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John Sinclair - Folge 1787

Maras Blutlust

Die Bewegungen des Mannes waren für Mara gut zu erkennen. Jetzt war sie froh, dass sie das Nachtsichtgerät mitgenommen hatte, so sah sie alles sehr deutlich.

Sie nickte. Dann lächelte sie. Zwei spitze Zähne wurden sichtbar. Ja, sie war eine Blutsaugerin, und der Mann, den sie beobachtete, hieß John Sinclair …

»Ich fahr dann jetzt wieder«, sagte Glenda Perkins zu mir und hatte Mühe, ein Gähnen zu unterdrücken. Dafür hauchte sie mir einen Kuss auf die Wange.

»Danke, John.«

»Wofür?«

»Für alles in den letzten Stunden. Dafür, dass wir es geschafft haben.« Sie lächelte. »Ich bin ja froh, dass mir meine Freundin den Smart überlassen hat.«

»Okay, wenn du willst. Ich bleibe noch hier.«

»Wird es lange dauern?«

»Keine Ahnung.«

»Und was ist mit Kitty Lavall?«

»Ich werde noch mal nach ihr schauen.«

»Tu das.« Glenda lächelte mich an, dann umarmte sie mich kurz. Sie war froh, lebend aus dieser Katzenhölle herausgekommen zu sein. Das Sagen hatten hier der Ägypter Ansur und seine Verbündete Kitty Lavall gehabt. Ansur war tot, erschossen aus Versehen von seiner Gehilfin, die allerdings noch lebte. Um sie wollte ich mich kümmern. Ich wollte auch erfahren, warum sie sich so verhalten hatten und den Katzen mehr als zugetan waren.1)

Nicht hier wollte ich das Verhör führen, sondern später in London, wo ich erfahren wollte, um was es den beiden Menschen eigentlich gegangen war. Bisher wusste ich nur, dass es sich um Katzen und um die altägyptische Katzenmagie gehandelt hatte. Einzelheiten waren mir nicht bekannt. Allerdings waren die beiden sehr konsequent und auch brutal ihren Weg gegangen, denn erst zwei Leichen hatte mich auf ihre Spur gebracht.

Glenda Perkins ging zu ihrem Wagen. Sie winkte noch mal kurz, dann sah sie aus, als würde sie durch einen Bühnenausschnitt gehen, um sich aus dem Stück zu entfernen. Der Ort hier war durchaus mit einer Bühne zu vergleichen. Es gab die Scheinwerfer, auch noch die zuckenden Blaulichter auf den Dächern der Fahrzeuge.

Experten waren da und untersuchten den Ort, an dem sich alles abgespielt hatte.

Ich hatte meine Aussage längst gemacht und wäre am liebsten nach London zurückgefahren, doch ich wollte noch ein paar Sätze mit Kitty Lavall reden. Sie saß in einem der Polizeifahrzeuge und trug Handschellen.

Neben dem Auto stand ein baumlanger Kollege und hielt Wache. Als er mich sah, schüttelte er den Kopf und erklärte, dass alles in Ordnung wäre.

»Das hatte ich mir auch so vorgestellt.«

»Sie hat auch nicht getobt.«

»Gut.« Ich lächelte knapp. »Dennoch möchte ich einige Worte mit ihr wechseln.«

»Tun Sie das, Sir.«

Ich kletterte in den Wagen und setzte mich gegenüber der Frau hin, die mich mit ihrem düsteren Blick anstarrte, nichts sagte und die Lippen zusammengepresst hielt.

»Sie wissen, dass Ansur nicht mehr lebt, Kitty. Sie haben ihn getötet und …«

»Es war ein Versehen«, fauchte sie mich an.

»Das mag sein, ändert aber nichts an der Tatsache, dass es nun mal so gelaufen ist.

»Was willst du?«

»Ihnen sagen, dass es zur Anklage kommen wird. Außerdem suchen wir noch nach dem Täter, der zwei Morde zu ver …«

»He, halt dein Maul. Das bin ich nicht gewesen. Das waren die Katzen, verstehst du?«

»Tatsächlich?«

»Ja. Du hast doch die Spuren gesehen.«

Ich nickte und sagte dann: »Ich kann mir nur schwer vorstellen, dass Katzen so mordlüstern sind. Aber da habe ich mich wohl geirrt.«

Kitty Lavall strahlte. »Sie können mordlüstern sein.«

»Und dafür habt ihr gesorgt?«

»Kann sein.«

»Durch die alte Magie?«

»Vielleicht.«

»Gut.« Diesmal zog ich die Lippen in die Breite. »Das werden wir alles noch herausfinden.«

»Wieso?«

»Das hier ist kein Verhör. Aber ich verspreche Ihnen, dass wir uns noch mal treffen, und dann sollten doch einige Wahrheiten auf den Tisch kommen.«

»Glaubst du?«

»Ich hoffe es für Sie.«

Sie lachte nur und drehte den Kopf zur Seite, um mir zu zeigen, dass sie genug von mir hatte. Das war mir egal. Ich würde noch mal mit ihr reden, das war ich mir schuldig.

