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John Sinclair - Folge 1778

Das Wappen der Medusa

(1. Teil)

Die Schlacht war vorbei!

Fast fünf Tage hatte sie gedauert, und zahlreiche Menschen auf beiden Seiten hatten ihr Leben verloren. Das Ziel allerdings war nicht erreicht worden. Sie hatten nicht das gefunden, was sie wollten.

Auch Kristos Kabenis suchte danach. Er war sich sicher, dass er den Gegenstand finden würde. Er musste einfach vorhanden sein. Das hatten beide feindlichen Parteien gewusst, aber sie waren zu schnell und zu hastig gewesen, hatten alles überstürzen wollen und hatten zu früh angefangen zu kämpfen und sich gegenseitig auszulöschen. Nun war Kabenis an der Reihe, und er wusste genau, wo er den Gegenstand finden konnte …

Es war etwas, das man mit Gold nicht aufwiegen konnte. Etwas Wundersames und Wunderbares. Etwas Göttliches und Menschliches zugleich. Etwas, auf das man stolz sein konnte, das einen weiterbrachte und vor allen Dingen Macht gab.

Die Schlacht hatte in den Hügeln stattgefunden. Wie viele Kämpfer daran teilgenommen hatten, wusste er nicht. Er sah nur die Toten, die sich an den Hängen verteilten. Manche der Männer lebten noch und lagen im Sterben, ihnen half niemand mehr. Sie stöhnten und flehten um Hilfe.

Sie würden sie nicht erhalten, denn auch Kristos konnte nichts für sie tun.

Er ging seinen Weg und hätte sich am liebsten die Ohren zugehalten. Er spürte den warmen Wind, der gegen ihn wehte und einen strengen Geruch mitbrachte. Es roch nach Blut und Staub und vielleicht sogar nach Angst, aber da war er sich nicht sicher. Hier durfte er nicht mehr nachdenken, hier musste er seinen Verstand abschalten. Das würde ihn nur belasten.

Manchmal, wenn er zu Boden schaute, sah er in die Gesichter der Toten oder Sterbenden. Dann bekam er ihre Blicke zu spüren und drehte den Kopf schnell zur Seite.

Der Kampf hatte im Morgengrauen stattgefunden. Inzwischen war einige Zeit vergangen und es war wärmer geworden. Die Sonne hatte ihre Wanderung aufgenommen und schickte erste helle Strahlen auf die Erde nieder.

Kristos Kabenis wusste, dass er sein Ziel noch nicht erreicht hatte. Er musste zur Kuppe des Hügels gelangen. Erst dort würde er den letzten Schritt gehen können.

Je weiter er kam, umso größer wurden die Abstände zwischen den Toten. Wenn er jetzt mal nach unten schaute, dann nicht nur immer in die gezeichneten Gesichter, sondern auch gegen den Fels und die Steine, die den Boden bedeckten.

Es gab hier keinen Baum, keinen Strauch, keine einzige grüne Insel. Nur von der Sonne erhitztes graues Gestein.

Aber wenn er den Kopf hob, dann sah er bereits die Felsen, die sein Ziel waren. Er schwitzte, er keuchte. Irgendwann blieb er stehen und legte eine Pause ein. Mit dem Handrücken wischte er über seine Stirn und putzte sich den Schweiß weg. Sein Atem pfiff, und trotzdem war Kristos glücklich, denn so nahe wie jetzt hatte er sein Ziel noch nicht gesehen. Der einzige Nachteil bestand aus dem steilen Weg, aber den würde er auch noch schaffen.

Kabenis musste weiter, bevor die Sonne noch höher kletterte und auf ihn nieder brannte. Alles war wichtig, jede Einzelheit. Er hatte sie in seinem Gedächtnis gespeichert und wusste genau, wann er sie abzurufen hatte.

Jetzt war er froh darüber, eine Lanze mitgenommen zu haben. Die konnte er benutzen wie einen Stock, denn der Weg war recht steil. Jeder Schritt fiel ihm schwer, aber er kämpfte sich voran. Was er zu finden hoffte, war alle Strapazen der Welt wert.

Er lachte. War es ein Lachen, weil er alles richtig gemacht hatte?

So genau wusste er das nicht. Jedenfalls musste er weiter.

Und dann hatte er es fast geschafft. Die Steigung lag hinter ihm. Das Plateau war erreicht und mit ihm die Felsen, die wie verschieden große Finger vor ihm in die Höhe ragten.

Ja, das war es. Er hatte es geschafft und atmete tief durch. Die Wärme war da, die Strahlen der Sonne brannten gegen seinen Rücken, aber das störte ihn nicht mehr.

Einen Blick zurück wollte er nicht werfen, weil er wusste, dass es keine Verfolger gab, und die Leichen wollte er sich auch nicht anschauen. Es gab nur den Weg nach vorn. Aber er musste noch den Beginn finden.

Die Felsen standen da und gaben ihm keine Antwort. Aber Kristos wusste, dass er hier fündig werden würde. Er musste nur den Eingang finden, und deshalb begann er mit seiner Wanderung an der Breitseite der Felsen entlang, wobei er sie nie aus den Augen ließ und sie angestrengt absuchte. Seine Augen brannten bald. Ab und zu hatte er den Eindruck, eine Lücke zu sehen, was sich wenig später immer als eine Täuschung herausstellte. Er gab trotzdem nicht auf, machte weiter, ging Schritt für Schritt und tastete mit seinen Blicken die Wand ab.

Plötzlich blieb er stehen. Seine Augen weiteten sich. Fast hätte er es übersehen. Ein langer Stein stand vor und setzte sich von den anderen ab. Er hatte auch ein besonderes Aussehen, denn er war an einer Kante fast glatt geschliffen worden. Das konnte durchaus von Menschenhand stammen.

Kristos Kabenis wurde nervös. Sein Atmen glich schon mehr einem Hecheln. Seine Augen wurden eng, und er peilte eine bestimmte Stelle an, die ihm wichtig erschien. Sie war nicht markiert. Das musste sie auch nicht sein, denn er wusste genau, was er wollte.

Er packte zu. Seine Hände fanden den richtigen Griff um die Kante. Was er jetzt tun musste, wusste er nicht, er startete einfach einen Versuch und zerrte daran.

Nichts bewegte sich.

Er gab nicht auf und unternahm einen neuen Versuch. Auch jetzt tat sich nichts. Das war der Moment, als er fast vor Enttäuschung aufgeschrien hätte, was er jedoch nicht tat, sondern nur in die Knie sank. Wieder musste er warten, bis er neue Kräfte gesammelt hatte. Er überlegte, ob er die Spitze der Lanze von oben nach unten ziehen sollte, um so irgendwelche Unebenheiten zu finden.

Er tat es nicht.

Er wollte die Kante mit den Händen abtasten, um den Öffner zu finden.

Kristos stellte sich wieder hin. Er hatte die Arme angehoben und erreichte fast das Ende der Kante. Wenig später ließ er seine Hände nach unten gleiten – und hörte mit der Bewegung auf, als er einen Spalt entdeckte, in den er seinen Finger schieben konnte.

Sogar ein zweiter passte hinein. Dass er gleich darauf einen leichten Ruck verspürte, geschah fast zufällig oder war ein Wink des Schicksals, wie er annahm.

Es war still, es schrie auch kein Vogel, doch dann wurde die Stille von einem leisen Knacken unterbrochen. Für ihn ein sehr wichtiges Geräusch, das ihn einen Jubellaut ausstoßen ließ.

Es blieb nicht beim Knacken. Das setzte sich zwar fort, aber es tat sich auch etwas, denn vor ihm öffnete sich der Fels, und es entstand eine so breite Lücke, dass zwei Männer hindurchgepasst hätten.

Er schaute in die Dunkelheit dahinter und ärgerte sich, dass er keine Fackel mitgenommen hatte. Aber er wusste auch nicht, woher er das Feuer hätte nehmen sollen. Es gab nichts, aber passen wollte er nicht, und so ging er durch die Öffnung in den Felsen hinein.

Vor ihm lag eine Höhle. Und er spürte bereits nach zwei Schritten, wie angenehm es war, sie betreten zu können, denn die große Hitze blieb zurück.

Es tat ihm gut und er gönnte sich eine Atempause. Im Dunkeln stand er noch nicht, denn das durch die Öffnung fallende Licht reichte bis zu ihm.

Er bewegte den Kopf und schaute sich um. Er suchte nach einem Hinweis, den er leider nicht fand. Aber er würde jetzt nicht aufgeben. Er musste suchen, er würde es finden. Viele hatten von einem Erbe der Medusa gesprochen. Sogar brutal geschlagen hatte man sich darum, und deshalb war er überzeugt davon, dass er es in dieser Höhle finden würde. Er hatte Zeit, er würde sie im Dunkeln ertasten und er glaubte zudem nicht daran, dass sie sehr groß war. Das würde nicht zum Aussehen der recht schmalen Felsen passen.

Kristos Kabenis ging weiter. Diesmal noch langsamer und auch schleichender. Die kühle Luft umschmeichelte ihn, als er tiefer in das Dunkel vordrang. Er hielt seine Lanze jetzt ausgestreckt, um irgendwelche Hindernisse ertasten zu können.

Es war keines vorhanden. Die Spitze der Lanze zielte ins Leere, und das tat sie auch noch Minuten später, bis sie dann auf einen Widerstand stieß, der hart war.

Eine Wand.

Sekunden später hatte er sie ertastet und konnte sich vorstellen, das Ende der Höhle erreicht zu haben. So drehte er sich um und schaute zurück.

Ja, der Eingang lag ihm gegenüber. Das war es also. Die Höhle war recht klein, und das Ziel, das zu finden, was er suchte, rückte somit immer näher.

Kristos ließ die Lanze sinken und drehte sich nach links. Er hatte es rein instinktiv getan, ohne einen besonderen Grund, den aber bekam er jetzt zu sehen.

Etwas hatte sich in seiner Nähe ohne sein eigenes Zutun verändert. Er sah es auf dem Boden, denn dort malte sich etwas schwach ab. Ein Umriss zunächst.

Kristos wurde nervös. Er bückte sich. Der Umriss blieb. Er wurde sogar deutlicher, und plötzlich wusste der einsame Mann Bescheid. Aus seinem Mund drang ein leises Lachen, er schüttelte den Kopf, er fing an zu glucksen und presste dann eine Hand vor die Lippen. Es gab keinen Zweifel. Er hatte den Gegenstand gefunden, der so wichtig für ihn war. Dafür waren so viele Menschen gestorben. Keiner von ihnen hatte zuvor den Weg gefunden, nur er.

Kabenis atmete schneller. Er fiel auf die Knie. Licht brauchte er nicht. Der Umriss gab ihm genügend Helligkeit. Es war perfekt. Es war das Wappen. Das musste es einfach sein.

Der Grieche ließ sich nach hinten fallen und blieb auf dem Boden sitzen. Er konnte nicht mehr, er musste erst einmal alles verdauen. Er musste seine Gedanken in die richtigen Bahnen lenken und sich klarmachen, dass er nur noch einen Schritt von der Macht entfernt stand.

Was war jetzt zu tun?

Einfach zugreifen und das Wappen aufheben? Ein Erbe der Medusa. Dieser Schlangengöttin, die eine große Macht über die Menschen hatte. Ja, sie hatte ein Erbe hinterlassen. Keiner hatte damit gerechnet. Die wenigsten wussten Bescheid, er aber hatte immer daran geglaubt und es nun auch gefunden.

Aber er hatte Mitwisser auf seinem Weg hierher zurückgelassen, doch sie hatten sich in den Kämpfen auf den Hügeln gegenseitig aufgerieben.

Alles war erledigt. Er brauchte nichts mehr zu befürchten und musste nur sein Fundstück aufheben, dann damit die Höhle verlassen und ein neues Leben beginnen.

Wer sie ansieht, wird zu Stein.

So hieß es, so war es auch. Wer die Frau mit den Schlangen auf dem Kopf anblickte, der versteinerte. Das galt für sie, aber ob das auch auf ihr Wappen zutraf, wusste er nicht. Er musste es ausprobieren, was mit einem Risiko verbunden war. Kneifen konnte er nicht. Vielleicht wurde er zu Stein, dann war es eben Schicksal.

Die Lanze legte er zur Seite, als er damit begann, das Wappen anzuheben. Es war recht groß. Und er schaute bisher gegen die Rückseite, die vordere sah er nicht. Noch nicht.

