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John Sinclair - Folge 1776

Blutsüchtig

Die Polizistin Lisa Lürsen wollte ihrem Kollegen noch fünf Minuten geben, bevor sie ihn über Handy anrief, auch wenn es seine Frau und sein kleiner Sohn waren, die er an diesem späten Abend kurz besuchte. Deshalb hatten sie auf ihrer Streifenfahrt in der ruhigen Straße angehalten. Mittlerweile waren schon zehn Minuten vergangen. Wenn jetzt ein Anruf aus der Zentrale kam, könnte es Probleme geben …

Die Nacht hatte nicht nur die Dunkelheit gebracht, sondern auch die Stille. Es war nichts zu hören, kein Geräusch, obwohl Lisa die Scheibe an der Fahrerseite nach unten hatte fahren lassen.

»Komm schon, du müder Krieger«, murmelte Lisa und meinte damit ihren Kollegen.

Aber er kam noch nicht. Er hielt sich im Haus gegenüber auf. In der zweiten Etage waren zwei Fenster schwach erhellt. Dort war er zu finden und würde hoffentlich bald wieder hier erscheinen.

Es war sehr still. Beinahe schon unheimlich. Irgendwie war Lisa froh, in einem Polizeiwagen zu sitzen. Wieso ihr gerade dieser Gedanke kam, wusste sie auch nicht. Es konnte an der Dunkelheit liegen und daran, dass die Gegend recht einsam war.

Erneut war Zeit verstrichen. Lisa stöhnte leise auf. Ein Zeichen, dass ihre Geduld sich dem Ende zuneigte. Genau in dem Augenblick hörte sie die Schrittgeräusche an der Beifahrerseite.

Endlich!, dachte sie und machte sich keine weiteren Gedanken darüber, dass sie ihren Kollegen nicht aus der Haustür hatte treten sehen. Sie öffnete den Mund, um etwas zu sagen, genau da wurde die Beifahrertür geöffnet.

Nein, sie wurde nicht einfach nur aufgezogen, sie wurde aufgerissen. Es entstand ein schwappendes Geräusch. Kühlere Luft wehte in den Wagen, aber das war es nicht, was Lisa störte.

Es war sie.

Es war die Frau!

Ein schwarzes Wesen im ersten Moment. Nicht vom Gesicht her, sondern von der Kleidung, die ebenso schwarz war wie das Haar der jungen Frau. Im krassen Gegensatz dazu stand das bleiche oder blasse Gesicht.

Dann ging alles wahnsinnig schnell. Der Griff der Unbekannten schnürte Lisa die Kehle zu. Ihr wurde die Luft geraubt. Eine Chance für einen Protest gab es nicht. Ihr Nacken drückte gegen die Tür.

Mehr tat sich erst mal nicht, und darüber war Lisa froh, allerdings fragte sie sich, wie es weitergehen würde. Vergleiche schossen ihr durch den Kopf. Es konnte sich um ein Versehen handeln, aber auch um einen Mordanschlag.

»Ganz ruhig«, flüsterte die Schwarzhaarige, »dann passiert dir nichts.«

»Okay«, würgte Lisa hervor, »was willst du?«

»So ist es gut.« Die Schwarzhaarige lächelte. Dabei zog sie ihre Lippen zurück, um ihre Zähne zu präsentieren, und die Polizistin bekam plötzlich große Augen.

Sie sah nicht nur die normalen Zähne, sondern auch die beiden anderen, die eigentlich ins Reich der Fantasie und der Märchen gehörten. Das waren Stoßzähne, regelrechte Hauer, die aus dem Oberkiefer wuchsen. Solche Zähne gab es nicht bei Menschen. Die hatten nur Vampire, Blutsauger also, und die gab es auch nicht. Nicht in der Wirklichkeit. Hier hatte sich jemand einen Scherz erlaubt.

Der erste Schock war vorbei. Lisa konnte wieder einen klaren Gedanken fassen, und sie dachte daran, dass sie keine Waffe bei dieser Person gesehen hatte.

Was sollte dieser Überfall dann?

Die Frage danach konnte sie nicht stellen, denn noch immer spürte sie den Druck an der Kehle. Durch den offenen Mund atmete sie ein, lauschte ihrem eigenen Keuchen und hörte dann die etwas gequetscht klingende Stimme der Angreiferin.

»Wenn du dich kooperativ zeigst, wird es nicht so schlimm für dich. Verstanden?«

»Ja.«

»Das ist gut. Also, hör genau zu. Ich will etwas über eine bestimmte Person wissen, die in dieser Stadt wohnt. Das habe ich herausgefunden. Klar?«

»Schon.«

»Der Name ist Barton. Ich suche eine Laurie Barton. Na, muss ich noch mehr sagen?«

»Sicher.«

»Aber du bist eine Polizistin. Ihr wisst doch sonst immer alles. Was ist mit Laurie Barton? Wo kann ich sie finden?«

»Ich kenne sie nicht.«

Die Vampirin fluchte. »Das kannst du mir nicht erzählen. Du kennst den Namen Barton nicht?«

Lisa musste nicht lange nachdenken. Den Namen Barton kannte sie. Der war in der ganzen Stadt bekannt, er gehörte zu den reichsten Männern im Ort. Ein mehrfacher Millionär, der größte Fischhändler und Fischversorger hier in Bremerhaven. Seine Flotte war stets in der Nordsee unterwegs.

»Meinen Sie den Fisch-Baron?«

»Ja, ich denke schon.«

»Und was wollen Sie von ihm?«

»Nichts persönlich. Ich will etwas von seiner Tochter. Kennst du Laurie Barton?«

»Ich habe ihren Namen schon mal gehört. Sie ist recht bekannt.«

»Und wohnt sie auch hier?«

»Das weiß ich nicht, denn ich …«

Die Vampirin schrie auf. Dann hatte sie die nächsten Worte gefunden. »Wieso und warum weißt du das nicht? Du wohnst hier und bist bei der Polizei.«

»Ich kenne sie nicht. Nicht persönlich. Das sollte in Ihren Schädel reingehen.«

Sie lachte. »Schon gut. Es war ein Test. Aber du kennst die Bartons.«

»Das sagte ich schon.«

»Wo wohnen sie?«

»Außerhalb.«

»Wir können also hinfahren.«

Jetzt musste die Polizistin lachen. »Wieso fahren? Jetzt und um diese Zeit?«

»Genau.«

»Nie und nimmer.«

Der Druck wurde fester. »Wenn ich das sage, wird es gemacht. So einfach ist das.«

Lisa dachte an ihren Partner, der eigentlich schon längst hätte wieder bei ihr sein müssen. Er war nicht gekommen und trieb sich noch bei seiner Familie herum.

»Hören Sie zu, ich bin nicht allein. Ich habe noch einen Partner, der jeden Moment zurückkehren kann. Daran sollten Sie denken. Also halten Sie den Ball flach.«

»Nein, das musst du. Denn was deinen Partner angeht, kann ich ihn dir gern zeigen. Er liegt hinter deinem Wagen im Rinnstein. Sein Blut war köstlich.«

Lisa Lürsen hatte die letzte Antwort gehört. Sie hätte am liebsten geschrien, doch sie hielt sich zurück. Von einem köstlichen Blut zu sprechen, das war schon pervers, aber wer solche Zähne hatte, der konnte sich das leisten.

Sie sagte nichts mehr. Sie zitterte nur noch und schaute zu, wie eine Zunge Lippen umleckte. Danach hörte sie die geflüsterten Worte: »Auch in deinen Adern fließt herrlich frisches Blut. Ich bin noch nicht satt. Ich könnte auch dich leer trinken.«

»Hören Sie auf mit dem Quatsch.«

»Das ist kein Quatsch. Ich will von dir wissen, wo ich Laurie Barton finde.«

»Das kann ich nicht sagen. Ich weiß nicht, wo sie sich aufhält, verdammt. Sie kann überall sein.«

»Und wo wohnt sie?«

»Nicht in der Stadt.«

»Wir fahren hin.«

»Nein, das geht nicht. Das ist unmöglich. Ich kann nicht einfach losfahren und …«

»Willst du nicht?«

»Bitte, das ist nicht so einfach. Das müssen Sie begreifen. Ich habe meinen Job zu erledigen.«

»Ja, aber das ist jetzt dein neuer Job.«

»Nein.«

Die Vampirin fauchte Lisa an, die zusammenzuckte. Es drang kein Atem aus dem Mund, und jetzt erst dachte sie daran, dass diese Person die ganze Zeit über nicht geatmet hatte. Also war sie doch etwas anderes oder Besonderes.

Wirklich ein Vampir!

Lisa sah den bösen Blick. Sie dachte dabei an ihren Kollegen, der jetzt tot irgendwo lag oder auch nicht tot war. So genau wusste sie das nicht.

Und die Bartons kannte sie erst recht nicht. Sie wusste, dass Laurie Barton eine junge Frau war, die das Leben genoss. Sie war Studentin, doch wo sie studierte, das wusste sie nicht. Man sprach nur hin und wieder über sie.

»Fahren wir?«

»Kann ich nicht. Sie müssten mich schon loslassen.«

»Okay, das mache ich.«

Lisa Lürsen atmete auf, als sie keinen Druck mehr spürte. Endlich ging es ihr besser, doch was da mit ihrem Partner geschehen war, daran wollte sie gar nicht erst denken.

»Okay. Und wohin?«

»Zu dieser Laurie Barton.«

»Und wenn sie nicht da ist?«

»Fahr erst mal hin.«

»Ja. Aber erst, wenn Sie angeschnallt sind.«

Die Vampirin überlegte, ob sie der Aufforderung nachkommen sollte. »Nein«, sagte sie, »ich schnalle mich nicht an, das habe ich nicht nötig.«

»Wie Sie wollen.« Lisa Lürsen hatte Mühe, sich zusammenzureißen. Aufgegeben hatte sie noch nicht. Sie hatte noch nicht darüber nachgedacht, wie es möglich war, neben einer derartigen Fabelperson zu sitzen, aber das war jetzt nicht wichtig. Überlegungen mussten zur Seite gestellt werden. Jetzt galt es, richtig zu handeln. Und da hatte sie sich etwas vorgenommen.

Lisa dachte gar nicht daran, zu den Bartons zu fahren. Sie hatte etwas anderes vor. Sie wollte die schwarzhaarige Person überraschen. Sie festnehmen, und das musste sie leider allein schaffen, denn ihr Kollege war noch immer nicht zurück.

Hier im Wagen schaffte sie das nicht.

Nur draußen. Und sie hoffte, dass die andere keine Gedanken lesen konnte. Sie hatte ihre rechte Hand um das Lenkrad gelegt. Mit der Linken tastete sie nach dem Türöffner, fand ihn auch, bewegte ihn und wuchtete sich dann gegen die Tür, die auf keinen Widerstand mehr traf und aufschwang.

Lisa stieß sich ab und katapultierte sich so aus dem Fahrzeug. Sie schrie dabei, als sie mit dem Rücken auf dem Gehsteig landete. Dabei zog sie ihre Pistole und hoffte, dass der Anblick der Waffe ausreichte, um die Fremde ruhig werden zu lassen.

Sie saß noch immer im Wagen. Dabei fluchte sie, und dann drehte sie sich nach links. Sie nahm den gleichen Weg nach draußen wie Lisa, nur wesentlich langsamer.

Lisa hatte sich erhoben. Sie umklammerte die Waffe mit beiden Händen. Ihr Mund war verzogen. Sie atmete hektisch. Groß waren die Augen geworden.

Noch nie hatte sie sich in einer derartigen Lage befunden. Jetzt musste sie sich bewähren, und das mit der Waffe in der Hand. Da war ein Trauma zur Realität geworden.

Als wäre nichts geschehen, kletterte die Dunkelhaarige aus dem Wagen.

»Ich heiße Pamela. Merk dir den Namen.«

»Schon gut. Aber jetzt will ich, dass Sie genau das tun, was ich Ihnen sage.«

»Aha und was?«

»Heben Sie die Hände.«

»Und dann?«

»Hoch mit den Händen!«

Pamela lächelte und schüttelte den Kopf. »So haben wir nicht gewettet. Du hast deinen Spaß gehabt, aber jetzt reicht es mir. Ich habe vor deiner Kanone keine Angst. Leg sie weg und lass uns vernünftig reden.«

»Nein, wieso? Ich bin es, die hier das Sagen hat. Und ich will, dass Sie Ihre Hände gegen den Himmel gestreckt halten, danach können Sie sich umdrehen und die Hände auf das Autodach legen.«

»Das werde ich nicht. Ich habe meinen Plan, und den werde ich durchziehen.«

Was sie damit meinte, zeigte sie eine Sekunde später. Da war sie auf dem Weg zu Lisa Lürsen.

Die verstand das nicht. Wie konnte diese Person nur so verrückt sein? Weiter nach hinten konnte die Polizistin nicht. Da war kein Platz mehr. Und von vorn versperrte ihr die Blutsaugerin den Weg.

»Keinen Schritt weiter!«

Pamela lachte nur. Sie ging weiter, und Lisa Lürsen wusste, dass es nur einen Weg gab.

Sie schoss – und traf!

***

Lisa wusste nicht, ob sie den Abschussknall überhaupt hörte. So sehr war sie auf das Geschehen konzentriert. Aber sie hatte die Gestalt nicht verfehlen können, obwohl sie nicht zu den besten Schützen gehörte.

Und sie hatte getroffen!

Die Kugel war in Bauchhöhe in den Körper eingeschlagen. Sie hatte dort eine Wunde gerissen, an der ein Mensch wahrscheinlich gestorben wäre.

Nicht aber diese Pamela. Sie hatte die Kugel geschluckt und schaute jetzt an sich hinab. Sie fiel nicht. Sie blieb stehen, und Lisa konnte es nicht fassen. Sie stand auf der Stelle und war nicht fähig, ein zweites Mal abzudrücken.

Warum brach die Person nicht zusammen? Warum schrie sie nicht? Sie musste Schmerzen haben, denn jeder, der dort von einer Kugel getroffen wurde, litt unter Schmerzen. Etwas anderes gab es einfach nicht.

Aber sie sah die Person. Sie stand da und sie hob jetzt langsam den Kopf und konzentrierte sich auf die Polizistin.

»Ich hatte dich schonen wollen, aber das ist jetzt vorbei. Du hast gezeigt, wo du stehst. Du hast mich angeschossen, du wolltest mich erschießen. Aber so läuft das nicht. Du hast keine Chance mit einer normalen Waffe. Oder hast du vergessen, wer ich bin?«

Lisa Lürsen schüttelte den Kopf, obwohl sie das gar nicht wollte. Sie starrte jetzt die beiden Zähne an, die ihr wieder präsentiert wurden.

Aber sie erlebte auch etwas anderes, das ihr Hoffnung gab. Der Schuss hatte nicht nur die Stille zerrissen, er war auch gehört worden. Mehrere Fenster waren geöffnet worden. Menschen standen auf der Straße.

»War das ein Schuss?«

»Ja, ich glaube.«

»Aber wo?«

»Ach, da ist schon die Polizei. Da unten parkt doch der Streifenwagen.«

Lisa nahm die Rufe am Rande wahr. Sie konzentrierte sich auf die dunkelhaarige Pamela, die ihr zunickte und dabei flüsterte: »Es ist noch nicht vorbei. Noch längst nicht. Du wirst es erleben, Lisa. Und denke daran: Laurie ist nicht vergessen.«

Sie sagte nichts mehr. Sie drehte sich einfach nur um und lief weg. Einen besseren Schutz als die Dunkelheit hätte sie sich nicht wünschen können.

Zurück blieb Lisa Lürsen. Sie kümmerte sich nicht um die Rufe der Gaffer.

In ihrem Innern bewegte sich etwas. Sie hätte die Gedanken am liebsten zurückgedrängt, aber das konnte sie einfach nicht. Sie waren da und ließen sich nicht fortspülen.

Es ging um Marcus, ihren Kollegen. Von ihm war gesprochen worden, und Lisa konnte nicht gefallen, was die Vampirin behauptet hatte. Sie musste Gewissheit haben.

Sie suchte Marcus Wegener und sie fand ihn auch. In der Gosse sah sie eine dunkle Gestalt liegen, die sich nicht rührte.

Was sie jetzt tat, das fiel Lisa unheimlich schwer. Sie musste wissen, wer da regungslos im Rinnstein lag. Eine kleine Leuchte trug sie immer bei sich. Die schaltete sie jetzt ein und richtete den Strahl schräg nach vorn.

Sekunden später fiel ihr Blick auf eine von Bissen zerfetzte Kehle. Man hatte ihrem Kollegen nicht die Spur einer Chance gelassen. Man musste sein Blut getrunken und ihn danach ermordet haben. Ihn, den Vater eines sechs Monate alten Jungen und einer jungen Frau, die so stolz auf ihre beiden Männer war.

Lisa Lürsen begriff es nicht. Wie konnte jemand nur so grausam sein? So stand sie neben ihrem toten Kollegen und schluchzte. Es war ihr einfach nicht möglich gewesen, ihre Tränen zu unterdrücken. Irgendwann schaffte sie es auch nicht mehr, stehen zu bleiben. Sie sackte in die Knie und kam erst wieder richtig zu sich, als sie von Kollegen angesprochen wurde …

***

Die Lampe strahlte zu hell. Zum Glück fiel ihr Schein neben Lisa Lürsen auf den Steinboden, der das Verhörzimmer schon seit Urzeiten bedeckte. Dort hinein war Lisa gebeten worden, weil man ihre Aussagen haben musste. Es ging nicht nur um sie, im Vordergrund stand der schreckliche Tod ihres Kollegen Wegener.

Lisa blickte in die Augen von zwei Männern. Es waren die Kollegen vom Innendienst, die ihr gegenübersaßen. Sie hatten Fragen zu stellen. Alles musste bis ins kleinste Detail aufgeklärt werden. Der Tod des Kollegen ließ gewisse Dinge in einem anderen Licht erscheinen.

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