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John Sinclair - Folge 1769

Inhalt

  1. Cover
  2. Impressum
  3. Wenn Tote wieder da sind …
  4. Vorschau

Wenn Tote wieder da sind …

Manchmal ist das Leben wie eine Filmkulisse, dachte Ruby Padzilla und schnippte ihre Zigarette weg. Sie beschrieb einen Bogen und wurde von den dicken Regentropfen erwischt, die aus den tief hängenden Wolken fielen.

Ruby wurde nicht nass. Sie stand unter dem Dach einer Haltestelle und wartete auf den Bus. Zudem war sie die einzige Person, die sich hier aufhielt, andere Menschen wollten um diese Zeit nicht in den Bus steigen …

Ihr Job war beendet. Früher als gewöhnlich hatte der Chef sie nach Hause geschickt. Es waren keine Gäste mehr gekommen. Das Wetter hatte sie davon abgehalten, den Pub zu besuchen, und so hatte Ruby ihren Platz hinter der Theke verlassen können. Sie war froh, diesen Job zu haben, denn in ihrem Alter, knapp an die fünfzig, war es schwer, eine Anstellung zu kriegen. Ihr Lohn reichte kaum, um ihre Miete bezahlen zu können, deshalb arbeitete sie noch für einige Stunden in der Woche als Bügelhilfe in einem Krankenhaus.

An diesem Abend wollte sie endlich nach Hause, obwohl es noch nicht so spät war. Die Dunkelheit hatte die Dämmerung soeben abgelöst, nur den Bus, den hatte sie verpasst. Also musste sie auf den nächsten warten. Wenn er pünktlich war, dauerte es zwanzig Minuten. Ruby hoffte, dass er pünktlich war.

Sie überlegte, ob sie sich noch eine Zigarette anzünden sollte. Nach kurzem Überlegen holte sie die Schachtel hervor, um einen Glimmstängel nach außen zu schieben. Das war alles Routine, darüber musste sie nicht erst nachdenken, aber in diesem Fall stockte ihre Bewegung.

Ruby hatte etwas gesehen!

Sie hatte den Blick dafür nicht groß abwenden müssen. Sie war sowieso von der hellen Fläche angezogen worden. Das Laternenlicht sorgte für eine wirklich gute Sicht und auch dafür, dass Ruby einen Vorgang sah, über den sie nur den Kopf schütteln konnte, denn so etwas war unglaublich.

Dort, wo das Licht der Laterne den Boden ausleuchtete, bewegte sich etwas. Das wäre nichts Unnormales gewesen, wenn es zum Beispiel eine Ratte oder ein Fuchs gewesen wäre, die es auch in der Großstadt gab.

Doch das war es nicht.

Es war etwas völlig anderes, und es war nicht erst gekommen, es musste bereits da gewesen sein. Und jetzt zeigte es sich. Es kam von unten und wurde nach oben geschoben. Dabei fing der Boden an, sich zu bewegen. Ruby hatte den Eindruck, als würde er Wellen werfen und dann wieder in seine alte Lage zurückfallen.

Das war unmöglich. Das konnte nicht sein. Außerdem nur diese eine Stelle. Wäre es der Ausläufer eines Erdbebens gewesen, dann hätte auch sie etwas spüren müssen.

Das war es nicht. Sie stand auf festem Boden, aber vor ihr hörte das Phänomen nicht auf. Es kam ihr vor, als würde etwas von unten nach oben geschoben, das unbedingt seinen Platz in der Erde verlassen musste.

Noch war nichts zu sehen, aber Ruby glaubte daran, dass die Veränderung noch nicht beendet war. Da kam noch etwas nach. Es musste einen Höhepunkt geben, und sie wartete darauf, dass der Boden genau an der Stelle aufplatzen würde.

Es passierte noch nicht, aber Ruby sah, dass sich etwas verändert hatte. Da war nicht nur das Pflaster zu sehen, auf das die Regentropfen fielen, aber nicht mehr so stark wie zuvor, es gab auch etwas anderes, etwas Neues, und es war aus der Tiefe in die Höhe gedrückt worden.

Ruby Padzilla stand zu weit weg, um es genau zu sehen. Aber sie war neugierig. Sie wollte erkennen, was sich da im hellen Kreis der Laterne getan hatte.

Deshalb ging sie vor und verließ das schützende Dach. Der Regen hatte nachgelassen. Er war mehr zu einem Sprüh geworden, der sie nicht besonders störte. Sie ging den zweiten Schritt, noch einen dritten, der kürzer war, stand jetzt an der richtigen Stelle und riss die Augen weit auf.

Das konnte nicht sein, das war unmöglich, was ihr da präsentiert wurde! Sie hätte fast geschrien, riss sich aber zusammen und stöhnte leise auf.

Etwas war von unten nach oben gedrückt worden und lag jetzt sichtbar vor ihr.

Es war ein toter Mann!

***

Ruby glaubte, selbst sterben zu müssen. Sie stand da, hielt den Kopf gesenkt, starrte den Mann an und wünschte sich weit weg, was aber nicht möglich war. Und so starrte sie weiterhin vor ihre Füße und sah im Licht der Laterne, wer da vor ihr lag.

Ja, der Mann war tot. Daran gab es keinen Zweifel. Er hatte seinen Mund weit geöffnet, als hätte er noch einen letzten Atemzug holen wollen, bevor er starb. Die Augen waren verdreht, aber der Tote war noch nicht verwest.

Und sie sah noch mehr. So etwas wie ein Kreis umspannte die Leiche. Er berührte die Fußsohlen ebenso wie den Kopf, als wollte er genau nachmessen, wo die Person zu liegen hatte.

Aber lag sie auch über der Erde?

Das konnte Ruby nicht sehen. Die tote Gestalt schien in den Boden integriert zu sein. Ein Stück von ihm, aber dennoch für das menschliche Auge sichtbar.

Das war nicht mehr normal. Das war irre. Verrückt, unheimlich und nicht zu erklären. Ruby fing an zu zittern, als sie noch mal über die Tragweite dessen nachdachte, was sie mit den eigenen Augen zu sehen bekam. So etwas konnte es nicht geben, auch wenn sie es sah, und sie überlegte, ob sie einen Test starten sollte, doch davon nahm sie Abstand. Sie fürchtete, etwas falsch zu machen oder selbst in Gefahr zu geraten. Sie traute sich auch nicht, sich zu bücken und die Gestalt anzufassen, und wollte sie selbst mit dem Fuß nicht berühren.

Aber sie schaute sich die Leiche noch mal an. Der Mann hatte schwarze Haare, die leicht lockig auf seinem Kopf wuchsen. Er war dunkel gekleidet. Schwarzes Jackett, schwarze Hose und ebenso schwarze Schuhe.

Und er war tot!

Aber warum war er wieder zu sehen? Es war eine Leiche, die zurückgekehrt war. Aus der Tiefe. Aus dem Grab, das aber nicht hier lag, denn hier war kein Friedhof.

Noch stand nicht fest, dass es eine normale Leiche war. Sie ließ sich zwar anfassen, aber Ruby traute sich nicht. Allerdings sah sie echt aus, und sie konnte sich nicht vorstellen, es mit einer Puppe zu tun zu haben.

Was soll ich tun?

Diese Frage jagte nicht nur einmal durch ihren Kopf, sie stellte sie sich immer wieder. Die Lösung war einfach. Sie hätte alles auf sich beruhen lassen können, könnte weglaufen, und die Sache wäre erledigt gewesen.

Genau das wollte Ruby nicht. Das hier musste gemeldet werden. Auch wenn sie nicht gerade eine große Freundin der Polizei war, es gab Augenblicke im Leben, da musste sie eingeschaltet werden. Und so ein Augenblick war jetzt gekommen.

Ruby zog sich mit weichen Knien in den Unterstand zurück. Dort gab es eine Bank, auf die sie sich fallen ließ. Ihr Herz klopfte stärker als gewöhnlich, und sie musste sich erst sammeln, bis sie den Anruf tätigen konnte.

Die Nummer der Polizei war kein Problem. Als sie die Stimme des Beamten hörte, nannte sie die Adresse, an der sie zu finden war und sagte dann mit Zitterstimme: »Hier liegt eine männliche Leiche …«

Das war alles. Mehr fügte sie nicht hinzu, lehnte sich gegen die Rückwand und schloss die Augen …

***

Das hatte mir noch gefehlt!

Ein Telefon, das sich in der noch frühen Nacht meldete und mich aus meinem ersten Schlaf riss. Erst wollte ich es überhören, dann packte mich doch das Verantwortungsgefühl. Ich rollte mich auf die andere Seite und stieß dabei einen leisen Fluch aus, weil sich meine Wunde an der rechten Hüfte wieder meldete. Sie war so gut wie verheilt. Nur wenn sie Druck bekam, spürte ich noch ein leichtes Ziehen.

»Sinclair, wenn es sein muss«, murmelte ich leicht schlaftrunken.

»Ja, es muss sein.«

Die eine Antwort reichte mir. Der Mann musste sich nicht erst vorstellen, es war mein alter Spezi Chiefinspektor Tanner, der mitten in der Nacht was von mir wollte. Zugleich war mir klar, dass er nicht anrief, um sich einen Spaß zu machen. Wenn er etwas wollte, hatte er auch seine Gründe.

