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John Sinclair - Folge 1768

Das Schattenmonster

Franz Hartmann glaubte seinen Augen nicht trauen zu dürfen. Vor Sekunden war noch alles normal gewesen, jetzt nicht mehr, und dafür fand er keine Erklärung.

Hartmann war Busfahrer. Er kannte die Strecke. Fuhr sie oft genug. Da gab es nichts Gefährliches. Das graue Band der Straße lag vor ihm, für den Bus und die Fahrgäste wie geschaffen. Ein paar Kurven tauchten auf, die aber waren leicht zu nehmen.

Und jetzt war alles anders!

Franz Hartmann sah vor sich die Wand. Oder bildete er sie sich nur ein? Er konnte es nicht genau sagen, aber es war eine kompakte dunkle Masse vorhanden, auf die er zufuhr und die er nicht wegdiskutieren konnte.

Was sollte er tun?

Der Fahrer musste sich innerhalb von wenigen Sekunden entscheiden. Er konnte abbremsen, aber sein Gefühl oder sein Instinkt sagte ihm, dass es nichts brachte. Diese Schwärze hatte auf ihn gelauert und würde ihn überfallen.

Von den wenigen Fahrgästen hatte niemand etwas bemerkt. Oder auch bewusst nichts gesagt, das war Hartmann egal, der immer dichter auf die schwarze Wand zu fuhr und endlich zu einer Entscheidung kommen musste.

Bremsen! Anhalten! Nur so konnte er der Schwärze entgehen. Er trat auf das Pedal und rechnete damit, dass der Bus langsamer werden würde, um dann zum Stehen zu kommen.

Es passierte nichts. Keine Bremse griff. Der Wagen wurde um keinen Deut langsamer, was den Fahrer erschreckte. Er hatte damit nicht rechnen können, hörte sich selbst etwas sagen, wusste aber nicht, was er da geflüstert hatte, und sah, dass die schwarze Wand, die mehr als die Breite der Straße einnahm, immer näher kam.

Hartmann fluchte, was ihm auch nichts half. Weiterhin versuchte er, den Bus durch hartes Bremsen zum Stehen zu bringen, was ihm jedoch nicht gelang.

Er wusste auch nicht, ob er seine Fahrgäste warnen sollte, das brachte nichts. Es war sowieso zu spät. Er hätte der schwarzen Wand nicht mehr entkommen können.

Aber im Bus hatten die Menschen bemerkt, dass etwas nicht stimmte. Bisher war es recht still gewesen, genau das änderte sich schlagartig. Erste Stimmen waren zu hören.

Fragen schwirrten durch den Bus.

»Was ist das denn?«

»Haben wir schon Nacht?«

Jemand lachte schrill.

Eine Frau rief: »Das ist der Tod! Das ist das Verderben! Ich weiß es genau! Der Schlund der Hölle …«

Hartmann hörte all die Kommentare, ohne etwas dagegen zu sagen. Sein Gesicht zeigte einen harten Ausdruck. Er hielt das Lenkrad so fest umklammert, als wollte er es zerbrechen. Die Augen waren weit geöffnet und funkelten, während die Schwärze immer näher kam und ihn an ein Monster erinnerte, das alles verschlingen wollte.

Und dann war sie da. Die Schwärze hatte sie erreicht. So genau war das nicht festzustellen. Der Bus fuhr hinein und alles wurde für den Führer und seine Passagiere anders …

***

Dunkelheit!

Sie hatte sich ausgebreitet. Aber es war nicht nur einfach eine Dunkelheit, es war für die Menschen die absolute Finsternis. Es gab kein Licht mehr, es war nur diese tiefe Schwärze vorhanden, die alles an sich zog und Menschen den Lebensmut nehmen konnte.

Auch bei Franz Hartmann stellte sich dieses Gefühl ein. Er saß auf seinem Platz und konnte es nicht nachvollziehen. Er steckte fest. Er wagte auch nicht, sich zu bewegen. Wie eine Statue blieb er sitzen.

Die Finsternis war überall. Sie hatte sich perfekt verteilt. Es gab keine Ecke im Bus, die von ihr nicht erreicht worden wäre. Man sah nichts. Selbst das Lenkrad war aus dem Blickfeld des Fahrers verschwunden, obwohl es so dicht vor ihm lag. Er wollte wissen, ob es noch vorhanden war, streckte seine Hände aus und fand sofort den Kontakt. Es war noch vorhanden, alles war da, nur war es in der tiefen Finsternis verschwunden.

Hartmann versuchte seine Gedanken zu ordnen. Er forschte nach Gründen für diesen Zustand, was er nicht schaffte. In seinem Kopf gab es ebenfalls so etwas wie eine Finsternis. Er war nicht mehr in der Lage, normal zu denken, und wusste, dass er hier anderen Gesetzen ausgeliefert war.

Und es war still geworden. Er hörte nichts mehr aus dem Fahrgastraum.

Dafür hörte er etwas anderes. Er nahm seinen eigenen Herzschlag wahr und lauschte den Echos in seinem Kopf. Es war alles anders geworden. Das Leben gab es nicht mehr. Es existierte nur noch die Finsternis, die völlig ohne Licht war und die man ihm und den Fahrgästen geschickt hatte. Der Mann hatte keine Erklärung. Er saß nur auf seinem Platz und wagte es nicht, den kleinen Finger zu rühren. Er fühlte sich angespannt, hinter seinen Schläfen tuckerte es. Normal atmen konnte er auch nicht. Es hörte sich keuchend an, wobei er das Gefühl hatte, dass es von der Dunkelheit unterdrückt wurde.

Er hörte seinen eigenen Herzschlag noch immer. Diesmal allerdings nicht mehr so laut, er war dabei, abzuklingen, und so hoffte Hartmann, dass er eine gewisse Normalität erreichte, trotz der tiefen Finsternis.

Er war ein verantwortungsbewusster Mensch und genau der richtige Mann für den Posten. Er dachte nicht nur an sich, sondern immer auch an die Mitmenschen, und das war auch in diesem Fall so. Seine Mitmenschen waren ihm wichtig. Er hatte seine Fahrgäste nicht gezählt, aber mehr als ein Dutzend waren es nicht. Eher weniger. Und keiner von ihnen war ausgestiegen. Also waren sie noch da.

Franz Hartmann tat so, als wäre die Finsternis gar nicht vorhanden. Auf seinem Sitz drehte er sich um und schaute in den Bus hinein. Das wäre normal gewesen, in diesem Fall verdeckte die absolute Dunkelheit aber alles.

Er lauschte. Er wollte wissen, was die Fahrgäste taten. Er rechnete damit, dass sie sich unterhielten, dass sie sich gegenseitig ihre Ängste gestanden. Doch dies war nicht der Fall. Sie taten nichts, er hörte zumindest nichts und hatte das Gefühl, dass die Finsternis um ihn herum noch dichter wurde und sich sogar mit einem bestimmten Druck gegen seinen Körper presste.

Deshalb hob er auch die Hand an und griff nach vorn. Er bekam nichts zu fassen, es blieb finster und auch leer.

»Das gibt es nicht«, flüsterte er, »das ist alles verrückt und völlig daneben. Ich kann es nicht glauben.« Aus seinem Mund drang ein Lachen, obwohl es nicht den geringsten Grund dafür gab. Trotzdem musste er es loswerden.

Er hörte es.

Oder hörte er es nicht?

Franz Hartmann war sich nicht sicher. Doch, er hatte gelacht, aber warum war dieses Lachen nicht zu hören gewesen? Das war die große Frage.

Er versuchte es noch mal und konzentrierte sich darauf. Ja, er hörte es, aber mehr in seinem Mund, so glaubte er. Das Lachen drang kaum nach draußen. Es wurde sofort verschluckt, als hätte die Finsternis es aufgesaugt.

Danach tat Hartmann eine Weile nichts mehr. Er saß auf seinem Platz und wunderte sich schon darüber, dass es ihm gelang, weiterhin zu atmen. Genau das war für ihn nicht normal. Die andere Seite war verdammt stark, sie konnte sicherlich auch dafür sorgen, dass die Luft knapp wurde und sie alle erstickten.

Noch war davon nichts zu spüren. Er konnte normal atmen, und das blieb auch so in den folgenden Sekunden. Die Zeit allerdings war für ihn nicht mehr vorhanden. Zumindest hatte er das Gefühl für sie verloren. Die Dunkelheit hatte alles geschluckt. Sie war so wahnsinnig präsent und schien durch die Hautporen auch in das Innere des Fahrers einzudringen.

Ihm wurde plötzlich kalt …

Durch seinen Kopf schoss ein Vergleich, der ihm Angst einjagte. War das etwa schon die Kälte des Todes?

Möglich war es, und als er daran dachte, spürte er plötzlich einen starken Druck in seinem Innern. Es war ihm gelungen, die tiefe Angst zurückzudrängen, doch nun befand sie sich plötzlich zum Greifen nahe bei ihm.

Der Tod nahte. Das Ende seines Lebens war gekommen. Und dabei war er erst knapp über fünfzig Jahre alt. Er wollte nicht sterben, er wollte leben und bei seiner Familie sein.

