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John Sinclair - Folge 1788

Der Zombie-Sumpf

Wenn jemand ihm erzählen wollte, dass der Sumpf tot war, schüttelte Wolnikow nur den Kopf. Der Sumpf war nicht tot, er lebte, konnte aber auch so schlimm wie der Tod sein, das wusste der Mann.

Deshalb war er vorsichtig, obwohl er den Sumpf kannte, an dessen Rand er in einem alten Holzhaus wohnte. Der Sumpf gab ihm alles. Er garantierte sein Auskommen. Das Geld war für ihn leicht verdient. Wolnikow veranstaltete Führungen durch den Sumpf und das Gelände am Rande. Das brachte Geld genug ein, und er war kein Mensch, der auf Reichtümer aus war …

Der Sumpf war seine Welt. Und obwohl er schon seit Jahren hier lebte, war er Realist genug, um zu wissen, dass er nicht alles an und in ihm kannte. Es gab genügend Geheimnisse, die das Gebiet noch für sich behielt, und wenn es Abend wurde und das Licht des Tages verschwand, dann bot er dem Betrachter eine ganz andere Welt. Da veränderte er dann sein Gesicht, und vor den Augen des Betrachters entstand ein völlig neues Bild.

Es war Sommer.

Es war die Zeit der Mücken.

Myriaden dieser winzigen Tierchen wirbelten durch die Luft. Sie waren eigentlich immer da, besonders schlimm aber war es im Sommer, da waren sie die Herrscher. Ein stehendes Gewässer lockte sie immer an. Hinzu kam die Schwüle, die auch am Abend nicht verschwand.

Wolnikow hatte so seine Methoden, die Mücken von sich abzuhalten. Er zündete trotz der Hitze ein Feuer an. Es brannte in einer alten Tonne, die neben dem Haus stand und auch in seiner Nähe. Im Schein tanzten die Insekten und Flattermänner, und manchmal gerieten sie auch in die Flammen, wo sie mit einem Zischen verbrannten.

Es war wieder Abend geworden. Das Tageslicht hatte den Kampf gegen die Nacht verloren. Der Russe saß vor seinem Haus auf der kleinen Veranda. Er hatte sich sogar einen Schaukelstuhl besorgt, und so sah er aus wie jemand aus dem Wilden Westen. Er hätte zufrieden sein können und war es trotzdem nicht. Etwas störte ihn und das nicht erst seit gestern. Er hatte das Gefühl, nicht mehr allein zu sein. Das bezog sich nicht auf sein Haus, sondern mehr auf die Umgebung. Jemand war da. Jemand lauerte, aber er konnte diesen Jemand nicht fassen.

Es lag am Sumpf!

In dieser so eigenen Welt musste er sich verborgen haben. Und der Russe wusste nicht, wie er es definieren sollte. Sicherheitshalber nahm er seine Kalaschnikow mit, wenn er sich am Abend vor seine Hütte setzte. Da fühlte er sich sicherer. Besucher kündigten sich an. Aber nicht, wenn sie aus dem Sumpf kamen.

Es gab dort auch Tiere. Aber sie waren nicht lebensgefährlich. Die Ratten, die Biber, die Fische, das alles gehörte in den Kreislauf der Natur.

Aber der Sumpf war immer für Überraschungen gut. Das konnte Wolnikow bestätigen. Er glaubte, etwas gehört und letztendlich auch gesehen zu haben.

Es war im Sumpf. Da hatte er eines Nachts die Schreie vernommen und war davon aufgewacht. Schreckliche Laute, die er keinem bekannten Tier hatte zuordnen können. Er hatte nicht in der Nacht nachgeschaut, dafür am Tage, aber er hatte nichts entdecken können. Nicht den geringsten Hinweis auf den Schreier.

Ob es ein Tier oder ein Mensch gewesen war, das wusste er nicht. Ein Mensch konnte es nicht gewesen sein, obwohl die Schreie schon ein wenig menschlich geklungen hatten. Nur konnte er sich nicht vorstellen, dass sich in diesem Sumpfdschungel ein Mensch aufhalten konnte, von ihm selbst mal abgesehen.

Wenn er am Abend vor dem Haus in der Dunkelheit saß, dann gehörte es dazu, dass er seine Pfeife rauchte. Der würzige Geruch des Tabaks sollte ebenfalls die Mücken abhalten. Sie störten ihn nur, wenn sie zu dicht vor seinen Augen tanzten. An ihre Stiche hatte er sich gewöhnt. Er war sogar immun dagegen nach einer so langen Zeitspanne.

Trinken musste er auch. Wodka stand immer bereit, aber auch Bier und Wasser. Auf die harten Getränke hatte er verzichtet, weil er keine so ruhigen Nächte mehr erwartete. Schlafen konnte er auch kaum, aber das war ihm egal. Es gab ja noch den Tag, wo er sich niederlegen konnte.

Die Zeit verstrich. Wolnikow saß weiter auf seinem Schaukelstuhl und schaute nach vorn. Es war finster um ihn herum, und diese Finsternis hatte sich auch auf den Sumpf übertragen. Aber es gab überall auch helle Flecken. Kleine Lichter. Irrlichter, die in der Dunkelheit erschienen, als wollten sie die Menschen in den Sumpf locken.

Abergläubische Gemüter sprachen von den Geistern der im Sumpf umgekommenen Toten, die sich durch das Leuchten bemerkbar machten, aber das war alles Humbug. Das Leuchten ließ sich durch Phosphoreszieren erklären und manchmal auch durch Leuchtkäfer.

Wolnikow war ein Wartender. Das wusste er. Aber er wusste nicht, auf wen er wartete. Er hatte das Gefühl oder eine große Ahnung, dass er auf etwas warten musste, und da war er gespannt, ob es irgendwann eintrat.

Wer den Mann zum ersten Mal sah, der staunte ihn zumeist an. Wolnikow war groß, breit in den Schultern. An seinem rechten Ohrläppchen baumelte ein großer Ring. Er sah wild aus, denn einen Friseur hatte sein Haar seit langer Zeit nicht mehr gesehen. Wenn es ihm zu lang war, schnitt er es selbst kürzer.

Das Gesicht sah aus wie eine wilde Landschaft. Es passte zu ihm, und die tief in den Höhlen liegenden Augen erinnerten an kleine dunkle Teiche.

Sitzen. Warten. Immer in einer gewissen Anspannung sein, obwohl er lieber geschlafen hätte. Das konnte er sich nicht leisten, meinte er. Zumindest nicht vor Mitternacht. Später wurde er dann so müde, dass er fast umkippte. Dann ging er in seine Hütte und legte sich auf sein Lager.

So weit war er noch nicht. Deshalb blieb er hocken und schaute weiterhin in die Dunkelheit hinein, die über dem Sumpf lag. Er lauschte und wartete auf das ihm unbekannte Geräusch. Es sollte endlich zurückkehren.

Es kam nicht.

Jetzt nicht und auch eine halbe Stunde später nicht. Wolnikow griff jetzt öfter zur Flasche. Da das Bier warm geworden war, hatte er sich für ein anderes Getränk entschieden, und das war der Wodka. An manchen Abenden hatte er eine ganze Flasche geleert, das würde er in dieser Nacht nicht tun. Da reichte es ihm, dass die Flasche nur zu einem Drittel gefüllt war.

Wieder ließ er etwas von der farblosen Flüssigkeit in die Kehle gluckern.

Er schmatzte nach, verzog das Gesicht, wischte über seine Lippen und stieß erst mal auf. Dann stellte er die Flasche weg, streckte die Beine aus und wollte den Tabak in seiner Pfeife erneut anzünden, als er mitten in der Bewegung verharrte.

Er hatte etwas gehört.

Ein fremdes Geräusch, das ihm aber trotzdem bekannt vorkam. Und es war irgendwo vor ihm im Sumpf aufgeklungen. Er war nicht in der Lage, es zu identifizieren. Das musste dieses fremde Tier oder fremde Wesen abgegeben haben.

Er setzte sich kerzengerade hin. Ab jetzt war es vorbei mit seiner Gelassenheit. Er konnte sich vorstellen, plötzlich Besuch zu bekommen, und das gefiel ihm gar nicht.

Sein Blick bohrte sich in die Dunkelheit hinein. Es brachte ihn nicht weiter, denn er sah nichts und der Widerschein des Feuers reichte auch nicht weit.

Was tun?

Wolnikow wunderte sich über sich selbst. Er hatte das Fremde schon öfter erlebt, aber es hatte ihn nie so erschreckt wie zu diesem Zeitpunkt.

Etwas war anders geworden, das wusste er, aber er konnte nicht sagen, was es war.

Das ungute Gefühl, das ihn beschlichen hatte, verdichtete sich. Es war nicht die kalte Angst, aber er konnte es auch nicht unterdrücken.

Er griff nach rechts und umfasste sein Gewehr, das er zu sich heranholte. Sein Gesicht war zu einer Maske geworden und eine Hand hatte er zur Faust geballt. Sein Blick ging nach vorn. Er suchte Lücken in der Finsternis über dem Sumpf. Es gab keine. Alles war und blieb dunkel.

Oder nicht?

Plötzlich war da etwas, für das der Mann keine Erklärung hatte. Er sah in der Dunkelheit zwei helle gelbe Punkte. Das hatte er zuvor noch nie gesehen, solange er hier vor seinem Haus saß und über den Sumpf schaute. Es war verrückt, aber dieses gelbe Paar jagte ihm Angst ein.

Es gehörte nicht hierher. Es war ein Fremdkörper, und Fremdkörper sah er als feindlich an.

Kam es näher?

Das war nicht genau zu erkennen. Es war durchaus möglich, aber es konnte auch sein, dass es auf der Stelle stand und nur beobachtete. Wenn das der Fall war, musste der Mann davon ausgehen, dass es sich um ein Wesen handelte, das recht groß war. Zumindest so groß wie ein Mensch.

Oder ein Monster?

Zum ersten Mal kam ihm der Gedanke und er spürte den kalten Schauer auf seinem Rücken. Stoßweise holte er Luft.

Es gab eine Taschenlampe, die in seiner Nähe auf der Außenfensterbank stand. Er musste sich nur drehen und die Hand nach ihr ausstrecken, was er auch sofort tat. Er nahm die Lampe in die freie Hand und schaltete sie ein. So schickte er den gelbweißen Strahl in die Finsternis und zielte dorthin, wo er die beiden gelben Punkte gesehen hatte.

Die gab es jetzt auch noch. Aber es gab noch mehr.

Wolnikow hielt den Atem an. Er hatte etwas gesehen, was es im Sumpf eigentlich nicht geben konnte.

Eine Gestalt. Für einen Moment nur, dann war sie verschwunden. Aber diese kurze Zeitspanne hatte ihm gereicht, um ihn schon mehr als nervös zu machen. Was er da gesehen hatte, das konnte es eigentlich nicht geben. Das war eine Gestalt, ein großes Tier. Oder ein Mensch?

Wolnikow wusste es nicht. Er war völlig durcheinander. Dabei bewegte er hektisch seine Hand und ließ den Strahl von einer Seite zur anderen wandern.

Er erwischte nichts mehr. Das Tier oder was immer es auch war, hatte sich zurückgezogen und war wieder verschwunden.

Der Mann hörte sich selbst lachen. So recht daran glauben konnte er nicht. Er hatte etwas gesehen und er wusste auch, dass er keiner Täuschung erlegen war. In diesem Sumpf lauerte und lebte etwas, und das war ein Wesen, das er nicht fassen konnte.

Es war weg.

Der Russe traute dem Braten nicht. Er legte die Lampe auf den Rand der Brüstung vor sich, ließ sie brennen und griff nach seinem Gewehr.

Jetzt fühlte er sich besser und auch sicherer. Er wusste, dass er ein guter Schütze war, und sollte er angegriffen werden, würde er eiskalt reagieren.

Ihn ärgerte nur die Dunkelheit. Das Lampenlicht brachte auch nicht viel. Es gab genügend Finsternis um das Haus herum, die der Angreifer ausnutzen konnte.

Angreifer!

Ja, so dachte Wolnikow. Er wusste nicht, woher dieser Typ kam. Okay, aus dem Sumpf, aber da hatte Wolnikow auch seine Zweifel. So etwas lebte nicht im Sumpf. Ungeheuer gab es eigentlich nur im Kino und nicht in der Wirklichkeit.

Jetzt bekam er Zweifel.

Er hatte das Untier gesehen. Und seine Augen hatten ihm keinen Streich gespielt, das stand auch fest. Er glaubte auch nicht daran, dass er den Ankömmling vertrieben hatte, der würde zurückkehren, das stand für ihn fest.

Darauf wollte Wolnikow vorbereitet sein. Deshalb hielt er das Gewehr auch fest.

Kam er? Kam er nicht?

Wolnikow lauschte in die Dunkelheit hinein. Das Tier war groß gewesen, wahrscheinlich größer als ein Mensch, und so ging er davon aus, dass es sich bestimmt nicht lautlos bewegen konnte. Er würde es hören, wenn es angriff.

Nein, er hörte nichts.

Es blieb bei den üblichen Geräuschen der Nacht. Es gab keinen Grund, jetzt schon aufzuatmen. Das Tier, der Mensch oder das Monster würde kommen.

Von der rechten Seite her hörte er ein Geräusch. Es war ein Schnauben oder Keuchen, so genau konnte der Mann es nicht einordnen. Aber es passte nicht hierher, und als er sich umdrehte, da sah er das Wesen an der Veranda.

