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John Sinclair - Folge 1774

Ranjas Rudel

Warum der Zug Aberdeen-London in diesem Kaff hielt, das wusste Toby Bell auch nicht. Er war der einzige Mensch auf dem Bahnhof, der wie eine alte Filmkulisse wirkte, die man vergessen hatte.

Dabei war es nicht finster. Die Dämmerung würde erst noch kommen. Wolkenbänke zogen träge über den Himmel, und den ganzen Tag über hatte sich nicht ein einziges Mal die Sonne gezeigt …

Toby Bell saß auf einer Bank. Er fiel kaum auf. Neben ihm war ein alter Fahrplan zu sehen. Vergilbt klebte er hinter einer Glasscheibe.

Toby Bell gähnte und streckte seine Beine aus. Er bewegte seinen Kopf, schaute mal nach rechts, dann wieder nach links und sah die Zugänge zu den Treppenschächten. Sie wirkten wie die Eingänge in gefährliche Höhlen.

Obwohl sich kein weiterer Mensch auf dem alten Bahnhof aufhielt, war es nicht still. Irgendein Geräusch war immer zu hören. Mal ein Knarren, wenn der Wind irgendeinen losen Gegenstand bewegt hatte, oder auch ein Rascheln, wenn Papier in Bewegung geriet und über den Bahnsteig geschleudert wurde.

Der einsame Mann fühlte sich unwohl. Er war nicht eben begeistert, mit dem Zug fahren zu müssen. Er hätte auch in den Süden fliegen können, aber dagegen stand seine tiefe Flugangst, die er einfach nicht überwinden konnte. Deshalb hatte er sich für den Zug entschieden, der später nur in den größeren Städten halten würde. Dazu gehörten Dundee oder Edinburgh.

Toby fragte sich, warum er sich so unwohl fühlte. Er konnte es nicht konkret benennen, es musste an der gesamten Atmosphäre liegen. Die war einfach nichts für ihn. Okay, es gab Menschen, die sie vielleicht als romantisch bezeichnet hätten, doch zu den Romantikern gehörte er nicht. Für ihn war die Umgebung nicht eben menschenfreundlich.

Bell griff in die rechte Seitentasche seiner Lederjacke und holte eine Schachtel Zigaretten hervor. Einen Glimmstängel zu rauchen würde ihm jetzt gut tun. Er war kein starker Raucher. Auf drei bis fünf Zigaretten kam er am Tag. Er hielt die Flamme eines Sturmfeuerzeugs gegen das Ende und saugte wenig später den Rauch ein, den er durch die Nase wieder ausströmen ließ.

Seine Stimmung hellte sich ein wenig auf. Der Blick auf die Uhr sagte ihm, dass er nicht mehr lange warten musste, um in den Zug steigen zu können. Wenn er pünktlich war, dann konnte er noch knapp fünf Minuten auf der Bank sitzen bleiben.

Noch mal streckte er die Beine aus und versuchte sich zu entspannen. Dabei schaute er zum Himmel, der immer mehr eingraute und der so etwas wie ein Vorbote der Dämmerung war. Hier oben wurde es sowieso früher dunkel als weiter im Süden.

Dann hörte er das Rumoren. Bell zuckte leicht zusammen. Es hatte sich angehört, als wäre ein Gewitter im Anmarsch. Er schaute nach links, weil das Geräusch von dort gekommen war, und er sah den mächtigen Koloss, der auf den Bahnhof zufuhr. Ein Signal hatte eine grüne Farbe bekommen, damit der Zug den Bahnhof passieren konnte.

Es war ein Güterzug. Toby Bell spürte den plötzlichen Windstoß, der auch ihn erwischte und an ihm zerrte, als wollte er ihn von der Bank reißen.

Der Zug verursachte einen Höllenlärm. Man konnte den Eindruck bekommen, als finge der gesamte Bahnhof an zu zittern, und Bell hatte das Gefühl, als würde der Krach niemals aufhören.

Er irrte sich.

Der Spuk war schnell vorbei. Toby atmete auf und schleuderte die Kippe zu Boden, die er mit dem Absatz austrat.

Der Lärm verklang in der Ferne. Allmählich senkte sich wieder die Stille über den Bahnhof, was Toby Bell besser gefiel und er tief durchatmete.

Dieser Zug war vorbei. Der nächste würde hier anhalten, dann konnte er den Bahnhof endlich verlassen. Es war eine blöde Idee gewesen, hier auf den Zug zu warten. Er hätte auch in Aberdeen einsteigen können.

Er schaute auf das Gepäckstück neben sich. Es war ein mittelgroßer Trolley, der für ihn ausreichend war. Zu lange wollte er nicht wegbleiben. Es ging darum, einen neuen Job zu finden, und er hatte ein Angebot aus London bekommen. Dort brauchte man für ein Spielcasino einen Croupier. Angeblich würde er den Job auf einem Kreuzfahrtschiff antreten können, was gar nicht mal schlecht war.

Und wieder war es still geworden.

Diesmal hielt die Stille nicht sehr lange an. Sekunden später wurde sie von einem Geräusch unterbrochen. Es stammte nicht von einem einfahrenden Zug, sondern war ein Laut, dessen Ursache Toby schwerlich nachvollziehen konnte.

Ein lang gezogenes Heulen erreichte seine Ohren. Toby Bell zuckte zusammen, bevor er erstarrte. Etwas rann kalt seinen Rücken hinab und er hatte das Gefühl, dass sich sein Körper leicht zusammenzog.

Es war schlimm für ihn. Dieses Heulen zerrte an seinen Nerven. Er dachte an einen Hund, aber irgendwie konnte er sich mit dem Gedanken nicht anfreunden.

Es erklang erneut auf, als es fast abgeklungen war. Wieder rann ein Schauer über seinen Körper, und er saß auf seiner Bank wie zur Salzsäule erstarrt.

Er holte tief Luft, schaute auf seine Handrücken und erkannte die Gänsehaut. Eigentlich hätte er über sich selbst lachen müssen, dass ein erwachsener Mensch so sensibel reagierte. Aber das Lachen wäre ihm in Hals stecken geblieben.

Unruhe erfasste ihn. Er bewegte sich auf seiner Bank hin und her. Wollte schauen, ob sich auf dem Bahnsteig etwas bewegte. Er stand sogar auf, um einen besseren Überblick zu bekommen, aber das brachte ihn auch nicht weiter. Es war niemand zu sehen und es bewegte sich auch kein Tier über den Bahnsteig. Ein entlaufener Hund zum Beispiel.

Der Blick auf die Uhr. Toby Bell schluckte. Der Zug hätte schon einlaufen müssen.

Bell wollte seinen Frust durch einen Fluch ausdrücken, als er die Lautsprecherstimme hörte, die die Einfahrt des Zugs aus Aberdeen bekannt gab.

Toby atmete auf. Ein Lächeln huschte über sein Gesicht. Es war geschafft. Er fühlte sich erleichtert. Er stand auf und fasste nach dem Bügel seines Trolleys.

Dann drehte er den Kopf nach links. Von dort musste der Zug kommen, und schon bald sah er den Lichtpunkt über dem Gleis schweben. Das Signal stand weiterhin auf Grün. Der Zug hatte Einfahrt.

Bell blickte sich auf dem Bahnsteig um. Nach wie vor war er der einzige Fahrgast, was ihm schon seltsam vorkam. Irgendwie schien sich die Realität gegen ihn verschworen zu haben.

Mit der Stille war es vorbei, als der Zug in den Bahnhof rollte. Es kam dem einsamen Reisenden vor wie ein Gewitter, als die gewaltige Maschinerie langsam einrollte und die Bremsen mit einem Kreischen in Tätigkeit gesetzt wurden.

Zweimal ruckte es noch, dann stand der Zug.

Keine Türen flogen auf. An diesem Bahnhof wollte niemand aussteigen. Er war zu einsam und vergessen.

Toby Bell suchte sich einen der vorderen Wagen aus. Den dritten hinter der Lok. Vor ihm befanden sich noch zwei. Einer davon war ein Gepäckwagen. Dort konnten Gegenstände wie Fahrräder abgestellt werden.

Bell stand im Gang, schaute sich um und war zufrieden, denn er hatte sich einen Abteilwagen ausgesucht. Er ging noch ein paar Schritte, schaute durch die Fenster in die Abteile, die allesamt leer waren. Er entschied sich für eines in der Mitte.

Der Trolley verschwand oben auf der Gepäckablage. Toby Bell ließ sich auf dem Fenstersitz nieder und schnüffelte. Es roch hier ziemlich alt, wenn nicht sogar staubig oder modrig.

War ja nicht für immer. Zweimal ruckte der Zug, dann rollte er an, und Toby Bell atmete auf. Er hoffte, bis London allein in diesem Abteil sitzen zu können. Sicher war das nicht, aber man konnte sich ja auf etwas freuen.

Der Zug rumpelte los. Er schwankte auch von einer Seite auf die andere, was den Mann nicht störte. Das würde sich irgendwann geben. Er hatte sich auch vorgenommen, den größten Teil der Strecke zu verschlafen. Damit wollte er beginnen, wenn seine Fahrkarte kontrolliert worden war.

Das Abteil war groß genug, um es sich bequem machen zu können. Die Schaukelei hatte sich gelegt, die Fahrt ging jetzt glatter voran, und als Bell aus dem Fenster schaute, bot sich seinen Augen das Bild einer einsamen Landschaft, in der Hügel ebenso präsent waren wie kleine Gewässer, manche nicht größer als Pfützen. Aber auch Schafherden bekam er zu Gesicht. Das Wetter war nicht mehr so schlecht, als dass die Tiere in den Ställen hätten sein müssen.

Auf seinen neuen Job war er gespannt. Die Arbeit auf einem Kreuzfahrtschiff zu verrichten, das war schon etwas Besonderes. So konnte er die Welt kennenlernen und war nicht mehr so gefangen wie in seiner schottischen Heimat.

Es würde ein neues Leben für ihn werden, und an das alte wollte er nicht mehr denken. Es hatte ihn zu viele Nerven gekostet. Seine Frau hatte sich scheiden lassen wollen. Sie hatte es satt, mit einem Langweiler verheiratet zu sein, das zumindest hatte sie ihm klargemacht. Er hatte sich nicht dagegen wehren können. Er war ausgezogen, hatte sich ein kleines Zimmer genommen und von dort aus seine Fäden gezogen.

Weg aus dem alten und oft nebeligen Schottland. Auf dem Schiff würde es ihm besser gehen. Zudem sah er andere Länder und konnte seine fünfzehnjährige Ehe vergessen.

Er lächelte, als er daran dachte. Sein Gesicht malte sich schwach in der Scheibe ab. Es ging ihm besser, und bald würde es ihm richtig gut gehen. Davon war er überzeugt.

Wieder streckte er seine Beine aus. Er fühlte sich wohl. Sein Gesicht zeigte entspannte Züge. Er dachte an sein Alter. Jetzt war er fünfundvierzig Jahre alt. Genau die Grenze hatte er erreicht, um neu anfangen zu können, und er würde alles daransetzen, dass er diesen Job auch bekam.

Zwei Wochen sollte die Intensivausbildung dauern. Danach ging es aufs Schiff, und er war schon jetzt gespannt, wohin ihn die erste Reise führen würde.

Im Zug oder im Abteil war es nicht ruhig. Irgendetwas bewegte sich immer. Es knarrte und quietschte und der Wagen bewegte sich oft genug leicht schlingernd, was sich auch auf die Abteile übertrug.

Alles war klar. Alles lief wie immer, und auch der Schaffner erschien.

Es war ein kleiner Mann mit dünnem Oberlippenbart, der stumm grüßte, sich dann die Fahrkarte anschaute und nichts zu beanstanden hatte. Er wünschte eine gute Reise und gab Toby Bell die Karte zurück.

Er war froh, wieder allein zu sein. So konnte er seinen Gedanken nachgehen und auch ein wenig über seine Zukunft sinnieren.

Dazu kam er nicht mehr.

Jemand erschien im Gang und blieb vor der Abteiltür stehen. Toby Bell drehte den Kopf.

Es war eine recht große Frau, die dort stand. Dunkelhaarig und ganz in Schwarz gekleidet. Eine Hose, eine Lederjacke, die offen stand, sodass ihr ebenfalls schwarzes Top zu sehen war. Das Gesicht wirkte etwas blass, und die leicht schräg stehenden Augen zeigten an, dass in den Adern der Frau asiatisches Blut floss.

Toby Bell wusste nicht, was er denken sollte. Er wünschte sich keine Gesellschaft. Auf der anderen Seite aber wäre so eine exotische Begleitung nicht schlecht gewesen, sie hätte ihm möglicherweise einiges von der großen weiten Welt erzählen können, die er bald erleben würde.

Die Frau bewegte ihren Arm, sodass sie den Türgriff draußen umfassen konnte.

Ein kurzer Ruck, die Tür öffnete sich und die Frau hatte freie Bahn.

Nach einem Schritt hatte sie das Abteil erreicht und beugte sich nach einem Nicken leicht vor.

»Hier ist noch alles frei?«

»Ja.«

»Dann werde ich Ihnen Gesellschaft leisten.«

»Tun Sie das.«

»Danke, das ist nett.« Die Frau betrat das Abteil und ließ sich Toby gegenüber nieder. Der wunderte sich, dass sie die Tür nicht hinter sich geschlossen hatte.

