Logo weiterlesen.de
John Sinclair - Folge 1760

Tödliche Lockung

»Du kannst mich haben, Blacky, ja, du kannst mich haben!«

»Was muss ich tun?«

Die Frauenstimme lachte. Danach flüsterte sie, war aber gut zu hören. »Töten …«

Einen Moment herrschte Stille. Dann fragte die Frau: »Willst du es tun, Blacky?«

»Ja, ich will …«

Die Fragerin hatte mit dieser Antwort gerechnet. Deshalb gestattete sie sich auch ein Lächeln. Es war hintergründig und wissend. Sie wusste genau, wie sie auf Männer wirkte.

Die letzte Antwort hatte ihr gefallen. Sie sah Blacky vor sich, über den das Licht fiel und ihn so aus der übrigen Dunkelheit hervor riss. Sie sah das schwarze Haar, das auf der Kopfhaut klebte. Im Gegensatz dazu sah die Haut sehr bleich aus. Dunkle Augen, in denen es zu flimmern schien. Zwei Hände, deren Finger sich schlossen und dann wieder öffneten. Sie wiesen darauf hin, wie nervös der Mann doch war.

Zwischen der Frau und ihm befand sich eine Trennscheibe aus dickem Glas. Wenn sie sprachen, dann über zwei Telefonhörer. Ihren hielt die Frau ein wenig von ihrem Ohr weg. Im Gegensatz zu Blacky wurde sie nicht vom hellen Licht überschüttet. Sie saß zwar nicht im Dunkeln, aber ihre Gestalt verschwamm in einem undeutlichen Grau, was sich dann änderte, als sie ihren Körper ein wenig drehte und einen Teil davon in die Helligkeit schob, die jetzt weich über ihren Oberkörper floss.

Blacky schnaufte und beugte sich vor. Am liebsten wäre er aufgestanden und hätte die Frau angesprungen, aber es war nicht möglich. Er musste sich zusammenreißen und sich beherrschen, was ihm nicht leichtfiel, denn das Licht fiel genau dorthin, wo sich die beiden Brüste unter dem dunklen Stoff des Kleides abzeichneten.

Ja, das Kleid war zwar dunkel, aber dieser Stoff war nicht mehr als ein Hauch und unter ihm schimmerte die helle Haut der beiden Brüste, deren Warzen so erigiert waren, dass sie durch den Stoff stachen.

Blacky stöhnte. Er rutschte auf seinem Stuhl unruhig hin und her. »Warum machst du das?«

»Was denn?«

»Dich so zu zeigen. Das weißt du genau, Carmen.«

»Ich will es, Blacky. Du möchtest mich haben, okay, das kannst du, und du kannst sehen, was ich dir zu bieten habe.«

»Ja, ja, das ist …« Er schluckte. »Ich kann es noch immer nicht glauben. Aber ich weiß, dass …«

»Immer an deine Belohnung denken. Du wirst sie bekommen, sobald du es geschafft hast.«

»Ja, ich habe verstanden. Und wen soll ich töten?«

Die Frau sprach den Namen mit leiser Stimme und etwas gedehnt aus. »Sie heißt Purdy Prentiss.«

»Aha.«

»Kennst du sie?«

Blacky schüttelte den Kopf. »Nein, ich habe den Namen noch nie gehört.«

»Dann wirst du dich mit ihr beschäftigen müssen.«

»Bitte. Wie soll das aussehen?«

»Beobachte sie. Klemm dich hinter sie. Warte genau ab. Du musst sie an der langen Leine lassen und dann zuschlagen, denn es wird nicht so einfach sein.«

»Warum nicht?«

»Weil sie gefährlich ist, sehr gefährlich sogar. Sie ist keine normale Frau, auch wenn sie einem normalen Beruf nachgeht. Dennoch ist sie etwas Besonderes.«

»Was ist sie von Beruf?«

»Staatsanwältin.«

Blacky schnaufte. Das war in der Tat ungewöhnlich. Er konnte sich vorstellen, dass diese Person geschützt wurde. Dass sie Leibwächter hatte, sodass es schwer war, an sie ranzukommen.

Die Stimme der Frau riss ihn aus seinen Überlegungen. »Was ist? Warum überlegst du?«

»Darf ich das nicht?«

»Du kannst nicht mehr zurück.«

»Warum nicht?«

»Du weißt bereits zu viel.«

»Aber sie ist eine Staatsanwältin.«

»Na und?«

»Dann wird sie beschützt.«

»Wer sagt das?«

»Das nehme ich an.«

»Und ich sage dir, dass sie nicht beschützt wird. Du kannst an die Frau herankommen.«

»Ja, dann muss ich es versuchen. Gibt es denn noch etwas über sie zu sagen?«

»Ja, einiges. Aber das muss dich nicht weiter interessieren. Ich will nur, dass sie tot ist. Und wenn das geschieht, kannst du mich haben. Dann bin ich deine Sklavin.«

Auf diese Worte hatte Blacky gewartet. Sein Hände zuckten, als würden sie sich um die Kehle der Frau legen, um diese dann zuzudrücken. Es war verrückt, das wusste er. Auch war es verrückt, sich auf so etwas einzulassen, aber bei Carmen warf er alle Hemmungen über Bord. Sie war eine lockende Versuchung. Sie war wild, auch feurig, aber sie hatte auch etwas Morbides an sich, das ihn ebenfalls anzog. Er würde alles dafür tun, diese Frau zu besitzen.

»Kann ich denn noch mehr über sie wissen?«

»Ja, du bekommst die Infos.«

»Und bis wann muss ich es getan haben?«, fragte er.

»So schnell wie möglich. Das ist immer am besten. Dann haben wir es hinter uns, und ich werde dich einladen, zu mir zu kommen. Ich stelle schon mal den Champagner kalt.«

Er lachte und sagte kratzig: »Ja, tu das.«

»Gut, dann wäre alles gesagt. Und was die Infos angeht, ich werde sie dir per Telefon geben. Präge sie dir ein.«

»Das werde ich.«

»Dann kannst du jetzt gehen.«

Blacky erhob sich von seinem Stuhl. Erst jetzt merkte er, dass der Hosenstoff an seinen Oberschenkeln klebte. So sehr hatte er geschwitzt. Er sagte nichts, sondern ging mit kleinen Schritten auf eine Tür zu, um den Raum zu verlassen. Es war keine Wohnung. Es war so etwas wie ein Keller, der allerdings an der Oberfläche lag.

Blacky trat ins Freie. Er zuckte zurück, weil er von einem Graupelschauer erwischt wurde, den der steife Wind aus den tief hängenden Wolken peitschte.

Er fluchte und stellte den Kragen seiner Jacke hoch. Jetzt ärgerte sich Blacky, dass sein Auto so weit entfernt stand. So musste er durch den Hagel laufen, der so dicht wie eine Gardine geworden war und die Umgebung verschwinden ließ.

Das alles nahm er hin, und als er endlich den Wagen erreichte, da wurde der Hagel schwächer und er konnte wieder tief durchatmen. Er öffnete die Tür und ließ sich auf den Sitz fallen, wobei er leise Flüche ausstieß. Er hasste diesen Wetterwechsel, der ihn so nass gemacht hatte.

Das dünne Haar lag angeklatscht auf seinem Kopf. Tropfen verbanden sich zu Bahnen, die über sein Gesicht liefen. Er wischte sie mit dem Handrücken weg. Das Hemd war nass, denn er hatte die Jacke nur flüchtig geschlossen. Aber letztendlich konnte er zufrieden sein. Er musste nur ein Hindernis aus dem Weg räumen, dann würde Carmen zu seiner Sklavin werden. Und was er dann mit ihr anstellte, das hatte er sich bereits ausgemalt.

Noch war sie die Chefin, aber nicht mehr lange.

Der Hagel hatte aufgehört. Es war ruhig in seiner Umgebung geworden, und deshalb hörte er auch das Rauschen hinter sich.

Zwei Sekunden später rollte ein dunkles Fahrzeug an ihm vorbei. Er glaubte einen Fahrer hinter dem Lenkrad gesehen zu haben, konnte sich aber geirrt haben. Vielleicht war es auch Carmen selbst gewesen, die das Auto gelenkt hatte.

Egal, ihn hatte das nicht zu interessieren. Wichtig war jetzt nur eine Frau.

Und die hieß Purdy Prentiss …

***

Eigentlich stand die Staatsanwältin Purdy Prentiss immer zur gleichen Zeit auf. An diesem Morgen jedoch änderte sich diese Routine. Da blieb sie noch liegen, und das lag an einem Geräusch, das an ihre Ohren drang.

Regentropfen, die der Wind vor sich hertrieb und dafür sorgte, dass sie gegen irgendwelche Hindernisse prallten. Das waren in diesem Fall Fensterscheiben, und die dabei entstehenden Geräusche ließen sich einfach nicht überhören.

Die Frau mit den naturroten Haaren lag auf dem Rücken. Sie lauschte und dabei zog sie die Lippen in die Breite, sodass so etwas wie ein freudloses Lächeln entstand.

Aufstehen, unter die Dusche springen, sich fit für den Tag machen, das alles hätte sie tun müssen, und das wollte sie auch tun, aber sie hatte einfach keinen Bock. Nicht jetzt, nicht an diesem Morgen, der ihr zudem eine Düsternis bescherte. Nein, das wollte sie erst später in Angriff nehmen.

