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John Sinclair - Folge 1785

Mandragoros Angriff

Skip Holting ahnte, dass etwas in der Luft lag, das höllisch gefährlich, wenn nicht sogar tödlich werden konnte.

Es war eine der hellen Nächte. Richtig dunkel wurde es im Sommer nie, dafür war der Norden Europas bekannt, doch das hatte nichts mit dem Gefühl des Mannes zu tun.

Er war der Chef auf der Bohrinsel. Ein Mann, der sich durchsetzen konnte, der einen starken Willen besaß und andere Menschen führen konnte. Er hatte hier die Leitung vor drei Jahren übernommen und war stolz auf seine Crew und auch ein wenig auf sich, denn in den drei Jahren war es zu keinen ungewöhnlichen Vorfällen gekommen.

Und nun das.

Sein Gefühl …

Er war sich irgendwie sicher, dass etwas in Anmarsch war. Aber Holting hatte keine Vorstellung, was es sein könnte. Eigentlich hätte er auch abgewinkt, aber das konnte er einfach nicht. Und so stand er an einer der höchsten Stellen auf der Bohrinsel und schaute über das Meer hinweg. Immer in Richtung Westen, nicht nach Osten, wo die norwegische Küste lag.

Das Meer war noch ruhig. Bewegt wurde es von einer langen Dünung. Aber die See war auch nicht leer, denn er sah hin und wieder die Konturen der Schiffe. Mal waren es Kreuzfahrer, dann sah er einen Frachter, aber auch mal einen Öltanker.

Das übliche Bild.

Es gibt Menschen, die fühlen sich auf einer Plattform nicht sicher. Damit hatte Skip Holting kein Problem, auch nicht bei Sturm, wenn die Plattform ein wenig schwankte.

Seiner Mannschaft hatte er nichts von seinen Gefühlen gesagt. Die meisten lagen in ihren Betten oder schauten in die Glotze. Nur die üblichen Wachen hielten sich noch an den bestimmen Punkten auf. Gefördert wurde immer, und man musste ein Auge auf die Technik haben, die die Männer bisher nicht im Stich gelassen hatte.

Warum dachte er so? Weshalb hatte ihn dieses seltsame Gefühl überfallen?

Er konnte es nicht sagen. Es war einfach da. Eigentlich hatte er über Menschen, die so dachten, immer gelacht, von nun an würde er es nie mehr tun.

Er wartete.

Und worauf?

Er konnte es nicht sagen. Er stand im Freien und spürte den Wind, der plötzlich auffrischte und sein Gesicht streichelte. Er hatte nicht damit gerechnet und genoss die Frische ein wenig. Gleichzeitig schaute er aufs Meer, das diesen Wind ebenfalls zu spüren bekommen hatte. Er sah, dass die Wellen eine andere Form angenommen hatten. Die lange Dünung war durcheinander geraten, und schon fegte die nächste Bö heran, die stärker war.

Oft kam der Wind wie aus dem Nichts. Das war auch hier so. Skip Holding musste deshalb nicht besorgt sein. In diesem Fall war er es schon, denn das ungute Gefühl war nicht verschwunden.

Wieder konzentrierte er sich auf das Wasser. Dort hatten sich Wellen gebildet, die schon recht hoch stiegen.

Eine gewisse Unruhe erfasste das Wasser. Unruhe insofern, dass der Wind ständig wechselte und von verschiedenen Seiten kam, sodass das Wasser aufgewühlt wurde. Schaumteppiche entstanden. Strudel waren zu sehen. Die Wellen schlugen immer höher und prallten gegen die Stützen der Bohrinsel, ohne diese jedoch erschüttern zu können.

War das Meer vor Minuten noch mit einem schlafenden Riesen zu vergleichen gewesen, so wurde es jetzt zu einem Raubtier, das keine Gnade kannte und alles verschlang, was sich ihm in den Weg stellte.

Und die Stille war vorbei. Die raue See schien ihre Lautsprecher geöffnet zu haben. Das Rauschen und Klatschen der Wassermassen erreichte die Ohren des wartenden Skip Holting.

Plötzliche Stürme waren ihm vertraut, aber so plötzlich auch wiederum nicht. Dieser Sturm war wirklich wie aus dem Nichts gekommen. Ohne eine Vorwarnung, und das fand er schon ungewöhnlich. Selbst der Wetterbericht hatte nichts gemeldet.

