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John Sinclair - Folge 1772

Ein Grab in den Bergen

(1. Teil)

»Da liegt jemand.«

»Wo?«

»Am Fuß des Abhangs.« Die junge Frau ließ das Fernglas sinken und blickte ihren Begleiter an. »Ich glaube, der ist tot.«

Rudy Reiking bekam große Augen. »Wie kommst du denn darauf?«

Krista zuckte mit den Schultern. »Das weiß ich auch nicht genau. Aber es ist nicht nur ein Gefühl. Es sieht einfach so aus …«

»Dann gib mir mal das Glas.«

»Hier, bitte.«

Rudy setzte es gegen die Augen. Seine Freundin hatte zwar den Abhang erwähnt, aber nicht genau gesagt, an welcher Stelle sie den Körper entdeckt hatte. So war er gezwungen, das Glas ein wenig zu bewegen. Er ging von oben nach unten vor. Die Steine auf dem Abhang waren unterschiedlich groß. Manche sahen aus, als würden sie sich im nächsten Augenblick lösen wollen, um nach unten zu rollen.

»Siehst du es?«

»Noch nicht.«

Krista blickte ihn an. »Du musst es weiter unten versuchen. Da liegt die Gestalt.«

»Ja, ja, mache ich.« Das war nicht nur einfach so dahin gesagt, der junge Norweger senkte das Fernglas tatsächlich und erreichte die unterste Stelle.

Dort verharrte er.

»Und?«, fragte seine Freundin.

»Ja, du hast recht. Da liegt einer.«

»Ein Toter, nicht?«

»Keine Ahnung, ob er tot ist. Das ist möglich, aber er könnte auch schlafen.«

Krista verzog den Mund. »Bei der harten Unterlage, ich weiß nicht so recht.«

»Vielleicht liegt er ja auf etwas. So genau kann man es wirklich nicht erkennen.«

»Und weiter?«

Rudy ließ das Glas sinken. »Was meinst du damit?«

»Ich möchte wissen, wie es weitergeht. Hast du da vielleicht eine Idee?«

»Nein, die habe ich nicht. Wirklich nicht.« Rudy lachte. »Oder willst du hingehen und ihn wecken?«

»Keine schlechte Idee. Ich möchte nämlich wirklich wissen, was mit ihm ist. Wir befinden uns hier in den Bergen. Da muss sich einer auf den anderen verlassen können. In der Großstadt wäre das etwas anderes, aber nicht hier. Ich jedenfalls werde nach ihm sehen. Und zu groß ist die Entfernung ja nicht.«

Rudy war alles andere als begeistert. Aber er machte gute Miene zum bösen Spiel und war sogar derjenige, der als Erster aufstand und seinen Rucksack wieder auf den Rücken schwang.

Auch Krista stand auf. In ihrem Gesicht regte sich nichts. Sie war blass und ihr Blick unstet geworden.

Weit war die Strecke nicht. Und sie war auch gut zu gehen, denn die beiden konnten auf einer Höhe bleiben.

Das Wetter spielte auch mit. Der Himmel war von dicken Wolken bedeckt, die keinen Sonnenstrahl durchließen, was beide als angenehm empfanden, denn so kamen sie nicht ins Schwitzen.

Bald schon war die Gestalt mit bloßem Auge gut zu erkennen. Und sie hatte ihre Haltung auch nicht verändert. Sie war in dieser Stellung geblieben. Es war kein richtiges Sitzen und auch kein Liegen.

Sie gingen bis auf etwa fünf Meter an die Gestalt heran und blieben dann stehen. Der Mann rührte sich nicht. Sie hörten auch keine Atemgeräusche, aber sie sahen, dass der Kopf nach unten gesunken war, sodass das Kinn die Brust berührte.

»Der schläft noch immer«, murmelte Rudy.

»Ich weiß nicht. Alles ist so seltsam.« Krista zog die Nase hoch. »Meinst du nicht auch?«

»Lass uns doch erst mal näher an ihn herangehen.«

Das taten beide. Als sie dann vor ihm standen, sprachen sie den Mann an.

»He, wachen Sie auf. Es ist besser für Sie und …«

Der Mann rührte sich nicht. Sie sahen vor sich einen normalen Menschen, der einen dunkelroten Pullover trug und die Beine halb ausgestreckt hatte. Seine Haltung war unbequem. Es war schon unnatürlich, dass er über einen langen Zeitraum so liegen und schlafen konnte.

Schlafen?

Dieser Begriff zuckte durch Krista Hellsens Kopf. Sie glaubte nicht mehr daran, denn sie hörte auch nichts und sagte schließlich mit halblauter Stimme: »Der schläft nicht.«

»Und was ist stattdessen mit ihm?«

Krista gab keine Antwort. Sie drehte nur den Kopf, um ihren Freund anzuschauen.

Der erwiderte ihren Blick und las in ihren Augen etwas Bestimmtes.

»Nein«, flüsterte er, »das meinst du nicht im Ernst. Das kann ich nicht glauben.«

Er blickte in die Augen des Mannes. Sie waren nicht geschlossen, sie standen so weit offen, dass er die Pupillen sah, die ihm so anders vorkamen.

So starr. Irgendwie künstlich. Das war auf keinen Fall mehr normal.

Ein schrecklicher Gedanke stieg in ihm hoch. Plötzlich war er bereit, seiner Freundin zuzustimmen. Dieser Mann machte nicht den Eindruck eines Schlafenden.

»Er ist tot – oder?«, flüsterte Krista.

Rudy Reiking fühlte zuerst am Hals nach dem Puls und stellte fest, dass er nicht zu spüren war. Erst nachdem er dies hinter sich hatte, erhob er sich, drehte sich um und schaute seiner Freundin ins Gesicht.

Die sah ihn an, stellte keine Frage, sondern schluckte nur und verlor alle Farbe aus dem Gesicht.

»Ja, er ist tot, Krista«, sagte Rudy. »Mausetot …«

***

Es war eine Feststellung, die sie schweigen ließ. Sie standen auf der Stelle und starrten einfach nur ins Leere. Schließlich atmete Krista stöhnend aus. Dann fragte sie: »Hast du denn eine Wunde entdeckt?«

»Nein, das habe ich nicht.«

Sie lachte auf. »Aber irgendwie muss er doch ums Leben gekommen sein.«

»Aber eine Wunde hat er nicht.« Rudy deutete den Hang hoch. »Und es sieht auch nicht so aus, als wäre er abgestürzt. Der muss auf eine andere Art und Weise ums Leben gekommen sein.«

»Das würde mich schon interessieren«, sagte Krista.

»Ja, mich auch.«

Krista musste sich überwinden, um die nächsten Worte auszusprechen. »Wir können ihn ja mal untersuchen. Es kann ja sein, dass wir an seinem Rücken etwas finden.«

»Meinst du?«

»Ein Versuch ist es wert, ich helfe dir auch dabei.«

»Okay.«

Beide bückten sich. Sie zogen den Toten nach vorn, damit der Rücken freilag.

Dann starrten beide auf das, was sie sahen und schüttelten den Kopf.

»Das glaube ich nicht. Das kann doch nicht wahr sein. Sag, dass wir uns täuschen, Rudy!«

»Nein, wir täuschen uns nicht. Das ist wirklich wahr …«

Beide sprachen nicht mehr, aber beide starrten auf das, was am Rücken zu sehen war.

Ein Paar Flügel!

***

Zwei Augenpaare starrten auf das, was es eigentlich nicht geben konnte und trotzdem gab. Ein Flügelpaar. Etwas, das zu Engeln gehörte, aber nicht zu Menschen. Es war also ein Engel, der hier in den Bergen abgestürzt und gestorben war.

Krista fasste nach dem Arm ihres Freundes. »Sag was, bitte.«

Er hob nur die Schultern.

»Wir sind doch nicht blind – oder?«

»Nein, das sind wir nicht.«

»Also gibt es auch diese zwei Flügel.«

»Ja.«

»Und Menschen haben keine Flügel.«

»So ist es, Krista. Es sei denn, die binden sich welche an den Rücken.«

»Danach sieht es nicht aus.«

»Finde ich auch.«

Krista klammerte sich noch immer an ihrem Freund fest. »Dann müssen wir tatsächlich davon ausgehen, dass wir einen Engel hier gefunden haben.«

»Ja, müssen wir.«

»Gibt es denn überhaupt Engel?«

Rudy lachte. »Schau doch hin, dann siehst du ihn. Ja, es gibt Engel, auch wenn ich persönlich nie so recht daran geglaubt habe. Ich kenne eine Frau, die das tut. Sie spricht sogar mit den Engeln, sagt sie immer. Und wenn ich das jetzt höre, werde ich darüber nie mehr lachen.«

»Ich auch nicht.« Krista schüttelte den Kopf. »Ich verstehe das alles nicht. Die Engel haben doch eigentlich keinen Körper. Aber dieser hier hat einen.«

»Woher weißt du das denn?«

»Das habe ich mal gelesen. Sie sind Geistwesen. Sie sind nicht fest, man kann sie nicht anfassen. Aber hier ist das alles auf den Kopf gestellt worden. Wir sehen hier eine normale Leiche vor uns. Einen festen Körper und keinen ätherischen.«

»Das stimmt.«

»Dann kann es kein Engel sein, Rudy.«

Davon war dieser nicht überzeugt. »Kennst du dich so gut aus?«, fragte er.