Zudem hatte sie das Glück, dass kein Fall anlag. Keine Verhandlung, kein Interview für die Presse, es lag ein Tag vor ihr, der im Büro anfangen und auch dort enden würde.

Aktenarbeit. Langeweile. Es kam nicht auf einen Termin an. Sie hatte zudem schon vorgearbeitet und einiges geregelt, so würde es nicht tragisch sein, wenn sie zwei Stunden später in ihr Büro kam und sie jetzt noch für einige Zeit in ihrem warmen Bett blieb.

Bei diesem Gedanken schloss sie die Augen. Das Lächeln blieb auf ihrem Mund und auch dann noch für eine Weile bestehen, als sie bereits eingeschlafen war.

Tief, aber nicht traumlos. Zum Glück war es kein Horrortraum, der sie überfiel. Sie träumte irgendwas, ohne es in die richtige Reihenfolge zu bringen.

Bis zu einem gewissen Zeitpunkt konnten die Traumsequenzen sie erfreuen. Dann aber änderte sich alles. Plötzlich war das helle Licht vorbei, sie hatte den Eindruck, als würden ihre Gehörgänge mit dumpfer Musik erfüllt.

Hinzu kam die neue Farbe. Eine pechschwarze Wand senkte sich ihr entgegen. Sie selbst sah sich als kleine Gestalt auf einem Feld und war nicht in der Lage, der Wand auszuweichen. Sie senkte sich immer tiefer, und je angestrengter Purdy eine Flucht versuchte, desto schneller senkte sich die schwarze Wand.

Purdy lief dennoch weiter.

Es war nicht zu schaffen. Die Schwärze stoppte noch mal ihr Tempo, dann sackte sie nach unten – und erwischte auch die Fliehende.

In diesem Moment wachte die Staatsanwältin auf. Sie schüttelte sich, sie spürte das heftige Schlagen des Herzens und setzte sich aufrecht.

Da erst fiel ihr auf, dass ihr Nachthemd am Körper klebte. So sehr war der Schweiß aus ihren Poren gedrungen. Sie rang zudem nach Atem und gab ein leises Stöhnen ab. Sie drückte beide Handflächen gegen die Wangen und rieb sie, als wollte sie sich so wieder in die Normalität zurückbringen.

Das klappte auch. Dann fiel ihr ein, dass sie hätte längst auf den Beinen sein müssen. Sie warf einen Blick auf die Uhr und erschrak. Fast zwei Stunden hatte sie geschlafen und geträumt, wobei nur der letzte Traum noch in ihrer Erinnerung war und einfach nicht weichen wollte.

Er war einfach nur schlimm gewesen. Es waren keine Monster erschienen, die sie hätten töten wollen, und trotzdem hatte sie die Bedrohung erlebt, diesen Druck, der sich zur Angst ausgewachsen hatte und sie nicht mehr loslassen wollte.

Da war die Schwärze gewesen. Sie war von oben gekommen und hatte sie unter sich begraben. Und dann? Ja, dann war nichts mehr gewesen. Vorbei, das Ende, ihr Ende.

Die ewige Schwärze?

Purdy Prentiss wusste es nicht genau. Überhaupt sah sie sich manchmal als Rätsel an. Sie erlebte bereits ihr zweites Leben. Das erste hatte sie in Atlantis geführt. Da war sie eine Kriegerin gewesen, bis der Tod sie dann erwischt hatte.

Und jetzt lebte sie erneut. Führte ihr zweites Leben. Aber nicht mehr als Kriegerin, sondern als Staatsanwältin, die hoch geachtet war, aber ihr erstes Leben nie so richtig hatte abschütteln können und auch nicht wollen, denn sie hatte etwas mit in ihr zweites Leben hineingebracht. Sie war zu einer Kämpferin geworden, die auch mit Waffen umgehen konnte. Das mussten keine Schusswaffen sein. Auch Schwerter, Dolche, Pfeil und Bogen waren ihr nicht fremd. Nicht so im letzten Teil ihres Traumes. Da war sie waffenlos gewesen, und das machte ihr schon zu schaffen. Da hatte man mit ihr machen können, was man wollte, und sie hoffte stark, dass dies kein Zeichen für die Zukunft war.

Egal, es musste etwas getan werden. Faulheit galt nicht mehr, und so stand sie auf. Eigentlich gehörte auch die Frühgymnastik zu ihrem täglichen Tagesablauf. Heute allerdings wollte sie darauf verzichten, sonst würde es noch später.

Purdy bewegte sich langsam durch das Schlafzimmer und betrat das Bad. Dort gähnte sie noch mal ausgiebig, bevor sie unter das Wasser stieg, das fächerförmig auf ihren Körper rann.

Sie liebte die Dusche am Morgen, gab sich gern dem Wasser hin. An diesem Tag aber musste alles recht schnell gehen. Doch auf ihren Kaffee wollte sie nicht verzichten. Und sie musste auch etwas essen.

Nüchtern ins Gericht zu fahren war nicht ihre Sache. Und so besonders schmeckte der Kaffee aus dem Automaten oder aus der Kantine auch nicht, obwohl man sich schon in der Kantine mehr Mühe gab als früher.

Zum Kaffee aß sie etwas Gesundes, obwohl es ihr nicht besonders schmeckte. Aber es war schnell zubereitet. Aus einer Dose kippte sie etwas in die Schüssel und dann Milch darüber. Umrühren, fertig, und man konnte ein gutes Gewissen haben.

Während sie aß und trank, zog sie sich an. Die halbhohen Stiefel, die mit Fransen verziert waren, die hellbraune Cordhose, der kurze Pullover über der Bluse, deren Saum bis zur Taille reichte, und der Schal, den sie um ihren Hals wickelte. Der helle Stoff war mit braunen Punkten verziert.

Sie war mit sich zufrieden, trank den Rest des Kaffees und leerte die Schale noch ganz. Es wurde allmählich Zeit. Zudem hatte sie ein schlechtes Gewissen bekommen, und deshalb rief sie am Gericht kurz an.

Im Vorzimmer saßen zwei Frauen, die für mehrere Chefs oder Chefinnen arbeiteten. Eine von ihnen hob ab. Bevor sie noch etwas sagen konnte, redete Purdy.

»Sie brauchen sich keine Sorgen zu machen, Kate. Ich bin schon fast auf dem Weg.«

»Haben Sie verschlafen?« Kate lachte.

»Ja, das ist so gewesen.«

»Ein Glück. Ich dachte schon, Sie wären krank.«

»Nein, das bin ich nicht. Es muss wohl am Wetter gelegen haben. Ich kenne einige Menschen, die sich kaputt fühlen, wenn sie am Morgen aus dem Bett kriechen. Man ist eben kein Roboter.«

»Sie sagen es, Purdy.«

»Gibt es was Neues, was ich wissen müsste?«

»Nein, es ist nichts passiert, was Sie ärgern müsste.«

»Da bin ich aber froh, Kate. Wir sehen uns dann gleich.«

»Alles klar.«

Purdy Prentiss war froh, dass sie nicht in einen Einsatz musste. Oft genug wurde sie auch zu Mordfällen geholt, um sich ein Bild vom Tatort machen zu können. Auch das war nicht passiert, und sie dachte daran, dass dieser Tag gut werden würde, trotz dieses finsteren Traums. Aber oft genug passierte ja auch das Gegenteil von dem, was einem das Unterbewusstsein geschickt hatte.

Ihr Auto stand in der Tiefgarage des Hauses, in dem nicht viele Mieter wohnten. Wer hier lebte, der hatte sich eine Eigentumswohnung gekauft. Dazu gehörte auch ein Stellplatz in der Tiefgarage, in die Purdy ein Lift brachte.

Hier im Haus war alles sauber. Das galt selbst für die Garage mit dem hellen Boden, von dem man fast essen konnte, so sauber war er. Hier und da gab es einige Reifenspuren, das war auch alles, ansonsten regierte die Sauberkeit.

Außerdem war es immer hell, in der Nacht weniger als tagsüber, weil nur die Notbeleuchtung brannte, ansonsten schalteten sich die Lampen ein, wenn jemand die Garage betrat und dabei einen Kontakt berührte.

Purdy hatte sich vor zwei Wochen ein neues Auto gekauft. Einen BMW Z3, dessen Polster rot waren. Ansonsten war der Wagen rehbraun.

Das Auto hatte sie zwar einiges gekostet, und ihr Sparbuch hatte Tränen geweint, aber so viele Zinsen gab es in dieser Zeit auch nicht auf seine Einlagen, da konnte man sich den einen oder anderen Luxus schon mal gönnen.

An Luxus dachte sie in diesem Augenblick nicht, sondern daran, dass sie endlich ins Büro kam. Das Auto stand immer auf demselben Platz, auch jetzt.

Das Signal öffnete die Türen. So konnte sie einsteigen, starten und losfahren.

Alles war wie immer. Nur befand sie sich jetzt allein in der Garage. Das war nicht immer so. Wenn sie zur gewohnten Zeit fuhr, gab es noch andere Mieter, die zu ihren Arbeitsstellen wollten.

Sie startete. Wie so oft quietschten die Reifen ein wenig, was an der Bodenfläche lag, die einen glatten und hellen Anstrich zeigte.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "John Sinclair - Folge 1760" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen