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John Sinclair - Folge 1786

Katzenhölle

Der unbekannte Gegenstand landete mit einem dumpfen Geräusch auf der Motorhaube eines Rover, in dem ich hinter dem Lenkrad saß.

Ich zuckte zusammen und bremste. Es war eine schnelle Reaktion, aus dem Reflex geboren, und ich war froh, dass der Wagen stand, denn jetzt fand ich die nötige Zeit, mir anzusehen, was da auf meine Motorhaube gefallen war.

Ich schaute hin und staunte. Das war fast unmöglich, deshalb konzentrierte ich mich noch mal auf den Gegenstand und musste einsehen, dass ich mich nicht geirrt hatte.

Auf der Motorhaube saß ein Tier – eine Katze!

War sie tot? War sie vielleicht aus einer großen Höhe gefallen, und hatte nur zufällig die Motorhaube getroffen?

So ganz glaubte ich daran nicht – und hatte recht. Wie hieß es noch so schön? Eine Katze hat sieben Leben, und genau das traf in diesem Fall zu.

Sie war nicht tot, sie lebte. Allerdings bewegte sie sich nicht. Sie hockte vor der Scheibe und starrte mich an. Ich schaute direkt in ihre Augen, die in einem kalten Grün schimmerten. Das Maul war geschlossen, doch jetzt öffnete sie es und gähnte. Dabei zeigte sie mir ihr Gebiss und wollte wohl andeuten, dass ich für sie langweilig war.

Aber woher war sie gekommen?

Diese Frage stellte ich mir. Es gab auch eine Antwort, die mich allerdings nicht befriedigen konnte. Sie war auf meine Motorhaube gefallen, sie war von oben her gekommen, aber bestimmt nicht aus dem Himmel. Ich dachte daher an einen Baum oder an ein Dach.

Es tat sich nichts. Das Tier hatte sein Maul wieder geschlossen und schien sich kurz danach wohl zu fühlen, denn es fing an, sich zu putzen. Die Zunge erschien im Mundspalt und bewegte sich dann in alle möglichen Richtungen.

Was sollte ich machen?

Ich wusste es nicht. Einfach im Wagen sitzen bleiben und warten, bis es der Katze gefiel, die Motorhaube zu verlassen? Oder sollte ich weiterfahren, dann würde sie schon verschwinden. Ich konnte auch aussteigen und mir die Umgebung genauer anschauen, das wäre auch eine Möglichkeit gewesen.

Dass es zu diesem Stopp kommen würde, damit hatte ich nicht gerechnet. Ich befand mich auf der Fahrt nach Hause. Ich war einer Einladung gefolgt und hatte mit anderen Leuten gemeinsam den Geburtstag eines ehemaligen Kollegen gefeiert. Er war siebzig Jahre alt geworden und hatte noch mal die Kollegen eingeladen, mit denen er zu tun gehabt hatte. Auch ich zählte dazu und war in den kleinen Ort nördlich von London gefahren, um mit ihm zu feiern.

An diesem Sonntag war das schon am späten Vormittag losgegangen und hatte sich bis in den Abend hingezogen. Wer zu viel getrunken hatte, der konnte auch in einem Gasthaus übernachten, aber zu denen gehörte ich nicht. Zwei Gläser Sekt zur Begrüßung, zwei Weinschorlen, ansonsten nur Wasser. Ich war also so weit fit, um am nächsten Tag meinen Dienst im Büro antreten zu können.

Und nun starrte ich auf die Katze auf meiner Motorhaube!

War es ein Zufall oder nicht? Oder sollte ich es als eine Lockung bezeichnen? In meinem Job musste man mit allem rechnen. Die andere Seite schlief nicht, sie war immer darauf erpicht, mir Probleme zu bereiten, auf die ich allerdings gut verzichten konnte.

War die Katze ein Problem?

Zumindest ein recht kleines. Sie würde verschwinden, wenn ich es wollte. Durch ein Geräusch, das sie erschreckte, aber ich konnte auch aussteigen und die Sache selbst in die Hände nehmen.

Das tat ich.

Die rechte Wagentür schwang auf, ich schob mich ins Freie und sah, dass mich das Tier nicht aus den Augen ließ.

Ich schlug die Tür wieder zu.

Es gab dabei nur ein leises Geräusch. Das reichte aus, um die Katze zu erschrecken, denn mit einem Satz sprang sie von der Kühlerhaube, landete auf dem Boden und lief schnell weg.

Ich war neugierig geworden und verfolgte ihren Lauf. Sie blieb auf der Straße, die durch eine recht einsame Gegend führte. Der Himmel war fast dunkel geworden. In der Ferne – im Süden – sah ich die schwache Lichtglocke der Millionenstadt London, die im Olympia-Fieber steckte, ansonsten gab es in der Gegend nicht viel, was bewohnt werden konnte.

Ein paar Höfe, mal eine Ansiedlung, das war alles. Neubaugebiete gab es hier nicht.

Warum ich mich in Bewegung setzte, wusste ich auch nicht so recht.

Die Katze lief vor, und ich nahm die Verfolgung auf. Ich schlenderte ihr nach. Komischerweise schien sie das zu bemerken. Sie drehte öfter den Kopf, um zu schauen, ob ich ihr noch folgte, dann stolzierte sie weiter.

Gab es ein Ziel?

Ja, das war der Fall. Wenn ich nach rechts blickte und dabei über ein Feld hinweg, dann sah ich am Ende des Feldes Lichter. Wenig später schälten sich die Umrisse zweier Gebäude hervor, und ich sah auch Bäume, die vor den Häusern wuchsen.

Das konnte ein Hof sein und auch die Heimat der Katze, die noch immer weiterlief. Ob sie dorthin wollte, wo das Licht brannte, wusste ich nicht, aber ich sah, dass sich etwas veränderte oder schon verändert hatte.

Auf dem dunklen Boden huschte etwas hin und her. Es sah aus wie Schatten, die sich bisher versteckt gehalten hatten und nun plötzlich zeigten.

Ich blieb stehen, weil ich ein wenig irritiert war. Mit den Schatten hatte ich so meine Probleme, aber Sekunden später konnte ich vergessen, dass es sich um Schatten handelte, denn die hinterließen keine Geräusche. Was ich hier sah, das war auch zu hören. Ein leises Kratzen, ein Schnaufen, zu dem sich ein fast klägliches Miauen hinzugesellte, jedenfalls war ich der Meinung.

Keine Schatten, sondern Katzen!

Über meine Lippen huschte ein Lächeln. Vor Schatten musste ich mich nicht fürchten und vor Katzen schon gar nicht. Im Regelfall zumindest.

Sie kamen.

Und es wurden immer mehr. Sie hatten ihre Löcher oder Verstecke verlassen, tobten sich aus und kamen mir auch immer näher.

Sekunden später hatten sie mich erreicht, und ich wusste nicht, ob ich mich darüber freuen sollte. Da waren mindestens ein halbes Dutzend Tiere, die um meine Beine strichen und sich ab und zu dagegen pressten. Ich hörte sie miauen, auch schnurren, und wenn ich nach unten schaute, dann blickte ich in Augenpaare, die immer verschieden aussahen, aber nie einen warmen Ausdruck hatten, wohl einen interessierten.

Was wollten die Katzen von mir?

Das war die große Frage, die ich mir stellte. Wollten sie mich begrüßen und mich auffordern, mitzugehen, oder hatten sie etwas anderes mit mir vor?

Ich wusste es nicht. Sie gaben mir auch keine Antwort, aber dafür hörte ich etwas.

Es war ein Pfiff, der plötzlich an meine Ohren gellte, recht schrill, und er wurde auch von den Tieren gehört, die genau das taten, was derjenige wollte, der den Pfiff abgegeben hatte.

Die Katzen huschten davon, nicht in verschiedene Richtungen, sondern nur in eine, die halb rechts von mir lag. Dort befand sich ihr Ziel, und das hatte ich bisher nicht gesehen. Jetzt konnte ich es nicht mehr übersehen, denn es war näher an mich herangekommen, und ich sah, dass es sich um einen Mann handelte.

Er schlenderte näher, während ich mich nicht bewegte. Der Mann machte den Eindruck eines Menschen, den nichts erschüttern konnte. Und ich sah noch mehr, denn er hielt etwas fest. Oder es lag auf seinen Armen. Ich erkannte in ihm ein dunkles Paket, das sich erst beim Näherkommen als etwas Bestimmtes herausstellte.

Es war eine Katze. Und es konnte genau das Tier sein, das auch auf meiner Kühlerhaube gesessen hatte, wenn ich in diese grünen Augen schaute.

Wäre es hell gewesen, dann hätte ich den Mann schon längst besser gesehen. So aber blieb es bei den Äußerlichkeiten. Er war recht groß, auf seinem Kopf wuchs dunkles Haar, dadurch wirkte sein Gesicht heller, mehr machte ich bei ihm auch nicht aus.

Er kam nicht näher. Wahrscheinlich stand er auch nicht auf einem Weg, sondern auf dem Feld. Letztendlich spielte das keine Rolle, denn ich war nur gespannt, was er von mir wollte.

»Hallo«, sagte ich.

Er nickte und gab dann eine Antwort. »Sie haben die Tiere erschreckt, Mister.«

»Kann sein.«

»Das kann nicht nur sein, das ist so!«, fuhr er mir in die Parade.

»Lassen Sie mich erst mal ausreden. Wenn ich sie erschreckt habe, dann wird umgekehrt auch ein Schuh daraus.«

»Wieso das?«

Ich musste lachen. »Sie war auf einmal da. Ganz ohne Vorwarnung. Mir kam es vor, als wäre sie vom Himmel gefallen, als sie auf meiner Kühlerhaube landete.«

»Kann sein, aber Sie waren ihr im Weg. Das hier ist ihr Revier.« Mit einer Hand vollführte er einen Schwenk. »Hier haben sie ihren wunderbaren Lebensraum.«

»Wie nett für sie. Aber ich konnte es nicht wissen. Nur hab ich keine Katze überfahren, das ist auch etwas.«

»Es wäre Ihnen auch schlecht bekommen.«

»Ja, das akzeptiere ich.« Ich war neugierig geworden. »Und was ist mit Ihnen? Sind Sie der Hüter der Katzen? Sind Sie ihr Chef? Sind Sie ihr Gott?«

»Sie leben bei mir.«

»Aha, und wo?«

»Nicht weit von hier auf meinem Hof. Ich kümmere mich um sie. Ich gebe ihnen eine wunderbare Heimat. Wen ich liebe, den lieben sie auch. Und wen ich nicht mag oder hasse, den hassen sie auch, was dann für den Gehassten schlimm wird.«

»Sehr schön«, sagte ich und nickte, »ich freue mich immer, wenn ich einem Tierfreund begegne.«

»Haben Sie auch Tiere?«

»Nein. Sie in einer kleinen Wohnung innerhalb eines Hochhauses zu halten, das wäre nicht gut.«

»Stimmt, es wäre eine Quälerei.«

»Ja, so ähnlich.«

Der Mann nickte mir zu. »Dann fahren Sie weiter und geben Sie dabei acht, dass Sie keine Katze überfahren.«

»Keine Sorge, ich werde mir Mühe geben, Mister …« Das Ende ließ ich offen, weil ich damit rechnete, dass er mir seinen Namen nennen würde.

Das tat er nicht. Er drehte mir den Rücken zu und ging davon. Dabei stapfte er quer über das Feld. Die Katze behielt er weiterhin auf dem Arm, und wer ihn mit Blicken verfolgte, so wie ich, der sah, dass er sehr schnell von der grauen Dunkelheit verschluckt wurde, was mir schon etwas seltsam vorkam, denn es hatte bei ihm ausgesehen, als hätte er sich aufgelöst.

Aber das konnte nicht sein …

So richtig sicher war ich mir nicht. Dieser Namenlose war mir schon seltsam vorgekommen. Entweder war er ein komischer Kauz, der mit Katzen zusammenlebte und damit sein Glück fand, oder er war jemand, der ganz anders reagierte, was immer es auch sein mochte. Jedenfalls hatte ich ihn gesehen und wusste auch, wo er lebte.

Es hatte ja nicht nur die eine Katze gegeben, sondern mehrere, und die wussten, was sie zu tun hatten. In meiner Umgebung entstand plötzlich Bewegung. Es waren die Katzen, die in den letzten Minuten starr am Boden gehockt hatten.

Jetzt hatten sie freie Bahn und konnten endlich wieder dorthin laufen, wo sie ihr Zuhause hatten. Ich ging ein paar Schritte zurück, erreichte den Rover und setzte mich wieder hinter das Steuer. Ich startete noch nicht sofort, sondern wollte mich erst mal fangen und beschäftigte mich mit dem, was ich hier erlebt hatte. Es war schon ungewöhnlich. Wahrscheinlich hatte dieser Mann einen Hort für Katzen geschaffen, was auch legitim war. Daran hätte ich mich auch nicht gestört, aber es war sein Verhalten, was mich misstrauisch gemacht hatte. Ich empfand es als seltsam oder mindestens ungewöhnlich. Er schien kein Menschenfreund zu sein, sondern einer, der einen Menschen lieber gehen als kommen sah.

Ich hatte ihn ja auch gehen sehen. Und zwar in Richtung des Lichts. Das war alles okay, und trotzdem war mir sein Verhalten suspekt gewesen.

