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John Sinclair - Folge 1790

Erst Feuer, dann Asche

Jerome Baxter rannte wie nie in seinem Leben. Und das nicht ohne Grund.

Sie waren hinter ihm her. Sie wollten ihn stellen und würden dann über ihn herfallen wie eine Meute Jagdhunde über den Hasen.

Nur waren sie keine Hunde, sondern Menschen. Aber auch das traf nicht zu. Man hätte sie schon als Menschen einer besonderen Art bezeichnen müssen. Auf zwei Beinen jagten sie ihn. Sie wollten ihn stellen und ihn dann leer saugen.

Sie waren scharf auf sein Blut.

Sie waren Vampire!

Die Verfolger hassten ihn, und er hasste sie. Er war so etwas wie ihr Todfeind. Das hatten sie bemerkt und sich zusammengefunden. Sie hatten einen Plan geschmiedet, ihn dann in eine Falle laufen lassen, aus der er zwar entkommen war, sich aber nicht hatte in Sicherheit bringen können. Er war zwar geflohen, doch nun saßen sie ihm wieder im Nacken.

Baxter kannte die Unterschiede zwischen ihm und den Blutsaugern. Er war ein Mensch, und seine Kraft war begrenzt. Er würde irgendwann erschöpft sein und zusammenbrechen. Dann hatte er keine Chance mehr, ihnen zu entwischen.

Und so rannte er weiter. Er hatte das Gefühl, zu dampfen, so sehr schwitzte er. Noch waren seine Schritte lang, das lag am Gelände, das im Moment abwärts führte. Er lief einen langen Hang hinab, der mit Gras bewachsen war. Genau dort, wo der Hang endete, gab es eine Grenze. Sie wurde von einem Bach gebildet. Danach konnte er dann weiterlaufen und den Wald anvisieren, der nicht allzu weit entfernt lag. Dort hätte er sich verstecken können, aber er glaubte nicht daran. Sie würden ihn immer finden. Die mörderischen Blutsauger würden seinen Lebenssaft riechen, auch das war ihm klar.

Er keuchte. Manchmal hustete er auch. Im Mund hatte sich eine Trockenheit ausgebreitet. Seine Beine bewegten sich automatisch, weil es bergab ging. Und er fragte sich, ob es ihm überhaupt möglich war, rechtzeitig zu stoppen.

Er schaffte es nicht. Nicht vor dem Graben. Zu sehen war er nicht, aber Baxter wusste, wo er sich befand. Noch war er überwachsen, erst im letzten Moment würde er in den Lücken das Wasser des Grabens erkennen. Er lief trotzdem – und trat ins Leere!

Aus seinem Mund löste sich ein Schrei, dann folgte ein Fluch, und er spürte wieder etwas Festes unter seinem rechten Fuß, das zugleich auch weich war. Platschen hatte er auch gehört, und dann hatte der Graben sich ihn geholt.

Zumindest hatte er den Eindruck, als er in die Knie sank und zugleich zur Seite kippte. Er schaffte es nicht, das Gleichgewicht zu bewahren, fiel nach rechts, streckte seinen Arm aus und tauchte hinein ins Wasser. Bis zum Ellbogen reichte es ihm, aber das war ihm in diesen Momenten egal. Hier ging es um sein Überleben.

Er raffte sich wieder auf. Die Tiefe des Grabens hatte ihm eine gewisse Deckung gegeben. Seine Verfolger würden ihn im Moment nicht mehr sehen können, aber das galt nicht für immer.

Seine Kleidung war nass. Sie klebte an ihm, was nicht zu ändern war. Er hätte jetzt an der anderen Seite aus dem Graben klettern können, aber das wollte er nicht. Noch nicht. Er fühlte sich schwach und wollte sich zudem einen Überblick verschaffen.

Er richtete sich im Brackwasser auf und brachte sich damit in eine gute Sichtposition. Wenn er seine Verfolger sehen wollte, musste er den Weg zurückschauen, den er gekommen war.

Baxter schob sich noch höher. Er hatte jetzt den Rand erreicht und schaute nach vorn. Die Sicht war frei. Wäre es hell gewesen, hätte er von einer perfekten Sicht sprechen können. Dem war nicht so, denn er war in der Nacht geflohen. Aber am Himmel stand ein fast voller Mond, der sein fahles Licht auf die Erde schickte. So schaffte er ein wenig Helligkeit, die sich wie ein Tuch über die Landschaft gelegt hatte.

Baxter beobachtete den Hang, der ihm auf einmal so weit und lang vorkam. Er war froh, dass sich sein Atem einigermaßen beruhigt hatte, und sogar lächeln konnte er wieder. Allerdings sah es sehr verbissen aus.

Kamen sie?

Im ersten Moment waren sie nicht zu sehen, was er gar nicht glauben konnte. Er wischte mit dem Handrücken über seine Augen und riskierte dann einen zweiten Blick.

Ja, jetzt war es besser. Jetzt sah er sie. Er hatte es gewusst. Sie waren nur recht schwer zu erkennen, weil sie dunkel gekleidet waren. Wäre das Mondlicht nicht gewesen, hätte er sie nicht erkannt, so aber sah er die Schatten den Hang genau auf sich zu hinab huschen.

Jerome Baxter machte sich keine Illusionen. Die andere Seite war stärker. Sie würde ihn immer finden. Er würde es nicht schaffen, ihr zu entkommen.

Über seine Lippen drang ein leiser Fluch. Er spürte das Tuckern in seinem Kopf, die Trockenheit im Mund, das Kratzen in der Kehle und den heftigen Herzschlag.

Dennoch behielt er die Ruhe. Er versuchte, seine Verfolger zu zählen, was nicht einfach war, weil sie sich schnell bewegten und fast mit der Dunkelheit verschmolzen.

Er kam auf die Zahl vier.

Dabei blieb es auch. Vier Blutsauger huschten den Hang hinab und hatten Kurs auf den Graben genommen. Dadurch, dass sie sich mit größeren Abständen zwischen sich bewegten, konnten sie eine ziemlich große Fläche unter Kontrolle halten. Jerome Baxter versuchte, sie besser zu erkennen, was er aber nicht schaffte. Sie huschten zu schnell herbei. Nur manchmal, wenn sie die Köpfe hoben, waren die bleichen Gesichter zu sehen.

Er war sich noch unsicher, was er unternehmen sollte. Erst mal bleiben oder verschwinden?

Er konnte nicht warten und tat dann das, was sein Gefühl ihm sagte. Er wollte seine Flucht fortsetzen. Kaum war ihm dieser Gedanke gekommen, da setzte er sich schon in Bewegung und kletterte an der anderen Seite aus dem Graben. Seine Hände waren nass geworden, seine Kleidung war es ebenfalls und klebte am Körper. Aber das war alles nebensächlich, wichtig war allein der Versuch, sein Leben zu retten.

Er schob sich aus dem Graben. Bis zu diesem Zeitpunkt hatten ihn die Verfolger sicherlich noch nicht gesehen, aber das würde sich ändern, denn er musste laufen und konnte nicht wie ein Wurm kriechen.

Baxter erreichte den Rand, schob sich darüber hinweg, holte noch mal tief Luft, raffte sich auf und lief. Kaum war er in eine sichtbare Position gelangt, da hörte er hinter sich die heiseren Rufe, mit denen sich die Verfolger gegenseitig anspornten.

Das war auch für Baxter so etwas wie ein Ansporn. Er legte alles in seine Flucht hinein. Er sah aber auch den geschwungenen Pfad vor sich, der jetzt leicht bergauf führte und dort endete, wo sich ein dunkler Waldrand abzeichnete.

Mitten im Lauf fing er an zu lachen, denn er hatte erkannt, dass es ihm nicht möglich war, das Ziel zu erreichen. Da würden die anderen immer schneller sein.

Dennoch rannte er weiter.

Was heißt rennen? Es war kein Rennen. Er war mehr ein Kampf. Er hatte Mühe, seine Füße vom Boden zu heben, und so schleifte er bei jedem Schritt durch das Gras.

Er kam weiter.

Die Verfolger ebenfalls.

Sie holten auf.

Das sah er nicht, das hörte er. Die Geräusche in seinem Rücken wurden lauter. Er hörte sie rufen, dann ihr Lachen. Beides wies auf eine gewisse Vorfreude hin.

Er freute sich nicht. Ihn trieb nach wie vor die Angst weiter. Seine Beine waren schwer geworden. Er hatte das Gefühl, als würde seine Lunge brennen.

Er lief.

Nein, das war kein normales Laufen mehr. Das war nur noch ein Schleppen. Er brachte die Beine kaum mehr vom Boden hoch. Er zog bei jedem Schritt eine Spur durch das Gras. Aus seinem Mund drang kein normales Atmen mehr, sondern ein Keuchen. Seine Lunge schien in Flammen zu stehen, und mit jedem Schritt, den er noch schaffte, verließ immer mehr Kraft seinen Körper.

Er konnte sich ausrechnen, wann der Zusammenbruch erfolgte. Und der kam früher, als er erwartet hatte. Seine Lungen spielten nicht mehr mit. Er schaffte es nicht, noch mal tief einzuatmen. Etwas sperrte sich in seiner Brust dagegen, und dann war es vorbei.

Er ging noch einen Schritt, setzte den Fuß auch auf – und brach zusammen.

Jerome Baxter konnte nicht mehr. Er stand zwar noch für einen Augenblick, dann aber fiel er in das hohe Gras, wo er liegen blieb. Den rechten Arm hielt er ausgestreckt, die linke Hand lag auf seiner Brust, und er spürte sein Herz, das viel zu schnell schlug und auch zu pochend. Er hörte die Echos im Kopf.

Der Mann befand sich in einem Zustand, in dem ihm alles egal war. Er lag auf dem Boden, hatte sich zur Seite gedreht, schnappte gierig nach Luft und sah nicht, was nicht weit von ihm entfernt geschah.

Vier Blutsauger kamen.

Sie konnten sich Zeit lassen und glitten heran. Dunkel gekleidete Gestalten mit bleichen Gesichtern auf der Suche nach dem Kick. Nach dem Trinken von Menschenblut.

Sie waren am Ende der Jagd angekommen. Der Reihe nach würden sie sich das Opfer vornehmen und ihm das Blut aussaugen, denn jeder sollte etwas zu trinken bekommen.

Baxter lag noch immer. Er fand auch nicht die Kraft, sich zu erheben. Er musste warten, und er hörte sie kommen. Immer näher schlichen sie an ihn heran. Es gab nichts mehr, was sie noch aufhalten konnte, und dann waren sie da.

Er hörte sie nicht mehr.

Sie standen jetzt still.

Und doch war etwas zu hören. Baxter vernahm seinen eigenen Atem. Es war eine Mischung aus Stöhnen und Keuchen. Eigentlich hatte er die Augen geschlossen lassen wollen, aber er tat es nicht. Er musste sich den Dingen stellen und drehte sich um, bis er auf dem Rücken lag und die Augen öffnete.

Er sah sie nicht. Sein Blick traf den Himmel. Aber sie waren in der Nähe, denn er hörte sie flüstern und auch leise lachen. Sie hatten auch nichts dagegen, dass er sich aufrichtete und in einer sitzenden Haltung blieb.

So konnte er besser sehen.

Er wollte alles auf sich zukommen lassen, aber jetzt erfasste ihn der Schock. Sie hatten ihn umzingelt.

Sie standen an den Seiten, hinter ihm und zu seinen Füßen. Vier verschiedene Blutsauger, die doch irgendwie gleich aussahen, und es war auch nicht zu erkennen, ob es sich nur um Männer handelte. Es war auch möglich, dass sich unter ihnen eine Frau befand.

Sie starrten ihn an.

Er starrte zurück.

Sie sagten kein Wort. Wahrscheinlich genossen sie ihre Vorfreude.

Jerome Baxter aber lachte verzweifelt. Dann sprach er sie an. »He, ihr habt ja, was ihr haben wolltet. Fühlt ihr euch jetzt gut?«

Sie sagten nichts. Schauten nur. Die Gier in ihren Augen war deutlich zu erkennen. Jeder freute sich auf das Blut, das in ihre Kehlen sprudeln sollte.

Er schrie sie an. »Los, tut euch keinen Zwang an! Macht mich fertig! Saugt mich leer …«

Mehr konnte er nicht sagen. Mehr wollte er auch nicht sagen. Ihm war alles egal. Er würde sich auch nicht wehren. Er hatte eingesehen, dass er den vier Vampiren nichts entgegenzusetzen hatte.

Sie griffen noch nicht an. Sie zogen den Kreis nur enger, um dann zugreifen zu können. Sie sprachen miteinander. Der Mann hörte es zwar, aber er verstand nicht, was da gesagt wurde. Nur wusste er, dass es um ihn ging.

Auch ihre Gesichter waren jetzt besser zu erkennen. So war er in der Lage, die Zähne zu sehen, wenn sie den Mund öffneten, und sie kamen ihm vor wie kleine Pfeile. Er sah sich die Gesichter genauer an, weil er herausfinden wollte, wie alt seine Verfolger ungefähr waren. Er musste zugeben, dass sie noch jung waren, aber das wirkliche Alter eines Vampirs konnte man nicht wissen, wenn es einem nicht gesagt wurde.

Er hatte sie gejagt. Er hatte sie auch gefunden. Er hatte einige von ihnen vernichten können, aber dann hatten sie sich zusammengetan und ihren Häscher gejagt. Viele Hunde sind nun mal des Hasen Tod, das galt auch in diesem Fall.

Warum stürzten sie sich nicht auf ihn? Warum hackten sie ihre Zähne nicht in seinen Hals? Er wusste es nicht.

Er beobachtete sie genau.

Dabei fiel ihm etwas auf.

Die vier Blutsauger waren nervös geworden. Zumindest ein wenig, denn sie griffen ihn nicht an, sondern schauten sich um und flüsterten sich gegenseitig etwas zu.

Er wusste nicht, was er davon halten sollte, wagte auch nicht, eine Frage zu stellen.

Auch weiterhin gaben sie sich so befremdlich anders. Anstatt ihn zu packen, schauten sie sich in der Umgebung um, als suchten sie nach etwas.

Jerome Baxter hatte sich erholt. Andere Gedanken schossen jetzt durch seinen Kopf.

Vielleicht war er doch noch nicht verloren. Das konnte durchaus sein. Möglicherweise gab es eine Veränderung, die er noch nicht erkennen konnte, die aber vorhanden war.

Die Vampire sprachen miteinander und zischten sich gegenseitig etwas zu.

Der Zuhörer konnte sich nicht vorstellen, dass die Blutsauger Angst hatten, aber beinahe kam es ihm so vor. Vor irgendetwas fürchteten sie sich. Was es war, das konnte er nicht mal raten.

Er wartete und überlegte dabei, wie er die Lage für sich nutzen konnte.

So ganz ohne war er auch nicht. Schließlich hatte er schon einige dieser Blutsauger zur Hölle geschickt. In bestimmten Kreisen war er sogar bekannt.

Und jetzt?

Sie griffen ihn noch immer nicht an, aber sie zuckten allesamt zusammen, als sie das heulende Geräusch hörten, das über ihren Köpfen aufgeklungen war.

Sie schauten hoch.

Und das tat auch Jerome Baxter, der glaubte, wieder in einem anderen Film zu sein, aber in einem falschen.

Es sah so aus, als würde er Hilfe bekommen. Und zwar aus der Luft, denn von dort hatte ihn das Brausen erreicht. Noch war nichts zu sehen, was sich schnell änderte, denn etwas sauste von oben herab und landete am Boden.

Jerome Baxter traute seinen Augen nicht. Denn was da aus dem Nirgendwo gelandet war, das war nicht nur ein Mensch, es war auch eine Frau …

***

Sie stand plötzlich da und schaute auf das Bild, das sich ihren Augen bot. Vier Blutsauger, die einen Menschen eingekreist hatten und ihm keine Chance zur Flucht ließen.

Die Frau stand etwas abseits, trotzdem war sie genau zu sehen, und Jerome schaute sie sich an. Sie war eine faszinierende Schönheit mit ihren langen roten Haaren, die ein interessantes Gesicht umrahmten.

Bekleidet war sie mit einem Umhang, der ihr bis zu den Fußknöcheln reichte und vorn geschlossen war.

Sie war gekommen und blieb stumm. Kein Wort drang aus ihrem Mund.

Allein ihre Anwesenheit schien die Blutsauger einzuschüchtern, denn sie taten nichts mehr.

Ebenso erging es Jerome Baxter. Auch er tat nichts, er konnte es nicht, er staunte nur, aber in seinem Innern breitete sich der Gedanke aus, dass er möglicherweise gerettet war. Noch gab es den Beweis nicht für ihn, aber es schadete auch nichts, wenn er ...

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