Logo weiterlesen.de
John Sinclair - Folge 1782

Der Feuer-Vampir

Der alte Mircea hatte sie gewarnt. »Ihr dürft ihn nicht nur verbrennen, ihr müsst ihn zuvor zerhacken. Anders ist der Vampir nicht zu töten. Glaubt einem erfahrenen Mann.« Seinen Worten verlieh Mircea durch ein ernsthaftes Nicken Nachdruck.

Er bekam von den Männern auch eine Antwort. Die bestand aus einem Gelächter und dem Abwinken mehrerer Arme.

»Das Feuer reicht!«, rief einer der Jüngeren.

»Meine ich auch«, sagte ein anderer.

»Und er wird in dieser Nacht noch brennen«, fügte ein Dritter hinzu. »Wir haben alles vorbereitet, wir warten nur noch so lange, bis der neue Tag anbricht. Um Mitternacht wird er lodern.«

Es waren genau die richtigen Worte, die die Menschen hören wollten. Beifall brandete auf. Man bestellte noch eine Runde starken Marillenschnaps. Der Wirt beeilte sich mit dem Einschenken. Da Mircea in der Nähe stand, trafen sich ihre Blicke.

»Es ist eben so.«

Mircea nickte. »Ja, es ist so. Man kann es nicht ändern. Aber man kann es in eine andere Richtung lenken.«

»Sag denen das.«

»Das hat keinen Sinn.«

Der Wirt nickte, stellte die gefüllten Gläser auf ein Tablett und verschwand damit.

Auch für Mircea wurde es Zeit. Er wollte nicht länger stören und verließ das Lokal. Keiner nahm mehr von ihm Notiz, als er sich an der Wand entlang in Richtung Ausgang schob und wenig später in die Dunkelheit trat.

Er schaute sich um. Im Ort brannten nur wenige Lichter, es schien, als hätten sich die Bewohner versteckt, weil sie Unheil befürchteten. Das konnte gut möglich sein, wenn man nicht richtig vorging, aber darüber wollte sich Mircea keine Gedanken machen. Er hatte getan, was getan werden musste. Wenn man nicht auf ihn hören wollte, dann war das eben so.

Er wusste auch, wo der Vampir untergebracht war. In einem leer stehenden Haus am Dorfrand, in dem sonst nur Holz gelagert wurde. Das hatte man entfernt. Es waren sowieso nur Reste gewesen, bis zum Winter würde man Neues gehackt haben.

Mircea wollte nicht bei der Vernichtung des Blutsaugers dabei sein. Aber er wollte ihn noch mal sehen, und zwar allein. Nicht zusammen mit den Männern. Er ging mit schlurfenden Schritten seinem Ziel entgegen. Manchmal erwischte ihn ein schwacher Windstoß, der von den Bergen in die Täler fuhr. Dann wurde sein graues Haar durcheinander gewirbelt.

Es war keine Nacht, über die man sich freuen konnte. Die große Hitze des Tages war zwar verschwunden, aber die Temperaturen waren nicht viel gesackt, und so lag die Schwüle weiterhin wie ein dicker Schwamm über dem Land.

Mirceas Weg führte direkt zu dem bestimmten Haus. Es lag in einer kleinen Senke, in der auch ein Graben zu sehen war, der im Sommer allerdings kein Wasser führte.

Das Haus lag im Dunkeln. Kein Licht warf zuckende Muster über sein Holzdach. Und nach Holz roch es auch, je mehr man sich dem Haus näherte.

Auch Mircea nahm den Geruch auf. Er grinste. Es würde nicht mehr lange dauern, dann gab es ihn nicht mehr. Dann würde er vom Rauch überlagert, und wenn der Vampir brannte, dann sollte mit ihm auch die ganze Hütte in Flammen aufgehen.

Es hatte seit Längerem nicht mehr geregnet. Deshalb stob auch Staub auf, als Mircea ging. Er wollte dem Blutsauger noch mal in die Augen schauen, die immer rötlich schimmerten. Dass sie ihn geschnappt hatten, das war eine Glanzleistung gewesen, und auch Mircea war dabei gewesen.

Sie hatten ihn bannen können. Danach war eine Gefangennahme nicht besonders schwierig gewesen, und jetzt sollte das Ende kommen. Die Vernichtung.

Mircea hätte sich bestimmt darüber gefreut. Aber nicht in diesem Fall.

Sie hatten einfach nicht auf ihn hören wollen und ihn nicht zerhackt. Es reichte ihnen, dass er sich nicht wehren konnte, weil er gefesselt war.

Vor der Tür blieb der ältere Mann stehen. Er überprüfte den Riegel und stellte fest, dass alles in Ordnung war. Dann legte er sein Ohr gegen das Holz und wartete darauf, etwas aus dem Innern des Hauses zu hören.

Es kam nichts.

Kein Stöhnen, kein Fluchen, es war nur die Stille vorhanden, was ihm gefiel. Mircea schaute auch über die Schulter zurück. Nein, es war ihm niemand gefolgt. Er konnte beruhigt sein, und so machte er sich daran, den Riegel zu öffnen. Er packte die schwere Holzlatte und zog daran. Lautlos glitt sie aus der Halterung, als wäre sie gut geölt worden.

Er packte den Griff, zog daran und zerrte die Tür auf. Sie rutschte dabei in seine Richtung, und so konnte Mircea in das dunkle Loch schauen, das sich auftat. Er zerrte die Tür noch weiter auf und wusste, dass er Licht brauchte.

Eine Fackel stand bereit. Sie lehnte an der Außenseite der Baracke und war an ihrem oberen Ende mit Pech beschmiert. Es würde gut brennen, das wusste Mircea. Er zündete sie an, hielt die Fackel in Kopfhöhe hoch und betrat das Haus.

Die Flamme tanzte, sie übergoss das Innere mit einem zuckenden Spiel aus Licht und Schatten und sie riss auch das aus der Dunkelheit, was er sehen wollte.

Es war der Blutsauger, der auf dem Boden lag und dort angekettet war.

Sein Körper bildete ein großes X. Arm- und Fußgelenke steckten in Schlaufen, und die wiederum waren mit Pflöcken verbunden, die jemand in den harten Lehm der Erde geschlagen hatte.

So kam der Vampir nicht weg. Er hatte nicht die Kraft, die Pflöcke aus dem Boden zu zerren.

Mircea ging langsam näher. Die Gestalt passte so gar nicht zum Bild eines Vampirs, denn sie trug keine dunkle Kleidung, sondern eine helle, als wäre sie soeben aus der Backstube gekommen. Eine Jacke, eine Hose, eine Weste. Der Kopf hatte eine längliche Form und die Haut schimmerte hell, obwohl das mehr zu ahnen war, denn das Licht setzte andere Akzente.

Mircea bückte sich. Er hatte gesehen, dass die Augen des Blutsaugers geschlossen waren, als hätte die Gestalt bereits vom Leben Abschied genommen. Das allerdings änderte sich, als sich die Flammen dem Gesicht näherten. Jetzt wäre die Chance gewesen, den Vampir anzuzünden. Über sein Haar hätte man das Feuer laufen lassen müssen, aber davon nahm Mircea Abstand. Er wollte es den jüngeren Menschen überlassen.

Er zuckte nur leicht zusammen, als der Bluttrinker seine Augen öffnete. Plötzlich sah er diesen eisigen Blick, der an Boshaftigkeit kaum zu übertreffen war. Der Kopf wuchtete hoch, der Mund öffnete sich und wurde zu einem Maul, aus dem die beiden Eckzähne im Oberkiefer besonders kräftig hervorragten.

Mircea wusste genau, welche Qualen der Wiedergänger litt. Es dürstete ihn nach Blut. Er zuckte auch so hoch er konnte, und aus seinem Rachen drang ein heiserer Schrei.

Sein Besucher zuckte zurück. Nein, nur das nicht. Er würde sich nicht als Opfer eignen, und er startete eine Gegenaktion. Er lachte dem Blutsauger ins Gesicht. Er versprach ihm den endgültigen Tod. Die totale Vernichtung und dass er nur gekommen war, um Abschied von ihm zu nehmen.

Der Blutsauger hatte sich zurückfallen lassen und lag auf dem Rücken. Er bewegte den Kopf von einer Seite zur anderen. Der Mund stand noch immer offen, aus der Kehle drang das Röcheln hervor und der Blick seiner Augen glich einer finsteren Bedrohung.

»Du kannst versuchen, was du willst. Diese Nacht ist deine allerletzte, das verspreche ich dir. Du wirst kein Blut mehr trinken. Dafür werden die Flammen dich fressen, bis nichts mehr von dir übrig ist.«

Mircea erhielt keine Antwort. Die hatte er auch nicht erwartet. Er schaute sich noch mal die Fesseln an, war zufrieden und richtete sich wieder auf.

Ein Augenpaar glotzte ihn an.

Der alte Mann lachte.

Dann hörte er die Flüsterstimme sagen: »Du wirst nicht mehr oft lachen in deinem Leben, das schwöre ich dir. Du wirst Probleme bekommen, du wirst das Grauen nicht stoppen können, das über dich kommen wird wie eine Welle. Warte nur ab.«

»Und wer sollte mir das Grauen schicken?«

»Ich!«

Mircea wollte erst lachen. Er hatte den Mund bereits geöffnet, aber er verbiss sich die Reaktion. Etwas hatte ihn an der Antwort gestört. Nach kurzem Überlegen wusste er auch, was es gewesen war. Es war die Sicherheit der Bestie gewesen, die ihn so vorsichtig hatte werden lassen.

Konnte er noch etwas tun? Das war die große Frage, die Mircea nicht beantworten konnte. Das gefiel ihm nicht. Überhaupt dachte er daran, dass ihm der Besuch hier nicht mehr gefiel.

Er wollte weg.

Die Fackel hielt er noch in der Hand. Er senkte das Feuer und strich damit langsam über die Gestalt des Liegenden hinweg, der nicht reagierte.

Er hielt die Augen geschlossen, so gab er fast ein friedliches Bild ab. Da er den Mund geschlossen hatte, waren auch seine Blutzähne nicht mehr zu sehen.

»Du kannst uns nicht täuschen«, flüsterte der alte Mann. »Nein, das ist vorbei.« Er wollte noch etwas sagen, aber das ließ er bleiben.

Stattdessen wandte er sich um, drehte der Gestalt den Rücken zu und verließ die Hütte. Die Fackel nahm er mit. Das Feuer ließ er über seinem Kopf lodern, und als er die ersten Schritte gegangen war, hörte er vor sich die Stimmen.

Die Männer waren bereits unterwegs. Jetzt konnte es nicht mehr weit bis Mitternacht sein.

Mircea ließ die Fackel sinken und wartete auf die Horde. Es waren nur Männer. Sie alle lebten in den Ortschaften, die unter dem Terror des Vampirs gelitten hatten. Aber das sollte bald vorbei sein, und Mircea konnte nur darum beten, dass auch alles so klappte, wie die Männer es sich vorgestellt hatten …

***

Als die Männer ihn erreichten, blieben sie stehen. Sie trugen Waffen, aber auch Fackeln, die noch angezündet werden mussten. Um Mircea bauten sich die Männer im Kreis auf und die ersten Fragen prasselten auf den Mann nieder.

»Warst du in der Hütte?«

»Ja.«

»Und? Was hast du gesehen?« Der Mann, der die Fragen stellte, hatte sich zum Anführer der Gruppe aufgeschwungen. Er war ein wild aussehender Typ mit einem dunklen Vollbart.

»Er lag dort wie immer. Ihr könnt in die Hütte hineingehen, und er wird euch nichts tun.«

»Können wir uns darauf verlassen?«

»Ja, das könnt ihr. Seine Fesseln sind einfach zu stark. So leicht lassen sie sich nicht lösen. Und ich habe ihm gesagt, dass seine Zeit vorbei ist.«

»Sehr gut.« Der Bärtige schnaufte. »Aber du hast nicht daran gedacht, ihn zu verbrennen?«

»So ist es.«

»Gut.« Der Anführer drehte sich einmal um die eigene Achse und nickte dabei. »Ihr habt es gehört. Wir werden ihn vernichten. Wir werden ihn anzünden und uns dabei an seinen Schreien ergötzen, wie er sich an den Qualen seiner Opfer ergötzt hat.«

Das waren genau die richtigen Worte. Ein Klatschen folgte, auch heftiges Nicken, das als weiterer Beifall angesehen werden konnte.

Mircea hielt sich zurück. Er war auch zur Seite getreten und schaute den Leuten nur noch zu.

Er war der weise Mensch im Hintergrund. Er hatte die theoretischen Grundlagen gelegt, damit die Jüngeren letzte Hand an den Blutsauger legen konnten.

Ich werde mich zurückhalten!, dachte er. Ich sage auch jetzt nichts mehr und stelle keine Fragen …

Der Bärtige kam noch einmal auf ihn zu. Die anderen Männer sorgten dafür, dass das Pech der Fackeln entzündet wurde. Leicht fauchende Geräusche waren zu hören, als die Fackeln anfingen zu brennen. Das Feuer loderte hoch und begann mit seinem Tanz über den Köpfen der Männer.

»Sonst hast du uns nicht zu sagen, Mircea?«

»Nein.«

»Wir werden ihn vorher nicht zerstückeln.«

»Ich weiß. Es ist trotzdem ein Fehler.«

»Abwarten.«

Der Bärtige nickte Mircea noch mal zu, drehte sich von ihm weg und ging mit schweren Schritten zu den anderen Männern, die vor dem alten Haus warteten.

Die Fackeln loderten. Zuckend griffen die Flammen in die Dunkelheit über ihnen und gaben ein schauriges Licht ab. Die Helfer warteten, bis ihr Anführer da war und ihnen die Tür öffnete. Er zerrte sie so weit wie möglich auf, damit alle Platz genug hatten, um das Haus zu betreten.

Sie drängten hinein und nahmen dem alten Mann die Sicht auf das Innere.

Mircea atmete tief durch. Sein Blick glitt zum dunklen Himmel, an dem sich schwach die Umrisse von Wolken abzeichneten. Der Mond war nicht zu sehen, die Sterne ebenfalls nicht. Es war eine finstere Nacht und irgendwie passend für das, was die Männer vorhatten.

Noch taten sie nichts. Drei von ihnen hielten Fackeln fest, deren Licht das Innere der Hütte ausfüllte. Sie schauten nach unten. Sie sprachen miteinander, und es waren zumeist Flüche, die sie ausstießen.

Irgendwann wurde es ruhig. Wahrscheinlich hatte der Bärtige ein Machtwort gesprochen. Jetzt zeigte er, wer der Anführer war, denn er fing an zu reden und seine Worte galten dem Vampir. Es war so eine Art von Grabrede.

»Wir haben dich lange genug gejagt. Wir haben dir eine Falle gestellt, in die du hineingelaufen bist. Das alles hat uns gut getan, und es wird uns noch mehr gut tun, dich brennen zu sehen. Wir werden auf die Asche spucken, die von dir übrig bleibt, und sie in alle vier Winde verstreuen.«

Es gab eine Antwort und die bestand zunächst aus einem harten Gelächter. Dann erst folgten die Worte, und die hörten sich schon drohend an.

»Ihr könnt versuchen, was ihr wollt, ich bin trotzdem besser, das sage ich euch.«

»Ach ja? Wie denn?«

»Das verrate ich euch nicht. Ihr werdet es erleben, denn ich bin mit einer ungemein großen Macht gesegnet. Niemand wird mich für immer vernichten können.«

»Das wünschst du dir!«

»Nein, das weiß ich.«

Der Anführer lachte nur darüber und seine Freunde taten es ihm nach. Allerdings gab es einen, der nicht lachte. Das war Mircea, der vor der Hütte wartete und dessen Gesicht einen sehr ernsten Ausdruck angenommen hatte.

Es war nicht alles vorbei. Irgendetwas blieb zurück, vor dem man Angst haben musste.

»Und jetzt lassen wir ihn brennen!«, brüllte der Bärtige.

Er war der Erste, der mit der Flamme über den Körper des Blutsaugers strich und dafür sorgte, dass das Feuer die Haare erreichte und sie in Brand setzte …

***

Es war eine Sache weniger Augenblicke. Plötzlich war das Innere der Hütte zu einer feurigen Hölle geworden, denn der auf dem Boden liegende Körper brannte lichterloh. Die Männer sahen zu, dass sie das Haus so schnell wie möglich verließen. Hustend und keuchend taumelten sie ins Freie, um von dort aus das Geschehen weiter zu verfolgen.

Auch Mircea schaute zu. Er hatte sich etwas zur Seite gestellt, um einen besseren Blickwinkel zu bekommen.

Die Flammen hatten sich auf dem Boden ausgebreitet, und sie blieben auch recht flach, denn die feurigen Arme zuckten nicht großartig in die Höhe, es sah eher so aus, als wären sie zu Boden gedrückt worden.

Der Vampir hatte keine Chance, dem Feuer zu entkommen. Er lag auf dem Rücken und blieb auch auf dem Rücken liegen. Die Fesseln ließen es nicht einmal zu, dass er sich auf die Seite drehte.

Schrie er?

Stumm war er nicht. Aber ob man die Laute als Schreie ansehen konnte, das wusste auch Mircea nicht. Er hatte eher das Gefühl, als würde der Brennende lachen.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "John Sinclair - Folge 1782" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen