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John Sinclair - Folge 1779

Sie kam aus Atlantis

(2. Teil)

Wir mussten jemanden töten!

Skrupel spürten Suko und ich nicht, denn was da vernichtet werden musste, war kein Mensch, sondern ein Abbild, ein Erbe, eine Erinnerung an etwas Gefährliches, das vor langer Zeit einmal existiert hatte.

Das Legat einer dämonischen Gestalt, deren Name auch im Laufe der Jahrhunderte nichts von seinem Schrecken verloren hatte.

Medusa!

Es gab Menschen, die sich schüttelten, wenn sie den Namen hörten. Andere wiederum rannten weg, denn sie wollten nicht zu Stein werden, wenn sie die Dämonin anschauten. Genau das wollten wir auch nicht. Deshalb hatten wir Vorbereitungen getroffen.

Wir hatten das Gelände von anderen Kollegen aus dem Ort Early absperren lassen. Große Erklärungen hatten wir nicht gegeben und nur dafür gesorgt, dass niemand dem Zentrum, einem Wohnmobil, zu nahe kam.

Die Gegend war zwar einsam, aber nicht menschenleer. Und so hatte es sich herumgesprochen, dass hier auf dem Feld etwas Besonderes ablief oder ablaufen sollte. Zu sehen gab es nichts, trotzdem hatten sich zahlreiche Neugierige versammelt, die in einer gewissen Entfernung standen und gafften. Sie hatten der Polizei bei der Arbeit zugesehen und trotzdem nichts entdeckt.

Das Wohnmobil war von einem Mann gefahren worden, der sich noch jetzt innerhalb des Wohnmobils befand. Allerdings nicht mehr als ein normaler Mensch, sondern als einer, der zu Stein geworden war, denn er hatte dieses Erbe direkt angeschaut. Obwohl er so darauf gesetzt hatte, war er nicht dagegen gefeit gewesen.

Wer sie anschaut, wird zu Stein!

So hieß es. So war es in der Überlieferung weitergegeben worden, und so hatte es sich auch heute leider zugetragen. Wir würden uns vor einem Blickkontakt hüten müssen, wenn wir in den Wagen stiegen, um das Medusa-Erbe zu vernichten, das nichts anderes als ein Wappen war. Es stellte einen Frauenkopf dar. Versehen mit einem hässlichen Gesicht und dem Schlangenhaupt, eben diese typische Medusa.

Die Kollegen hatten es gut gemeint und wollten uns auch weiterhin behilflich sein. Das jedoch hatten wir abgelehnt.

Wir hatten uns trotzdem von ihnen etwas bringen lassen. Das waren zwei große Spiegel, die wir mit beiden Händen festhalten mussten, um sie tragen zu können. Wenn wir das Wohnmobil betraten, dann nur mit ihnen, denn nur wenn wir die Medusa im Spiegel sahen, konnten wir sie ohne Gefahr betrachten.

So hatte es in der alten Legende gestanden, so war es überliefert worden und das hatte auch nach so langer Zeit noch seine Gültigkeit, denn das hatten wir bereits in früheren Fällen erlebt.

Alle Offiziellen waren bereits verschwunden. Nur auf der Straße hielten sich noch einige auf, als erwarteten sie etwas Besonderes. Von uns nicht, nur die Natur zeigte eine Veränderung, denn es schwand die Helligkeit des Tages. Die Dämmerung war im Anmarsch. Allerdings würde es noch etwas dauern, bis sie einsetzte.

Wir mussten uns nicht nur um diese Medusa kümmern, sondern auch um den versteinerten Mann, der im Wohnwagen lag. Er musste nach draußen gebracht werden. Wir wollten ihn in die Obhut unserer Kollegen geben.

Erst mal mussten wir den Wagen betreten. Suko hielt seinen Spiegel fest, ich den meinen. Wir hatten uns abgesprochen. Es war wichtig, wie wir vorgehen wollten, denn wir konnten uns keinen Fehler erlauben. Wir mussten uns genau an die Regeln halten und durften keinen Schritt davon abweichen.

»Alles okay?«, fragte Suko.

»Bei mir schon.«

»Wer geht zuerst?

Ich hob die Schultern. »Wie du willst. Ich denke allerdings, dass ich den Anfang mache.«

»Einverstanden.«

Mit ein paar wenigen Schritten hatte ich die Tür erreicht. Es wäre kein Problem gewesen, sie zu öffnen, um das Wohnmobil zu betreten. Das genau tat ich nicht. Ich öffnete zwar die Tür, ließ sie aber zunächst angelehnt und sorgte dafür, dass sich der Spiegel in der richtigen Stellung befand. Hätte ich ihn auf den Boden gestellt, hätte er mir bis zu den Knien gereicht. Darauf verzichtete ich. Ich klemmte ihn in meine linke Armbeuge, was auch Suko gut fand, denn er lächelte und nickte.

»Dann geh mal vor.«

Es kam mir schon komisch vor. Innerlich spürte ich den Druck. Wenn ich jetzt einen Fehler beging, war alles vorbei. Da konnte man mich dann mit einem Hammer zerhacken.

Ich hörte mein Herz schlagen. Sogar lauter als sonst. Es war schon ein gewisser Stress, der mich unter Kontrolle hielt. Ich griff nach der Türklinke und öffnete den Zugang behutsam.

Dabei drehte ich mich etwas nach links, damit ich in den Spiegel schauen konnte, der mir ein Bild von dem zeigen würde, wie es im Innern aussah.

Von der Medusa sah ich nichts. Das musste nicht heißen, dass ihr Wappen nicht mehr vorhanden war. Sie hatte schon ihre Spuren hinterlassen und die würden auch auffallen. Ich drückte die Tür etwas weiter auf und war auch hierbei sehr vorsichtig.

Mein Blickfeld erweiterte sich zwangsläufig, und ich zuckte leicht zusammen, als ich die erste Entdeckung machte.

Auf dem Boden lag eine Gestalt.

Ein Mann.

Einer, der sich nicht bewegte und sich auch nicht bewegen konnte. Er lag auf dem Boden und war zu Stein geworden, denn er hatte die Medusa oder das Wappen angeschaut.

»Was siehst du?«, fragte Suko.

»Ihn.«

»Und?«

»Na ja, er ist zu Stein geworden. Aber das weißt du ja.«

»Genau.«

Wir sahen das Innere des Wohnmobils nicht zum ersten Mal. Wir kannten es, wir hatten es betreten und uns dabei an gewisse Vorbestimmungen gehalten, wir hatten geschaut, aber nicht gegen die Medusa. Wir hatten den Besitzer des Wohnmobils rausholen wollen. Er jedoch hatte den Fehler begangen und auf das Wappen geschaut. Da war er zu Stein geworden, und auch Suko hatte ihm nicht mehr helfen können.

Der Mann mit dem Namen Orson Tangy hatte voll und ganz auf die Medusa gesetzt. Mit ihr hatte er große Ziele erreichen wollen, aber er hatte zu hoch gepokert.

Ich schaute kurz auf Suko, der in meiner Nähe stand. Er grinste mich an. »Los, mach weiter.«

»Ja, ja. Immer mit der Ruhe. Oder möchtest du gern versteinern?«

»Nein. Aber ich habe Hunger.«

»Ist ja was ganz Neues bei dir.«

»Richtig, dafür kann ich nichts.«

»Reiß dich zusammen, und auf einen Schlangenbraten stehst du ja wohl nicht – oder?«

»Nein, weder gegrillt noch gekocht.«

»Dann bin ich zufrieden.«

Das Flachsen gehörte dazu, es entspannte uns, denn wir wussten, wie gefährlich die Sage war. Was wir hier taten, war kein Kinderspiel. Auch wenn es nach außen ungewöhnlich aussah, wenn zwei Männer mit Spiegeln an einem Wohnmobil standen.

Ich wollte den Wagen als Erster betreten und musste die Tür noch weiter öffnen.

Es war leicht. Wir hörten auch kein Geräusch. Warme Luft drängte sich uns entgegen. Ich hob meinen rechten Fuß an und setzte ihn im Innern des Wohnmobils auf.

Den linken zog ich nach, drehte mich und den Spiegel zur Seite, damit ich auch in eine andere Richtung schaute und endlich das Wappen mit der Medusa sah.

Um den versteinerten Orson Tangy kümmerte ich mich nicht. Dazu hatten wir später noch Zeit genug. Erst mal hinschauen. Die Medusa, die Medusa – die Medusa …

Ich dachte an sie. Im Stillen sprach ich mehrmals ihren Namen aus, was auch einen Grund hatte. Sie hätte hier im Wagen sein müssen. Ich hätte ihr Abbild im Spiegel sehen müssen, aber da war niemand zu sehen. Kein Wappen, kein Gesicht. Kein Kopf, auf dem Schlangen wuchsen, einfach gar nichts mehr.

Ich hätte beinahe gelacht, aber der Ton blieb mir im Hals stecken. Was ich hier erlebte, das war verrückt, das war aber keine Täuschung, es gab das Wappen nicht mehr.

»John, was ist los?«

Klar, dass Suko ungeduldig wurde. Das wäre ich an seiner Stelle auch geworden. Er wartete auf eine Antwort und die bekam er auch.

»Ich weiß nicht, was es ist, aber eines kann ich dir schon sagen. Das Wappen ist verschwunden.«

Pause. Dann die Frage. »Es ist nicht mehr da?«

»Ja, so sieht es aus.«

»Und wo ist es? Verstellt? Steht es jetzt woanders?«

»Das weiß ich nicht. Aber dort, wo wir es gesehen haben, ist es nicht mehr.«

Suko murmelte etwas, das ich nicht verstand. Ich blieb allerdings bei meiner Vorsicht und erklärte ihm, dass ich jetzt den Wagen betreten wollte.

»Okay. Aber lass dich auf nichts ein.«

»Nein, nein, keine Sorge.«

Ich ging nur einen Schritt vor, blieb dann stehen und hielt den Spiegel so, dass ich mich drehen und in verschiedene Richtungen schauen konnte.

Alles sah ich sehr deutlich, aber alles sah ich auch nur im Spiegel. Dafür sorgte ich schon.

Sie war weg.

Es war weg.

Es war hell genug, um das erkennen zu können, ich fand einen Lichtschalter und drehte ihn herum. Dabei war ich auf der Hut und rechnete mit dem Schlimmsten, aber meine Vorsicht war unnötig gewesen. Ich hätte den Spiegel auch sinken lassen können, denn es drohte keine Gefahr mehr.

Zu Stein wurden wir nicht.

Ich war etwas von der Tür weggegangen, was Suko nicht passte. Er rief meinen Namen.

»Du kannst kommen.«

»Und sonst?«

»Zu Stein wirst du nicht werden.«

»Das hatte ich auch nicht vor …«

***

Sekunden später stand er neben mir. Zuerst nickte er mir zu, dann schaute er sich um, bekam große Augen und flüsterte: »Stimmt, ich sehe sie auch nicht, auch kein Wappen oder die Medusa in veränderter Form.«

Suko ging dorthin, wo das Wappen gestanden hatte. Das wussten wir von unserem ersten Besuch. Er suchte nach irgendwelchen Spuren, fand aber keine und zuckte mit den Schultern.

»Ja, verschwunden, in Luft aufgelöst, wie auch immer. Und wir haben nichts gesehen.«

Ich nickte nur, gab keine Antwort und schaute einfach nur ins Leere. Wie war so etwas möglich? Wer oder was steckte hinter diesem Wappen? Ich wusste es nicht, ich ging nur davon aus, dass es nicht normal war. Aber was war in diesem Fall schon normal, der damit begonnen hatte, dass ein zu Stein gewordener Mensch gefunden worden war und wir so in den Kreislauf hineingeraten waren?

Jetzt schien er sich geschlossen zu haben. Ausgerechnet auf einem Feld, das für uns auch das Ende einer Jagd bedeutete, denn wir hatten den Menschen, der nur noch als Steinfigur vorhanden war, gejagt.

Wir beließen es nicht dabei und durchsuchten den Wagen. Es gab hier wenige Verstecke, und sie alle waren mit den Dingen des täglichen Lebens gefüllt, aber nicht mit einem Wappen, das einen möglicherweise lebendigen Medusenkopf beinhaltete.

Suko schlug mir auf die Schulter und fragte dabei: »Was sagt uns das, Alter?«

»Dass die Jagd von vorn beginnt.«

»Bravo.«

»Und wir nicht wissen, wo wir ansetzen sollen. Ja, wir wissen nicht mal, was passiert ist. Oder siehst du das anders?«

»Wie könnte ich.«

Ich spreizte zwei Finger ab. »Für mich gibt es nicht so viele Alternativen. Entweder hat er oder sie, wie auch immer, es aus eigener Kraft geschafft, oder es hat Hilfe von außen gegeben.«

»Das ist möglich.« Suko bekam große Augen, als er mich anschaute. »Aber wer?«

»Keine Ahnung.«

»Jedenfalls geht der Ärger weiter.«

Da hatte er ein wahres Wort gelassen ausgesprochen. Das brachte uns nicht weiter. Außerdem musste ich Sir James informieren, denn er würde Bescheid wissen wollen.

Ich trat vor den Wagen und rief ihn an. Sehr schnell meldete er sich.

