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John Sinclair - Folge 1771

Im Taumel der Nacht

(2. Teil)

Die beiden Nackten hatten mich ins Haus gezerrt und auf den harten Boden geworfen. Den Fall hatte ich nicht abfangen können, ich war recht hart aufgeschlagen und hatte mir den Kopf gestoßen. Wer die beiden genau waren, wusste ich nicht, aber sie gehörten sicherlich nicht zu meinen Freunden, und ich hatte auch nicht damit gerechnet, so plötzlich attackiert zu werden …

Dabei war ich nicht allein zu diesem Haus gefahren. Suko und Bill Conolly waren meine Mitstreiter. Nur hatten sie sich an irgendeiner anderen Seite des Hauses nach einem zweiten Eingang umsehen wollen, ich dagegen hatte es auf die konventionelle Art und Weise versucht. Einfach durch Klingeln an der Haustür, und ich hatte tatsächlich das Glück gehabt, dass jemand öffnete.

Wobei man das Wort Glück relativieren musste. Es war kein Glück, dass ich hier lag und hinter mir die beiden Nackten wusste, die den ersten Teil eines Plans hinter sich gebracht hatten und nun zum zweiten Teil übergingen.

Ich lag auf dem Boden und hörte sie. Es war das Aufklatschen ihrer nackten Füße. Und das Geräusch verstärkte sich. So war mir klar, dass sie auf mich zukamen und mir sicherlich nicht auf die Beine helfen wollten.

Ich bewegte mich nicht, ich wollte die Nackten in Sicherheit wiegen, denn ausgeschaltet hatten sie mich nicht.

Sie flüsterten. Es war eine Sprache, die ich nicht kannte. Vielleicht redeten sie auch nur sehr leise miteinander, ich wusste es nicht, konzentrierte mich aber, auch wenn es mir nicht leicht fiel und meine Lage ziemlich unbequem war.

Dann waren sie bei mir. Ich drehte ihnen noch immer den Rücken zu. Waffen hatte ich nicht bei ihnen gesehen. Ich glaubte auch nicht, dass sie sich inzwischen welche geholt hatten.

Der eine stand rechts, der andere links neben mir. Wieder sprachen sie miteinander. Die Worte hörten sich an, als würden die Nackten lispeln.

Meine liegende Position gefiel ihnen wohl nicht. Sie wollten mich auf die Beine zerren, bückten sich, bekamen mich an den Armen zu fassen und zerrten mich auf die Beine. Ich hatte keine Lust, mich von ihnen fertigmachen zu lassen, wartete aber ab, bis ich normal stand und sorgte dann für eine Gegenreaktion.

Sie waren sich ihrer Stärke bewusst, aber sie hielten mich nicht sehr hart fest, und so konnte ich mich mit einer heftigen Bewegung von ihnen lösen. Den einen stieß ich nach rechts, den zweiten nach links weg. Ich hörte die wilden Flüche oder was immer es war, was über ihre Lippen drang, und ich selbst machte einen Satz nach vorn, um Platz zwischen uns zu bringen.

Noch während des Laufens zog ich meine Beretta und drehte mich mit ihr in der Hand um, als ich einen bestimmten Punkt erreicht hatte. Jetzt hatte ich sie vor mir. Es fiel nicht besonders viel Licht durch die Fenster in diesen doch recht breiten aber leeren Flur hinein, aber hier reichte das Licht aus, um die beiden Typen gut erkennen zu können.

Ich hatte mich nicht geirrt. Sie waren tatsächlich nackt, sahen aus wie Menschen, wobei ich nicht daran glaubte, dass es normale Menschen waren. Zwar sahen sie so aus, was ihre Körper und auch die Gesichter anging, aber es störte mich etwas. Was es war, begriff ich nicht. Noch nicht. Ich sah die langen Haare, aber ich sah auch die gelbliche Haut, denn so sah kein Mensch aus. Und sie brauchten keine Kleidung, da glichen sie schon Tieren, nur dass sie eben kein Fell hatten, aber trotzdem nicht froren.

Sie waren seltsam, und als ich ihre Augen sah, da musste ich schon schlucken. Das waren für mich keine normalen Augen, das war etwas anderes. Kleine, tote Teiche. Kein Ausdruck darin. Marionetten, die den Befehlen eines Herrn gehorchten.

So etwas kannte ich. Aber wem gehorchten sie? Wer war ihr Chef oder ihre Chefin? War es Matthias? War es Justine Cavallo, hinter der wir auch her waren?

Ich musste sie fragen. Möglicherweise erhielt ich eine Antwort, auch wenn ich nicht so recht daran glaubte.

»Wer seid ihr? Wo kommt ihr her? Habt ihr Namen? Könnt ihr mich überhaupt verstehen?«

Eine Antwort erhielt ich nicht. Keiner der beiden rührte sich oder sagte ein Wort. Ihre Antworten bestanden aus scharfen Atemzügen. Entweder konnten oder wollten sie nicht. Ich glaubte auch nicht, dass sie sich durch meine Waffe besonders beeindrucken ließen, denn die unternahmen keine Fluchtversuche. Sie wollten es sogar noch wissen, denn plötzlich öffneten sie ihre Mäuler, und dann bekam ich zu sehen, was sich dort in ihnen befand.

Zähne!

Aber keine normalen, sondern welche, die man als metallische Stifte bezeichnen konnte. Sie wirkten wie eine gefährliche Zange.

Ihre Gesichter veränderten sich nicht. Nach wie vor blieben die Augen ohne Ausdruck, aber die Mäuler ließen sie offen.

Sie würden, wenn sie mich in ihre Fänge bekamen, regelrecht zerreißen. Ihre Gebisse erinnerten mich an die von Ghouls, aber echte Leichenfresser waren sie wohl nicht.

Sie suchten den Angriff. Von zwei Seiten konnten sie mich in die Zange nehmen. Für sie eigentlich perfekt. Und ich hätte auch dumm aus der Wäsche geschaut, wäre ich nicht bewaffnet gewesen. Im Magazin steckten die geweihten Silberkugeln, und es waren nicht gerade wenige, aber ich brauchte nicht viele, hoffte ich zumindest.

Und dann griffen sie an, und sie waren ungeheuer schnell. Ich hatte nicht damit gerechnet und musste blitzschnell reagieren. Ich zuckte nach rechts und schoss.

Die Silberkugel traf das Wesen mitten im Lauf. Ich hörte einen Schrei, sah es stolpern, aber mehr bekam ich nicht mit, denn ich musste mich um den Zweiten kümmern.

Wieder peitschte der Schuss auf. Für mich war es nur wichtig, dass ich traf, und nicht wohin. Ich hatte wohl etwas zu hoch gehalten und deshalb war die Kugel in das Gesicht gefahren und hatte es zerstört. Es war förmlich auseinandergeplatzt. Ohne Gesicht und mit halbem Kopf lief er noch weiter. Vergleichbar mit einem Huhn, das auch noch lief, wenn der Kopf abgeschlagen war.

Er torkelte auf mich zu und ich wusste, dass er mich nicht erreichen würde, denn er war schon durch das Silber geschwächt. Er stolperte über seine Beine, fing sich nicht wieder und landete bäuchlings vor meinen Füßen.

Von ihm drohte keine Gefahr mehr. Aber es gab noch den Zweiten. Zwar hatte ich ihn erwischt, aber ich wollte sehen, was mit ihm geschehen war, denn meine Kugel hatte nicht seinen Kopf getroffen.

Er lag ebenfalls am Boden. Allerdings auf dem Rücken, und jetzt sah ich, was das geweihte Silber bei ihm angerichtet hatte. Er verging vor meinen Augen. Es war schon unwahrscheinlich, was ich da zu sehen bekam. Seine Gestalt ging in einen anderen Zustand über. Das Feste löste sich auf. Es wurde flüssig und endete in einer großen, leicht riechenden Lache.

Wieder musste ich an Ghouls denken, verwarf den Gedanken aber wieder, denn die Ghouls, die Leichenfresser, kristallisierten sich. Das war hier nicht der Fall. Es blieb bei der Flüssigkeit, in die sich allmählich der gesamte Körper verwandelte. Es war ein Bild, das mich abstieß und zugleich faszinierte.

Die Gestalt lag am Boden, sie wurde immer weniger, während sich die Flüssigkeit vermehrte. Von den Füßen her bewegte sich der Prozess nach oben hin, und zuletzt würde der Kopf davon erfasst werden, das stand fest.

Ich konzentrierte mich auf das Gesicht. Es hatte sich verändert. Die Gestalt wusste, was auf sie zukam, aber sie sah keine Chance, dies zu ändern. Auch ihre Arme waren bereits in Mitleidenschaft gezogen worden. Die Hände lösten sich auf, und von den Fingern fielen dicke Tropfen.

Ich drehte mich zu der zweiten Gestalt um.

Auch sie war im Begriff, sich zu verändern und dann zu vergehen. Bei ihr würde sich der Kopf ebenfalls als Letztes auflösen.

Ich sah wieder auf den anderen.

Der jammerte. Es waren ungewöhnliche Laute, die noch aus seinem Maul drangen. Sie waren schlecht einzuschätzen und hätten besser zu einem Tier gepasst. Möglicherweise war er ja auch ein Tier in Verkleidung. Jedenfalls würde er mir nicht mehr gefährlich werden, und als die Laute aufhörten, da sackte der Kopf nach unten, weil er keinen Halt mehr gefunden hatte.

Er schwamm jetzt auf der Masse, ich schaute noch in das Gesicht und sah die Zuckungen, die sich auf den Wangen und auch am Kinn abmalten.

Er starb. Oder er verging. Er wurde zu einem Teil der auf dem Boden liegenden Lache und ich konnte nur den Kopf schütteln. Die beiden waren Vergangenheit, nur die Lachen blieben als Erinnerung. Davon ging ich zumindest aus.

Dann hörte ich das Klingeln und das Klopfen zugleich an der Haustür. Draußen stand jemand und wollte herein, und ich wusste auch schon, wer das war.

»John, mach auf!« Bills Stimme war nicht zu überhören. Ich ging hin, öffnete die Tür und beinahe wäre mir der Reporter in die Arme gefallen, weil er sich von draußen gegen die Tür gelehnt hatte.

»Wir haben Schüsse gehört – oder?«

»Ja, das stimmt.«

Er sah mich von oben bis unten an und suchte nach einem Kratzer oder einer Verletzung. Er entdeckte nichts und sagte mit leiser Stimme. »Nichts passiert …?«

»Doch.« Ich nickte meinen beiden Freunden zu. »Dann kommt erst mal rein.«

Ich gab ihnen den Weg frei. Sie betraten das Haus und sahen gleich darauf die beiden Lachen am Boden, die einen ungewöhnlichen Geruch abgaben.

»Dein Werk?«, fragte Suko.

»Ja.«

»Und?«

»Es ist das, was von zwei Angreifern übrig geblieben ist«, erklärte ich.

Suko und Bill schwiegen zunächst. Meine Erklärung hatte sie geschockt. Dann fand Bill seine Sprache wieder. »Bist du sicher, dass du dich nicht geirrt hast?«

»Das bin ich. Wenn du in die Lachen schaust, wirst du noch meine Kugeln entdecken. Es waren zwei Angreifer, die mir ans Leder wollten. Sie hätten mich getötet, doch es war kein Problem für mich, sie auszuschalten.«

Suko deutete auf eine der Lachen. »Kann man bei ihnen von Ghouls sprechen?«

»Das hatte ich auch zuerst gedacht. Aber Ghouls verhalten sich anders, sie zerfließen zwar, wenn man sie richtig erwischt, aber sie kristallisieren danach, und das ist hier nicht der Fall. Ich habe zumindest nichts gesehen. Oder ist euch was aufgefallen?«

»Nein«, sagten beide wie aus einem Mund.

Bill schüttelte den Kopf. »Dann würde ich dich gern fragen, wie du die Lage einschätzt? Wer könnten diese Geschöpfe sein? Und zu wem könnten sie gehören?«

Ich antwortete nicht, denn Bill Conolly sprach. »Vielleicht zu Justine Cavallo?«

»Nein«, erwiderte ich entschieden. »So etwas passt nicht zu ihr. Die fahren auf einen anderen ab.«

»Matthias?«

»Ich denke schon, Bill.«

Der Reporter schwieg. Er musste erst mal nachdenken. Der Name Matthias war gefallen, und wenn das geschah, bildete sich bei manchen Leuten eine Gänsehaut. Bill gehörte dazu, sprach aber nicht direkt davon, sondern sagte: »Er ist wohl nicht hier.«

»Und die Cavallo?«

»Auch nicht, Bill. Ich habe nur die beiden hier erlebt. Die großen Chefs sind verschwunden.«

»Wohin? Nach London?«

»Möglich. Sie werden ihre Pläne haben, und wir haben sie nicht stark genug stören können.«

Da standen wir nun und sahen ziemlich betreten aus. Die Hauptpersonen waren ausgeflogen und wir hatten keine Ahnung, wohin sie sich gewendet haben könnten.

