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John Sinclair - Folge 1781

Inhalt

  1. Cover
  2. Impressum
  3. Die Nackten und die Seherin
  4. Vorschau

Die Nackten und die Seherin

Flohmärkte!

Glenda Perkins mochte diese Art von Märkten, nur hatte sie nicht immer die Zeit, sie aufzusuchen, und das Wochenende war ihr dafür meist zu schade.

An diesem Abend war alles anders. Es war ein wunderschöner Frühsommertag gewesen. Wer konnte, der verließ seine Wohnung und ging nach draußen, um den Abend zu genießen und die Nacht zum Tag zu machen …

Glenda Perkins hatte das Büro pünktlich verlassen. Sie arbeitete gern bei Scotland Yard, in diesem Fall aber war sie froh, die Sommerluft genießen zu können. Ein paar Stationen war sie noch mit der U-Bahn gefahren, auch kein großes Vergnügen bei dieser Wärme, aber es ging nicht anders.

Sie würde ihre Wohnung erst mal links liegen lassen und sofort den kleinen Park ansteuern, der so etwas wie das Zentrum einer grünen Lunge bildete. In ihm fand der Flohmarkt statt. Die Bäume und Sträucher dämpften die Verkehrsgeräusche, sodass man sich vorkam wie auf einer kleinen Insel.

Glenda konnte den Park von zwei Seiten aus betreten. Sie war nicht die einzige Person, denn schon auf dem ersten Blick war zu sehen, dass dieses Gelände von zahlreichen Besuchern bevölkert wurde. Dennoch gab es an den Ständen noch genügend Lücken, um sich die ausgestellten Waren näher anschauen zu können.

Das tat auch Glenda. Die Frau mit den dunklen Haaren und dem gelben Sommerkleid blieb an verschiedenen Ständen stehen. Das meiste interessierte sie nicht, aber sie schaute schon genauer hin, wenn Menschen Porzellan verkauften. Glenda mochte die oft kleinen und filigranen Tassen aus der Vergangenheit. Denen sah man an, dass sie reine Handarbeit waren.

Sie überlegte, ob sie die eine oder andere Tasse kaufen sollte, konnte sich dann doch nicht entscheiden und schlenderte weiter. Sie genoss einfach nur den Abend und freute sich, weil sie endlich mal Zeit hatte. Da gab es niemanden, der sie hetzte oder ihr im Nacken saß. Kein Termin, einfach nur bummeln und sich die Dinge ansehen, die angeboten wurden.

Da gab es die alten Bücher, die Klamotten, die Bestecke, der Krimskrams aus den Haushalten, und sie sah auch die Kleinmöbel, die angeboten wurden.

An diesen Ständen schlenderte Glenda vorbei. Sie wollte dorthin, wo sie unter Umständen die echten Schnäppchen fand und die Anbieter noch keine abgezockten Profis waren, die ihren Lebensunterhalt durch die Verkäufe auf dem Markt verdienten.

Sie fand die Stände mit den bestimmten Angeboten, und sie sah auch wieder das hier angebotene Porzellan.

Glenda Perkins blieb stehen. Plötzlich lächelte sie. Dabei weiteten sich ihre Augen und sie senkte den Kopf, denn sie hatte etwas zwischen dem dort ausgestellten Porzellan entdeckt, das sie sehr interessierte. Tassen, kleine und große Teller, auch Milchkännchen und Zuckerdosen, das alles überflog sie mit einem einzigen Blick – und zuckte zusammen, als sie etwas Bestimmtes sah, das ihr Herz für einige Sekunden schneller schlagen ließ.

Es war eine Vase.

Nicht mehr und nicht weniger. Aber eine recht kleine Vase. Man konnte schon von einem filigranen Werk sprechen, das eine ältere Frau zum Verkauf anbot.

Glenda beugte sich über den Tisch und deutete auf die Vase.

»Darf ich sie mal in die Hand nehmen?«

»Aber bitte sehr.«

»Danke.« Glenda fasste die Vase an ihrem Ende an und hob sie langsam an.

»Sie stammt aus einer deutschen Produktion«, erklärte die Verkäuferin.

»Meißen?«, fragte Glenda.

»He, Sie kennen sich aus.«

Glenda winkte ab. »Kaum. Ich liebe nur schöne Dinge, das ist alles.«

»Dann sind Sie bei mir an der richtigen Adresse.«

»Mal schauen.«

»Nehmen Sie sich Zeit«, sagte die Verkäuferin, »für die schönen Dinge muss man sich Zeit nehmen.«

»Das weiß ich.« Glenda betrachtete die kleine Vase genauer. Sie war ein Kleinod aus sehr dünnem Porzellan und wunderbar bemalt. Mit kleinen Blumen, die meisten in grüner Farbe, die nicht grell war, sondern sehr weich.

