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John Sinclair - Folge 1764

Die Killerin

(2. Teil)

Die Doppelmörderin Nancy Wilson war erfüllt von Hass. Es wunderte mich nur, dass kein Schaum vor ihrem Mund stand, so sehr war sie aufgewühlt, und sie wiederholte ihren Satz, den Suko und ich längst kannten.

»Tot seid ihr! Ihr seid längst tot! Das ist kein Leben mehr, das ihr hier führt. Ihr seid nur Schablonen, das ist alles. Eure Lebensuhr läuft ab. Man wird euch killen, das ist versprochen …«

Nancy Wilson wischte über ihre Lippen. Danach war das nass glänzende Gesicht an der Reihe.

»Und wer soll uns töten?«, fragte Suko, der neben mir saß und die Frau nicht aus den Augen ließ.

Sie lachte nur.

Das Thema war für Suko noch nicht vorbei. »Etwa der Mentalist, auf den du setzt? Das eine Auge?«

Sie schwieg, aber sie lächelte. Wir konnten es als eine Art von Zustimmung ansehen.

Der Mentalist war auch für Suko und mich so etwas wie ein Rätsel. Wir kannten ihn nicht. Er war ein Phantom, eine Gestalt, von der man nur flüsternd sprach. Er war da, aber wir hatten ihn noch nicht zu Gesicht bekommen.

Dafür gab es etwas anderes, das auf ihn hinwies.

Ein Auge!

Ja, ein Auge, das plötzlich entstand und wie aus dem Nichts kam. Es war dann da, es war gut zu sehen, es schaute auch seinen Betrachter an, und es war so etwas wie die abgebildete Bösartigkeit, die einen Menschen nicht nur anglotzte, sondern auch übernehmen wollte, was leicht passierte.

Und dann gab es für den Übernommenen keine Regeln mehr. Was ihn als Menschen ausgemacht hatte, war über Bord geworfen worden. Wir konnten darüber nur den Kopf schütteln. Bei Nancy Wilson hatten wir es erlebt. Sie, eine völlig normale junge Frau, war plötzlich durchgedreht und hatte zwei Menschen, eine Frau und einen Mann, eiskalt umgebracht. Fremde Personen. Für sie waren es nur Opfer. Sie hatte das Messer genommen und zugestochen. Sie hatte keine Gnade gekannt, und auch jetzt, als sie vor uns saß, wies nichts darauf hin, dass sie die Tat bereute.

Für uns war der Mentalist wichtig, die Person, die hinter ihr stand. Nur das Auge war uns bekannt, und wir gingen davon aus, dass es zwischen ihm und dem Mentalisten einen Zusammenhang gab.

Wir hatten ihr einen Becher mit Wasser hingestellt, aus dem sie einen Schluck trank. Sie machte nicht den Eindruck einer unsicheren Person. Ganz im Gegenteil, die junge Frau ließ sich durch nichts beirren oder aus dem Konzept bringen. Denn ihr war klar, dass wir etwas von ihr wollten und nicht sie von uns.

»Er ist dabei«, sagte sie.

»Und wer noch?«

Sie lächelte Suko an. »Es bringt nichts, wenn ich es euch sage. Ihr kennt ihn nicht.«

»Vielleicht doch.«

»Ich weiß nur, dass seine Kraft sehr mächtig ist. Ich fühle mich als sein Geschöpf, aber ich bin es nicht allein, das kann ich euch sagen. Es gibt noch andere, auf die er sich verlassen kann.«

Jetzt stellte ich die Frage. »Auf wen kann sich der Mentalist noch verlassen? Wer ist es?«

»Auf sein bestes Geschöpf. Es ist längst unterwegs. Es ist in der Spur.«

»Schön. Hat es auch einen Namen?«

»Das weiß ich nicht.«

»Wieso? Jeder hat einen Namen. Auch …«

»Ja, ja, es gibt einen Namen. Wir nennen sie die Killerin. Nicht mehr und nicht weniger.«

Suko und ich schauten uns an. Die Killerin, das war ein Begriff, doch wir kannten niemanden, auf den er sich bezog.

Ich schüttelte den Kopf. »Das sagt uns nichts.«

»Ja, sie ist eine Frau.«

»Haben wir uns schon gedacht, dass sie eine Frau ist. Aber mehr weißt du nicht?«

»Keine Ahnung.« Sie lächelte uns an, und ich hatte den Eindruck, dass sie schon mehr wusste, es aber nicht sagen wollte. Sie trank wieder und leerte ihr Glas.

