Logo weiterlesen.de
John Sinclair - Folge 1761

Inhalt

  1. Cover
  2. Impressum
  3. Blutschwert aus der Hölle
  4. Vorschau

Blutschwert aus der Hölle

Es war vorbei. Die Schlacht war geschlagen. Keine kämpfenden Soldaten und Söldner mehr. Keine Schreie der Verwundeten, die wussten, dass ihr Leben dahin rann.

Auch das schrille Wiehern der Pferde war nicht zu hören. Stille hatte sich wie ein unsichtbares Leichentuch ausgebreitet. Doch wer genau hinhörte, der vernahm die Laute trotzdem, die leise nachhallten. Es lag auch am Wind, der kühl über das Schlachtfeld fuhr. Hin und wieder gab er wimmernde Laute ab, als wollte er den zahlreichen Leichen ein letztes Lied singen …

Feuer hatten gelodert. Jetzt waren sie erloschen. Trotzdem roch es noch nach kaltem Rauch.

Verletzte gab es nicht mehr, nur Tote. Wer hier lag, der sah schlimm aus. Blutige, verstümmelte Leichen. Freund und Feind hatten bis zum letzten Atemzug gekämpft.

Am Himmel hatten sich graue Wolken versammelt. Der Wind trieb sie weiter. Sie nahmen immer mehr zu und bildeten bald eine dichte Decke am Himmel.

Kein Vogel flog mehr durch die Luft. Auch sie schienen zu trauern über das Leid und um all die Toten, um die sich kaum jemand kümmern würde, denn die normalen Menschen schlugen einen Bogen um das Schlachtfeld.

Nur einer nicht!

Er tauchte aus dem Hintergrund auf, wo es einen Bach gab, in dessen Wasser das Blut der Menschen geflossen war und es gefärbt hatte. Es war eine große und düstere Gestalt. Sie trug schwarze Kleidung. Einen langen Mantel, der bei jedem Schritt wehte. Eine breite Kopfbedeckung und auch ein Tuch vor dem Gesicht. Es bedeckte vor allen Dingen Mund und Nase, als wollte sich der Mann vor dem Gestank schützen.

Er ging seinen Weg. Es sah ziellos aus, was es aber nicht war, denn er hielt den Kopf leicht gesenkt und wirkte wie ein Suchender. Manchmal musste er lange Schritte machen, um die Leichen zu übersteigen.

Die Vögel hatten sich inzwischen wieder beruhigt. Sie waren zurückgekehrt. Als schwarze Gestalten flogen sie durch die Luft und gaben ihr Krächzen ab, als sollte das die einsame Gestalt noch mehr anspornen, das Schlachtfeld schneller hinter sich zu lassen.

Die Gestalt ging weiter. Sie war der mächtige Todesbote, der nichts ausließ, um seinem Ziel näher zu kommen. Irgendwann würde er es gefunden haben – und tatsächlich, er hielt an.

Dass um ihn herum die Leichen lagen, machte ihm nichts aus. Er hatte es nicht anders gewollt. Jetzt war es an ihm, das zu tun, was so wichtig war.

Er bückte sich. Er schaute sich um. Dabei ging er mal nach rechts, dann wieder nach links. Für ihn war es wichtig, etwas Bestimmtes zu finden, nur deshalb war er gekommen. Die Toten interessierten ihn nicht, mochten sie auch noch so schlimm aussehen.

Das Blut hatte die Fliegen angelockt. Ihr Summen war zu hören und begleitete die Suche der düsteren Gestalt. Manchmal schlug er nach ihnen, die meiste Zeit aber ließ er sie allerdings in Ruhe. Wäre ein Lebender in seiner Nähe gewesen, so hätte er den leisen Schrei gehört, der über die Lippen des Suchenden drang.

Es war für ihn der Sieg, denn er hatte gefunden, was er suchte.

Er bückte sich und schob einen toten Körper zur Seite, um freie Bahn zu haben. Dann fiel er auf die Knie und hob etwas an. Er reckte es gegen den düsteren Himmel und gab ein scharfes Lachen ab.

Endlich hielt er es in seinen Händen!

Es war das Blutschwert. Es war einmalig. So eine Waffe gab es kein zweites Mal. Dem Satan war es geweiht, und jetzt gehörte das Blutschwert der Hölle ihm …

***

Der Mann, der das Schwert gefunden und auch mitgenommen hatte, wusste genau, wie er sich damit in Szene setzen konnte. Er verdingte sich als Henker, aber er war kein bei einem Hof fest angestellter, sondern ein freier Henker, den man mieten konnte, was im Endeffekt preiswerter war.

Und das Schwert tat seine Pflicht. Wenn der Henker es in seinen Händen hielt, dann hatte er den Eindruck, dass es allein für ihn angefertigt worden war. Er war ein Mann, der ständig zu tun hatte und nie arbeitslos wurde.

Über Jahre hinweg übte er diese blutige Arbeit aus. Es machte ihm nichts aus. Gewissensbisse kannte er nicht, und so erreichten er und sein Schwert eine gewisse Berühmtheit. Aber auch er wurde älter, und die Zeit des Sterbens rückte heran. Er tötete nicht mehr. Genug Geld besaß er, um sich zurückzuziehen, aber ein freies Leben war es nicht, das er führte. Auch er hatte ein Gewissen, und das meldete sich immer öfter.

Eine Ehe hatte er nie vollzogen. Deshalb blieb er auch einsam in seinem Leben und mit seinen Träumen. Immer wieder sah er im Traum die zahlreichen Menschen, die er getötet hatte, wobei bestimmt nur die wenigsten richtig schuldig gewesen waren.

Schweißgebadet erwachte er oft mitten in der Nacht. Er fuhr dann von seinem Lager in die Höhe, schaute sich um und glaubte, die Menschen an seinem Bett stehen zu sehen, wobei sie ihre Köpfe unter die Arme geklemmt hatten.

Alles wurde zur Qual. Das seelische Leiden und auch das körperliche. Er litt unter der Gicht. Seine Finger waren krumm geworden, und aus seinem Mund drang immer öfter ein waidwundes Stöhnen, das sich anhörte, als wäre ein Tier dabei, zu verenden. Wer jetzt zu ihm kam, der fand ihn wehrlos.

Dem Henker ging es immer schlechter. Der Tod rückte näher, und irgendwann bekam er Besuch. Er wusste nicht, wer es war. Er schaute den Gast zwar an, aber für ihn war es nichts Konkretes und einfach nur ein Schatten.

Aber er konnte sprechen. »Ich bin gekommen, um dich zu verabschieden, Henker. Ich hole mir das zurück, was in Wirklichkeit mir gehört. Du bist dem Tod geweiht, das Schwert ist es nicht, und so wird es einen neuen Besitzer finden, der würdig ist, es zu behalten.«

Der Henker gab keine Antwort. Er war zu schwach. Er lag auf dem Lager, hustete, spie auch Blut und hielt die Augen weit offen. Er sah nur einen Schatten über sich, der sein gesamtes Blickfeld einnahm. Aber es gab auch Bewegung in dem Schatten, denn als er sich zweimal gedreht hatte, da sah der Henker das Funkeln. Es stammte nicht von einem Gestirn, sondern von der so blanken Schwertklinge, denn der Schatten hatte sich diese Waffe geholt.

Er lachte.

Es hörte sich an wie ein Grollen, und der Henker wusste, dass sein Besucher noch nicht fertig war. Er musste noch etwas loswerden. Das Schwert spielte dabei eine Rolle, denn er hob es langsam an und es kam über dem Körper in Kopfhöhe zur Ruhe.

»Du hast diese Waffe aus meinem Reich lange genug gehabt, jetzt wird es Zeit, dass sie ein anderer bekommt und sie ebenfalls in Ehren hält. Und wenn ihn die Kraft des Lebens verlassen wird, gibt es jemanden, der das Schwert an sich nehmen wird, um es in meinem Sinne zu führen …«

Dem Henker war plötzlich alles klar geworden. Er überlegte, was er tun könnte, aber es gab keinen Ausweg mehr.

Er sah, dass sich sein Besucher reckte und dabei das Schwert nach hinten schwang. Er gab zudem ein hartes Lachen von sich. Es war der Gruß, den der andere noch hören sollte.

Einen Moment später fegte die Klinge nach unten und trennte mit einem perfekten Schnitt den Kopf vom Körper …

***

Eine andere Zeit, ein anderes Land.

Die Menschheit hatte sich kaum entwickelt. Noch immer waren die Gegensätze zwischen Arm und Reich groß. Jedes Aufbegehren der ärmeren Schicht wurde sofort durch Gewalt im Keim erstickt.

Und es war auch die Zeit der negativen Helden. Einer tat sich besonders hervor. Er nannte sich Freibeuter. Andere suchten ihn als Banditen, der sich in den Wäldern versteckte, wohin er auch seine Gefangenen brachte.

Es waren Männer aus dem gehobenen Stand. Alle besaßen genug Geld, um sich freikaufen zu können. Wer den Forderungen nicht nachgab, der konnte seinen Freund oder Verwandten ohne Kopf irgendwo abholen, wo man ihn hingelegt hatte.

Die Bande des Köpfers machte kurzen Prozess. Wer keinen Gewinn brachte, war nur eine Belastung und wurde getötet. Er verlor seinen Kopf, und so hatte sich die Bande bereits einen grauenvollen Namen gemacht, man fürchtete sie. Man hatte Angst, und so taten die Familien in der Regel alles, um das Lösegeld für ihr entführtes Mitglied zu zahlen und es heil in den Schoß der Familie zurückzuholen.

Das gelang nicht allen. Viele waren traumatisiert, anderen waren die Beine abgeschlagen worden oder auch die eine oder andere Hand. Wenn diese Menschen über ihre Zeit der Gefangenschaft redeten, dann sprachen sie nur von der Vorhölle.

Der Anführer der Bande jedenfalls fühlte sich unbesiegbar und war es dann doch nicht. Es kam der Tag, an dem auch bei ihm abgerechnet wurde. Über Jahre hinweg hatte er sich frei entfalten können, und das war jetzt vorbei.

Die Hölle brauchte einen Nachfolger. Ihr wichtigster Vertreter war bereits unterwegs. An einem lauen Sommerabend wurde der Mann auf eine Lichtung im Wald bestellt.

Er hatte sich dort mit zwei Frauen vergnügt und mit ihnen viel Spaß gehabt, jetzt lag er ziemlich erschöpft auf dem Rücken, musste wieder zu Atem kommen und lauschte dem Stimmenklang der beiden jungen Frauen.

Am Rand der Lichtung schimmerte dunkel das Wasser eines Teichs, in den die jungen Frauen sprangen, um sich abzukühlen. Noch vor ein paar Jahren hätte der Bandit mitgemacht, das war jetzt vorbei.

Er blieb auch weiterhin auf dem Rücken liegen und musste mehrmals gegen den Wunsch ankämpfen, einzuschlafen. So richtig schaffte er es nicht. Er merkte nur, dass die Stimmen leiser wurden und er sich vorkam wie jemand, dessen Geist wegschwamm.

Er war auf einmal so müde. Richtiggehend erschöpft. Einen Grund konnte er sich nicht vorstellen. Gut, er hatte sich mit den beiden jungen Frauen vergnügt, aber diese Müdigkeit oder schon leichte Erschöpfung, die war ihm neu, und er fürchtete sich auch davor.

Etwas würde noch passieren, dessen war er sich sicher. Er wusste nur nicht, was es sein würde. In seinem Kopf bewegte sich so viel. Er war wütend auf die Welt und auf sich selbst. Irgendwo in seinen Ohren schrillte es. Er konnte sich aber nicht vorstellen, was es war, und so blieb er liegen, wobei er sich vorkam wie von einer warmen Hülle umschlossen.

Jemand kam.

Er sah ihn nicht. Er stellte nur fest, dass sich der Boden in seiner Nähe bewegte. Es lag am Auftreten der Füße, und er hörte sogar noch ein paar dumpfe Laute.

Und dann war nichts mehr da.

Stille.

Um ihn herum hatte sie sich ausgebreitet, nur nicht in seinem Kopf. Da spürte er das harte Pochen, als wollte es dafür sorgen, dass er nicht wieder einschlief oder wegtrat.

Er dachte an die Frauen, die sich allerdings nicht blicken ließen. Verständlich, sie hatten genug von ihm. Er konnte ihnen keinen Gefallen mehr erweisen.

Und dann hörte er die Stimme. Leise, aber gut zu verstehen. Er vernahm sie nicht zum ersten Mal, aber er wusste nicht genau, wer dieser Mensch war, der zu ihm sprach.

Die Worte störten ihn. Er musste jedes schlucken, sie waren ein scharfes Flüstern, eine Abrechnung und eine Anklage zugleich.

»Es ist Zeit für einen Wechsel. Du hast das Schwert lange genug geführt. Jetzt soll es ein anderer bekommen, der ebenfalls würdig ist, hast du das verstanden?«

Das hatte er. Aber er hörte nicht, dass er eine Antwort gegeben hatte. Nur seine Frage, die vernahm er noch.

»Wer bist du denn?«

»Der Teufel …«

Der Mann hätte beinahe gelacht. Aber so wie der andere gesprochen hatte, musste er davon ausgehen, dass die beiden Worte nicht gelogen waren.

Unter großen Mühen öffnete der Liegende seine Augen. Er wollte schließlich erkennen, wer ihn da besucht hatte, aber er sah nichts Konkretes, nur eine Hülle, eine dunkle Gestalt, deren Konturen verschwammen.

»Du bist der Teufel?«

»Ja.«

Der Mann war noch in der Lage, noch mehr zu sehen als nur den Schatten, der sich jetzt bewegte und etwas hervorholte, und der Mann sah nicht, was es war. Aber er hörte aus dem Hintergrund Schreie. Es war das letzte Geräusch in seinem Leben, denn noch in derselben Sekunde raste etwas auf ihn zu.

Es war die Klinge.

Und sie traf seine Brust mit so großer Wucht, dass er fast in zwei Hälften geteilt wurde.

Der Weg war frei, um das Schwert weitergeben zu können. Es sollte existieren und nie vergehen …

***

Sheila Conolly schaute ihren Mann über den Frühstückstisch hinweg an, bevor sie fragte: »Und du willst wirklich diese Ausstellung besuchen?«

»Warum nicht? Sie ist interessant.«

Sheila verzog das Gesicht. »Waffen aus dem Mittelalter? Na, ich weiß nicht.« Sie winkte ab. »Die sieht man doch in jeder Burg. Da muss ich nicht extra in eine Ausstellung gehen, das meine ich zumindest. Oder siehst du das anders?«

Bill nickte. »Schon.«

Darüber lächelte seine Frau. »Was steckt denn wirklich dahinter? Du besuchst doch nicht nur die Ausstellung, um dir ein paar Waffen anzuschauen.«

»Da hast du schon recht.«

»Also, was ist der wahre Grund?«

»Es geht da um eine Waffe. Um ein altes Schwert. Und das möchte ich mir gern anschauen. Die anderen Dinge interessieren mich nicht so sehr, aber bei diesem Schwert ist es etwas anderes.«

»Und weiter?«

»Nichts weiter, Sheila. Ich schaue es mir an, ich darf es auch fotografieren, denn ich möchte mehr über die Waffe wissen. Das ist alles.«

»Warum denn?«

Bill runzelte die Stirn und schluckte. »Sie ist ein besonderes Teil. Sie ist einfach einen Ausflug wert. Wenn du verstehst, was ich meine.«

»Nicht so direkt.«

»Man muss sie gesehen haben.«

»Aber nicht jeder Mensch.«

Bill leerte seine Tasse und schüttelte den Kopf. »Nein, nicht jeder. Nur diejenigen, die sich dafür interessieren. Und das sind ja nicht wenige.«

»Wer denn alles?«

»Kann ich dir namentlich nicht sagen.«

Sheila blieb am Ball, als sie fragte: »Hat es denn etwas mit den Templern zu tun?«

Bill schüttelte den Kopf. »Nein, das glaube ich nicht, ich habe jedenfalls nichts davon gehört. Es soll ein besonderes Schwert sein, aber kein Templerschwert.«

Sie nickte, doch ihr skeptischer Blick sagte genug. Sie traute ihrem Mann nicht. Bill hatte ein Faible dafür, stets in ein Fettnäpfchen zu treten und sich damit in Gefahr zu begeben.

»Dann werde ich mich auf die Socken machen.«

»Gut, Bill. Und dann?«

»Komme ich zurück. Sollte ich interessante Aspekte erfahren haben, werde ich einen Artikel schreiben. Wenn nicht, können wir ja heute Abend mal wieder essen gehen.«

»Das wäre nicht schlecht.«

Beide nickten sich zu. Es war das Zeichen, um das Frühstück zu beenden.

Eine längst eingefahrene Routine.

Die beiden befanden sich allein im Haus. Johnny Conolly hockte in der Uni und hörte sich irgendwelchen Juristenkram an.

Als Bill seine Jacke übergestreift hatte, stand Sheila hinter ihm. »Ich weiß nicht, Bill, aber ich habe den Eindruck, dass du nicht allein zu diesem Schwert fährst.«

Er schüttelte den Kopf. »Wie kommst du denn darauf?«

Sie lächelte ihren Mann an. »Ist das nicht auch etwas für einen gewissen John Sinclair?«

»Ach, daher weht der Wind.«

»Woher sonst.«

Bill drückte seiner Frau einen sanften Kuss auf die Stirn. »Diesmal irrst du dich.«

»Wie schön. Dann bin ich ja beruhigt.«

»Sonst nicht?«

»Denk daran, Bill, was schon alles passiert ist, wenn ihr zusammen gewesen seid. Da lief doch nichts normal ab. Gar nichts, denke ich. Und wer sich ein Schwert anschauen will …«

»Der will es sich nur ansehen, sich darüber erkundigen und einen Bericht schreiben.«

»Okay.« Sheila lachte und umarmte ihren Mann.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "John Sinclair - Folge 1761" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen