Logo weiterlesen.de
John Sinclair - Folge 1770

Blutfalle

(1. Teil)

Plötzlich war die Welt um Cindy Snider herum verschwunden. Die Gesichter der Gäste, die wilden Farbkaskaden aus Licht, die lauten Stimmen, die hektische Musik – alles war in den Hintergrund gerückt worden. Für Cindy gab es nur noch eines – das Gesicht!

Ja, das Gesicht eines Mannes, der neben ihr stand, ein gefülltes Glas in der Hand hielt und sie anschaute.

Welch ein Gesicht!

Es war der reine Wahnsinn, es war nicht zu glauben. So ebenmäßig, aber nicht weich, sondern männlich fest, wobei der Ausdruck hart nicht passte. Da kamen selbst die angesagtesten Schauspieler nicht mit. Kein Filmstar konnte da mithalten.

Und dann gab es noch die Augen. Sie waren von einer Farbe, die kaum zu beschreiben war.

Ein intensives, ein wahrlich leuchtendes Blau. Dieses Blau war so klar wie ein Stück Himmel, der noch keine Umweltverschmutzung erlebt hatte. Einfach wahnsinnig intensiv.

Cindy hatte es die Sprache verschlagen. Auch wenn sie es gewollt hätte, es wäre ihr nicht möglich gewesen, etwas zu sagen. Dieser Anblick hatte sie völlig umgehauen, und sie wunderte sich, dass sie noch auf ihren Beinen stand und nicht in die Knie gesackt war. Aber sie schaffte es, sich abzustützen und auch tief Luft zu holen.

Dann lächelte er. Nur kurz und knapp. Aber dieses Lächeln sagte alles. Cindy spürte, wie sich eine Röte in ihr Gesicht schlich. Das ärgerte sie, aber sie konnte es nicht ändern.

»Hi …«

Ein schlichtes Wort nur. Mehr sagte er nicht. Schon dieses eine Wort sorgte dafür, dass sie weiche Knie bekam und erst mal tief Luft holen musste.

Cindy nickte nur.

»Und?«

Du musst etwas sagen!, schoss es ihr durch den Kopf. Du darfst nicht zeigen, wie du dich fühlst. Es ist alles okay, dich gibt es auch noch. Alles klar.

So versuchte Cindy sich Mut zu machen. Sie putschte sich förmlich auf, und auch die Röte verschwand wieder aus ihrem Gesicht. Sie wollte cool sein und musste sich jetzt einfach lässig geben.

Sie zuckte mit den Schultern. »Was ist und?«

»Nur so.«

»Echt?«

»Klar.«

Er schaute sie an mit einem Blick, bei dem sie nur wegschmelzen konnte. Dann strich er wie durch Zufall über ihren rechten Handrücken. »Magst du das hier?«

»Klar. Sonst wäre ich nicht gekommen.«

»Magst du es immer noch?« Er ließ nicht locker.

»Was soll das Gefrage?« Cindy zuckte zusammen. Sie fürchtete sich davor, zu ablehnend gefragt zu haben, aber der Mann neben ihr winkte nur ab und lächelte dabei.

»Ganz einfach«, sagte er, »ich bin jemand, der die Schönheit liebt. Deshalb stehe ich auch bei dir. Aber ich meine nicht nur die Schönheit des Menschen, sondern sie allgemein. Und ich denke, dass es schönere Plätze gibt als den hier. Bist du nicht auch der Meinung?«

»Kann sein.«

»Super. Und weil das der Fall ist, sollten wir uns einen schöneren Platz suchen. Einverstanden?«

Cindy sagte nichts. Sie fühlte sich überfahren. Aber positiv überfahren. Das Blut stieg ihr wieder in den Kopf und sie merkte, dass ihre Knie weich wurden. Noch hatte sie nicht zugestimmt, doch sie wusste genau, dass sie nicht lange würde standhalten können. Sie war weiterhin gefangen, nahm von ihrer Umgebung nichts wahr und sah nur das Gesicht des jungen Mannes.

»He, kannst du nicht antworten?«

»Ich – ähm – ich weiß nicht, ich bin hier, um mich zu amüsieren, meine Freundin ist auch mitgekommen, und wir haben uns verabredet, dass wir hier bleiben.«

»Aber ich bitte dich. Du bist doch erwachsen und kein Kind mehr.«

»Das schon …« Der Widerstand schmolz.

Er reichte ihr die Hand, und sie schlug ein. »Ich heiße übrigens Matthias.«

»Ach?«

»Wieso?« Er hielt ihre Hand und spürte das schwache Zittern.