»Gut dann«, flüsterte Kristos und drehte das Wappen um.

Jetzt schaute er auf die Vorderseite, und es kam darauf an, ob er zu hoch gespielt hatte oder nicht …

***

Die Zeit verstrich.

Kristos Kabenis betete zu allen möglichen Göttern, damit diese sich auf seine Seite stellten. Das schienen sie zu tun, denn es passierte nichts, obwohl er das Wappen auf die andere Seite gedreht hatte. Er schaute es zwar an, aber er hatte die Hand mit den gespreizten Fingern vor seine Augen gelegt, damit er nicht alles sah. Es war eine Selbsttäuschung, das gab er schon zu, aber er spürte keine Veränderung. Er sah nur, dass auf der Oberseite ein schwaches Leuchten lag, das von einem bestimmten Motiv ausging.

Noch war sein Blickfeld eingeschränkt. Das änderte sich, als er die Hände vom Gesicht nahm und einen freien Blick hatte.

Er riss den Mund auf.

Es war kaum zu begreifen, aber er hatte das große Glück gehabt.

Es war die Medusa. Es war ihr Gesicht, es war ihr Kopf mit den Schlangen als Haar. Es war zudem das Gesicht einer alten Frau mit einer grauen, faltigen Haut und bösen Augen.

Kristos schaute genauer hin und sah, dass der gesamte Kopf von Schlangen umgeben war. Mit ihren Schwänzen hingen sie am Kopf fest, die Mäuler berührten den Rand des Wappens.

Er starrte es an.

Und er war nicht zu Stein geworden. Bei ihm hatte der Zauber nicht gewirkt.

Er war der Richtige. Er war der König. Er war von den Göttern akzeptiert worden. Er konnte das Wappen der Medusa an sich nehmen, ohne dass er versteinerte.

Fast hätte er seinen Jubel hinausgeschrien. Im letzten Moment riss er sich zusammen. Er war jetzt ein anderer geworden. Ein Mächtiger, der keine Feinde zu fürchten brauchte. Dieses Wissen tat ihm gut, und in seinen Augen war plötzlich ein besonderer Glanz. Nun ging es nur noch nach vorn. Er würde ein Mächtiger werden, nein, er war es schon. Dieses Wappen bewies es, denn er war in der Lage, es anzusehen, ohne dass er versteinerte.

Er nahm es hoch. Eigentlich hätte es sehr schwer sein müssen, aber das war das Wappen nicht. Es kam ihm sogar als recht leicht vor. Er würde es ohne Probleme transportieren können.

Etwas störte ihn.

In der Höhle war es weiterhin dunkel. Helligkeit gab es nur dort, wo sich der Eingang befand. Und da geschah etwas. Dort verdunkelte sich die Öffnung, was eigentlich nicht sein konnte. Niemand war ihm gefolgt und von dem Schlachtfeld hatte sich auch keiner mehr erheben können.

Und doch war jemand da. Er hatte die Höhle bereits betreten und war zur Seite gegangen, sodass die Helligkeit jetzt wieder freie Bahn hatte.

Kristos hatte den Mann zwar gesehen, aber nicht erkannt.

»Hallo, Kristos!«, rief ihn eine Stimme an. »Bist du in der Höhle? Klar, du bist in der Höhle. Das kann ich riechen. Und ich bin jetzt auch hier. Du hast mich wahrscheinlich vergessen, aber ich habe dich nicht vergessen.«

Irrtum. Ich habe dich nicht vergessen. Ganz und gar nicht, Bruderherz.

Er dachte es nur, er sprach es nicht aus, aber er ärgerte sich, dass Georgis es geschafft hatte, ihm bis hierher zu folgen. So etwas hätte nicht sein dürfen, und doch war es passiert.

Kristos wusste auch, dass sein Bruder die Höhle nicht freiwillig verlassen würde. Er wollte eine Entscheidung. Er wollte das, was seinem Bruder gehörte.

»Geh lieber wieder!«, rief Kristos. »Das hier ist kein Ort für dich. Ich kann dich nur warnen. Verschwinde. Es ist besser, wirklich besser. Du willst dich doch nicht unglücklich machen?«

»W

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