»Hat sie auch einen Namen?«

»Bestimmt.«

»Dann sag ihn.«

»Sie heißt Olga.«

»Aha! Dann kennst du sie also doch.«

»Ja und nein. Ich habe sie ja nie gesehen, ich meine, nicht persönlich.«

»Was dann? Woher ist sie bekannt?«

Nancy Wilson senkte den Blick. Sie lächelte wissend und flüsterte: »Wollt ihr sie wirklich sehen?«

»Ja. Wir sind gespannt. Schließlich kennen wir auch dich.«

»Es gibt einen Weg«, flüsterte sie.

»Sehr gut. Und wie sieht der aus?«

»Internet.«

Sie hatte nur ein Wort gesagt. Suko und ich schauten uns an. Es stellte sich die Frage, ob sie uns auf den Arm nehmen wollte. Ich rechnete damit, dass sie uns nicht an der Nase herumführen wollte, dazu sah sie zu ernst aus.

Suko wiederholte den Begriff als Frage.

»Ja, Internet.«

»Und was bekommen wir zu sehen, wenn wir auf die Seite gehen?«

»Sie.«

»Aha. Und weiter?«

»Man sieht sie in Aktion. Es ist eine Werbung, die der Mentalist gestaltet hat. Wen man sie sieht, ist man begeistert. Sie ist der Triumph, sie ist von der Hölle geschickt. Manche sagen sogar, dass sie die Hölle ist, und das hat auch dem Mentalisten gefallen.«

»Du meinst seinem Auge«, sagte ich.

»Auch das. Er braucht keinen Körper. Das Auge reicht ihm. Ihr werdet euch wundern. Ich freue mich schon auf die nahe Zukunft, obwohl ich nur Ballast bin.«

Stimmte das? Wir wussten es nicht, aber wir konnten davon ausgehen, dass es so etwas wie ein Anfang gewesen war. Es würde nicht bei den beiden Toten bleiben. Etwas kam auf uns zu, von dem wir nicht wussten, ob wir es stoppen konnten oder nicht. Obwohl Suko und ich diese Killerin nicht kannten, planten wir sie bereits als eine feste Größe ein. Jetzt ging es um ihr Aussehen. Den Namen kannten wir ja. Sie hieß Olga, und ich dachte daran, dass es ein russischer oder osteuropäischer Name war.

Wir würden sie über Internet sehen können, und ich war wirklich sehr gespannt.

Nancy Wilson erzählte nichts mehr. Sie saß auf dem Stuhl und schaute sich interessiert ihre violett lackierten Fingernägel an. Wer sie zum ersten Mal sah, der hätte sie auf keinen Fall für eine Mörderin gehalten. Nicht mal für eine Person, die gewalttätig werden könnte, denn sie machte einfach einen zu harmlosen Eindruck. Sie war lieb, vielleicht etwas abgefahren, was die Kleidung anging, die nicht aus irgendwelchen Modehäusern stammte.

Das nette Gesicht wurde von braunen Haaren umrahmt, die bis zum Kinn reichten. Vom Alter her war sie um die zwanzig herum, und ich hatte eigentlich keinen Grund, sie zu kennen, wäre nicht Jane Collins gewesen, die den Auftrag erhalten hatte, nach ihr zu suchen, weil es da um eine Erbschaft ging.

Jane hatte den Auftrag angenommen und mich gebeten, sie zu begleiten. Die Adresse hatten wir herausgefunden. Sie lebte in einer WG. Aus ihr hatten wir sie herausholen wollen, zumindest um ihr Bescheid zu geben.

Wir fanden sie auch.

Und zwei Tote!1)

Es hatte noch einige Probleme gegeben, sie verhaften zu können, aber letztendlich waren wir die Sieger geblieben. Wir waren auch im Haus des Mentalisten gewesen, der Douglas Curtain hieß, doch er hatte sich nicht gezeigt. Ich fragte mich, ob er sich überhaupt zeigte oder nur ein Auge präsentierte, was mit den dritten Augen der Psychonauten nichts zu tun hatte. Aber es besaß eine große Macht, durch die Menschen beeinflusst werden konnten.

Das hatten wir bei Nancy Wilson erlebt. Ohne die Einflussnahme der anderen Seite hätte sie bestimmt den Doppelmord nicht durchgeführt.

»Wir können uns von der Killerin also auf dem Bildschirm ein Bild machen«, sagte ich.

»Ja.«

Auf meinem Schreibtisch und vor mir lag ein geschlossener Laptop. Den Deckel klappte ich hoch, dann schaltete ich das Gerät ein.

Mit dem Stuhl rollte Nancy Wilson in meine Nähe. So konnten wir beide sehen.

Auch Suko verließ seinen Platz und kam zu uns. Er schaute uns über die Schultern.

Ich gab der Frau eine letzte Warnung. »Solltest du uns reinlegen wollen, dann …«

Ihr schrilles Lachen unterbrach mich. »Nein, nein, ich will euch leiden sehen …«

»Ach. Wir sollen leiden?«

»Daran habe ich gedacht.«

»Und warum?«

»Kann sein, dass es euch auch fasziniert.« Sie leckte ihre Lippen und ihre Augen leuchteten. »Es wird auf jeden Fall spannend werden …«

***

Der Fall war beendet, und er war es trotzdem nicht. So dachte auch die Detektivin Jane Collins, die sich mit den normalen Seiten des Falles beschäftigte. Sie musste ihren Auftraggeber darüber informieren, dass die Suche nach der Erbin eine Wende genommen hatte und er sich zunächst zurückhalten musste.

Das war in ihrem Kopf schon alles klar. Jane musste es nur in die Tat umsetzen. Sie hatte es auch versucht, aber keine Antwort erhalten, denn der Anwalt war in den nächsten drei Tagen verreist und wollte nicht in seinem Kurzurlaub gestört werden.

Das musste Jane akzeptieren. Das würde sie auch, aber der Fall lief trotzdem weiter. Es war eine Seite, in der der Mentalist, der sich Douglas Curtain nannte, eine große Rolle spielte. Wie auch John Sinclair war sie scharf darauf, den Mentalisten zu finden, denn er sollte hinter allem stecken.

Der Meinung war auch John Sinclair. Er war ebenfalls scharf darauf, diese Gestalt zu finden. Er war zwar bekannt, weil er Auftritte hatte und die Menschen mit seiner Kunst verblüffte, indem er in ihr Inneres schaute, aber jetzt fielen die Vorstellungen aus oder waren allgemein beendet.

Jane Collins glaubte nicht daran, dass sich der Mentalist völlig zurückgezogen hatte. Er würde wieder erscheinen, denn sie ging davon aus, dass er einen Plan durchziehen musste.

Jane war wieder in ihr Haus gefahren. Sie hatte sich kurz hingelegt, aber keinen Schlaf gefunden. Dafür war die Zeit in der ersten Hälfte der Nacht zu stressig gewesen.

Und jetzt saß sie in ihrem Wohnzimmer, dachte nach und trank Kaffee.

Sie dachte auch an Nancy Wilson. Eine junge Frau, die einen völlig normalen Eindruck machte, die aber dann in einen mörderischen Kreislauf geraten war, aus dem sie nicht mehr heil herauskam. Sie war manipuliert worden. Sie würde auch weiterhin Menschen töten, die ihr nichts getan hatten. Die andere Seite hatte sie übernommen und entsprechend präpariert.

Jane hoffte, dass John Sinclair und Suko etwas aus ihr herausbekamen. Wenn jemand die Verfolger von ihr abhalten konnten, dann die beiden Geisterjäger.

Aber waren es Verfolger?

Auch das wusste Jane nicht. Es konnten auch Kräfte sein, die sie wieder zurück in die Welt des Mentalisten holen wollten, in der es egal war, ob sie einen Doppelmord begangen hatte oder nicht.

Irgendwann wollte sie mit John Sinclair über dieses Thema sprechen. Allerdings erst später. Sollte er erst mal seine Befragungen durchziehen, das war wichtiger.

Jane war keine Frau, die gern wartete und dabei nichts tat. Sie ging nach oben in ihr Büro, das recht geräumig war, denn es nahm den gesamten Dachraum ein.

Sie hatte es von der Horror-Oma übernommen. In den Regalen befand sich die Literatur, die Sarah Goldwyn so geschätzt hatte. Bücher über Geschichte, Religion, Mystik, Mythologie und all die Gebiete, die sich da berührten.

Auch alte Videos, Kassetten und LPs gab es dort zu bewundern.

Als Jane ihr Arbeitszimmer erreicht hatte, schaute sie zuerst durch eines der Fenster. Sie sah den grauen Himmel und hatte den Eindruck, einen Deckel zu erleben, der die Kälte in die Tiefe drückte.

Lange würde das keinen Bestand mehr haben. Das Wetter würde sich ändern und wärmer werden. Es waren nur Randgedanken, mit denen sich die Detektivin beschäftigte, ihr Hauptaugenmerk galt dem Computer, und den wollte sie einschalten, um mehr über Douglas Curtain, den Mentalisten, zu erfahren.

Er hatte sich allmählich entwickeln können, davon ging sie einfach aus. Niemand hatte ihn gestoppt. Niemand wusste über ihn Bescheid. Er war wie Phönix aus der Asche gestiegen und hatte seine Zeichen gesetzt.

Einer sieht alles!

Diesen Spruch hatte Jane ebenfalls gehört. Und mit diesem einen war das Auge gemeint.

Jane musste es als ein Verbindungsglied zwischen der normalen Welt und der des Mentalisten ansehen. Es schuf den Kontakt. Wer es sah und auch hörte, für den war es dann in der Regel zu spät.

Jane schaute auf den Bildschirm. Noch war er grau, aber das würde sich ändern.

Da hörte sie das Lachen!

Jane hatte das Gefühl, von Eiswasser getroffen worden zu sein. Ihr wurde kalt, dann schoss die Hitze in ihren Kopf und trübte ihr Denken.

War das Lachen echt gewesen oder hatte sie es sich nur eingebildet?

Auf jeden Fall hatte sie es hinter sich gehört. Um mehr zu erfahren, hätte sie sich umdrehen müssen, was sie auch tun wollte, aber erneut hielt sie jemand davon ab.

Da war die andere Stimme. Sie sagte nur einen Satz, und der reichte aus, um Janes Herzschlag zu beschleunigen.

»Einer sieht alles!«

***

Die Detektivin saugte hörbar die Luft ein. Es hörte sich an, als würde sie etwas trinken. Dabei hätte sie nicht so überrascht sein müssen. Sie hatte sich Ähnliches gedacht. Bei ihrem Job musste man mit allem rechnen.

Er hatte sich gezeigt. Sich offenbart. Er war einer, der alles sah, und das war nicht mal gelogen. Er war jemand, der hinter die Dinge schaute.

Woher war die Stimme gekommen? Aus dem Bereich hinter ihr, wie auch das Lachen?

Jane Collins hätte sich umdrehen müssen, doch dafür fehlte ihr die Traute. Eigentlich hätte sie mit bestimmten Vorgängen rechnen müssen, aber sie hatte sich keine Gedanken darum gemacht. Jetzt musste sie die Konsequenzen tragen.

»Einer sieht alles!«

Erneut hörte sie diesen Satz, den sie hasste. Aber er war nicht mehr in ihrem Rücken aufgeklungen, sondern direkt vor ihr. Zwischen ihrem Gesicht und dem Bildschirm.

Und da sah sie es!

Es war das Auge. Wie gemalt stand es in der Luft. Von seinen Umrissen her perfekt. Zwei tiefschwarze Pupillen, die in einer roten Umgebung badeten.

Sie sagte nichts, spürte aber, dass sich in ihrem Mund der Speichel sammelte, den sie schnell schluckte und Glück hatte, dass sie sich nicht verschluckte.

Das Auge war da. Das Auge blieb. Es ließ sich nichts befehlen. Nicht von einem Menschen, der normal war und nicht in seinen Sphären schwebte.

Jane blieb starr sitzen, sie schaute auf das Auge, und sie hatte Mühe, ein Zittern zu unterdrücken, denn sie wusste genau, dass dies erst der Anfang war. Die andere Seite hatte einen Plan, und den würde sie bald erfahren.

Jane fühlte sich kontrolliert. Wer in dieses Auge schaute, der kam nicht auf einen anderen Gedanken. Aber der wusste auch nicht, was er dagegen unternehmen sollte. Zumindest galt das für Jane. Sie konnte nicht einfach ihre Hand nach vorn stoßen und das Auge packen.

Natürlich hatte sie sich Gedanken darüber gemacht, wem es wohl gehörte. Dabei dachte sie an einen Dämon. Es konnte sein, dass dieses Auge mit dem Mentalisten in Verbindung stand. Das war für sie die einzige Erklärung, aber ob sie stimmte, wusste sie nicht.

Warum war das Auge erschienen? Was wollte es von ihr? Grundlos war es nicht geschickt worden. Und Jane dachte daran, dass es eine Rache geben konnte. Eine Abrechnung.

Aber warum? Was hatte sie getan? Sie war sich keiner Schuld bewusst. Und jetzt das.

»Bitte, was soll das? Wer will was von mir?«

»Ich!«

Sie hatte die Antwort gehört.

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