Nun ja, jeder Mensch ist eben anders. Und besonders Tierliebhaber können extrem sein.

Ich startete den Rover und rollte langsam an. Viel schneller fuhr ich auch später nicht, denn ich schaute mehr nach rechts als nach vorn. Deshalb fiel mir auch auf, dass das Licht erloschen war und es keinen Hinweis mehr auf die Siedlung gab.

Die Dunkelheit hatte alles verschluckt. Sie hatte für das große Vergessen gesorgt, aber genau das wollte ich nicht. Ich wollte und konnte nicht vergessen.

Es war dieses Misstrauen, das sich im Laufe der Zeit in meine Psyche eingeschlichen hatte. Zwar sah ich nicht überall Feinde lauern, aber ich nahm die Menschen auch nicht hin, wie sie waren, wenn sie mir auffielen.

Da fing ich immer an zu hinterfragen, und das genau tat ich auch in diesem Fall.

Ich fragte mich, wer dieser Typ war. Seinen Namen kannte ich nicht, ich wusste nur, dass er mit Katzen zu tun hatte, ob das nun normal war oder nicht, es konnte mir egal sein.

War es aber nicht.

Und so baute sich in meinem Kopf der Gedanke auf, mehr herauszufinden. Warten wollte ich damit nicht. Ich nahm mir vor, das Haus oder den Hof zu aufzusuchen …

***

Ich musste nicht quer über ein Feld fahren. Es gab einen Weg, der von der normalen Straße abbog und sein Ende vor dem Haus fand. Ich hatte das Licht der Scheinwerfer gelöscht. Mit dem Rover tastete ich mich im Dunkeln weiter, fuhr Schritttempo und musste mich an den Umrissen der beiden Bauten orientieren, um zu erkennen, wohin ich überhaupt fuhr.

Es gab keinen Zaun, der das Gelände abgesperrt hätte. Es gab auch keine Alarmanlage, die sofort losgeheult hätte. Es blieb alles im grünen Bereich.

Dann sah ich einen Zaun an der linken Seite. Dahinter lag wohl eine Rasenfläche, und ich konnte auch die Umrisse der Bäume sehen, die dort wuchsen.

Es war die Stelle, an der ich anhielt. Aber mein Job war noch nicht beendet. Es ging weiter, denn ich wollte mehr über die Katzen und ihren Herrn erfahren.

Ich stieg aus und schloss die Tür sofort wieder hinter mir. Das war wichtig, denn niemand sollte die Innenbeleuchtung sehen.

Ich stand jetzt draußen, duckte mich neben dem Rover leicht zusammen und schaute in Richtung der beiden Häuser. Ob sie als Wohnhäuser genutzt wurden, war mir nicht klar. Sie konnten auch unterschiedlichste Funktionen haben.

Ich hörte nichts. Niemand schlich über den Boden. Kein Miauen wehte mir entgegen, und die Natur schien den Atem anzuhalten, so ruhig war es geworden.

Dass ich an diesem Punkt stehen blieb, brachte mich auch nicht weiter. Ich musste näher an die Häuser heran, die sich gegenüber standen. Vielleicht wohnten in einem von ihnen die Katzen und das andere Haus war den Menschen vorbehalten.

Ich entschied mich für das linke Haus. Da ließ ich mich von meinem Gefühl leiten. Wo ich das Licht gesehen hatte, fand ich hier nicht heraus, ich sah aber Fenster in der Hauswand, die allerdings jetzt dunkel waren.

Ich schaute dennoch durch eines der Fenster. Bei mir war es dunkel, dahinter auch. Ich hörte auch nichts. Es drangen keine Stimmen an meine Ohren, ich vernahm auch keine tierischen Laute, hier blieb einfach alles still.

Allmählich hätte ich mich selbst auslachen können, denn was ich hier tat, kam mir ein wenig lächerlich vor. Ich hatte nichts entdeckt, was mir weitergeholfen hätte.

Dann sah ich eine Tür.

War sie offen oder abgeschlossen?

Es juckte mir in den Fingern, dies auszuprobieren. Ich wusste ja, dass ich in diesem Haus nichts zu suchen hatte, aber trotzdem spürte ich den inneren Drang.

Reingehen und …

Etwas störte mich. Es war ein fremder, aber mir auch bekannter Laut, der an meine Ohren drang. Ein leises Fauchen, vermischt mit einem ebenfalls leisen Miauen, und dieser Laut erreichte mich von oben.

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