Den Grund dafür bekam er bald zu sehen.

Zuerst hörte er den Pfiff. Dann war auf dem Gang ein undefinierbares Geräusch zu hören, und plötzlich huschten noch andere Reisebegleiter in das Abteil.

Toby Bell riss den Mund auf. Er wollte einen Schrei ausstoßen, was er nicht schaffte. Er blieb starr hocken und schaute auf seine neuen Begleiter.

Es waren vier Schäferhunde, die sich in das Abteil hineingedrängt hatten.

Oder waren es Wölfe?

***

Toby Bell kam sich vor wie im falschen Film. Er wollte einfach nicht glauben, was er sah, doch als sich ein Körper gegen sein Bein drängte, da wusste er, dass er keinen Traum erlebte.

Sein Gesichtsausdruck hatte sich verändert und er atmete heftig durch den offenen Mund.

Die Frau tat, als wäre es das Normalste der Welt, vier Hunde mit in ein Abteil zu nehmen. Sie stieß einen leisen Pfiff aus und sorgte dafür, dass sich die Tiere in ihrer Nähe zusammendrängten. Sie ließen sich auf dem Boden nieder. Kein Hund sprang auf den Sitz, und es war auch kein bedrohliches Knurren zu hören.

Die beiden Menschen saßen sich gegenüber. Sie schauten sich in die Gesichter. Während das des Mannes starr blieb, lächelte die Frau und sagte: »Du solltest dich entspannen.«

»Ha …« Er lachte kieksend. »Wie kann ich mich entspannen, wenn ich vier Hunde hier in meiner Nähe weiß?«

»Sie tun dir nichts.«

»Das sagt jeder von seinem Hund. Dann liest man in den Zeitungen andere Dinge, dass wieder mal ein Kind von einem Hund totgebissen wurde.«

»Ja, das ist tragisch.« Eine Hand streichelte das Fell der Tiere. »Sehr tragisch sogar. Aber ich ziehe mir das beim besten Willen nicht an. Das hier sind nämlich keine Hunde.«

»Ach? Was dann?« Toby Bell fing an zu lachen. »Sind das etwa Wölfe?«

Die Frau blieb ernst, als sie nickte und dann sagte: »Ja, es stimmt. Es sind Wölfe …«

***

Toby Bell war zum zweiten Mal innerhalb kurzer Zeit geschockt. Er hatte etwas antworten wollen, doch ihm kam nichts in den Sinn, was gepasst hätte.

Normalerweise hätte er die Frau ausgelacht oder alles abgestritten, doch das war nicht drin. Er bekam den Mund nicht auf. Dafür starrte er das Gesicht der Frau an und erinnerte sich daran, dass er das Heulen gehört hatte, als er auf der Bank gehockt und gewartet hatte.

Die Frau kann recht haben!, dachte er und schaffte es, den Mund zu einem Lächeln zu verziehen.

Dann nickte er.

Die Frau lachte. »Du glaubst mir noch immer nicht, wie?«

»Es ist schwer.«

»Kann ich verstehen. Aber es sind wirklich Wölfe, die ich bei mir führe. Ein kleines Rudel nur, aber ich bin stolz darauf.«

Toby Bell zuckte mit den Schultern. »Na ja, das müssen Sie wohl.« Dann wollte er einen Witz machen und fragte: »Haben Sie für jedes Tier auch ein Ticket lösen müssen?«

»Rate mal.«

»Keine Ahnung.«

»Dann wollen wir es dabei belassen.« Sie kraulte wieder das Fell der Tiere und schaute Toby dabei ins Gesicht. Die Augen verengten sich leicht, der Mund zeigte ein Lächeln und die Frage, die sie stellte, überraschte Toby.

»Wie heißt du?«

Er sagte seinen Namen.

»Sehr schön, Toby. Du kannst mich Ranja nennen, ich bin Herrin der Wölfe und zugleich ihre Freundin.«

»Ja, das habe ich gesehen.« Bell hatte sich gefasst. Er ließ jetzt seine Blicke über die Körper der Tiere gleiten und sah auch in die Gesichter.

Die langen Schnauzen waren geschlossen, die Augen nicht, und darin sah er das kalte Funkeln, das bei ihm eine Gänsehaut hinterließ. Waren das normale Wolfsaugen?

Eine Antwort wusste er nicht. Aber er wandte den Blick rasch zur Seite. So etwas brauchte er nicht zu sehen, aber er spürte, dass ihn Ranja beobachtete.

»Du magst meine Freunde ...

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