»Noch was, Sinclair?«

»Nein, Kitty Lavall. Im Moment ist das alles. Denken Sie darüber nach, was Sie mir bei unserer nächsten Begegnung sagen wollen.«

»Ach, hau ab, Bulle.«

»Wir sehen uns …«

Es waren meine Abschiedsworte. Ich kletterte aus dem Fahrzeug und blieb daneben stehen. Der Wachtposten nickte mir zu, und ich ließ meine Blicke über die beiden Häuser hier gleiten, die recht einsam in der Gegend standen.

Man hätte sie als Bauernhof einstufen können. Das waren sie vielleicht früher gewesen. In der heutigen Zeit hatten sie Kitty Lavall und Ansur als Versteck und Ort zum Experimentieren gedient.

Das war jetzt vorbei. Die Katzen würden sich in alle Richtungen verteilen.

Mich sollte hier auch nichts mehr halten. Zuvor wollte ich mich noch verabschieden. Ich ging auf den Chef der Einsatztruppe zu und erklärte ihm, dass es für mich Zeit wurde, wieder nach London zu fahren.

»Gut, tun Sie das.«

»Ich werde dann dafür sorgen, dass die Frau abgeholt und in unseren Gewahrsam gebracht wird.«

»Das geht in Ordnung.«

Wir reichten uns zum Abschied die Hände. Der Kollege war froh, dass er mit den beiden Morden nichts mehr zu tun hatte. Sie waren jetzt aufgeklärt, und ich wollte zusehen, dass ich mich vor dem Hellwerden noch ins Bett legte, um einige Stunden Schlaf zu bekommen.

Glenda Perkins war mir aus Sorge gefolgt und hatte mich damit völlig überrascht. Ich war froh, sie noch am Leben zu wissen. Beinahe wäre es schiefgegangen.

Ich hatte meinen Rover etwas abseits geparkt. Er stand in der Dunkelheit. Ich stieg ein, gähnte zweimal tief durch und ließ dann die frischere Nachtluft in den Wagen, bevor ich startete.

Meine Gedanken drehten sich um den letzten Fall, der so exotisch gewesen war und doch nicht richtig hatte aufgeklärt werden können.

London lag nicht weit entfernt. Aber das war in dieser Gegend nicht zu spüren. Sie lag unter einer dunklen Glocke. Die Nacht war tief und schwarz, denn am Himmel hatten sich lange Wolkenbänke gebildet, die das Licht der Sterne schluckten.

Ich würde den kürzesten Weg nehmen, aber bis zur Autobahn musste ich noch über Land fahren. Kleine Orte konnte ich dabei meiden, und so fuhr ich durch die Landschaft und hatte manchmal den Eindruck, der einzige Autofahrer auf der Welt zu sein.

Ich hoffte, dass sich Glenda Perkins schon in London befand und hingelegt hatte. Auch für sie war die Nacht schlimm gewesen, sehr schlimm sogar. Am liebsten hätte ich sie ja mitgenommen, aber das war nicht mehr möglich. Wir würden uns bald wieder treffen.

Ich fuhr in Richtung Watford und wollte über Wembley die Innenstadt erreichen. Noch lenkte ich meinen Rover durch die Einsamkeit. Mündigkeit kam nicht auf, dafür war ich zu aufgeregt. Meine Gedanken beschäftigten sich mit dem zurückliegenden Fall. Die Katzen wollten mir einfach nicht aus dem Kopf.

Die Gegend hätte man mit dem Wort Einsamkeit umschreiben können. Hin und wieder sah ich ein paar Häuser. Da konnte man nur von einer Ansiedlung sprechen, aber nicht von einem Dorf. Auch fuhr ich für eine Weile neben einem Schienenstrang entlang, wurde von zwei verrückten Motorradfahrern überholt und tauchte danach wieder ein in die Welt einer Sommernacht.

Auf das Einschalten der Klimaanlage hatte ich verzichtet. Ich genoss die kühler gewordene Luft, die durch einen Fensterspalt in den Wagen strömte. Wenn die Fahrt so locker weiterging, dann konnte ich mich noch ein wenig aufs Ohr hauen.

Es kam anders, und wieder einmal wurde mir klar, dass ich zwar ein normaler Mensch war, es aber mit einer besonderen Normalität zu tun hatte. Dabei fing alles ganz harmlos an.

Ich fuhr, ich folgte dem Licht der Scheinwerfer, schaltete auch mal das Fernlicht ein, und als ich das wieder tat, da zuckte ich zusammen.

Da war jemand. Am linken Straßenrand sah ich die Bewegung. Ich war nur Sekunden abgelenkt, hatte aber erkannt, dass es sich um einen Menschen handelte, der sich um diese Zeit in der Einsamkeit herumtrieb. Ich fuhr langsamer und nahm mir vor, ungefähr dort anzuhalten, wo der Mensch aufgetaucht war.

Jetzt kroch ich praktisch über den Asphalt. Die Straße führte wie ein breiter Schnitt durch Felder, die bereits abgeerntet waren, und jetzt sah ich die Person erneut, die den linken Straßenrand verließ und zwei Schritte weit auf die Straße trat. Wäre ich weitergefahren, ich hätte sie erwischt, aber ich war langsam genug, um abbremsen zu können und sie nicht zu berühren, als mein Rover stand.

Es war eine Frau. Eine noch junge Frau. Das hatte ich im Licht der Scheinwerfer schon gesehen. Jetzt sah ich sie zum ersten Mal von Nahem.

Sie war dunkelhaarig, trug eine schwarze Hose und ein schwarzes Oberteil mit einem breiten halbrunden Ausschnitt. Sie hatte sich leicht nach vorn gebeugt und stützte beide Hände auf der Kühlerhaube ab. Den Kopf hielt sie etwas gesenkt, sodass ich ihr Gesicht nicht sah.

Eine Anhalterin.

Und das um diese Zeit.

Es war gefährlich, und trotzdem hatte sie sich dazu überwunden.

Warum?

Locker war ich nicht. Es wäre naiv gewesen, so einen nächtlichen Anhalter zu unterschätzen. Da steckte schon mehr dahinter. Möglicherweise war ich bewusst angehalten worden.

Alles war möglich.

Sie drückte sich von der Motorhaube ab und hob auch den Kopf an. Dabei sah ich ihr Gesicht, das recht hübsch war. Rund und weiblich, mit großen Augen und einem wohlgeformten Mund.

Sie stieß sich von meinem Wagen ab und drehte sich um. Ich rechnete damit, dass sie bis zu meiner Fahrertür kommen würde, was nicht passierte. Sie verließ die Fahrbahn wieder und tauchte ab in das Unterholz am Rand der Straße, denn die Felder gab es nicht mehr.

Erst jetzt verließ ich den Rover. Ich dachte nicht daran, weiterzufahren. Dass diese Person mich angehalten hatte, das war kein Zufall. Sie hatte etwas vor. Sie wollte was von mir, und sie wusste offenbar genau, wer ich war.

Neben dem Auto blieb ich stehen. Die Anhalterin war nicht mehr zu sehen. Auch nicht zu hören. Ich wusste jedoch, in welche Richtung sie gelaufen war, blickte mich um und sah ein, dass es keinen Sinn hatte, die Verfolgung aufzunehmen. Es war zu dunkel. Und wenn sie sich auskannte, hatte sie bestimmt schon einen recht großen Vorsprung herausgeholt. Ich versuchte es trotzdem und holte meine Leuchte hervor. Den auf breit gestellten Strahl schickte ich in das Unterholz hinein, schwenkte den Strahl dabei und hoffte, die Frau noch zu erwischen.

Das passierte nicht. Der Strahl erfasste nur Büsche, Pflanzen, hohes Gras, aber keine flüchtende Gestalt.

Die hatte schon längst ein Versteck gefunden. Wenn das so war, warum hatte sie mich dann als Anhalterin aufgeschreckt? Das begriff ich nicht. Es musste einen Grund geben, und über den dachte ich in den nächsten Minuten nach. Dabei setzte ich mich nicht in den Rover. Ich blieb neben ihm stehen und wartete darauf, dass sich etwas tat.

Da geschah nichts.

Die Anhalterin meldete sich nicht. Sie blieb verschwunden und ich konnte mich wieder in meinen Wagen setzen und losfahren. Das tat ich nicht. Ich wartete. Ich glaubte noch immer daran, dass sich die andere Seite melden würde, was auch irgendwie normal gewesen wäre.

Sie tat es nicht.

Ich war es letztendlich leid und setzte mich wieder in den Rover. Allmählich glaubte ich daran, dass man mir hatte einen Streich spielen wollen, über den ich nicht lachen konnte.

Ich wartete noch zwei Minuten. Als bis dahin nichts passierte, startete ich den Motor. Alles sollte wieder normal ablaufen, was es aber nicht tat. Die Scheinwerfer erleuchteten bereits die Straße, als von der linken Seite etwas angeflogen kam, auf die Straße tickte und ein Stück weiterrollte, bevor es liegen blieb.

Jetzt verschob ich den Start. Ich ließ nur das Licht brennen, den Motor stellte ich ab. Mein Blick glitt nach vorn, um den Gegenstand zu betrachten, der auf der Straße lag. Es sah aus wie eine Botschaft für mich, es konnte ein Stein sein, um den etwas gewickelt war.

Ich stieg erneut aus. Zuvor löschte ich das Licht der Scheinwerfer, denn ich wollte nicht zu einer Zielscheibe werden. Es gab da immer einige Regeln, die man beachten musste.

Den Platz, an dem die Botschaft lag, den fand ich auch im Dunkeln. Außerdem war das Papier hell, ich lief rasch hin, wurde nicht beschossen und vernahm auch keine verräterischen Geräusche. Dann hob ich den Stein auf und setzte mich wieder in meinen Wagen. Dort wickelte ich das Papier ab und sah, dass es auf der Innenseite beschriftet war. Allerdings war es zu finster, um das lesen zu können, was jemand auf das Papier geschrieben hatte.

Ich schaltete die Innenbeleuchtung auf meiner Seite ein, um die Botschaft zu lesen.

Halblaut las ich vor. »Ich werde mich wieder melden. Es geht um Justine Cavallo. Ich weiß mehr …«

Das war alles. Ich schaltete das Licht wieder aus und war jetzt in der Lage, die Umgebung besser zu sehen, da mich nichts mehr blendete. Aber es schlich niemand in Sichtweite um meinen Wagen herum, auch keine Frau mit schwarzen Haaren.

Die Sache wurde mir zwar nicht unheimlich, aber unangenehm. Ich fühlte mich leicht an der Nase herumgeführt. Jetzt lag es an mir, zu reagieren, was ich auch tat.

Ich stieg aus. Nach dieser Botschaft wollte ich einen letzten Versuch unternehmen, um einen Kontakt mit der anderen Seite zu bekommen.

Der Name Justine Cavallo hatte mich aufgeschreckt. Sie war eine äußerst gefährliche Blutsaugerin. Sie war gnadenlos, und so ging sie auch ihren Weg. Aber sie hatte mal das Pech gehabt, in ihrer Gier das falsche Blut zu trinken, und das hatte dafür gesorgt, dass sie sehr schwach geworden war. Nun aber hatte sie ihre alten Kräfte zurückbekommen. Ob es alle waren, wusste ich nicht, aber die Cavallo war wieder zu einer Gefahr geworden, wobei sie auch Matthias, Luzifers Vertreter hier auf Erden, auf ihre Seite gezogen hatte. Es konnte auch umgekehrt gewesen sein, was mir letztendlich egal war.

Und jetzt?

Sie war verschwunden. Es gab die Nachricht, die ich ihr auch abnahm. Aber wer kam so nahe an sie heran? Wem tat die Cavallo den Gefallen? Ich hatte keine Ahnung. Ich wusste auch nicht, wer diese seltsame Anhalterin war. Konnte man sie als einen normalen Menschen bezeichnen oder war sie mehr? Dann aber im negativen Sinne, dass man sie als Vampir einstufen musste.

Da konnte ich mir den Kopf noch so sehr zerbrechen, ich würde keine Lösung finden, ohne dass ich mit ihr gesprochen hatte. Sie wollte sich wieder melden, das hatte sie in ihrer Botschaft geschrieben. Komischerweise glaubte ich ihr. Ich fragte mich nur, wie sie sich melden würde. Ob persönlich oder per Telefon. Vielleicht auch mit einer Mail. Es war ja heutzutage alles möglich, auch bei Vampiren.

Sie zeigte sich nicht mehr und ich entschloss mich, die Fahrt fortzusetzen. Wenn sie etwas von mir wollte, dann sollte sie es auch tun. Wie sie das anstellte, überließ ich ihr.

Ich startete den Motor, dann fuhr ich langsam an und verließ mich auf mein Fernlicht. Es warf ein helles Tuch über die Straße, touchierte die Ränder, aber zerstörte nicht die Dunkelheit zu beiden Seiten der Straße.

Schnell fuhr ich nicht. Ich rechnete noch immer damit, dass die Person wie ein Blitz aus heiterem Himmel erschien und mich am Weiterfahren hinderte.

Den Gedanken hatte ich kaum richtig erfasst, da passierte es erneut. Diesmal gab es eine Variation. Vor mir tauchte das Licht weiterhin in die Dunkelheit ein, aber es gab auch ein Licht hinter mir, und das sah ich mit einem Blick in den Rückspiegel.

Jemand fuhr dort.

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