»Bist du wach?«

»Nein, ich schlafe noch.«

Tanners Lachen drang abgehackt in mein Ohr. »Auch wenn es superschön in deinem Bett ist, solltest du dich trotzdem rausschwingen und zu mir kommen.«

»Brauchst du jemanden zum Kartenspielen?«

»Nein, aber einen Typen, der sich etwas Bestimmtes ansieht und sich seine Gedanken macht.«

Ich hatte mich schon hingesetzt und fragte jetzt: »Kannst du mir einen Tipp geben?«

»Ja, ich habe eine Leiche.«

»Das ist bei dir nichts Besonderes.«

»In diesem Fall schon. Aber komm her und schau es dir selbst an. Das ist wirklich wichtig.«

»Ist gut. Wohin muss ich kommen?«

»Kennst du Tabard Garden?«

»Ja, liegt südlich vom London Dungeon.«

»Genau. Da warten wir auf dich. An einer Bushaltestelle. Die kannst du nicht verfehlen.«

»Wenn du das sagst.«

»So ist es.« Tanner machte nie viele Worte, und so war es auch jetzt. Sehr schnell legte er auf und ließ mich mit meinen Gedanken allein. Ich stand bereits und zog die Schlafanzughose aus. Ein Pflaster klebte noch immer an meiner rechten Hüfte, was nicht weiter tragisch war, denn es behinderte mich nicht mehr.

Ich war wieder im Dienst. Das hatte ich für mich beschlossen. Den letzten Fall hatte ich sausen lassen müssen, da war Suko allein nach Germany gefahren, und ich hatte Bürodienst geschoben, was mir schon auf den Wecker gegangen war.

Allerdings hatte ich mir meinen ersten Einsatz so auch nicht vorgestellt, aber man kann es sich eben nicht aussuchen. Suko sagte ich keinen Bescheid, ich hätte ihn schon aus Deutschland holen müssen, wo er noch einen Tag länger geblieben war, da er noch einiges mit der Polizei regeln musste.

Ich hatte freie Bahn. Die führte mich nach unten in die Tiefgarage, wo der Rover stand.

Wenig später war ich wieder unterwegs …

***

Die Nacht hatte in London einen Vorteil. Der Verkehr war nicht so schlimm, was mir natürlich entgegen kam. Ich wurde nicht großartig aufgehalten und hatte zudem das Glück, mehr breite Straßen fahren zu können. Ich musste auf die andere Seite der Themse und war wirklich gespannt, was mir Tanner präsentieren würde. Er war kein Mensch, der die Leute verrückt machte. Wenn er mich anrief, dann gab es schon Probleme, bei denen ich mithelfen sollte, sie zu lösen. Das hatte ich in der Vergangenheit schon oft genug erlebt. Wenn er mich in der Nacht kontaktierte, musste er schon seine Gründe haben.

Ich war mehr als gespannt und war froh, als ich endlich mein Ziel erreicht hatte. Ich musste an die Ostseite der viereckigen Grünfläche. Dort flackerte auch das Blaulicht, das einen gespenstischen Schein in die Nacht warf.

Einen Teil der Straße hatten die Kollegen abgesperrt. Ich hielt davor und stieg aus.

Ein Uniformierter kam auf mich zu, erkannte mich und ließ mich passieren.

»Der Chef wartet schon, Sir.«

»Kann ich mir denken, was gibt es denn so Wichtiges?«

»Das wird er Ihnen selbst sagen.«

Schade, ich hätte es gern vorher gewusst. So aber musste ich mich auf Tanner verlassen, der nicht zu sehen, aber schon zu hören war. Er sprach mit seinen Männern und das recht laut.

»Hier wird nicht gegraben. Wir lassen es vorläufig, wie es ist. Habt ihr verstanden?«

»Ja, Chef.«

Ich sah auch die Bushaltestelle. Die Rückseite lag im Dunkeln. Nicht die vordere Seite. Sie wurde vom Licht der Scheinwerfer erhellt. Die Mannschaft hatte ihre hellen Schutzanzüge übergezogen und war auf der Suche nach Spuren.

Nur Tanner nicht. Er stand etwas abseits, und man konnte trotzdem das Gefühl haben, ihn in der Mitte des Geschehens zu erleben. Er war die graue Eminenz, was sich auf seine Kleidung bezog. Grauer Anzug, grauer Mantel und der graue Filz auf dem Kopf. Ohne diesen Hut kannte ich ihn gar nicht.

Ich schlich mich in seinem Rücken an ihn heran und sah, dass er auf die Uhr blickte.

»Wartest du auf mich?«

Tanner fluchte, was selbst seine Leute hörten und aufschauten. Dann fuhr er herum.

»John Sinclair, du Hundesohn.«

»Was ist denn?«

»Mich so zu erschrecken.«

»Du hast mich auch geweckt.«

»Das ist was anderes!«

Ich hob die Augenbrauen. »Sag nur.«

»Ja, denn hier geht es um einen Fall. Um etwas, was du dir mal anschauen solltest. Ich habe das Gefühl, dass es dich interessieren wird. Und es gibt eine Zeugin, die alles gesehen hat und die du sprechen kannst, wenn du willst.«

»Erst mal abwarten. Wo müssen wir hin?«

»Komm mit.«

Weit mussten wir nicht gehen. Nur bis in die Nähe einer Straßenlaterne, die einen recht hellen Schein verbreitete, der sich auch auf dem Boden verteilte.

Dort befand sich auch das, was mich interessieren sollte. Es war nicht abgedeckt worden, ich hatte einen freien Blick und sah einen Toten auf dem Boden liegen.

»Und? Was sagst du, John?«

»Nichts.«

»Wieso?«

»Ich kenne den Mann nicht. Ich weiß nicht, wer ihn umgebracht hat und warum er hier liegt.«

»Schau genau hin!«, forderte Tanner.

»Habe ich.«

»Nein, hast du nicht.«

Wenn Tanner so beim Thema blieb, stand für mich fest, dass ich tatsächlich nicht alles richtig gemacht hatte. Ich musste auch zugeben, dass es nur ein kurzer Blick gewesen war, was sich beim zweiten Hinschauen änderte.

Ich sah die Leiche im Licht der Scheinwerfer. Einen schwarzhaarigen Mann, dessen Mund offen stand. So weit war alles normal, dann jedoch blickte ich genauer hin.

Und plötzlich schlug mein Herz schneller. Der Tote lag gar nicht auf der Erde, sondern sichtbar in ihr, wobei sich noch ein schwacher Kreis um seinen Körper gebildet hatte.

Tanner schob sich an mich heran. »Na, was sagst du jetzt? Höre ich einen Kommentar?«

»Im Moment noch nicht.«

»Wie schön. Das heißt, du stehst auch vor einem Rätsel.«

Ich deutete auf den Toten. »Was ist mit ihm?«

»Er liegt in der Erde. Dicht an der Oberfläche. Wir kommen an ihn nicht normal heran. Wir können ihn nicht anheben.«

Ich sagte erst mal nichts und fragte dann: »Wie ist das möglich?«

»Frage mich was Leichteres. Es ist jedenfalls möglich. Wir haben die Aussagen einer Zeugin. Sie hat hier gesessen und auf den Bus gewartet.«

»Und dann?«

Ich hatte Tanner wohl noch nie kichern gehört. Jetzt aber fing er an zu kichern. Danach sprach er mit einer für ihn leisen Stimme. »Dann wurde er von unten nach oben gedrückt.«

»Wie?«

»Ich sagte doch, von unten nach oben. Er muss in der Tiefe gelegen haben, aber da ist dann eine Kraft gekommen und hat sich seiner angenommen.«

»Und in die Höhe geschoben?«

»So ist es, John.«

Ich schaute Tanner von der Seite her an, und mein Blick war recht skeptisch.

»Das soll ich glauben?«

»Ich habe es auch geglaubt«, sagte Tanner, »und ich habe dich dann angerufen, weil ich nicht nur ein Glaubender bin, sondern ein Wissender.«

»Aha. Und was bedeutet das nun wieder?«

»Dass es etwas für dich ist, John. Ja, das ist ein Fall für den Geisterjäger, obwohl ich keine Geister hier sehe, aber das kann noch kommen.«

Ich winkte ab. »Hör auf mit dem Quatsch. Dieser Mann hier, weiß man, wer er ist?«

Tanner nickte. »Meine Leute haben gut gearbeitet. Das Gesicht kam einem bekannt vor. Der Typ ist ein Dealer. Oder war einer. Bis er irgendwann mal verschwand. Jeder hatte angenommen, dass er sich abgesetzt hat. Stimmt wohl nicht. Jetzt sehen wir ihn hier, und die Erde hat ihn nicht mehr gewollt.«

Ich gab zunächst keinen Kommentar ab und starrte auf das, was vor meinen Füßen lag. So richtig fassen konnte ich es noch immer nicht, obwohl ich den Beweis anstarrte. Der Tote lag sichtbar unter der Oberfläche, die hier kein Pflaster aufwies, und die Laterne in seiner Nähe wirkte wie ein Totenlicht.

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