Die Gedanken ließen sein Herz wieder schneller schlagen. Er spürte auch, wie ihm der Schweiß ausbrach, der kalt war und auf seiner Haut klebte. Es fühlte sich an wie kaltes Fett, und er ballte die Hände zu Fäusten. Er wollte sich selbst Mut einreden, was ihm in dieser verdammten Finsternis aber nicht gelang.

Franz Hartmann stöhnte auf. Wenigstens den Laut hörte er, und das machte ihn irgendwie zufrieden. Zugleich kam ihm eine bestimmte Idee in den Sinn. Es war vielleicht nicht gut, wenn er an seinem Platz blieb. Es gab noch eine andere Möglichkeit. Dass er aufstand und durch den Bus ging. Es war für ihn kein Problem, denn er kannte das Fahrzeug in- und auswendig und brauchte kein Licht.

Er stand auf. Das klappte normal, war aber auch mit dem Zittern seiner Knie verbunden, und dann stand er vor dem Sitz. Er musste sich nach rechts drehen, um von ihm wegzukommen. Dort befand sich auch die Tür mit der Glasscheibe, aber da war nichts zu sehen, auch nichts von den nahen Fenstern.

Die Finsternis hatte alles verschluckt. Nichts gab sie frei. Nichts war zu sehen. Nicht mal ein Umriss, und diese Dunkelheit, so dachte der Fahrer, war für ihn nicht normal, so etwas gab es auf der ganzen Welt nicht, zumindest nicht in den Regionen, in denen sie lebten. Die konnte einen völlig anderen Ursprung haben, aber wer war schon in der Lage, ihn herauszufinden?

Er kannte die Antwort nicht, aber Franz blieb bei seinem Plan. Er bewegte sich von seinem Platz weg und ging scharf nach rechts, um in den Mittelgang zu gelangen. Es war der Weg zu den Fahrgästen. Er trug die Verantwortung und wollte wissen, was mit diesen Menschen passiert war und wie es ihnen ging.

Er hatte zumindest nichts gehört, was auf etwas Schreckliches hingedeutet hätte. So rechnete er damit, dass die Fahrgäste noch lebten und es ihnen so ähnlich erging wie ihm.

Er ging einen Schritt nach vorn, was ihm nicht leicht fiel, denn er hatte das Gefühl, ins Leere zu treten und im nächsten Moment in einem gefährlichen Nichts zu landen.

Er erreichte die ersten Sitze. Er tastete nach rechts – und hörte einen leisen Ruf, der sehr erschreckt klang. Das galt ihm, denn er hatte aus Versehen die Schulter eines Fahrgastes berührt. Er war dennoch froh über diese Reaktion, denn sie hatte ihm gezeigt, dass der Mann noch lebte.

Er ging weiter den stockfinsteren Mittelgang entlang und blieb nach zwei Schritten wieder stehen. Hartmann ging davon aus, dass alle Fahrgäste auf ihren Plätzen hockten. Er musste sie nicht erst einzeln berühren, aber er wollte einen Kontakt zu ihnen und erfahren, wie es ihnen allgemein ging.

»Hallo? Hallo …«, sagte er halblaut. »Hört mich jemand? Bitte, geben Sie Antwort. Ich bin Franz Hartmann, Ihr Fahrer, ich lebe. Ich bin sogar okay und möchte wissen, ob Sie es auch sind. Wenn möglich, dann melden Sie sich …«

Jetzt war er gespannt. Er hatte alles in die Wege geleitet. Nun war die andere Seite an der Reihe, und er lauerte auf Antworten, die ihn beruhigen würden.

Sie kamen nicht.

Aber die Menschen waren da. Jetzt, wo er sich konzentrierte, hörte er sie atmen. Es waren keine Toten, die auf den Sitzbänken hockten. Lebende Menschen, die atmen mussten.

Aber die Antworten blieben aus. Keiner meldete sich. Jeder blieb für sich allein, was Hartmann nicht verstand. Mehrmals schüttelte er den Kopf. Er hatte alles gegeben, und zwingen konnte er die Leute nicht, ihm zu antworten.

Er versuchte es erneut. »Bitte, sagen Sie mir, wie es Ihnen geht. Ich bin Ihr Fahrer. Ich muss es wissen. Was hier abgelaufen ist, das weiß ich auch nicht. Ich kann nichts dafür. Das ist eine andere Kraft, verstehen Sie?«

»Ja, ja, wir verstehen.«

Franz Hartmann zuckte zusammen. Endlich hatte er eine Antwort gehört. Sie war von einer normalen männlichen Stimme abgegeben worden.

»Und was noch?«

Der nicht sichtbare Mann lachte. »Keine Ahnung. Das ist hier die Höllenschwärze. Ich habe keine Ahnung. Ich weiß es nicht, es ist alles scheiße …«

»Nein, das dürfen Sie nicht sagen. Nicht so direkt. Es ist zwar schlimm, aber wir leben, und nur das zählt. Wir leben und ich denke, dass dies auch noch in Zukunft so bleiben wird. Wäre das nicht der Fall, wären wir längst tot.«

Franz Hartmann hoffte, dass seine Worte auch verstanden worden waren, obwohl er eigentlich nicht den Eindruck hatte und mehr davon ausging, dass sie ihm nach dem Verlassen des Mundes von den Lippen gerissen wurden.

Jetzt wartete er auf eine Reaktion, die allerdings nicht kam. Die Fahrgäste blieben still. Möglicherweise dachten sie über ihr Schicksal nach und auch darüber, ob es sich wieder änderte.

Das hoffte auch der Fahrer. Es gab für ihn keinen Grund, dass die Finsternis blieb. Sie würde irgendwann weichen müssen. Aber wann war das?

Er befreite sich von diesem Gedanken und fing an, realistisch zu denken. Das wollte er nicht für sich behalten, sondern es den Fahrgästen mitteilen.

»Bitte, hören Sie mir mal zu.« Er holte Luft und sprach weiter, auch froh darüber, dass ihm niemand widersprochen hatte. »Unsere Lage sieht gar nicht mal so schlecht aus. Wir sind ein Linienbus und deshalb an Zeiten gehalten. Wenn wir nicht pünktlich bei den Haltestellen sind, wird das auffallen. Man wird Nachforschungen anstellen, man wird Kontakt mit mir aufnehmen, sodass ich alles erklären kann. Deshalb sollten wir uns keine zu großen Sorgen machen. Das zumindest rate ich Ihnen.«

Es wurde still. Franz Hartmann atmete erst mal durch. Jetzt bedeckte der Schweiß seinen ganzen Körper. Die Unterwäsche klebte ihm auf der Haut.

Jemand lachte. Es war in der Nähe aufgeklungen, obwohl es sich weit entfernt anhörte. Danach folgte die Stimme. Und der Sprecher kannte Franz, und er sprach ihn mit Namen an.

»He, Hartmann, glauben Sie eigentlich an die Scheiße, die Sie da gesagt haben?«

»Bitte?«

»Ja, ja, das war Mist. Wir sind hier mit einer fremden Macht konfrontiert worden. Und diese Macht hat uns übernommen. Sie ist so stark. Was können wir tun? Nichts, gar nichts. Sie hat uns geholt, und wir sind ihre Gefangenen. Geht das nicht in Ihren verdammten Schädel hinein, Hartmann?«

»Doch, aber ich denke anders darüber. Ich bin ein Mensch, der die Hoffnung nicht aufgibt, immer noch an das Positive und an das Gute glaubt, haben Sie verstanden?«

»Hören Sie auf, Sie Fantast. Auf dieser Welt gibt es nichts Gutes mehr. Die andere Seite war schneller, und sie ist immer schneller gewesen, davon bin ich überzeugt.«

»Halten Sie Ihr Maul!«, keifte eine Frau von der anderen Sitzseite her. »Ich denke auch lieber positiv.«

»Klar, und Sie gehen auch in die Kirche, wie?«

»Auch das.«

»Dann ist Ihnen nicht zu helfen.« Der Sprecher kicherte. »Ich sage Ihnen nur, dass die Zeit des Leibhaftigen angebrochen ist. Er hat die Finsternis geschickt, und vielleicht hat er sogar das Ende der Welt eingeläutet. Bald kommt die Apokalypse, und dann werden alle vernichtet werden …« Er ließ die Worte ausklingen und gab ein scharfes Lachen ab.

Keiner sagte mehr etwas. Der Typ hatte sie alle geschockt. Hinzu kam die Finsternis, in der man wirklich nicht die Hand vor Augen sehen konnte.

Franz Hartmann überlegte, wie es mit ihm weiterging. Er konnte im Mittelgang stehen bleiben, was ihm nichts brachte. Er hätte auch wieder zurück an seinen Platz gehen können, und genau das nahm er sich auch vor. Der Weg war im Dunkeln leicht für ihn zu finden. Und er dachte wieder daran, dass man nach dem Bus forschen würde, wenn er die Haltestellen nicht anlief.

Er drehte sich um und trat den Rückweg an. Nach einem Schritt erreichte ihn die laute und zittrige Frauenstimme, die genau das aussprach, was sie empfand.

»Gütiger Gott, es wird wieder heller! Wir haben es geschafft! Ja, ja, es wird heller. Die Zeit der Dunkelheit ist vorbei.

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