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John Sinclair - Folge 1777

Inhalt

  1. Cover
  2. Impressum
  3. Blond, charmant und untot
  4. Vorschau

Blond, charmant und untot

Der Tod kam mit der Dämmerung!

Er meldete sich nicht an, er war plötzlich da, und er verbarg sich hinter einer menschlichen Maske.

Oder hinter zwei Masken, denn die Killer traten stets als Paar auf. Deshalb wurden sie auch die Zwillinge genannt. Oder besser noch die tödlichen Zwillinge …

Das Essen hatte sich Thelma Blake vom Chinesen geholt und auf ihrem Boot wieder aufgewärmt. Nudeln mit Gemüse und darin verteilt ein paar Fleischstücke. Nichts Besonderes, kein Mahl, auf das man sich freuen konnte, aber es machte satt, und das allein zählte. Mehr wollte die Frau nicht.

Die Frau war unter Deck in die kleine Kabine gegangen und aß langsam, fast bedächtig. Vor jedem Schlucken schien sie zu lauschen, dann erst schob sie die Gabel mit dem Häppchen in den Mund.

Es war ruhig im kleinen Hafen. Der Betrieb hatte sich gelegt. Die Dämmerung schob sich über das Land und ließ die ersten Schatten wachsen. Es war ein normaler Tag. Alles war normal. Man musste nichts sagen, man konnte in den Abend hinein relaxen, und das hatte sich auch Thelma Blake vorgenommen.

Sie schaffte es nicht.

In ihr steckte eine Unruhe, der sie kaum Herr wurde. Man sah es ihr äußerlich nicht an. Für viele wirkte sie ein wenig unnahbar. Wie ein Eisberg, der erst noch aufgetaut werden musste, um dann eine wilde Glut zu entfalten.

Ab und zu nahm sie einen Schluck aus der Dose. Irgendeinen Powerdrink, den sie noch im Kühlschrank gefunden hatte. Sie hätte sich auch Kaffee kochen können, hatte aber keinen Bock darauf gehabt. Der Drink und das Essen reichten ihr. Morgen war auch noch ein Tag, und den würde sie nicht auf ihrem Boot verbringen.

Es lag in einem fast stillen Wasser. Nur hin und wieder schaukelte es sanft auf den kleinen Wellen. Dann waren auch die knarrenden Geräusche zu hören, die entstanden, wenn sich irgendetwas an Bord bewegte. Kein Problem, auch keine Gefahr.

Und auf Gefahren zu achten, das hatte Thelma gelernt. Sie war immer darauf gefasst, etwas Schlimmes zu erleben, das ohne Vorwarnung über sie kam.

Sie schluckte den letzten Bissen. Die leere Schachtel wanderte in den Müll. Ebenso wie die Dose, denn auch sie war leer. Danach gab es für Thelma nichts mehr zu tun. Sie konnte sich vor die Glotze hauen oder auch in eine der Kneipen gehen, die es in der Nähe gab. Darauf verzichtete sie. Ihretwegen hatte es schon öfter Ärger gegeben, denn sie war eine Person, die etwas Wildes und Ungezügeltes ausstrahlte, auf das fast alle Männer hereinfielen. In der Regel genoss sie es. Aber es war nicht immer gut, und sie wollte auch nichts provozieren.

An diesem Abend trug sie eine enge Hose aus Leder, ein dunkelrotes Tank-Top und eine kurze Lederjacke darüber. Das blonde Haar, das mehr einer Mähne glich, hatte sie offen gelassen. Die Füße steckten in halbhohen Stiefeln.

Es war Vorsommer. Erst in den letzten Tagen waren die Temperaturen gestiegen, sodass dieser Begriff auch zutraf. Eine Treppe führte zum Deck hoch. Es waren nur vier Stufen, die Thelma zurückzulegen hatte. Sie ging langsam, sie war auf der Hut, und das war sie eigentlich immer. Sie war etwas Besonderes, und das hatten schon viele Personen grausam zu spüren bekommen.

Sie ging an Deck und blieb dort stehen. Dabei gönnte sie sich einen Rundblick über die anderen Boote, die an diesem Kai lagen und auf den Wellen schaukelten.

Es gab keine Probleme. Es war nichts zu sehen, was sie hätte misstrauisch werden lassen. Alles blieb im grünen Bereich.

Doch ihr Gefühl war kein gutes gewesen, und das hatte bereits am Nachmittag seinen Anfang genommen. Es gab keinen Grund dafür, aber sie konnte es auch nicht ignorieren. Und gegen Abend hatte es sich noch weiter gesteigert.

So ruhig alles aussah, Thelma führte schon ein anderes Leben. Es war nicht mit dem einer normalen Frau zu vergleichen. Für sie wurde es von einer gewissen Hochspannung begleitet, denn Thelma Blake war nichts anderes als eine Killerin.

Ja, sie killte Menschen.

Und es machte ihr nichts aus. Sie tötete mit einer gnadenlosen Präzision, wenn es sein musste. Und es musste immer wieder mal sein. In den letzten Monaten hatte sie Hochkonjunktur gehabt. Gerade auf politischer Ebene hatte sie eingegriffen und dafür gesorgt, dass manches umgeschrieben werden musste.

In der Öffentlichkeit kannte man sie nicht. Sie war ein völliges Neutrum, und ihre Wohnorte suchte sie sich immer ganz speziell aus und lebte dort nie länger als drei Monate.

Einen festen Arbeitgeber hatte sie nicht. Den hatte es mal gegeben, aber das lag schon länger zurück. Sie hatte sich von ihm getrennt und war den Weg der Selbstständigkeit gegangen.

Dass sie sich damit keine Freunde gemacht hatte, war klar. Aber damit konnte sie leben, das war kein Problem. Im Moment hatte sie Ruhe. Aber sie war davon überzeugt, dass der nächste Job bald kam. Es gab einige Organisationen, die an ihr Interesse hatten. In der letzten Zeit auch Terrorgruppen aus Vorderasien.

Sie konnte zufrieden sein.

Und dennoch war sie es nicht.

Nicht jetzt. Nicht in diesen Augenblicken, als der Sonnenuntergang nicht mehr weit entfernt war und sich der Himmel bereits blutrot einfärbte.

Thelma wollte es nicht als böses Omen ansehen, aber völlig übersehen konnte sie es auch nicht. Sie drehte sich um und spürte das Frösteln auf ihrer Haut. Ihr Blick war klar und hart geworden. Manche Menschen hätten ihn auch als eisig bezeichnet.

Wieder ließ sie ihre Blicke schweifen. Sie sah die leeren Decks, was sie nicht beruhigte. Jemand war unterwegs. Jemand wollte etwas von ihr, das sagte ihr ihr Instinkt.

Sie überlegte, ob sie nicht unter Deck gehen und dort abwarten sollte. Hier stand sie doch wie auf dem Präsentierteller. Nicht dass ihr das wirklich etwas ausgemacht hätte, aber gewisse Regeln mussten schon eingehalten werden.

Zuerst sah sie das Blitzen. Ganz kurz nur, aber es reichte aus, um die Alarmglocke in ihrem Kopf auszulösen.

Sie hatte kaum geläutet, da traf sie der Schlag. Nein, es war kein Schlag, es war eine Kugel, die dicht unter dem Kinn in ihre Brust jagte. Sie taumelte nach hinten, und von dort raste bereits das nächste Geschoss heran und erwischte sie im Rücken.

Thelma Blake riss es herum und beinahe von den Beinen. Sie schaffte es soeben noch, sich zu halten, schleuderte ihren Oberkörper wieder hoch und schüttelte sich.

Die dritte Kugel traf sie ebenfalls voll. Und es war kein Schuss zu hören gewesen. Thelma taumelte über das Deck und geriet nahe an die Reling.

Zu nahe.

Sie kippte nach vorn. Das Wasser, in dem sie verschwand, sah schwarz wie Tinte aus.

Das Hafenbecken war hier so tief, dass es einen Körper schlucken und ihn für lange Zeit verschwinden lassen konnte. Wie hier geschehen, und das ohne einen einzigen Zeugen. Perfekter hätte es nicht sein können …

***

Erst als sich das Wasser wieder beruhigt hatte, waren die Stimmen der beiden Männer zu hören. Sie bewegten sich an Land zwischen Licht und Schatten, denn aus den Fenstern der Häuser fiel Helligkeit nach draußen und auch einige Laternen strahlten sie ab. Aus den Kneipen waren die Stimmen der Gäste zu hören und auch die Musik, die für Stimmung sorgen sollte.

Die beiden Männer gingen zielstrebig voran.

»Haben wir es gepackt?«

»Ja.«

»Bist du sicher?«

»Sie ist tot. Wir haben sie dreimal getroffen. Du zweimal, ich einmal. Das müsste reichen.«

»Sie fiel ins Wasser.«

»Genau. Und dort schauen wir jetzt nach. Wahrscheinlich schwimmt sie schon an der Oberfläche. Wir müssen uns beeilen, bevor andere Leute sie entdecken.«

»Kein Problem.«

Die Männer gingen schneller. Das taten sie auch in eigenem Interesse, denn sie gehörten zu den Menschen, die nicht so gern gesehen werden wollten.

Sie blieben im Hintergrund. Sie waren wie Zwillinge, und sie killten auch gemeinsam.

Und diesmal hatten sie eine Kollegin erwischt. Das kam ab und zu mal vor, wenn sich irgendwelche Bosse bedroht fühlten. Sich und ihre Geschäfte.

Das musste auch bei dieser Frau so gewesen sein. Sie sollte zu den besten Killern in der Branche gehören und so gut wie unbesiegbar sein. Das hatte sich jetzt als Irrtum erwiesen. Sie war besiegbar und schwamm nun als Leiche im brackigen Hafenwasser.

Davon wollten sich die Männer überzeugen und dann die entsprechende Meldung lancieren. Da würde man in der Branche schon große Ohren bekommen.

Sie erreichten den Kai mit seinen ins Wasser führenden Stegen. Der dritte war es. Über ihn mussten sie gehen, um sich dem Boot zu nähern, auf dem sie gelebt hatte. Es war ein gutes Versteck gewesen, aber nicht gut genug für ihre Verfolger.

Es war zwar nicht menschenleer, aber in der Umgebung der beiden bewegte sich niemand. Nur weiter nach rechts und auch zum offenen Wasser hin waren die Stimmen von Männern und Frauen zu hören. Sie klangen so, als würden sie feiern.

Alles war locker, war okay. Auch für die beiden Killer, die über den Steg schritten. Sie bewegten sich geschmeidig, zudem trugen sie Schuhe mit weichen Sohlen. Beim Aufsetzen war hin und wieder nur ein Schmatzen zu hören.

Dann erreichten sie das Boot. Sie betraten es noch nicht und schauten sich erst um. Auch jetzt war die Luft rein. Sie huschten an Deck und blieben dort erst mal stehen. Für kurze Blicke reichte die Zeit immer.

Viel gab es nicht zu sehen, und was sie sahen, das war ihnen nicht neu. Es gab auch keine Blutflecken zu entdecken, hier war alles in Butter.

»Weißt du, an welcher Seite sie über Bord gefallen ist?«

»Nein.«

»Dann teilen wir uns auf.«

Der eine schaute an Steuerbord der andere an Backbord über den Rand des Boots, aber beide sahen nur das dunkle Wasser und die kleinen Wellen darauf.

»Niemand da, der uns begrüßen will.«

»Ich weiß.«

»Dann liegt sie unten.«

»Oder ist abgetrieben worden.«

»Ja, auch möglich.«

»Was machen wir? Willst du noch bleiben oder von hier verschwinden?«

»Es ist dunkel, da hat es keinen Sinn mehr, wenn wir nach ihr suchen.«

Die Männer waren nicht zufrieden. Das zeigte sich nicht am Ausdruck ihrer Gesichter, sondern daran, dass sie etwas ratlos herumstanden, was ihnen selbst nicht gefiel.

»Wir müssen von hier verschwinden.«

»Ist klar. Und weiter?«

»Wir melden den Tod.«

Die beiden dachten nach, was nicht lange dauerte. Für sie war es in diesem Moment perfekt, aber ein ungutes Gefühl blieb trotzdem in ihrem Innern zurück …

***

Wer arbeitete wie die Zwillinge, der versuchte auch, so harmlos zu leben wie möglich. Sie mieteten sich stets in Hotels mit vielen Zimmern ein und nahmen dann Räume, die immer nebeneinander lagen. So war es auch in diesem Fall. Sie hatten sich in einem Hotelkasten eingemietet, in dem sie nicht auffallen würden. Auch hier lagen die Zimmer nebeneinander, aber im Moment war nur eines besetzt. Beide hielten sich in dem einen Raum auf und versuchten, mit dem Auftraggeber Kontakt aufzunehmen.

Das ging über das Internet, wobei ihre Verschlüsselung angeblich perfekt war. Nach einigem Hin und Her gelangten sie in einen Chatroom, der von denen beherrscht wurde, die ihnen den Auftrag erteilt hatten.

Tom lachte. »Wir sind drin.«

»Gut«, meinte Peter.

Diese beiden Vornamen hatten sie sich für den Auftrag ausgesucht.

Jetzt mussten sie noch ein bestimmtes Passwort eingeben, und dann hörten sie die neutrale Stimme.

»Ist sie wirklich tot?«

»Ja.«

»Wie sicher seid ihr?«

»Sie hat drei Kugeln abbekommen. Das hat reichen müssen.«

Ein Lachen war zu hören. »Seid euch da nicht zu sicher. Diese Frau ist etwas Besonderes. Habt ihr die Leiche gesehen?«

Beide Killer schwiegen.

»Also nicht!«

Tom übernahm das Wort. Er sprach ruhig und sagte: »Sie ist ins Wasser gefallen.«

»Na und?«

»Sie tauchte nicht mehr auf. Zu viel Blei im Körper.«

Über den Witz konnte die andere Seite nicht lachen. »Dann wird man sie finden.«

»Das denken wir auch.«

»Weist irgendetwas auf euch hin?«

»Nein.«

»Sicher?«

»Wir haben gearbeitet wie immer. Sie können mit uns zufrieden sein. Eine der gefährlichsten Frauen der Welt lebt nicht mehr.«

»Das will ich in eurem Interesse auch glauben. Aber auch ihr seid nicht unsterblich.«

»Wie meinen Sie das?«, fragte Peter.

»So wie ich es sagte. Passen Sie auf. Das Geld liegt bereit. Sollte etwas sein, dann melde ich mich wieder.«

»Verstanden.«

Danach wurde die Verbindung unterbrochen. Tom klappte den Deckel des Laptops zu.

Beide Männer schauten sich an. Tom nickte seinem Kumpel zu. »Was sagst du?«

Peter räusperte sich. »Das ist schwer zu sagen.«

»Wieso?«

»Er scheint uns nicht zu trauen.«

»Wir haben ihm keinen Grund gegeben.« Tom nickte heftig. »Wird er alt oder nervös?«

»Weiß ich nicht.« Peter legte seine Stirn in Falten. Nachdem er nachgedacht hatte, übernahm er wieder das Wort. »Meiner Ansicht nach ging es ihm um etwas ganz anderes.«

»Und um was?«

»Um die Frau.«

Tom schaute überrascht auf. »Meinst du wirklich, dass es ihm um sie ging?«

»Ja.«

»Und warum?«

Peter saugte die Luft durch die Nase ein. »Diese Person muss etwas Besonderes gewesen sein. Was anderes kann ich mir nicht vorstellen. Dahinter steckt mehr. Wenn ich jetzt darüber nachdenke, muss mir die Frau sehr – nun ja, ich weiß auch nicht, was ich dazu sagen soll. Die war was Besonderes, etwa Einmaliges, Tom.«

»Ja, das sehe ich ein.« Tom zuckte mit den Schultern. »Aber jetzt ist sie tot. Wir haben sie mit drei Kugeln erwischt. Danach fiel sie ins Wasser und tauchte nicht mehr auf. Sie ist tot.«

»Ja, sie tauchte nicht mehr auf.«

»Und?«

Peter kratzte an seinem linken Ohr. »Wir haben sie nicht gesehen, nicht als Leiche.«

»Stimmt.«

»Belassen wir es dabei«, sagte Peter. »Machen wir uns keinen Kopf. Sie ist tot, fertig.«

»Gut. Und was jetzt?«

Peter nickte. »Ich werde auf mein Zimmer gehen und dort in die Glotze schauen. Was hast du vor? Willst du noch an die Bar?«

Tom schnalzte mit der Zunge. »Ich könnte jetzt eine kleine Schülerin gebrauchen.«

»Ach, willst du wieder Lehrer spielen?«

»Ich brauche die Entspannung.«

»Dann hol dir eine junge Nutte.«

»Mal sehen.«

»Ich verschwinde jetzt und lege mich lang, wobei ich noch in die Glotze schaue.«

»Tu das.«

Als Peter verschwunden war, überlegte Tom, ob er eine der Servicenummern anrufen sollte. Es gab da einen Dienst, der jeden Wunsch erfüllte, mochte er auch noch so extrem sein. Lust hatte Tom schon, nach einem Mord brachte ihm so etwas Entspannung.

Es klopfte gegen die Tür.

Tom ging hin. Er öffnete noch nicht und fragte: »Wer ist da?«

Eine leicht piepsige Stimme gab die Antwort. »Ihr Zimmermädchen, Sir, ich bringe noch einen Bademantel.«

»Ich habe schon einen.«

»Aber der ist schmutzig. Meine Kollegin hatte vergessen, ihn wegzuräumen.«

»Okay, ich öffne.«

Tom war nicht begeistert. Er wollte die Tür auch nur öffnen, den Bademantel an sich nehmen und die Tür wieder schließen.

Es war eine Frau, die vor ihm stand. Aber niemand vom Personal, sondern eine groß gewachsene Blondine, die ihm ihre Pistole quer über das Gesicht schlug und die Tür danach wieder schloss.

»Jetzt rechnen wir ab!«, erklärte Thelma Blake …

***

Nein, das war kein Traum. Tom spürte es überdeutlich in seinem Gesicht.

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