie sagte: »Du kommst jetzt mit.«

Er nickte. »Ja und dann?« Dass er überhaupt eine Frage hatte stellen können, darüber wunderte er sich selbst. Sein Hals war trocken.

»Das wirst du abwarten müssen.«

»Aber wohin bringst du mich?«

»Wo die anderen auch sind. Ich bin gekommen, um dich zu holen. Ich werde dich in unser Dorf bringen. In das Dorf der Verdammten. Da wirst du dann deine zweite neue Heimat finden und man wird dir die Chance geben, hin und wieder zurückzukehren. Du wirst dich zwischen den normalen Menschen und den Verdammten hin und her bewegen können. Das muss doch für dich einmalig sein.«

»Nein, ist es nicht.«

»Ich bestimme das!«

Dieser Satz war knallhart ausgesprochen worden, und der Wirt konnte sich nicht mehr wehren. Er war zusammengezuckt, gab ein leises Stöhnen von sich und hob die Arme. So sah die Bewegung eines Verzweifelten aus.

Seine Gäste taten nichts.

Sie gaben auch keine Kommentare ab. Sie saßen an ihrem Tisch wie Fremdkörper.

Der Wirt musste sie auf dem Weg zur Tür passieren. Er schaute sie an, er wollte sehen, ob sie ihm Hilfe anboten, aber das trat nicht ein. Sie senkten die Blicke und wollten ihm nicht in die Augen sehen. Feige bis zum Letzten waren sie.

Der Wirt ging vor.

Die junge Frau folgte ihm. Zumindest sah sie so aus wie eine Frau. Aber sie war mehr, viel mehr. In ihr steckte eine Kraft, gegen die kein Mensch ankam.

Der Wirt ging zur Tür. Er zog sie auf und trat hinein in den Abend.

Sie gingen die ersten Schritte, wandten sich dann nach rechts und bewegten sich die Straße entlang, dem Ortsende entgegen.

Bald darauf waren sie nicht mehr zu sehen. Aber es hatte auch keinen gegeben, der ihnen nachgeschaut hätte. Die vier Gäste hatten das Lokal nicht verlassen.

»Und jetzt?«, fragte einer aus der Runde mit Zitterstimme.

»Hat die andere Seite sich den Wirt geholt.«

»Das habe ich gesehen. Ich meine, was passiert nun mit uns? Könnt ihr mir das sagen?«

»Wir sind jetzt hier«, sagte Kevin.

»Ha, wie schön. Wie lange noch? Nur bis zur nächsten Nacht? Oder gibt man uns eine Chance?«

»Das kann ich nicht sagen. Frag ihn doch selbst.«

»Wen meinst du mit ihn?«

»Den Wirt, wenn er wieder hier ist.«

Nach dieser Bemerkung schwiegen die Männer. Sie sahen teilweise betreten zu Boden, denn so kamen sie nicht weiter. Ihnen war die Hoffnung geraubt worden. Nie hatten sie das Verschwinden eines Menschen aus ihrem Umkreis so deutlich miterlebt.

Es würde schnell auffallen, dass der Wirt verschwunden war. Wenn er nicht wieder auftauchte, musste man sich mit der Polizei in Verbindung setzen. Das Geschäft stand leer und es war sicher, dass sich das Verschwinden nicht von allein aufklären würde.

Da musste die Polizei alarmiert werden. Das hatten sie auch in anderen Fällen getan. Nichts war dabei herausgekommen. Die Polizisten waren davon ausgegangen, dass die Verschwundenen wieder erscheinen würden. Sie wollten erst wieder kommen, wenn es konkrete Hinweise gab, und damit würden sie nicht dienen können.

»Und jetzt?«, rief der glatzköpfige Kevin, der mit Nachnamen Proud hieß. »Was sollen wir tun? Was schlagt ihr vor?«

»Nichts.«

»Wie nichts?«

»Wir gehen. Wir hauen ab. Wir haben hier nichts mehr zu suchen. Das hier ist nicht unser Platz.«

Es war ein Vorschlag, mit dem sich alle anfreunden konnten, aber sie blieben noch, denn sie hörten, dass vor der Außentür des Pubs ein Auto hielt, aus dem gleich darauf zwei Männer stiegen, deren Stimmen zu hören waren …

***

»Wir könnten noch eine Nacht im Land bleiben. Irgendwo schlafen und wie in alten Zeiten einen draufmachen.«

Der Vorschlag war von Bill Conolly gekommen. Mit meinem Freund zusammen hielt ich mich in Irland auf. Dort hatten wir einen Vampir gejagt und ihn auch erledigt, nun hatten wir Zeit. Jedenfalls sah es so aus, und deshalb hatte Bill auch den Vorschlag gemacht.

Bill schaute mich an. »Na, was hältst du davon?«

»Nicht übel.«

»Meine ich auch. Wir können uns mal wieder so richtig ausquatschen. Keiner, der dazwischen redet, alles in Ruhe angehen lassen. Ist doch nicht schlecht.«

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