Es sah nicht gut aus. Außerdem wussten wir zu wenig. Eigentlich hatte alles mit einer jungen Frau namens Cindy Snider angefangen. Sie war in der Disco von einem fremden Mann abgeschleppt worden. Er hatte sie jedoch nicht dorthin gebracht, sondern hierher in dieses Haus, und hier hatte die Vampirin Justine Cavallo auf sie gewartet, um sich endlich mal wieder satt trinken zu können. Die Cavallo hatte Cindy Snider dann zu Jane Collins geschickt, um deren Blut zu trinken. Jane hatte ihr auch ahnungslos die Tür geöffnet, aber auch gesehen, was mit ihrem linken Arm passiert war. Den hatte jemand so verdreht, dass der Handrücken nach innen zeigte.

Da war auch für Jane einiges klar geworden. Ihr waren die Methoden eines gewissen Matthias bekannt, und spätestens jetzt kam ich ins Spiel.1)

Ich wusste sofort Bescheid und erinnerte mich wieder an Tirol. Dort war eine stark schwäche Justine Cavallo von Matthias gerettet worden. Danach hatten wir über Monate nichts mehr von ihnen gehört, bis vor Kurzem. Und jetzt wussten wir, dass beide wieder aktiv waren. Matthias und die Cavallo.

Sie waren ein Paar, das sich wunderbar ergänzte. Eine Person wie die Cavallo kannte keine Skrupel, wenn es um ihren Vorteil ging. Da spielten Freundschaften oder Menschenleben keine Rolle.

Wir hatten gehofft, zumindest einen von ihnen hier in diesem Haus am Wald anzutreffen, aber das war nicht der Fall. Mal wieder hatten wir das Nachsehen.

»Was machen wir jetzt?«, fragte Bill.

So richtig wusste keiner die Antwort. Suko war dafür, das Haus zu durchsuchen. Es konnte ja sein, das wir hier einen Hinweis auf etwas fanden, das uns weiterbrachte, aber ich glaubte nicht daran. So dumm war die andere Seite nicht.

»Und wo könnten sie sein? Hat keiner von euch eine Idee?«, fragte Bill.

»Ich schon«, sagte Suko.

»He, raus damit!«

Suko legte seine Stirn in Falten. »Es ist wirklich nur eine Idee, und sie muss auch nicht zutreffen, was ich sehr hoffe, aber wir kennen unsere Feinde und sie kennen uns. Sie wissen, wie sie uns treffen können. Es gibt auch bei uns Schwachstellen, denn nicht alle leben allein. Ihr seid in Tirol dabei gewesen. Ich will dir ja keinen Frust machen, aber man muss damit rechnen, dass du mit deiner Familie auch auf der Liste der Rache oder Abrechnung stehst. Bei Jane war ja schon jemand. Ich denke, dass es nicht genug war und sie einen weiteren Angriff versuchen wird.« Er schaute uns an. »Bitte, das ist nur eine Theorie, an der nichts dran sein muss.«

Bill Conolly gab keine Antwort. Er reagierte jedoch und entfernte sich von uns. Er ging auf eine andere Tür zu. Ich sah, dass er sein Handy hervorholte, und wusste, dass er bei seiner Frau anrief.

»War es falsch, was ich gesagt habe, John?«

»Nein, ganz und gar nicht. Wir stehen ja auf der Liste. Ich weiß nur nicht, ob die beiden zu zweit sind oder nicht noch welche mitgenommen haben.«

»Wen meinst du denn, John?«

»Ich denke an die Nackten. Die waren sicher nicht nur zu zweit.«

»Das ist wahr.« Suko verzog das Gesicht. »Dann könnten sie also mit einer ganzen Mannschaft agieren.« Seine Augen nahmen einen harten Glanz an. »Wir sollten uns auf gefährliche Zeiten gefasst machen.«

»Das befürchte ich auch.«

Bill kam zurück. Er nickte uns zu. Sein Gesichtsausdruck wirkte nicht besonders ängstlich.

»Alles klar?«

»Ich habe zu Hause angerufen, John. Da ist alles in Butter. Johnny ist auch da. Er wird auf seine Mutter aufpassen, das hat er mir versprochen. Trotzdem bin ich nicht wirklich beruhigt.«

Das konnten wir uns denken.

Es wurde Zeit für uns, dass wir von hier verschwanden. In diesem Augenblick aber geschah etwas, womit keiner von uns gerechnet hatte …

***

Die Detektivin Jane Collins wusste genau, dass die Gefahr noch nicht gebannt war. Auch wenn die Blutsaugerin keinen Sieg davongetragen hatte, war Jane trotzdem nicht davon überzeugt, dass alles vorbei war. Nein, sie kannte die andere Seite gut genug. Die würde nicht aufgeben, auch wenn John Sinclair hinter ihnen her war.

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