Skip Holting dachte auch an einen Tsunami. Zum Glück wurde die Welt in diesen Breiten davon verschont. So hatte er bisher immer gedacht, aber das wollte er jetzt nicht mehr unterschreiben. Er rechnete mit allem.

Und es kam.

Das Meer wurde zum Tier. In der Luft war ein Heulen und Pfeifen zu hören. Den Ton seines Handys hätte er beinahe überhört. Er meldete sich und hörte einen seiner beiden Vertreter.

»Hast du eine Erklärung für den plötzlichen Sturm?«

»Nein.«

»Das ist doch nicht normal.«

»Ich weiß.«

»Unsere Leute sind bereits auf Position. Da ist automatisch der Notfallplan angelaufen.«

»Sehr gut.«

»Und du hast keine Informationen, Skip?«

»So ist es.«

»Das ist komisch. Sonst werden wir von den Wettertypen doch immer vorgewarnt.«

»Ja, das weiß ich auch.«

»Und was machen wir?«

»Gar nichts, Ole. Die Insel ist sturmerprobt, sie wird schon nicht auseinanderbrechen.«

»Okay, bis später.«

Das Gespräch hatte Skip Holting vom eigentlichen Geschehen abgelenkt.

Jetzt konnte er sich wieder auf das Meer konzentrieren, das zu einer kochenden See geworden war. Da gab es nicht nur die hohen Wellen, nein, das Wasser sah aus, als wäre es erhitzt worden. Es schäumte, es brodelte, ja, es kochte, und es wütete gegen die Bohrinsel, was auch Skip Holting spürte, denn jetzt schwankte die Insel leicht.

Es war ein Kampf. Und der Kampf ging weiter. So lange, bis sich der Sturm gelegt hatte.

In diesem Fall tat er das nicht. Es trat eher das Gegenteil ein, denn er wurde wilder. Das war nicht nur an den Geräuschen zu hören, sondern auch zu sehen. Skip Holting starrte nach vorn und nach unten zugleich. Er wollte das Meer sehen, und er sah, dass noch etwas mit ihm geschah.

Als er hinschaute, hatte er das Gefühl, als wäre es von unten gepackt worden. Skips Augen weiteten sich, er glaubte, dass sich der Meeresboden bewegen würde und ihm entgegenkommen wollte. Das war nicht zu fassen, es war auch keine Täuschung, und dann flüsterte der Mann Worte, die er selbst nicht verstand.

Etwas stemmte sich in die Höhe. Es war eine Wand, die aus Wasser bestand. Sie war plötzlich da und nicht nur hoch, sondern auch immens breit, sodass sie sein gesamtes Sichtfeld einnahm.

Und plötzlich hatte Skip Holting wieder das Bild eines Tsunamis vor Augen. Aber das war keine Theorie mehr, sondern echt, das war hier der Beginn eines Tsunamis. Eine Jahrhundertwelle rollte auf die Insel zu, um sie zu verschlingen.

Skip Holting hörte wieder, dass sich sein Handy meldete. Er hob diesmal nicht ab. Er konnte nichts tun, er konnte nicht helfen. Er konnte nur schauen, was da heranrollte. Noch immer sah er diese riesige Wand aus Wasser. Ob sie nun schnell höher kam oder nicht, das bekam er nicht mit, er wusste nur, dass sie nicht stehen blieb.

Und er sah noch etwas.

In der Wand malte es sich ab, und er hielt es zunächst für eine Täuschung. Er sah ein riesenhaftes Gebilde, das entfernte Ähnlichkeit mit einem Menschen hatte, tatsächlich aber ein Monstrum war. Eines mit mächtigem Körper und wilden Armen. Es stand da wie ein Dirigent, der die Aufmerksamkeit des Orchesters einforderte.

Was war das?

Skip Holting wusste es nicht. Er hörte die Geräusche des Wassers und dann kam ein Neues hinzu, das ihn erschaudern ließ. Es war ein Donnern, ein Grollen, ein böses Geräusch, das immer mehr auf ihn zu raste.

Holting war kein Mann, der schnell Angst bekam. In diesem Fall aber war das so. Er fürchtete sich, denn dieses Grollen stammte nicht von einem Seegewitter. Das Wasser hatte es abgegeben. Er drang aus dieser hohen Wand, als schienen sich die Seemonster für einen Angriff auf die Bohrinsel versammelt zu haben.

Sie kamen.

Nein, die Wand kam.

Und zugleich die Schreckensgestalt, die sich turmhoch darin abzeichnete. Es gab nur noch das eine Geräusch und nichts anderes mehr.

Die Welt um die Bohrinsel herum schien aus den Fugen zu geraten, und zum ersten Mal verspürte Skip Holting eine tiefe Angst um sich und die Insel.

Die Wand rauschte, sie donnerte auch, und Holting erkannte, dass sie ihn nicht verschonen würde. Er stand hoch, aber so hoch auch nicht. Er würde zumindest den Rand erleben und dachte dabei an seine Männer, die draußen waren und Wache hielten. Sie würden es nicht überleben. Sie würden weggespült werden wie Puppen.

Die Wand war da.

Das Monster in ihr auch. Kein Mensch, etwas anderes und Grauenhaftes. Ein Umhang aus Wasser und Gischt, eine Gestalt, die nur als Monster zu bezeichnen war.

Ein Wassermann, ein Seemonster oder was auch immer.

Dann war die Welle da.

Die Bohrinsel wirkte nicht eben klein, aber einer solchen Welle konnte sie nicht standhalten.

Sie fiel über sie hinweg.

Des Öfteren sprechen Menschen davon, wie klein sie letztendlich gegen das waren, was die Natur ihnen brachte. Das war hier wirklich so. Skip Holting fühlte sich als Ameise. Das Wasser war der Elefant, und der schlug zu.

Der Mann stand zum Glück nicht im Zentrum. Trotzdem machte die Krone der Riesenwelle mit ihm, was sie wollte. Skip wurde von den Beinen gefegt. Er rutschte über das nasse Metall, stieß irgendwo gegen, schaffte es nicht, sich festzuhalten, drehte sich um die eigene Achse und wurde weiter geschleudert.

Und dann fand er einen Halt. Es glich mehr einem Zufall, dass er sich an einer Stange oder einem Streben festklammern konnte. Was es genau war, sah er nicht. Aber er ließ diese starre Rettung nicht los.

Um ihn herum gurgelte und schmatzte es. Wenn er die Augen aufriss, sah er nichts bis auf das aufgewühlte Wasser. Er hielt den Mund geschlossen, nur nicht ertrinken. Wie hoch das Wasser ihn umschäumte, das wusste er nicht.

Aber es war da und floss noch nicht ab. Er musste den Atem anhalten und versuchte dann, wieder auf die Beine zu gelangen. Zumindest eine sitzende Position zu erreichen.

An dem Gegenstand, an dem er sich festhielt, zog er sich auch in die Höhe. Er packte es. Er kam plötzlich aus dem Wasser, das hier oben nicht so hoch war. Er spürte, dass die Insel schwankte, und betete, dass sie hielt.

Skip bekam Luft.

Es war ein wunderbares Gefühl, endlich wieder atmen zu können. Er lachte, er spie dabei Wasser. Er schüttelte sich und er merkte zugleich, dass der Sog nicht mehr zu stark war wie zu Beginn. Das Wasser fing an, abzufließen und sich wieder im Meer zu verlieren.

Holting hatte es geschafft!

Das wusste er jetzt. Er atmete. Er lebte. Er konnte sich wieder bewegen. Er hatte es überstanden. Ein Angriff, einen Tsunami in der Nordsee, in Europa, vor der Küste Norwegens. Etwas, was eigentlich nicht vorkommen durfte.

Aber es war vorgekommen, und Skip Holting verstand die Welt nicht mehr. Er hatte es überstanden, aber er hatte auch alles behalten, was ihm begegnet war. Und das musste an die Öffentlichkeit gelangen, etwas anderes gab es nicht für ihn.

Zunächst aber musste er gerettet werden, denn er glaubte nicht, dass die Bohrinsel diesen Angriff überstanden hatte. Gekippt war sie nicht, aber ein normales Leben auf ihr war auch nicht mehr möglich.

Holting war auch klar, dass Menschen ihn nach den Gründen fragen würden, und ob man ihm dann die Wahrheit abnehmen würde, das war mehr als fraglich …

***

Auch an Land hatte der Orkan seine Spuren hinterlassen. Allerdings nur begrenzt. Er hatte einen kleinen Ort zerstört. Seine Kraft hatte Häuser wie Streichholzschachteln durch die Luft fliegen lassen. Es hatte sogar Tote gegeben. Der Sturm war dann plötzlich wieder vorbei gewesen.

Aber es hatte Menschen gegeben, die Fotos geschossen hatten. Innerhalb des Sturms hatten sie eine riesige Gestalt gesehen. Und ihnen waren auch andere Wesen aufgefallen, die aus der Erde gekrochen kamen. So jedenfalls hatte es sich angehört. Wesen, für die man keine Erklärung hatte. Bäume, die sich streckten, und Wurzeln, die aus dem Boden gekrochen waren.

Das alles waren Tatsachen, die nicht zu erklären waren. Das wussten auch die verantwortlichen Stellen in Norwegen, und sie taten etwas, was sonst nicht ihre Art war. Sie mauerten. So wenig wie möglich sollte an die Öffentlichkeit gelangen, und daran hielt man sich auch.

Die Bohrinsel war zwar nicht gekentert, aber sie war schwer beschädigt. Sie wieder Öl fördern zu lassen, das war eigentlich unmöglich.

Es hatte auch Tote gegeben bei diesem Angriff der Monsterwelle. Zwei Arbeiter waren ertrunken, einige hatten sich verletzt, ansonsten war es jedoch recht glimpflich abgelaufen. Die Insel war auch nicht auseinandergebrochen und es war auch kein Öl ins Meer gelaufen, so war eine Umweltkatastrophe ausgeblieben.

Aber es war ein Warnschuss gewesen. Das wurde auch in der Presse publik gemacht. Und viele Leser stimmten dem zu. Man konnte mit der Umwelt nicht machen, was man wollte. Irgendwann war das Fass voll und lief über.

Es gab Leute, die über eine Ölförderung nachdenken wollten, an eine Reduktion dachten und davor warnten, dass eine nächste Monsterwelle alles hinwegspülen konnte.

Man nahm diese Aussagen zur Kenntnis und wollte über Konsequenzen nachdenken.

Was sich innerhalb dieser Monsterwelle abgespielt hatte, das blieb geheim. Man hätte es sowieso in der Öffentlichkeit nicht geglaubt, und deshalb hielt man sich bedeckt.

Aber es war nicht vergessen. Es gab gewisse Kanäle, durch die es floss und dabei an eine bestimmte Stelle und zu einem bestimmten Mann gelangte …

***

Glenda Perkins nickte uns nicht nur zu, sie klatschte auch in die Hände, als Suko und ich das Büro betraten und sogar pünktlich waren. Und das an einem Tag, an dem der Sommer zurückgekehrt war.

Es war nicht nur warm, es würde noch heiß werden. Dementsprechend luftig war Glenda gekleidet. Ein weiße Sommerbluse aus Leinen und ein Glockenrock umspielten ihre Figur.

»Toll siehst du aus«, lobte ich Glenda.

»Ach ja?«

Die Antwort hatte ich fast erwartet, denn Glenda hatte noch nicht vergessen, dass ich eine Nacht über bei Jane Collins geblieben war. Das war vorbei, und jetzt hieß es, weiterhin nach vorn schauen, wobei das Wort Olympia immer mehr Gewicht bekam.

Den Kaffee erhielt ich. So weit hatte mir Glenda verziehen, und als ich die Tasse in der Hand hielt, schaute sie zur Uhr und sagte: »Ich denke, ihr könnt jetzt gehen.«

»Wohin?«, fragte Suko.

»Zu Sir James.«

»Tatsächlich?«

»Ja, John, tatsächlich, er erwartet euch.«

Ich probierte einen Schluck Kaffee, der mal wieder top war. Das sagte ich Glenda nicht, sie hätte das Lob sonst in den falschen Hals bekommen. Dafür fragte ich: »Weißt du, um was es geht?«

»Nein.«

»Okay.« Ich nickte und wollte zur Tür gehen, wurde aber durch Glendas Stimme aufgehalten.

»Was ist mit heute Mittag?«

»Was soll sein?«

»Soll ich bei Luigi einen Tisch reservieren?«

Suko und ich schauten fragend, bis ich nickte und Suko auch nichts dagegen hatte.

Glenda lächelte. »Okay, dann sehen wir uns heute Mittag.«

»Ich freue mich«, sagte ich.

»Kannst du auch.«

Erst mal schauen, was uns Sir James mitzuteilen hatte. Er war in den letzten Tagen recht nervös geworden. Es hing mit den Olympischen Spielen zusammen, da war er auch involviert, und das passte ihm überhaupt nicht.

Wir traten ein und schauten sofort auf sein Gesicht.

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