»Nein.«

»Genau das meine ich. Es könnte doch möglich sein, dass es solche und solche gibt.«

»Ja, dem stimme ich zu.«

»Und deshalb werden wir einige Fotos machen. Und ich bin gespannt, wie die Welt darauf reagieren wird. So einfach können sie nicht übersehen werden, sage ich dir. Da muss es eine Reaktion geben.«

»Wie du meinst.«

Aus dem Rucksack holte Rudy Reiking seinen Fotoapparat. Er gab sich nicht nur mit zwei oder drei Aufnahmen zufrieden. Er fotografierte die Gestalt von allen Seiten, und besonders wichtig war dabei der Rücken. Mit den Flügeln konnten sich dann die entsprechenden Fachleute beschäftigen.

»Alles klar, Rudy?«, fragte Krista, als ihr Freund den Apparat sinken ließ.

»Ich glaube ja.«

»Sind die Aufnahmen was geworden? Hast du mal nachgeschaut?«

»Das mache ich jetzt.«

Rudy Reiking holte die Fotos auf das Wiedergabefenster. Beide schauten nach und schüttelten den Kopf, denn was sie sahen, wollte ihnen nicht in den Sinn.

»Was ist das denn?«, flüsterte Krista. »Die Aufnahmen sind ja alle unscharf.«

»Stimmt.«

»Ist mit der Kamera was nicht in Ordnung?«

Rudy lachte auf. »Mit der Kamera schon, aber nicht mit dem Motiv. Das kann man nicht fotografieren. Zumindest nicht scharf. Schau es dir an.«

Beide sahen noch mal nach. Der Tote war auf den Fotos zu einer nebulösen Figur geworden, und das begriffen beide nicht, denn vor ihnen lag die normale Gestalt.

»Das glaubt uns keiner, Rudy. Wenn wir den Beweis nicht erbringen, haben wir schlechte Karten.«

»Und wie soll es weitergehen?«

»Keine Ahnung.« Krista verzog die Lippen. »Wir sind Zeugen, aber wir werden es dabei belassen. Man wird uns nicht glauben. Engel gibt es nicht und tote schon gar nicht. Das ist eben so. Ob es uns passt oder nicht.«

Rudy nickte nur. Er wusste nicht, was er sonst tun sollte. Er fühlte sich nicht mehr gut. Alles war anders geworden, und er sehnte sich danach, von hier wegzukommen, um woanders zu sein, wo es keine toten Engel gab.

»Wir wissen immer noch nicht, wie die Gestalt ums Leben gekommen ist«, sagte Krista.

»Ach. Ist das wichtig?«

»Ja, mich würde es schon interessieren. Wir haben keine Verletzung gesehen und ich frage mich, ob Engel einen Herzinfarkt erleiden können.«

»Bestimmt nicht.«

»Und trotzdem ist er tot.«

Rudy winkte ab. »Ich weiß nicht, wie es dazu gekommen ist. Ich habe auch keine Lust mehr, mir Gedanken über dieses Phänomen zu machen. Ich denke, dass wir von hier verschwinden sollten. Alles andere ist unwichtig.«

»Der Meinung bin ich auch. Aber was sagen wir? Wem erzählen wir von unserem Fund?«

»Keinem.«

Krista ballte ihre Hände zu Fäusten. »Wir müssen es aber melden. Wir können den Körper nicht den Geiern überlassen.«

»Wir werden ihn auch nicht dort liegen lassen. Wir rufen bei der Bergwacht an, anonym natürlich, und die Leute werden dafür sorgen, dass man die Leiche abtransportiert. Alles andere soll uns nicht mehr jucken.«

Krista nickte. »Das ist wohl die beste Lösung.«

»Darauf kannst du dich verlassen.«

»Aber ich würde schon gern wissen, was es mit ihm auf sich hat. Diese Gestalt hat mich neugierig gemacht, sie muss doch irgendwoher gekommen sein.«

»Ja, Engel kommen aus dem Himmel.«

Sie musste lachen. »Zur Not auch das. Aber so richtig glauben kann ich das nicht.«

»Müssen wir auch nicht.«

Einen letzten Blick des Abschieds warfen die beiden auf den toten Engel. Wohl fühlten sie sich nicht. Sie hätten gern weiter geforscht, aber das konnten sie sich abschminken. Bei einem normalen Toten wäre das etwas anderes gewesen, nicht aber bei diesem Engel, der einfach nur unerklärlich war.

Den Weg ins Tal mussten sie ohne Hilfsmittel zurücklegen. Es gab keine Seilbahn, die nach unten geführt hätte.

Es war ein mühevoller Abstieg. Aber die beiden kannten sich aus. Sie waren im Gebirge erfahren und hatten schon in ihrer Heimat Norwegen zahlreiche Wanderungen und Klettertouren hinter sich gebracht.

Über manche Geröllhänge schlitterten sie hinab, um den Weg abzukürzen. Sie hätten sich auch auf den normalen Routen halten können, was sie nicht wollten. Irgendetwas trieb sie an, so schnell wie möglich in die Tiefe zu gelangen, wo sie ihr Auto abgestellt hatten. Es gab da einen kleinen Parkplatz, fast schon am Rand eines Dorfes. Von diesem Ort aus hatten sie ihren Aufstieg begonnen, und als sie das Fahrzeug erreichten, waren sie froh, sich in den kleinen Renault setzen zu können.

»Geschafft!« Rudy stieß die Luft aus. »Und das in so kurzer Zeit.« Er wischte den Schweiß von seiner Stirn. »Was sagst du dazu?«

»Ich freue mich.«

»Denkst du noch an den Toten?«

»Ja, den werde ich nie vergessen. Und ich weiß auch nicht, ob das richtig ist, was wir vorhaben.«

»Wie meinst du das?«

»Ganz einfach. Ich denke nicht, dass wir den Fund für uns behalten sollten. Wir müssen es melden.«

Ihr Freund winkte ab. »Dann tun wir es doch in Gottes Namen …«

***

»Ich weiß ja nicht, ob es interessant für dich ist, John, aber für mich ist es ein Phänomen.«

»Was denn, Maxine?«

»Bei uns in Dundee wird ein toter Engel ausgestellt. Es ist die Sensation. Die Menschen sprechen kaum von etwas anderem. Hast du noch nichts davon gehört?«

»Habe ich nicht.«

»Dann solltest du ihn dir anschauen.«

Da hatte Maxine Wells, die Tierärztin, wohl recht. Aber ich hatte noch eine Frage.

»Darf ich wissen, woher er kommt?«

»Er wurde in den Bergen aufgefunden. Tot natürlich. Man hat ihn geborgen und hierher nach Dundee geschafft. Jetzt wird er ausgestellt.«

»Und ihr seid sicher, dass es ein Engel ist?«

»Zumindest ein Mensch mit Flügeln. Und die sind nicht angeklebt, sondern angewachsen.«

»Also ein Engel, sagen die Leute.«

»Genau.«

»Und was sagst du?«, fragte ich.

Maxine drückte sich nicht um die Antwort herum. »Ich bin auch dafür. Ich würde ihn gern sehen, und ich werde ihn auch zu Gesicht bekommen. Aber nicht allein. Wenn du Lust und Zeit hast, kannst du hochkommen, denn du siehst ja nicht jeden Tag Engel.«

»Das stimmt.«

»Wann kommst du?«

Ich musste lachen. »So schnell schießen die Preußen nicht. Ich habe mich noch nicht entschlossen.«

»Das solltest du aber. Wenn es ein fake ist, macht nichts. Zwei Tage Urlaub tun dir auch mal gut. Sollte es kein fake sein, was ich ja glaube, dann würdest du dich vielleicht darüber ärgern, dass du dir den Engel nicht angesehen hast.«

»Möglich. Aber hast du ihn denn schon gesehen?«

»Nein, das habe ich nicht. Er wurde leider unter Verschluss gehalten. So hatte ich das Nachsehen. Aber zur Eröffnung morgen bin ich dabei.«

Wenn ich mir alles so recht durch den Kopf gehen ließ, war es vielleicht nicht verkehrt, mal wieder aus London rauszukommen. Der letzte Fall war hart genug gewesen, denn gegen Kannibalen zu kämpfen war alles andere als ein Vergnügen gewesen.

»Denkst du nach, John?«

»Ja.«

»Wann kommst du? Also morgen ist die Eröffnung der Ausstellung. Da wäre es am besten, wenn …«

»Ich versuche es, Max.«

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