»Weil der Name nicht eben geläufig ist.«

»Stimmt. Aber ich bin stolz darauf. Und wie heißt du?«

»Cindy.«

»Schön, echt nett.«

Sie verzog den Mund. »Das glaube ich nicht. Die meisten Leute lachen, wenn sie Cindy hören. Ich weiß auch nicht, warum das so ist. Aber es ist nun mal so.«

»Ich finde ihn gut. Ich finde auch dich gut.«

Sie schaute zur Seite. »Ach, hör auf.«

»Nein, höre ich nicht. Ich finde dich gut und auch schön. Deine Haare sehen aus wie schwarzer Lack, die blutroten Lippen, das kleine Kinn, die Augen, deren Pupillen so geheimnisvoll schimmern, doch, Cindy, du bist schön.«

»Nein, lass das.«

Er dachte gar nicht daran und sagte: »Ich liebe einfach schöne Menschen. Deshalb bin ich auf dich gekommen. Tut mir leid, wenn du mir nicht glaubst, aber es ist die Wahrheit.«

Cindy spürte ihre Verlegenheit. Sie wusste nicht, wohin sie schauen sollte. Zudem hielt der Fremde noch immer ihre Hand fest. Von ihm ging etwas aus, das sie wie ein schwacher Strom erwischte, den sie auch nicht loswerden konnte.

»Was ist jetzt, Cindy? Gehen wir?«

»Und wohin?« Fast war sie über sich selbst erschrocken, denn diese Frage bedeutete so etwas wie ein Einverständnis. Obwohl es nicht ihre Art war, würde sie mit dem Fremden die Disco verlassen. Das war ihr schon klar. Nur wollte sie es nicht so direkt zeigen und hätte sich beinahe auf die Zunge gebissen.

»Ich kenne ein Lokal hier in der Nähe, wo man sich wunderbar unterhalten kann.«

»Ach? Wie heißt es denn?«

»Night Dream.«

Cindy öffnete ihre Augen weit. Sie kannte das Lokal, das eigentlich eine Bar war. Sie gehörte nicht eben zu den preiswerten Etablissements, und Cindy war gerade wegen der Preise nicht hineingegangen, obwohl es sie schon gereizt hätte.

»Dahin?«

»Klar.«

»Ist das nicht zu teuer?«

»Nein, nicht für mich. Es ist wunderbar dort. Wir können nach einer ganz anderen Musik tanzen. Weich und softig. Einfach besser.« Er lächelte breit. »Und die Drinks sind auch nicht zu verachten.«

»Ich will nüchtern bleiben.«

»Das kannst du auch, es gibt auch welche ohne Alkohol. Also sollten wir keine Probleme haben.«

Cindy tat so, als müsste sie überlegen. Dabei hatte sie sich längst entschlossen. Durch ihren Bauch rasten Schmetterlinge. Es war verrückt, denn so hatte sie sich schon lange nicht mehr gefühlt.

»Gut, dann auf eine halbe Stunde.«

»Klar.«

Cindy wollte ihren Drink noch trinken, aber dagegen hatte Matthias etwas. »Lass es sein, wir werden einen besseren bekommen. Hier wird nur billiges Zeug ausgeschenkt.«

»Kann sein.« Sie drehte sich um und bewegte dann ihren Kopf, weil sie nach der Freundin Ausschau hielt, mit der sie gekommen war. Sie hatten verabredet, dass sie die Disco zusammen verlassen wollten, aber in dieser Nacht sah alles anders aus. So sehr sich Cindy auch bemühte, sie bekam ihre Freundin nicht zu Gesicht, und lange suchen wollte sie auch nicht.

Was tun?

Cindy spürte die Hand des Mannes an ihrem Rücken. Dann seine Stimme dicht an ihrem linken Ohr.

»Es hat keinen Sinn, wenn du Ausschau hältst. Deine Freundin ist in diesem Gewusel nicht zu entdecken. Und das Klingeln eines Handys wird sie bei diesem Lärm auch nicht hören.«

»Das stimmt.«

»Dann sollten wir gehen.« Matthias schob sie mit einem leichten Druck dem Ausgang entgegen. Er sagte nichts mehr, aber er lächelte, und zwar so, wie ein Sieger lächelt.

Cindy ging neben ihm her zum Ausgang. Man kannte sie hier, und einige Gäste blickten ihr nach. Andere grinsten breit, als sie Cindy mit dem neuen Lover sahen. Da konnten sie noch so verschieden sein, aber die Gedanken bewegten sich in eine bestimmte Richtung.

Der Eingang bestand aus einer eisernen Metalltür, sie war nicht geschlossen. Zwei breitschultrige Türsteher hielten Wache und kontrollierten die Gäste, die hinein wollten. Für die anderen hatten sie so gut wie keine Blicke.

Alles war okay. Alles lief glatt, auch wenn Cindys Knie immer noch weich waren. Sie ließ sich nur nichts anmerken und schritt neben Matthias her, der einen Arm um ihre Schultern gelegt hatte.

Bis zur Bar war es nicht weit. Sie mussten nur die Straße wechseln und gerieten in eine Gegend, in der sich mehr Menschen im Freien aufhielten. Es war ein Platz, der von Kneipen und Bars beherrscht wurde. Künstliches Licht gab ihm einen farbigen Schein, der sich mal auf dem Boden und dann wieder auf den Außenwänden der Lokale verteilte.

»Hier ist was los.«

»Du sagst es, Cindy.« Sie erreichten einen kleinen Parkplatz, der mehr im Dunkeln lag. Matthias wollte ihn überqueren, aber Cindy stemmte sich dagegen. Es kam ihr plötzlich zu dunkel vor, und die Vorstellung, in ein Auto gezerrt zu werden und dort eine Vergewaltigung zu erleben, ließ sie schon zittern.

»Nein, hier möchte ich nicht gehen.«

»Doch.«

»Aber ich …«

»Weil ich es will, verstehst du? Wir gehen jetzt hier entlang und dann sehen wir weiter.«

»Ich will aber nicht.« Sie riss sich von ihm los. Der Zauber war vorbei, jetzt hatte sie nur noch Angst.

Matthias war schneller. Und damit zeigte er auch sein wahres Gesicht. Er packte ihr rechtes Handgelenk, drehte es, hörte den Schrei der jungen Frau und schlug zu.

Ein Treffer gegen die Schläfe reichte aus. Cindy Snider zuckte noch mal zusammen, dann sackte sie in die Knie und bekam von ihrer Umgebung nichts mehr mit.

Matthias hielt die Bewusstlose fest und schaute sich um. Niemand hatte die Aktion bemerkt. Auf dem Parkplatz standen nur Autos und es spazierten keine Menschen herum.

Als hätte sie kein Gewicht, wurde Cindy angehoben und weggetragen. Das Ziel war ein Van, auf dessen Rücksitz Matthias die Bewusstlose legte.

Er war zufrieden. Er hatte sich mal wieder auf seinen Charme verlassen können. Viele Menschen waren schon darauf hereingefallen, denn niemand wusste, dass es der Charme des Teufels war, der in Matthias steckte.

Er war nicht der Teufel, er war auch nicht Luzifer, aber er war dessen Stellvertreter auf Erden und mit einer Macht ausgestattet, die kaum zu beschreiben war …

***

Ich bin ein Nichts. Ich bin einfach zu schwach, ich existiere nicht, ich vegetiere. Aber ich brauche nur eines. Blut! Blut! Blut! Blut!

Nur daran konnte die einst so gefährliche und fast unbesiegbare Justine Cavallo denken. Die Schwäche war da, aber die Gier nach dem Blut ebenfalls. Und das machte sie verrückt. Manchmal hatte sie das Gefühl, auszutrocknen, und wenn es dann so weit war, hatte man ihr wieder das Blut eines Menschen zukommen lassen. Sie hatte gierig getrunken. Der Mensch war anschließend von Matthias entsorgt worden. Denn er war derjenige, der sich um sie gekümmert hatte, nachdem sie damals in Österreich so sehr geschwächt worden war.

Das lag nun schon Monate zurück, und es wurde Zeit, dass es ihr allmählich besser ging und sie wieder zu der Person wurde, die sie mal gewesen war.

Ihre Kraft musste zurückkehren. Sie konnte nicht für immer so schwach bleiben. Diese Schwäche hatte sie einer Frau zu verdanken, die Serena hieß. Sie war etwas Besonderes, man konnte sie als eine Heilige bezeichnen, denn sie war durch das Blut von Heiligen gestärkt worden. Und genau diese Person hatte sich Justine Cavallo ausgesucht und deren Blut getrunken.

Für sie war es verseucht. Für Serena nicht. Der Trank hatte sie nicht gestärkt, sondern nur geschwächt, und diese Schwäche wollte einfach nicht aus ihrem Körper weichen.

Zum Glück gab es Matthias. Er hatte dafür gesorgt, dass sie nach der ersten Flucht eine Bleibe bekam. Sie lebte jetzt in einem Haus, das recht einsam stand, hatte man ihr jedenfalls gesagt, und dort hatte sie die letzten Monate verbracht.

Sie wollte es nicht mehr. Sie wollte wieder so werden wie früher. Sie wollte wieder losziehen und das Blut der Menschen trinken. Sie wollte ihre alte Stärke und Kraft zurückhaben, um wieder so agieren zu können wie früher. Es gab noch eine ziemlich lange Liste an Dingen, die sie abzuarbeiten hatte. Wenn jetzt ihre Feinde zu ihr kommen würden, war sie verloren, aber nicht, wenn die alte Stärke wieder da war, und nur dafür existierte sie noch.

Es ging ihr besser als früher. Aber es war kein Vergleich zu dem, was noch alles passieren musste, um wieder so zu werden wie damals. Sie träumte davon, sie wollte endlich, dass ihr Fehler ausgemerzt wurde, dass nicht mehr die Macht des anderen Blutes durch ihren Körper rauschte. Es musste allmählich ein Austausch stattfinden, und darauf hoffte sie stark.

Wenn sie genügend anderes Blut trank, würde sie es unter Umständen schaffen können.

Matthias wollte ihr dabei helfen. Er war derjenige, dem sie vertraute.

Und sie wusste auch, wer er war und was sich hinter ihm verbarg. Es war die reine Macht. Es war die Macht der Hölle, die des Luzifer, der ihn zu seinem Stellvertreter gemacht hatte.

Es war ein Traum – noch, aber er hatte versprochen, diesen Traum wahr werden zu lassen, und das so schnell wie möglich. Auch jetzt war er wieder unterwegs, um ihr Blut zu besorgen, denn auch er merkte, dass es ihr allmählich besser ging.

Sie konnte wieder gehen, normal gehen und nicht schleichen, sie besaß neue Kräfte, die es ihr ermöglichten, Gewichte zu stemmen, sie konnte schnell reagieren, geistig und auch körperlich.

Das war die Kraft. Da war etwas mit der Seele von Dracula II verbunden, die auf sie übergegangen war. Eine Seele, die aus dem Reich des Spuks befreit worden war und nun in ihr steckte.

Es gab noch die Halbvampire. Alle waren sie nicht vernichtet worden. Wenn sie wieder fit war, würde sie dafür sorgen, dass sie mit ihnen zusammenkam. Es war zwar nicht das, was sie sich vorgestellt hatte, aber besser als nichts. Und mit irgendetwas musste sie ja anfangen.

Dann gab es für sie noch ein Problem mit einer Person. Das hatte auch einen Namen. Es hieß Matthias. So sehr er auf ihrer Seite stand und sie wieder auf Vordermann bringen wollte, es war nicht ihr Ding, denn sie gehörte zu den Personen, die sich nichts sagen ließen. Sie konnte keinen Menschen über sich haben. Sie war immer jemand gewesen, der sich allein durchgeschlagen hatte. Sie hatte auf niemanden hören müssen. Wenn, dann hatte man auf sie gehört, denn sie hatte stets die Prioritäten gesetzt. Das würde sich wahrscheinlich nicht so weiterführen lassen, denn Matthias war ebenfalls ein Alphatier, und er würde ihr irgendwann seine Rechnung präsentieren, und dann konnte es unter Umständen Ärger geben, denn sie war keine Person, die sich die Butter vom Brot nehmen ließ.

Noch vor einigen Wochen hatten diese Gedanken sie gar nicht beschäftigt, da hatte sie sich noch zu mies gefühlt. Jetzt war es etwas anderes, und sie dachte darüber nach, wie es wohl weitergehen konnte.

Alles hat seinen Preis!, dachte sie. Aber ich bin nicht bereit, jeden Preis zu zahlen. Nur wollte sie das für sich behalten und Matthias auf keinen Fall damit konfrontieren.

Er war in dieser Nacht mal wieder unterwegs. Und er wollte ihr bei seiner Rückkehr ein Geschenk mitbringen. Ein Blutgeschenk. Sie wusste noch nicht, ob es sich dabei um eine Frau oder einen Mann handeln würde. Sie glaubte eher an eine Frau, denn Matthias war jemand, der die Frauen um den Finger wickeln konnte. Sie taten alles, was er wollte, und das nutzte er auch weidlich aus.

Er hatte nicht genau gesagt, wann er zurückkehren würde. Irgendwann in der Nacht, und die war bereits angebrochen und auch fortgeschritten.

Justine Cavallo war zwar eine Vampirin, aber sie war auch jemand, der aus dem Rahmen fiel, es machte ihr nichts aus, auch bei Tageslicht zu existieren. Sie musste keiner Sonne aus dem Weg gehen. Sie konnte so leben wie jeder normale Mensch, und die Dunkelheit war eigentlich nur ihre Jagdzeit gewesen.

Vor Jahren war es ihr gelungen, sich in einem Haus einzunisten, das der Detektivin Jane Collins gehörte. Sie hatte sich nicht mehr vertreiben lassen, und Jane hatte es auch nicht mehr versucht.

Beide waren keine Freundinnen geworden.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "John Sinclair - Folge 1770" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen