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John Sinclair - Folge 1763

Einer sieht alles

(1. Teil)

Nancy Wilson war von Kopf bis Fuß in schwarze Kleidung gehüllt. Ihr Gesicht wurde von einer schwarzen Skimütze bedeckt, die nur Schlitze für die Augen frei ließ.

Sie betrat den hell erleuchteten, von Automaten voll gestellten Raum. Einige der Geräte ratterten, andere wiederum bimmelten, und es gab sogar einen, der flüsterte.

Doch es gab keinen einzigen Kunden, der sich an den Automaten vergnügte. Es gab nur eine Person in der Spielhalle. Das war der junge Mann in dem kleinen, nach vorn offenen Kassenhäuschen. Er schaute zur Tür, sah die maskierte Gestalt und wusste, dass es eine Frau war, denn sie sprach ihn mit einer hellen Stimme an …

»Nicht bewegen! Ich will nur das Geld, nicht deinen Tod. Solltest du aber Mist bauen, schieße ich!«

Die Waffe lag ruhig in der Hand der Vermummten, während sie ihre letzten Schritte ging.

Der junge Mann starrte auf die Waffe. Er war kein Held. Von der Größe her konnte er mit der Frau mithalten, ansonsten glich er einem zitternden Bündel. Sogar die Brille im Gesicht zitterte mit.

»Alles klar?«

Er nickte.

»Dann pack das Geld ein.« Die Frau legte einen Leinenbeutel auf den schmalen Tresen.

Die Kasse sprang auf.

»Na los!«

»Ja, ja …« Er tat trotzdem nichts. Er zitterte nur.

»Soll ich dir eine Kugel in den Kopf jagen?«

»Bitte nein – nein …«

»Dann pack das Geld ein. Auch die Münzen, verdammt noch mal!«

»Okay, ich – ja, ja …«

Viel Zeit hatte die Maskierte nicht. Sie konnte von Glück sprechen, dass kein Besucher in der Spielothek stand. Daran trug wohl auch das eisige Wetter die Schuld. Da blieben die Menschen gern im Warmen, aber darauf verlassen wollte sich Nancy Wilson auch nicht.

Das Geld wurde eingepackt. Zuerst die Münzen, die eine Melodie abgaben, als sie in den Beutel fielen. Es folgten die wenigen Scheine, die leicht raschelten.

Viel Beute war es nicht, das hatte Nancy bereits mit einem schnellen Blick festgestellt. Aber besser als gar nichts. Sie war blank, sie war platt, und sie brauchte den Stoff.

»Mehr habe ich nicht.«

Sie nickte. »Schon gut, gib her!«

Der junge Mann zitterte noch immer. Mit der freien Hand grapschte die Maskierte den Beutel. Dabei blieb die Waffe auf den Kopf des Jungen gerichtet, sodass auch das Zittern nicht aufhörte.

»Und keine Bullen – klar?«

Der Junge nickte. Nancy Wilson zog sich zurück. Dabei ging sie rückwärts und hielt die Mündung der Pistole auf den Mann an der Kasse gerichtet. Er hatte sich in seine Angst verkrochen, und das hatte an der Waffe gelegen, wobei er nicht wusste, dass es sich um eine Spielzeugwaffe handelte, die einer richtigen täuschend echt nachgebaut worden war.

Auch jetzt hatte Nancy freie Bahn. Noch immer ließ sich kein Mensch blicken. Ihr Mund war zu einem Lächeln verzogen, und der Atem ging nicht mehr so schnell. Sie befreite ihr Gesicht vom Stoff der Maske und konnte wieder tief durchatmen.

Die Spielhalle lag nicht in einer belebten Gegend, sondern in einer Seitenstraße, in der sich auch billige Sexläden befanden. Auch da gab es kaum Betrieb. Das rote Licht aus den Schaufenstern verteilte sich auf dem Boden, der hin und wieder Inseln aus Eis aufwies, die zu Stolperfallen werden konnten.

Die Gasse führte leicht bergan. Sie mündete in einen kleinen Platz, auf dem drei Bänke standen, die mit einer Schicht aus Eis überzogen waren.

Nancy kannte die Gegend hier. Sie war in der Nähe aufgewachsen. Deshalb wusste sie auch, wohin sie gehen musste, um sich verstecken zu können.

Das brauchte sie nicht mal, denn es gab keine Verfolger. Der Kerl würde sich hüten, die Polizei zu alarmieren. Das mochten die Betreiber dieser Hallen nicht, denn die Bullen fingen dann an, irgendwelche Fragen zu stellen.

Nancy erreichte die Bänke. Sie war recht schnell gelaufen und ein wenig außer Atem. Ihr Keuchen war zu hören, und sie wollte sich noch ein wenig ausruhen, auch sollten sich ihre Nerven beruhigen. Das dauerte eine Weile.

Es war eine recht stille Nacht. Nur der Verkehr war zu hören, aber Menschen sah und hörte sie nicht. Bei diesen eisigen Temperaturen blieb man besser im Haus.

Und dann passierte doch etwas. Nancy war soeben mit den Fingern durch ihre Haare gefahren, als sie die Stimme hörte, die flüsternd ihre Ohren erreichte.

»Ich sehe alles …«

Nancy Wilson zuckte zusammen. Sie öffnete den Mund zu einem Schrei, der aber blieb auf dem halben Weg stecken. Dafür drehte sie sich auf der Stelle um, weil sie den Sprecher ausfindig machen wollte, was ihr nicht gelang. Es gab niemanden, der sich in ihrer Nähe aufhielt, und sie stöhnte leise auf.

Sie drehte sich im Kreis. Mit der Hand fuhr sie über ihren Mund, sie spitzte die Ohren und wartete darauf, dass sich die Stimme erneut meldete.

Es geschah zunächst nicht. Um sie herum blieb es ruhig. Auch nach weiteren Sekunden war nichts passiert, und die Anspannung, die sich in ihr festgesetzt hatte, nahm allmählich ab. Sie dachte daran, sich getäuscht zu haben, denn in einer stressigen Situation bildete man sich oft etwas ein.

In diesem Fall hatte sich der Stress schon zurückgezogen, und Nancy dachte daran, ihren Weg fortzusetzen, um so rasch wie möglich ihr Zuhause zu erreichen.

Es war eine Wohnung, die sie mit mehreren Menschen teilen musste. Wohngemeinschaft sagte man dazu. Sie hatte Glück gehabt, dort unterkriechen zu können, denn diese Wohnung war von einer Gesellschaft angemietet worden, die sich um Menschen kümmerte, denen es nicht so gut ging.

Die Mitglieder mussten auch einen Mietzins zahlen, doch der war kaum der Rede wert. Es gab Mitbewohner, die das Geld vom Amt bekamen, andere, wie Nancy Wilson, lebten von Jobs oder von Diebstählen, wie es bei Nancy immer wieder geschah, wobei sie den anderen nichts sagte und das geraubte Geld immer gut versteckte. Die Scheine trug sie meist direkt am Körper, oft auch an und unter den Füßen.

Der Raubzug in dieser Nacht hatte ihr gut getan. Er hatte zwar nicht viel gebracht, aber zumindest so viel, um die nächsten Wochen überstehen zu können. Sie war ja genügsam, und mit der Zeit konnte sie sich wieder ein neues Opfer aussuchen.

Es sah nicht schlecht aus. Sie war mal wieder zufrieden. Wie ihr Leben in der Zukunft aussehen würde, das wusste sie nicht. Darüber machte sie sich auch keine Gedanken. Bisher hatte es noch immer geklappt. Allerdings war ihr auch klar, dass sie ohne einen gelernten Beruf dumm dastand. Auf den Strich wollte sie nicht gehen. Da hatte sie schon zu viel Negatives gehört. Mit ihren achtzehn Jahren galt sie als erwachsen, doch das war sie nicht wirklich. Manchmal, wenn sie wieder einen Deprie-Flash hatte, fing sie an zu heulen. Dann verfluchte sie sich und die ganze Welt. Ihre Erzeuger eingeschlossen, die eine Tochter wie sie längst abgeschrieben hatten.

Sie eilte weiter durch die Dunkelheit und die eisige Kälte. Mit der billigen Jacke war es kaum möglich, sich gegen die Kälte zu schützen. Auch ihre Füße schienen in einem Eisfach zu stecken, aber zum Glück war es nicht mehr weit bis zu ihrem Ziel.

Das Haus lag in einer Seitenstraße, direkt neben einer Autoreparaturwerkstatt, die von zwei jungen Leuten betrieben wurde. Es gab keine Mauer, die die beiden Grundstücke trennte. Das eine ging in das andere über.

Das Haus war alt. Es stand auch schief. Man musste damit rechnen, dass es beim nächsten schweren Sturm zusammenkrachte, aber bisher hatte es allen Widrigkeiten getrotzt.

Nicht alle Fenster waren dunkel. Hinter einigen brannte Licht. Sie sahen aus wie Hoffnungsfeuer in einer eisigen Umgebung.

Nancy Wilson war es leid, noch länger in der Kälte zu bleiben. Sie eilte auf die Haustür zu. Manchmal war sie abgeschlossen, dann wieder nicht. Sie suchte nach dem Schlüssel, um sie öffnen zu können, wenn sie zu war. Der Griff in die Tasche war okay, aber den Schlüssel zog sie nicht mehr hervor, denn wieder hörte sie die Stimme aus dem Unsichtbaren.

»Ich habe alles gesehen!«

Nancy blieb stehen, als hätte sie einen heftigen Schlag erhalten. Die Stimme hatte sie genau gehört. Daran gab es nichts zu rütteln. Sie duckte sich leicht und schaute sich dann um, denn sie ging davon aus, dass sich dort, wo sie eine Stimme gehört hatte, auch ein Sprecher befinden musste.

Das war nicht der Fall. Sie sah niemanden, und als sie sich drehte, war auch dort nichts zu sehen. Aber sie hatte sich nicht geirrt, darauf nahm sie jede Wette an, und sie merkte, dass über ihren Rücken ein Eishauch glitt, der sich langsam festsetzte.

Alles hatte der Unbekannte gesehen. Und damit schloss er sicherlich den Raub mit ein.

Plötzlich wurde ihr warm. Ein heißer Strahl schoss in ihr hoch und erreichte sogar ihr Gesicht. Sie hatte das Gefühl, eine Glut zu erleben, holte tief Luft und spürte den leichten Druck im Magen. Irgendetwas war passiert, das sie bisher noch nicht erlebt hatte. Es war schlimm, es war nicht zu erklären, und jetzt kam in ihr das Gefühl auf, aus dem Unsichtbaren beobachtet zu werden. Irgendeine Macht oder Kraft hielt sie unter Kontrolle.

Aber es konnte auch sein, dass sie einfach nur überspannt war und sich etwas einbildete. Der letzte Raubzug hatte schon an ihren Nerven gezerrt.

Es war niemand zu sehen. Kein heimlicher Beobachter erschien, kein Schatten löste sich aus der eisigen Dunkelheit. Es war alles okay und friedlich.

Selbst ihre Ohren waren warm geworden. Der Schock steckte noch tief in ihr, und als sie auf das Haus zuging, schaute sie immer wieder zur Seite, um zu sehen, ob sie nicht doch heimlich verfolgt wurde. Aber das war nicht so.

Sie erreichte die Haustür. Das kam ihr schon wie ein kleiner Erfolg vor. In dieser Nacht war sie abgeschlossen. Jetzt holte sie endgültig den Schlüssel hervor und dachte daran, dass sie froh war, wenn sie das Haus betreten konnte, denn da fühlte sie in ihren Wänden doch eine gewisse Sicherheit.

Sie lächelte nicht. Ihr Gesicht blieb starr, als sie die Tür hinter sich schloss und in der Dunkelheit erst mal stehen blieb. Sie wollte sich wieder fangen und zu sich selbst finden.

Es war nicht völlig dunkel um sie herum, und so war sie in der Lage, Umrisse auszumachen. Schwach sah sie Fenster, dann fiel ihr auch das Geländer der Treppe auf, und sie dachte daran, dass sich ihre WG hier unten befand.

Es gab drei Türen, die allesamt zu einem Flur führten. Dort befanden sich dann die einzelnen Zimmer, die sich jeder individuell einrichten konnte.

Sie brauchte nur bis zur ersten Tür, um den Hausflur zu verlassen. Die anderen Mieter, die in den beiden oberen Etagen wohnten, hatten mit der WG nichts zu tun. So blieb es auch, denn der eine kümmerte sich nicht um den anderen.

Nancy schlüpfte in den Flur, zog die Tür hinter sich zu – und hörte die Stimme.

»Ich bin noch immer da!«

Diesmal konnte sie den Schrei nicht unterdrücken. Er wurde nicht gehört oder man wollte ihn nicht hören, jedenfalls erlebte sie keinerlei Reaktion.

Aber ihr schoss wieder das Blut in den Kopf. Im Flur wollte sie nicht länger bleiben und öffnete die Tür zu ihrem Zimmer. Sie bewohnte nur eines. Es gab auch kein Bad. Das war ausgelagert und wurde von allen Mitgliedern der WG benutzt.

Es roch nach Qualm. Hin und wieder paffte sie eine Zigarette. Das würde auch in der nahen Zukunft so bleiben, denn jetzt besaß sie das nötige Geld.

Sie machte Licht.

Schon beim ersten Blick erkannte Nancy, dass sich im Zimmer nichts verändert hatte. Es war nicht durchsucht worden, man hatte nichts durcheinander gebracht. Im Gegensatz zu ihren Mitbewohnern in der WG war sie ein ordentlicher Mensch. Sie hasste Unordnung, und deshalb war es in ihrem Zimmer auch aufgeräumt.

Sie durchschritt es wie eine fremde Besucherin. Sie schaute überall hin, ohne die Spur eines Einbruchs zu entdecken. Das beruhigte sie allerdings nicht. Den alten Schrank öffnete sie ebenfalls. Kein Monster sprang ihr entgegen, keine Stimme sprach sie an, es blieb alles ruhig, aber sie fühlte sich trotzdem nicht wohl und fürchtete sich davor, die Nacht allein verbringen zu müssen.

Aber wo hätte sie hin gesollt? In das Bett eines Mitbewohners kriechen oder einer Mitbewohnerin?

Nein, das war nichts. Wie hätte sie das auch erklären sollen? Man hätte sie ausgelacht. Man hätte abgewinkt und sie nicht für ernst genommen.

Und eine Erklärung wollte sie auch nicht geben. Nichts von ihrem Raubzug sagen. Als sie daran dachte, holte sie die Spielzeugwaffe hervor und versteckte sie unter ihrer Bettdecke.

Danach war der Leinenbeutel an der Reihe. Sie holte ihn hervor und drehte ihn um. So glitten die Münzen heraus und wenig später auch die Scheine.

Viel war es nicht, das hatte sie sich schon gedacht. Sie zählte es trotzdem nach und kam auf einen Betrag von einhundertzehn Pfund.

Damit kam sie nicht weit, aber daran wollte sie jetzt nicht denken, denn sie hatte andere Sorgen. Die Stimme! Genau das war ihr Problem. War sie echt oder hatte sie sich die Stimme nur eingebildet?

Jetzt fing sie an, darüber nachzudenken. Sie konnte echt sein, musste es aber nicht. Ihre Nerven lagen blank. Sie konnten ihr einen Streich gespielt haben. Oder war es das schlechte Gewissen, das sich auf eine derartige Art und Weise gemeldet hatte?

Sie hatte keine Ahnung. Ihre Gedankenwelt war durcheinander. Sie wusste nicht, wie sie sich verhalten sollte.

Es wäre jetzt an der Zeit gewesen, ins Bett zu gehen. Ja, das wollte sie auch tun. Aber sie hütete sich davor, sich zu entkleiden. Sie zog nur die Jacke aus. Darunter trug sie einen dunkelgrünen Pullover, den sie gestern von einem Wühltisch gestohlen hatte. Das Kleidungsstück passte leidlich. Es wärmte sie auch ein wenig, deshalb ließ sie den Pullover an. Nur die Schuhe zog sie noch aus. Sie hätte gern Stiefel gehabt, aber an die heranzukommen war unmöglich. Vor den Geschäften auf den Tischen stand immer jeweils nur ein Stiefel, und mit zwei verschiedenen wollte sie nicht herumlaufen.

Das geraubte Geld steckte sie in ihre Hosentaschen. Ein Bett besaß sie auch, aber das war kein richtiges Bett, sondern ein Lager. Da lag eine Matratze auf dem Boden, dicht an der Wand, über die drei Heizrohre liefen. So bekam sie wenigstens etwas von der Wärme mit. Wenn sie sich mal einen Tee oder Kaffee zubereiten wollte, dann musste sie den Kocher anstellen. Andere Wärmequellen gab es in diesem einen Zimmer nicht.

Unter der Decke klebte eine Lampe. Sie war mal weiß gewesen. Jetzt zeigte sie eine graue Farbe. Die hatte der Staub hinterlassen, denn an Putzen dachte Nancy nicht.

Sie legte sich nieder.

Die Matratze war recht weich, reichte aber bei längerem Liegen nicht aus. Da spürte sie dann die Kälte und auch die Härte des Bodens. Das Licht brannte nicht. Wenn sie es hell haben wollte, würde sie zur Taschenlampe greifen, die neben ihrer Liegestatt lag.

Es war nicht völlig dunkel. Sie sah immer noch, wo sich das Fenster befand, dessen Scheibe am Morgen sicherlich zum Teil mit Eisblumen bedeckt sein würde.

Nancy lauschte.

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