»Ach, John, Sie sind es. Ich kann jetzt reden. Die Konferenzen sind vorbei.«

»Gut, Sir, ich habe nur schlechte Nachrichten.«

»Genauer.«

In der nächsten Minute bekam er es von mir erklärt. Er sagte nichts, schnaufte nur einige Male und meinte zum Schluss: »Das bedeutet nichts Gutes, denke ich.«

»So ist es, Sir.«

»Dann sollten wir überlegen, was wir machen. Haben Sie eine Spur?«

»Nein, Sir. Das Wappen ist verschwunden. Natürlich mit ihm auch das Gesicht der Medusa.«

»Wie sieht es mit einer Idee bei Ihnen aus?«

»Vorläufig haben wir keine. Wir greifen hier wie so oft ins Leere. So ist das leider, Sir.«

»Ja, aber das lässt sich ändern.«

»Wir werden es versuchen. Leider können wir von diesem Orson Tangy nichts mehr erwarten. Es ist tot.«

»Ja, das ist die Tragik. Jedenfalls können Sie mich auch weiterhin erreichen.«

»Klar, Sir.«

Suko grinste mich an. »Na, was hat der Alte gesagt?«

»Er war ja so begeistert. Ich denke, dass dieser Fall irgendwie an ihm vorbei geht. Er hat genügend Stress mit Olympia.«

»Also hängen wir mal wieder in der Luft.«

»Kann man so sagen«, erwiderte ich.

»Gut, was ist mit unserem steinernen Freund?«

Ich winkte ab. »Der kann auch morgen noch abgeholt werden. Ich rufe unsere Leute an. Es ist alles abgesperrt, das wird die Neugierigen abhalten, denke ich.«

»Wie du meinst. Und was machen wir?«

Ich wusste es noch nicht. Deshalb erhielt Suko auch keine Antwort von mir. So rückte er selbst mit einer heraus.

»Wie wäre es denn, wenn wir in den Ort fahren und mit dem Kollegen O’Malley reden?«

»Du willst ihn einweihen?«

»Ja, das könnte von Vorteil sein. Er wird seine Augen nicht verschließen können.«

Ich musste lachen. »Dabei wäre es besser, wenn er das könnte, sonst wird er noch zu Stein.«

»Stimmt auch wieder. Die Gefahr ist nicht gebannt, das sage ich dir. Es geht weiter.«

Für uns stand fest, dass uns diese Medusa mitsamt ihrem Wappen entwischt war. Leider nur entkommen und nicht vernichtet.

Das mussten wir ändern.

***

Es waren die Stimmen gewesen, die sich in ihrem Kopf gesammelt hatten. Erst leise Stimmen, dann hatten sie immer mehr an Lautstärke zugenommen und brausten in einem Kopf herum, dessen Haare aus Schlangen bestand.

Es gab die Verbindung. Man hatte sie nicht im Stich gelassen. Die alte Zeit stand bereit, ihr zu helfen. Sie war nicht grundlos an so etwas wie ein Wunder geraten.

Es sollte eintreten.

Es musste eintreten!

Sie spürte plötzlich die Erde um sich herum. Sie war eingeschlossen, und ihr Gesicht glühte in einem rötlichen Schein. Sie wusste, dass sie eine Medusa war, aber nicht nur eine mächtige Göttin, denn sie war auch noch etwas anderes. Eine Versuchsperson, der doch irgendwann Gehör geschenkt werden musste.

Und ihr wurde Gehör geschenkt. Die uralte Magie, auf die sie gesetzt hatte, entwickelte sich zu einem mächtigen Schutz, der sich gar nicht so anfühlte, weil sie auch einen starken Druck verspürte, dem sie nicht entkommen konnte.

Niemand schaute dem zu, was geschah. Es passierte noch im Wagen, in dem sich niemand Einlass verschafft hatte. Dennoch war plötzlich das helle Licht da, das sich wie Schleier ausgebreitet hatte und natürlich auch das Wappen erfasste.

Kein Mensch wurde Zeuge von dem, was nun passierte. Das Licht umkreiste lautlos das Wappen. Es kaum danach kurz zur Ruhe und konzentrierte sich dann direkt auf das Gesicht.

Es war zu spüren. Eine andere Kraft oder Macht hatte sich freie Bahn verschafft. Niemand konnte dagegen etwas unternehmen, und so nahm das Unheimliche weiterhin seinen Lauf. Es beherrschte alles, es sorgte dafür, dass das Wappen verbrannt wurde, wobei noch die Augen des schlangenköpfigen Wesens in einem hellen Grün leuchteten, das immer dunkler wurde und schon regelrecht bösartig aussah.

Kurze Zeit später war es vorbei. Das, was so lange versteckt gewesen war, existierte nicht mehr. Ein magisches Wunder hatte seine Existenz ausgelöscht.

Nichts ging mehr.

Wirklich nichts?

Das würde sich noch herausstellen, denn so leicht gab die andere Seite nicht auf. Sie war wieder da.

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