Glenda lächelte. Das animierte die Verkäuferin zu einem ersten Verkaufsversuch.

»Ich könnte sie Ihnen für einhundertzwanzig Pfund überlassen. Das ist wirklich nicht zu viel.«

Glenda ließ die Hand mit der Vase sinken. Ihre Augen weiteten sich, und sie runzelte die Stirn.

»Das ist wirklich nicht überteuert.«

Glenda nickte. »Mag sein, liebe Frau, aber auch ich habe ein Budget, wenn Sie verstehen.«

»Ja, ja, ich weiß. Das Geld sitzt nicht eben locker.«

»Genau.« Glenda lächelte entwaffnend. »Würden Sie den Preis denn etwas senken?«

Die Verkäuferin war eine Frau mit aschgrauen Haaren, die von einem gelben Stirnband gehalten wurden. Sie druckste herum. »Ich muss nachdenken. Die Vase ist wirklich ein Schmuckstück, und wenn sie sich den Boden anschauen, dann sehen Sie die beiden gekreuzten Säbel, das Zeichen für Meißen.«

»Ja, das habe ich schon.«

»Also gut. Fünf Pfund weniger.«

Glenda schwieg. Sie kannte das Spiel. Jetzt kam es auf Verhandlungsgeschick an. Sie tat etwas uninteressiert, schaute sich in der Gegend um und sah nicht weit entfernt eine junge Frau auf einer Bank sitzen. Neben ihr lag das, was sie verkaufen wollte, aber Glenda sah nicht, was es war.

Sie schüttelte den Kopf und stellte die kleine Vase wieder an ihren Platz zurück.

»Ich werde es mir noch mal überlegen.«

Die Verkäuferin nickte. »Tun Sie das. Aber nicht zu lange, sonst ist dieses Teil weg.«

»Ich weiß. Danke …«

Glenda ging weiter. Sie wollte tatsächlich darüber nachdenken, ob sie die Vase kaufen sollte oder nicht, aber der Abend war ja noch nicht beendet.

Sie ging weiter, und ohne dass sie es sich direkt vorgenommen hatte, näherte sich Glenda der Bank, auf der die junge Frau ihren Platz gefunden hatte. Sie saß da nicht einfach nur, um sich auszuruhen, sie wollte etwas verkaufen. Und das waren Kartenspiele.

Die meisten Besucher mieden die Person mit den rötlich-blonden Haaren. Nicht so Glenda Perkins. Sie ging auf sie zu, weil sie sich irgendwie von ihr angezogen fühlte.

Die junge Frau schaute auf. Ja, sie war noch jung. Ungefähr sechzehn Jahre, also beinahe noch ein Kind.

»Hi«, sagte sie.

Glenda nickte. »Du verkaufst Kartenspiele?«

»Ja.«

»Und?«

»Schau dir doch mal eines an.«

»Gern.« Glenda nahm das Spiel aus der Hand der Verkäuferin entgegen. Es waren normale Karten, vielleicht etwas glänzender als die Karten, die man sonst kannte.

Glenda drehte sie um, weil sie sich die Motive anschauen wollte. Mit normalen Karten hatte sie nicht gerechnet, das war schon klar. Die hätte man hier kaum loswerden können, was sie aber sah, überraschte sie schon.

Die Motive auf den Karten sahen so anders aus. Sie waren irgendwie immer gleich und trotzdem anders. Personen waren auf den Vorderseiten abgebildet. Manche waren männlich, andere wiederum Frauen.

Eines hatten sie gemeinsam. Egal, ob sie weiblich oder männlich waren. Sie waren allesamt nackt.

Glenda war nicht prüde. Sie musste in diesem Fall schon schlucken, denn damit hatte sie nicht gerechnet. Sie schüttelte den Kopf, aber wenn sie ehrlich gegen sich selbst war, dann konnte sie noch so intensiv auf die Karten schauen, sie fand nichts, was anstößig gewesen wäre.

Es waren in der Regel schöne Menschen, vor allen Dingen junge, so jung eben wie diejenige Person, die die Kartenspiele an den Mann oder die Frau bringen wollte.

»Gefallen sie dir?«

»Ja, nicht schlecht.«

»Du kannst ein Spiel kaufen.«

»Das weiß ich.«

»Du würdest es nicht bereuen, ganz bestimmt nicht.« Die junge Frau hatte den Satz mit großem Ernst gesprochen, aber Glenda wollte noch etwas anderes wissen.

»Warum sind die Personen alle nackt?«

»Rate mal.«

»Bitte, dann hätte ich nicht zu fragen brauchen. Warum also sind sie nackt?«

»Weil sie etwas Besonderes sind.«

»Wieso?«

»Schau genau hin.«

Das tat Glenda. Okay, sie alle sahen gut aus. Aber das war nicht die Lösung. Es musste etwas anderes dahinterstecken. Glenda selbst kam nicht darauf, und so wandte sie sich wieder an die blutjunge Verkäuferin.

»Wer sind diese Menschen denn? Sind sie deine Fantasiefiguren? Hast du sie erschaffen?«

»Nein. Oder bin ich der liebe Gott?«

»Das nicht.«

Die junge Verkäuferin lächelte. Sie schien noch nach einer Antwort zu suchen, weil sie die Stirn in Falten gelegt hatte, aber gleich darauf gab sie die Antwort, und die haute Glenda Perkins fast aus den weißen Sneakers.

»Die Frauen und Männer, die du siehst, sind alle Engel …«

***

Jetzt war es heraus, und Glenda sagte erst mal nichts. Sie stand auf der Stelle, hielt den Mund geschlossen und atmete nur durch die Nase. Mit dieser Antwort hatte sie nicht gerechnet, aber sie wusste auch nicht, ob sie positiv oder negativ überrascht sein sollte. Sie konnte nur den Kopf schütteln.

»Glaubst du mir nicht?«

Glenda musste lachen. »Ich weiß nicht, ob ich dir glauben soll oder nicht, etwas seltsam ist es schon. Ein Kartenspiel nur mit Engelbildern? Das habe ich noch nie gesehen, davon habe ich auch noch nie gehört.«

»Das glaube ich. Es ist auch einmalig.«

»Ja.« Glenda legte das Spiel wieder auf die Bank. »Und wer kauft so etwas?«

»Ich denke, Menschen, die den Durchblick haben wollen.«

»Wieso?«

»Nun ja, die Engel können einem schon die Augen öffnen. Wen sie mögen, den verwöhnen die Engel. Dann haben sie einen tollen Schutz.«

»Und das weißt du?«

»Ich kann es beschwören.«

Glenda hätte sich jetzt wieder auf den Weg machen können, was sie jedoch nicht tat. Sie ging jetzt noch einen Schritt weiter und fragte: »Können diese Engel auch mich verwöhnen?«

»Bestimmt können sie das. Da bin ich mir sogar sicher.«

»Und wie sollte das geschehen?« Glenda deutete auf ein Kartenspiel. »Muss ich eines kaufen?«

»Ja, eigentlich.«

»Und uneigentlich?«

Das Mädchen zuckte mit den Schultern. »Ich weiß nicht.«

»Doch.«

»Man kann mit den Karten experimentieren.«

»Inwiefern?«

»Man könnte durch sie Kontakt mit den Engeln herstellen. Ja, das ist etwas Wunderbares. Kontakt mit den Engeln, die in ihren Reichen leben …«

Glenda lachte. »Das gibt es doch nicht.«

»Aber sicher gibt es das, warum sollte ich denn lügen? Kannst du mir das sagen?«

»Nein …«

»Siehst du. Aber ich spüre, dass du interessiert bist.« Sie nahm das Kartenspiel in die Hand, das Glenda weggelegt hatte. »Bitte, nimm es, denn es gehört dir.«

»Wie?«

»Ja, ich schenke es dir.«

»Und dann?«

»Nichts dann.«

»Es steckt nichts dahinter?«

»Nein, nimm das Spiel. Nimm es als Geschenk.«

»Und warum schenkst du es mir?«

»Warum nicht?«

»Das ist keine Antwort.«

»Ich weiß, Glenda.«

Nach diesem Satz zuckte Glenda Perkins zusammen. Sie hatte das Gefühl, einen Tritt in den Leib zu bekommen. Woher wusste dieses Mädchen denn ihren Namen?

»Warum schaust du so?«

Jetzt musste Glenda lachen. »Das ist ganz einfach, ich habe dir meinen Namen nicht gesagt. Und auf einmal weißt du ihn?«

»Richtig.«

»Und woher weißt du ihn?«

»Das ist noch einfacher zu beantworten. Die Engel haben ihn mir verraten.«

Die Engel!, dachte Glenda. Klar, wer sonst? Es haben nur die Engel sein können. So ein Quatsch, so ein …

Weiter dachte sie nicht, denn sie sah das ernste Gesicht der jungen Frau. Sollte trotzdem etwas dahinterstecken? War das nicht nur einfach so daher gesagt, um Kunden zu locken? Glenda spürte eine gewisse Unsicherheit in sich hochsteigen. Jetzt hätte sie etwas sagen müssen. Ihr fehlten für einen Moment die Worte, und so schaute sie der jungen Frau nur ins Gesicht, bevor sie fragte: »Wie heißt du?«

»Elisa.«

»Sehr schön, Elisa. Und was ist mit den Engeln? In welchem Verhältnis stehst du zu ihnen?«

»Sie sind meine Freunde, ich kenne sie …«

»Klar, ich kenne auch einen von ihnen. Da muss ich nur auf das Bild schauen.«

»Du hast mich nicht verstanden. Ich kenne sie, und sie kennen mich, denn wir treffen uns oft.«

»Aha. Und wo?«

»Nicht hier.«

»Das kann ich mir denken.«

Elisa ließ sich nicht aus dem Konzept bringen. »Wir treffen uns in der Regel in meiner Wohnung. Dort sind wir dann miteinander verbunden.«

Glenda Perkins musste lachen.

»Und das soll ich dir glauben?«

»Warum nicht? Es ist die Wahrheit. Die reine Wahrheit. Ich brauche nicht zu lügen.«

»Klar.«

Glenda Perkins war hin und her gerissen. Sie wusste in diesem Fall wirklich nicht, was sie glauben sollte.

Und jetzt?

Es gab Engel, das wusste sie. Es gab auch Engel, die mit Menschen Kontakt hatten. Sie selbst hatte da schon einige Dinge erlebt, und deshalb war sie skeptisch. Sie tat die Erklärungen nicht als Gerede ab. Jetzt ging sie davon aus, dass mehr hinter diesen Aussagen steckte, und sie hatte beschlossen, nachzuhaken.

»Wie sieht das denn aus, wenn du Kontakt mit den Engeln aufnehmen willst?«

»Ich tue es einfach.«

»Aha. Jetzt und hier?«

»Das könnte ich schon, aber ich tue es nicht. Dieser Ort ist nicht gut.«

»Welcher dann?«

»Bei mir zu Hause. In meinem kleinen Garten, da schaffe ich es. Das ist ein wunderbarer Ort.«

»Und wo ist der zu finden?«

Elisa winkte ab. »Es steht auf dem Kartenspiel zu lesen. Du kannst ihn nicht verfehlen. Überlege es dir. Noch ist die finstere Nacht nicht angebrochen. Manchmal soll man wirklich den Tag so lange wie möglich nutzen.« Sie nahm die anderen Kartenspiele zur Hand, packte sie in einen kleinen Spielzeugkoffer, nickte Glenda noch mal zu und ging davon, als wäre nichts passiert.

Glenda schaute ihr nach. Sie wusste nicht, wie sie die Dinge einstufen sollte. Irgendwie hatte sie sich den Abend anders vorgestellt. Jetzt stand sie schon wieder unter einem gewissen Druck, den sie allerdings loswerden könnte, wenn sie nicht mehr an die Engel und das Kartenspiel dachte.

Das konnte sie nicht. Die Begegnung war einfach zu prägnant gewesen. Diese Elisa wusste sogar Glendas Namen, ohne dass sie ihn ihr gesagt hatte.

Das war alles schon sehr seltsam. Eine Entscheidung traf sie noch nicht, sie wollte erst mal die Dinge von verschiedenen Seiten aus betrachten.

Zuerst schaute sie sich das Spiel an. Das heißt, die Bilder auf der Schachtel, in der die Karten steckten. Ein Engel war auf der Oberseite zu sehen. Man konnte ihn mit einem Glanzbild vergleichen. Ein pummeliges Geschöpf, bei dem nicht zu sehen war, ob es sich um ein Mädchen oder einen Jungen handelte.

Glenda wollte das Spiel schon einstecken, als ihr etwas auffiel. Sie sah es, sie bekam große Augen, sie schüttelte den Kopf und sie stöhnte leise auf.

Jetzt sah sie es erneut, und nun wusste sie, dass sie keiner Täuschung erlegen war.

Der kleine Engel hatte ihr zugelächelt!

***

In diesem Augenblick wusste Glenda Perkins nicht, was sie noch denken sollte. Sie wollte nicht daran glauben, dass ihr der Engel zugelächelt hatte, aber es war ...

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