Seine Augen weiteten sich. Er hatte sich vorgenommen, zu schießen, doch das schaffte er nicht mehr, denn der Angreifer warf sich vor und auf ihn zu …

***

Auf diese Szene hätte er gern verzichtet. Es war nicht mehr möglich gewesen, er musste die Attacke hinnehmen, und sah, wie das Dach seiner kleinen Veranda kippte, weil der Angreifer mit einem einzigen Schlag einen Pfosten geknickt hatte.

Wolnikow hörte das Knirschen. Als er in die Höhe schaute, sah er, wie sich das Dach langsam nach vorn bewegte.

Es würde fallen und ihn unter sich begraben. Er sprang weg von seiner Hütte und dorthin, wo er mehr Bewegungsfreiheit hatte.

Das Gewehr hielt er fest. Die Lampe leuchtete noch immer, aber sie schwankte jetzt und zitterte, dann brach das Dach zusammen und begrub die Lampe unter sich.

Es wurde wieder finster!

Wolnikow stand schwer atmend und mit angeschlagenem Gewehr einige Schritte vor seiner zusammengestürzten Hütte. Er wartete auf den Angreifer. Er wollte schießen, aber er sah den Feind nicht.

Aus seinem Mund drangen leise Verwünschungen. Der Schweiß lief ihm wie Bachwasser über das Gesicht. Er atmete schwer. Er spürte seinen Magen, der sich aufs Doppelte vergrößert zu haben schien, und er fluchte auch wegen seines Zitterns.

Zeit verstrich. Wolnikow wusste nicht, wie lange er da stand, dafür war ihm jedes Gefühl verloren gegangen. Da wurden aus Sekunden schon Minuten.

Kam er? War er verschwunden? Einfach geflüchtet, weil er genug getan hatte?

Fragen, auf die Wolnikow keine Antworten wusste. Für ihn war es grauenvoll, und er konnte eigentlich nur fluchen. Woher kam das Wesen? Oder hatte es ihm jemand geschickt?

Es war still geworden. Das Dach der Veranda lag auf der Erde und war halb zerstört. Ins Haus konnte er, aber er wusste, dass er dort auch nicht sicher war.

Und dann sah er das gelbe Augenpaar.

Es war wieder da, und zwar genau vor ihm!

Wolnikow reagierte. Er riss sein Gewehr hoch.

Möglicherweise hatte er eine halbe Sekunde zu lange gewartet. Das Augenpaar tauchte blitzschnell wieder weg.

Er schoss trotzdem!

Die Waffe schien zu explodieren, so laut hörte sich der Schuss in der Stille an. Wolnikow fügte selbst noch einen Schrei hinzu. Er musste ihn einfach loswerden, aber er glaubte nicht daran, dass er die Gestalt getroffen hatte.

Das Echo war verschwunden. Die Stille hatte ihn wieder erreicht, es war nichts mehr zu hören.

»Scheiße, Scheiße, Scheiße …« Er musste den Fluch einfach loswerden. Er konnte ihn nicht unterdrücken. Er schlug mit einer Hand nach irgendeinem Gegner, der nicht vorhanden war, und er drehte sich wieder um, das Gewehr im Anschlag.

Sehen konnte er nicht viel. Seine Taschenlampe lag unter dem zusammengebrochenen Dach, das Feuer brachte auch kaum Helligkeit und so ging er wieder zur Seite, um sich eine andere Position zu suchen.

Dass er in den folgenden Stunden keinen Schlaf finden würde, stand für ihn fest. Er hoffte auch darauf, dass er den Rest der Nacht überlebte. Vielleicht musste er sich ein Versteck suchen, aber nicht in seiner Hütte.

Er überlegte hin und her, drehte sich dabei um und blieb plötzlich stehen. Da war ein Geräusch in seiner Nähe gewesen. Er hatte es gehört, er wusste nur nicht, wie er es einordnen sollte.

Dann vernahm er es hinter sich. Sehr nahe sogar.

Er drehte sich um.

Und in der Bewegung erwischte ihn der Schlag. Es war ein harter und brutaler Hieb, der ihn durchschüttelte, als er getroffen wurde. Er bekam keine Luft mehr, die Beine gaben ihm nach, und dann war es vorbei mit der Herrlichkeit.

Dass er zu Boden sackte, bekam er kaum noch mit. Und er sah auch nicht, wer sich da über ihn beugte …

***

Das Gefühl für Zeit war Wolnikow verloren gegangen. Er war wieder erwacht, aber er lag nicht mehr draußen, sondern in seiner Hütte auf dem Lager, das nicht eben das bequemste war.

Der Schlag hatte ihn nicht richtig bewusstlos werden lassen. Er war in einen Dämmerzustand übergegangen, aus dem er allmählich wieder erwachte. Er öffnete die Augen. Er wollte sehen, doch er konnte es nicht.

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