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John Sinclair - Folge 1773

Das andere Jenseits

(2. Teil)

Das scharfe Lachen des Norwegers unterbrach die brütende Stille, die sich im Wagen ausgebreitet hatte. Wir hörten nicht nur sein Lachen, sondern auch seinen Kommentar.

»Er kommt! Ja, er kommt. Gleich ist er bei uns.« Den Worten folgte ein Kichern.

Maxine Wells, Krista Hellsen und ich wussten, wer damit gemeint war. Eine Gestalt, die auf den Geländewagen zukam, in dem wir saßen …

Ob es ein älterer oder jüngerer Mann war, konnten wir nicht erkennen. Es lag an der längeren Kleidung und am Hut mit der breiten Krempe, den der Mann aufgesetzt hatte. Wir hatten ihn schon einmal gesehen, das war in unserer normalen Welt gewesen. Sie hatten wir jetzt verlassen, was nicht freiwillig geschehen war, sondern durch eine Aktion des Norwegers Rudy Reiking. Wo wir uns befanden, wussten wir nicht. Es war jedenfalls eine andere Dimension und wir tippten auf eine pervertierte Engelswelt, wobei man uns erklärt hatte, dass es das »andere Jenseits« wäre.

Was immer es auch war, uns war der Begriff letztendlich egal. Wir warteten darauf, dass etwas passierte, was uns Aufklärung gab.

Jetzt schien es so weit zu sein.

Der Mann kam näher. Von Rudy Reiking wurde er erwartet. Von Krista Hellsen nicht. Sie saß neben Maxine Wells und atmete schwer. Krista und Rudy hatten den Fall überhaupt ins Rollen gebracht, denn sie hatten auf ihrer Bergtour den toten Engel entdeckt. Sie hatten den Fund gemeldet. Der Engel war nach Dundee in ein Museum gebracht worden, wo er ausgestellt werden sollte.

Das hatte auch die Tierärztin Maxine Wells erfahren und mich angerufen. Ich war nach Dundee geflogen, um mir den Engel anzuschauen. So ein Fundstück war es schließlich wert.

Da war mir der Mann mit dem Schlapphut zum ersten Mal begegnet. Es war zudem zu einer Konfrontation zwischen dem Engel und meinem Kreuz gekommen. Der Engel hatte sie verloren, denn er war vor meinen Augen verbrannt oder vergangen. Aber die andere Seite hatte Rudy Reiking beeinflussen können, und so mussten wir in ihm jetzt einen Gegner sehen, der uns auch in diese Lage, in der wir uns jetzt befanden, gebracht hatte.1)

Keiner von uns wusste, wie es weitergehen würde. Es stand nur fest, dass wir uns nicht mehr in unserer vertrauten Umgebung befanden, sondern in einer Welt, die nach nichts aussah. Sie war flach, sie war auf ihre Art und Weise hell, und über unseren Köpfen spannte sich ein Himmel, der ebenfalls ungewöhnlich aussah. Ein blasses Blau war da zu sehen, eine Wolke entdeckten wir nicht. Auch keine Sonne, eben nur das blasse Blau.

Ich sprach den Norweger an.

»Okay, wir sehen auch, dass er kommt. Aber was will er von uns? Kannst du uns das sagen?«

»Das weiß ich nicht.«

»Und wie gut kennst du ihn?«

»Er ist da.«

»Das sehen wir. Aber was könnte er vorhaben?«

Rudy Reiking kicherte wieder. Er hatte seinen Spaß, ohne uns daran teilhaben lassen zu wollen.

»Lass es, John«, meldete sich Maxine Wells, »es hat keinen Sinn, du kommst nicht an ihn heran.«

»Kann sein.« Ich dachte auch darüber nach, ob wir einen Fehler begangen hatten, weil wir jetzt in dieser Lage steckten, aber ich entdeckte keinen.

Die andere Welt oder Dimension hatte uns schlichtweg geschluckt. Das andere Jenseits eben, das nicht mit dem zu vergleichen war, das wir kannten.

Oder nicht kannten. Denn wer machte sich schon Vorstellungen vom Jenseits, die stimmten? Jeder hatte da andere Ideen. Man konnte von einem Paradies sprechen, aber auch von der Hölle oder von einem Bereich zwischen den beiden.

Und dann gab es den Mann mit dem Schlapphut, an dessen Gesicht ich mich kaum erinnern konnte. Wenn ich näher darüber nachdachte, fiel mir ein, dass ich es gar nicht richtig gesehen hatte. Es hatte im Schatten gelegen, und jetzt lauerte ich darauf, mir den Typ ansehen zu können.

Ich hatte mich zwar noch nicht daran gewöhnt, in einer anderen Welt zu stecken, aber ständig darüber nachdenken wollte ich auch nicht. Dazu hatte ich schon zu oft Dimensionsreisen hinter mich gebracht und es auch immer wieder geschafft, freizukommen. Deshalb sah ich auch diese ungewöhnliche Reise recht locker, aber auf die leichte Schulter nahm ich sie trotzdem nicht.

Maxine meldete sich wieder. »Wie sollen wir uns verhalten? Hast du eine Idee, John?«

»Erst mal abwarten, was passiert. Sehen, was er vorhat.«

»Er wird uns nicht hier sitzen lassen.«

»Das glaube ich auch.«

»Wir wär’s denn, wenn wir fahren?«

»Daran habe ich auch schon gedacht. Der Vorschlag ist nicht schlecht. Behalte ihn mal im Hinterkopf. Erst mal schauen, was der Hutträger von uns will.«

»Ein Freund oder Verbündeter ist er bestimmt nicht.«

»Das glaube ich auch.«

Er war fast am Wagen. Vielleicht fünf Meter trennten ihn noch von der Kühlerhaube. Der lange Mantel schlotterte um die große Gestalt mit dem Schlapphut.

»Wer kann das sein?«, fragte Maxine.

Ich zuckte mit den Schultern und stieß dann den neben mir hockenden Rudy an. »Weißt du es?«

Er lachte nur und schlug mit den Fäusten auf seine Oberschenkel. Ich hatte das Gefühl, dass sein Geist verwirrt war.

Krista Hellsen meldete sich. »Ich habe Angst«, flüsterte sie, »eine schon hündische Angst, und ich weiß nicht, wie ich dagegen ankommen soll.«

Wir konnten sie verstehen. Ich drehte mich halb auf dem Beifahrersitz um und schaute sie an.

Sie schien in ihrem Sitz versinken zu wollen. Ihre Augen hatten sich geweitet, auf der Haut sah ich kleine Schweißtropfen, die einen Schimmer hinterließen. Ihr Gesicht zeigte einen angestrengten Ausdruck, und ich sah auch die blassen Lippen, die kaum noch Farbe aufwiesen.

Ich deutete ein Nicken an und sagte: »Ich weiß selbst, dass es schwierig ist. Wir werden aber alles tun, um diese Zone wieder zu verlassen. Vertrauen Sie mir.«

»Und wo sind wir jetzt?«

»Da muss ich passen.«

Maxine meldete sich mit leiser Stimme. »Hast du dir schon Gedanken darüber gemacht, wie es weitergehen soll?«

»Nein, keine genauen. Aber ich kann dir versichern, dass ich den Zustand bald ändern werde.«

»Das heißt?«

»Ich steige aus.«

Sie gab keine Antwort. Ich wusste, dass es nicht einfach für sie war. Wenn ich ausstieg, dann durchbrach ich hier den Kreis, aber etwas musste passieren.

»Klar, Max?«

»Ja, aber sei vorsichtig.«

»Darauf kannst du dich verlassen.«

Ich warf einen letzten Blick auf den Fahrer. Der rührte sich nicht. Er saß wie angeklebt auf seinem Platz und schaute nach vorn. Sein Gesicht glich einer Maske.

Es fiel mir nicht leicht, auszusteigen, aber es musste weitergehen. Ich wollte nicht darauf warten, was der Mann mit dem Schlapphut tat, sondern die Initiative selbst in die Hand nehmen. Ich überlegte auch, was ich mit meinem Kreuz machen sollte. Es verdeckt vor der Brust hängen zu lassen war möglicherweise erst mal nicht schlecht.

Behutsam öffnete ich die Tür. Alles geschah in einem Zeitlupentempo, wobei ich Mann mit dem Schlapphut nicht aus den Augen ließ. Mir war klar, dass er etwas tun musste, doch er hielt sich zurück und wartete.

Ich tat ihm den Gefallen und ging auf ihn zu. Nicht zu weit. Ich blieb dicht vor der Kühlerhaube stehen und wartete ab, ob er etwas unternahm.

Danach sah es nicht aus. Er bewegte sich nicht. Unter der Hutkrempe befanden sich seine Augen, die mich sicherlich fixierten, was ich aber nicht sah.

Ich spürte etwas anderes, denn das Kreuz reagierte. Und das auf eine Art und Weise, wie ich es noch nie erlebt hatte. Es ging etwas von ihm aus, das meinen ganzen Körper erfasste. Es war ein Strahlen, und etwas rieselte dabei durch meine Adern. Von den Füßen bis zu den Fingerspitzen fühlte ich es, und es war verbunden mit einer Wärme, die mich fast ins Schwitzen brachte.

Nur war das kein normales Schwitzen. Hier erlebte ich etwas völlig Neues, allerdings nichts Wunderbares, sondern etwas, das mir fremd war.

Mir war klar, dass es nicht mit meinem Kreislauf zusammenhing, hier hatte sich mein Kreuz auf eine besondere Art und Weise gemeldet, und ich konnte mir vorstellen, dass es mich stark machen wollte, um den Kampf bestehen zu können.

Wie lange das Rieseln innerhalb meines Körpers andauerte, konnte ich nicht sagen, da ich das Gefühl für die Zeit verloren hatte. Das Rieseln erreichte auch meinen Kopf, behinderte mich allerdings nicht beim Sehen.

Dann war es vorbei.

Beinahe hätte ich gelacht, denn ich dachte an Comic-Geschichten, in denen der Held durch ein besonderes Ereignis zum Superhelden gemacht wurde. So ein Ereignis hatte mich auch erwischt, aber ich war deshalb nicht zu einem Superhelden geworden.

Es war vorbei und ich spürte in mir nur eine gewisse Wärme. Dann war ich wieder so weit klar, um mich auf die Gestalt mit dem Hut konzentrieren zu können. Ich wartete darauf, dass etwas passierte, aber auch in den folgenden Sekunden tat sich nichts.

Ich musste etwas unternehmen und überlegte, ob ich den Schlapphut ansprechen sollte oder nicht. Ich entschied mich dafür und stellte die erste Frage.

»Wer bist du?« Eigentlich hatte ich nicht damit gerechnet, eine Antwort zu erhalten, und war aus diesem Grund überrascht, dass er sie mir gab.

»Ich bin ich …«

Herrlich. Das hätte ich auch sagen können. Das brachte mich nicht weiter.

»Und weiter?«

»Was willst du?«

»Hast du keinen Namen? Hast du kein Gesicht? Willst du dich nicht anschauen lassen? Bist du ein Engel und fühlst dich mehr wie ein Teufel? Du kannst es mir ruhig sagen.«

»Ich bin alles.«

»Und bist du auch ein Nichts?«

»Ich herrsche in dieser Welt.« Auf meine Frage war er nicht eingegangen. Er schüttelte den Kopf, als wollte er mich irgendwie loswerden. Doch da hatte er sich geschnitten, denn ich war noch längst nicht fertig mit meinen Fragen.

»Ich herrsche hier«, wiederholte er.

»Ja, in dieser Welt.« Mein Mund verzog sich zu einem Grinsen. »Was willst du in dieser Einöde? Ist das die Welt der Angst? Oder das andere Jenseits? Eine menschenleere Einsamkeit?«

»Ich gehörte dazu!«

»Klar. Und deshalb versteckst du dich auch – oder?«

»Ich verstecke mich nicht.«

»Und was bedeutet der Hut? Hast du Angst davor, dein Gesicht zu zeigen? Ist es so schrecklich? Bist du ein Monster in der Welt der Engel? Bist du der Herrscher des anderen Jenseits?«

Er schüttelte den Kopf. Ich wartete auf eine Antwort, aber ich erhielt sie nicht. Allmählich wurde ich sauer. Ich wollte wissen, wer mir da gegenüberstand. Die Distanz zu ihm war nicht besonders groß. Innerhalb einer Sekunde würde ich sie überbrückt haben. Zudem fühlte ich mich stark genug, den Kampf gegen den Schlapphut aufzunehmen.

Ich huschte auf ihn zu. Er wich nicht zur Seite aus. Er blieb stehen und ließ mich kommen, und ich fegte ihm zuerst den Hut vom Kopf.

Er flog in die Höhe, und ich hatte schon ausgeholt, um seinen Hals zu umfassen, als meine Hand in der Bewegung verharrte.

Es gab ihn nicht mehr.

Es gab nur noch seine Kleidung, wozu auch der Schlapphut gehörte …

***

Und der sank langsam zu Boden. Zumindest hatte ich den Eindruck, dass er nicht normal fiel. Auf der Kleidung blieb er liegen, und mir fuhr ein Gedanke durch den Kopf. Ich dachte daran, dass die Engel Geistwesen waren, und jetzt hatte ich das Gefühl, dass in der Kleidung auch ein Geistwesen gesteckt hatte.

Mit dieser Erklärung war ich nicht einverstanden. Ich fühlte mich schon leicht an der Nase herumgeführt, und ich fragte mich auch, warum er so gehandelt hatte.

Eine Antwort fand ich nicht. Mein Wissen war einfach zu gering. Ich wusste nicht mal, ob ich ihn in Verbindung mit den Engelwesen bringen sollte.

Egal, was da passiert war. Ich hatte meinen Plan nicht durchführen können und wusste nicht, wie das Geheimnis dieser Welt aussah.

Was war passiert?

Er hatte sich aufgelöst, das war es. Einfach so. Oder er war erst gar nicht richtig vorhanden gewesen. Das konnte auch zutreffen. Geister haben keine Gestalt. Engel waren Geister. Oder konnten Geister sein, denn auch bei ihnen gab es mehrere Kategorien.

Ich suchte vergeblich nach dieser Gestalt, doch ich war mir sicher, dass es nicht unsere letzte Begegnung gewesen war. Wir würden noch mal zusammentreffen.

Ich hörte, dass hinter mir eine Wagentür geöffnet wurde. Ich drehte mich um und sah Maxine Wells aus dem Auto steigen. Sie war ziemlich blass geworden und schaute mich fragend an. Ich hob die Schultern und deutete damit an, dass ich auch nichts wusste.

Sie kam langsam auf mich zu. »Was ist das gewesen, John?«

»Ganz einfach. Er hat sich aufgelöst. Unter dem Schlapphut befand sich kein Körper. Das ist schwer zu glauben, aber es trifft zu.«

»Dann war er ein Geistwesen?«

»Darauf deutet einiges hin.«

»Ein Engel?«

»Auch das ist möglich.«

»Hast du denn etwas erfahren können?«, erkundigte sie sich voller Hoffnung.

»Nein, das habe ich leider nicht. Sorry …«

Sie schüttelte den Kopf. »Ist denn sonst noch etwas passiert?«

»Nein«, sagte ich. »Es ist leider so, dass ich nichts erfahren habe. Ich hatte einfach den Eindruck, dass er sich vor mir zurückgezogen hat.«

»Und warum?«

»Das ist schwer zu sagen. Ich denke da an etwas, das mir widerfahren ist. Ohne mich in den Himmel heben zu wollen, muss ich sagen, dass ich wohl eine Stärkung erfahren habe.«

»Ach?«

»Ja, so ist es gewesen.« Ich berichtete, was ich erlebt hatte, als ich mich dem Schlapphut hatte nähern wollen. Da war etwas durch meine Adern gerieselt, das sich seltsam angefühlt hatte. Es war auch nicht perfekt zu beschreiben gewesen. Von Kopf bis hin zu den Füßen hatte es mich erwischt, ein Kribbeln, ein völlig neues Gefühl, mit dem ich mich auch jetzt noch nicht angefreundet hatte, obwohl ich mir sicher war, dass die Kraft, dessen Auslöser das Kreuz gewesen war, noch immer in meinen Adern steckte.

Mehr wollte ich darüber nicht nachdenken, aber ich hätte nichts dagegen einzuwenden gehabt, wenn es mich stark gemacht oder zumindest gestärkt hätte.

Maxine nickte mir zu. »Das ist wirklich interessant. Vielleicht hat es dich wirklich gestärkt. Wäre ja kein Fehler – oder?«

»Richtig.«

Maxine drehte sich auf der Stelle. »Du hast die Begegnung gehabt, das ist okay. Weißt du denn auch, wie es weitergehen wird? Oder weitergehen kann?«

»Nein.«

»Also Stillstand.«

»Das muss man wohl so sagen.«

Maxine Wells schaute zu Boden. Sie schüttelte den Kopf und drehte sich dabei um, weil sie einen Blick auf den Wagen werfen wollte. Jetzt stand auch die andere hintere Tür offen. Krista Hellsen streckte den Kopf heraus.

»Was gibt es denn Neues?«

»Nichts«, sagte Maxine. »Der Typ ist verschwunden und hat John kein Wort der Erklärung gegeben. So ist das nun mal. Wir können es auch nicht ändern.«

»Echt nicht?«

»Im Moment schon.«

Krista stöhnte leise auf. Dann sagte sie: »Ich habe es bei Rudy versucht, aber er weiß auch nichts. Oder er will nichts wissen. Er hat mir keine Antworten gegeben. Ich weiß wirklich nicht, wie das noch enden soll.«

Ich wollte nicht, dass sie alle Hoffnung verlor, und sagte nur: »Mach dir keine Gedanken, wir werden es schon schaffen.«

»Und wie?«

»Das müssen wir sehen. Ich denke, dass es klappen wird. Bisher hat es das immer.«

Sie schaute mich an. Sie schüttelte den Kopf und sagte dann: »Ich kann daran nicht glauben.«

»Ich schon.« Es war natürlich leicht übertrieben, aber so lagen die Dinge nun mal. Es hatte keinen Sinn, wenn ich hier Pessimismus verbreitete.

Maxine hatte sich auf etwas anderes konzentriert.

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