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John Sinclair - Folge 1759

Engelslicht

»Da unten brennt ein Licht!«

»Na und?«

»Da ist aber sonst keines.«

»Kümmert uns das?«

»Sollte es aber.«

Ein kurzes Nachdenken bestimmte die nächsten Sekunden. Dann nickte der Pilot und sagte: »Okay, schauen wir mal nach.«

Beide Männer ahnten nicht, was sie erwartete …

Es war nicht richtig hell und auch nicht richtig dunkel. Wie ein gewaltiges Insekt senkte sich der Helikopter aus dem Zwielicht hervor dem Eiland entgegen. Eigentlich war es keine Insel, mehr eine Halbinsel, durch einen schmalen Streifen mit dem Festland verbunden, der aber oft überspült war, und dann sah es aus, als wäre der Flecken Erde eine Insel.

Dort zu landen war nicht einfach, aber Craig Nelson, der Pilot, gehörte zu den erfahrensten Fliegern, die bei der Küstenüberwachung arbeiteten. Er schaffte die Landung auch auf schwierigem Gelände. Hinzu kam das Licht eines starken Scheinwerfers, der den Untergrund ableuchtete.

Das Licht hatte die beiden Männer neugierig gemacht. So etwas kannten sie nicht auf der Halbinsel, die manchmal eine Insel war. Es war ihnen neu. Es konnte harmlos sein, musste aber nicht. Sie hatten hoheitliche Aufgaben wahrzunehmen und dazu gehörte auch die Kontrolle, die sie sehr genau nahmen.

Es war jedenfalls kein Licht, das von einem Feuer stammte, denn das wäre ihnen aufgefallen. Sie hatten auch keinen Rauch entdeckt. Und trotzdem war das Licht ihrer Meinung nach nicht normal.

Alles würde sich erklären, wenn sie gelandet waren.

Sie flogen noch einen letzten kleinen Bogen, dann hatten sie eine Stelle erreicht, an der sie gut aufsetzen konnten.

Beide Männer beschäftigten sich mit der Landung. Für die Umgebung hatten sie keinen Blick, sie sahen den festen Boden näher und näher kommen.

Dann setzte Craig Nelson die Maschine auf. Es war keine völlig glatte Landung, dafür eignete sich der Boden nicht, aber der Pilot hatte das Optimale herausgeholt.

»Das war’s.«

Toby Hopper nickte. »Das hast du super gemacht.«

»Ach, halb so wild. Hättest du auch geschafft.« Nelson schnallte sich los. Die Instrumentenbeleuchtung ließ sein Gesicht grünlich aussehen. Es hatte beinahe die Farbe einer Wasserleiche bekommen. Die verschwand, als es normal dunkel wurde in der Kabine und die beiden Männer den Hubschrauber verlassen konnten.

Sie traten nach draußen und spürten sofort den Wind, der ihnen entgegenschlug. Er biss in die Gesichter. Dabei war es nicht mal so kalt, wie es sich für den Winter gehörte, aber die gefühlte Kälte lag wesentlich tiefer.

»Was ist das denn?«, sagte Toby Hopper.

»Wieso? Was meinst du?«

»Das Licht ist weg!«

Craig Nelson gab zunächst keinen Kommentar ab. Er schaute dorthin, wo sie das Licht gesehen hatten, und tatsächlich war es verschwunden. Die Halbinsel lag in der inzwischen tiefer gewordenen Dämmerung ohne einen Funken Licht. Und auch das vom Festland schien meilenweit entfernt zu liegen.

Die beiden Männer schauten sich an. Sie wollten lachen. In Ansätzen war das zu hören, aber ein Gelächter wurde es bei keinem von ihnen. Es war und blieb still.

»Verstehst du das, Craig?«

»Auf keinen Fall.«

»Ich auch nicht. Aber wir haben das Licht beide gesehen. Oder täusche ich mich?«

»Ganz und gar nicht. Sonst wären wir ja nicht gelandet. Das ist schon seltsam.«

»Oder unerklärlich.«

»Du sagst es.«

Beide warteten noch. Sie schauten dorthin, wo sie das Licht gesehen hatten. Aber da war nichts.

Die Männer sprachen nicht. Jeder hing seinen Gedanken nach. Beide schüttelten den Kopf. Versuche einer Erklärung, aber es gab keine für sie.

Was tun?

Wieder in die Maschine steigen und verschwinden? Das wäre eine Möglichkeit gewesen, die ihnen aber nicht passte. Nelson und Hopper waren Männer, die nichts im Raum stehen lassen wollten, die hinschauten und Dingen auf den Grund gingen.

»Frage«, sagte der Pilot, »können wir uns geirrt haben?«

»Nein.«

»Das meine ich auch. Wir haben das Licht gesehen. Und zwar dort.« Craig Nelson streckte den Arm aus. »Aber jetzt ist es verschwunden, und wir wissen nicht einmal, ob es ein natürliches Licht gewesen ist oder ein künstliches.«

»Keines von beiden.«

»Wieso?«

Toby Hopper kicherte. »Kann es nicht sein, dass es Geisterlicht gewesen ist?«

Nelson schaute seinen Freund an. Dabei schlug er sich gegen die Stirn. »Quatsch. Wie kommst du denn auf so was?«

»Nun ja, man hört von Seefahrern des Öfteren, dass sie geheimnisvolle Lichter auf dem Wasser gesehen haben. Sie sind dann durch sie in die Irre gelockt worden.«

»Ach, das sind Geschichten.«

»Das hier ist keine Geschichte – oder doch?«

Nelson schaute zu Boden. »Eigentlich nicht«, gab er zu, »wir haben das Licht gesehen, aber jetzt ist es fort.«

»Genau.«

»Wie ausgelöscht.«

Beide Männer standen da und dachten nach. Keinem fiel eine Erklärung ein, die sie zufriedengestellt hätte. Dann fragte Toby Hopper: »Was weißt du denn von dieser komischen Halbinsel, die eine ist und dann wieder keine?«

»Ich weiß nicht viel.«

»Aber du bist doch hier in der Gegend geboren.«

»Das schon«, gab Nelson zu. »Trotzdem kann ich nicht alles wissen. Das Stück hier war nie bewohnt. Zumindest nicht von Menschen und …«

Hopper lachte und unterbrach seinen Freund. »Wovon hätte das Ding hier auch sonst bewohnt sein können?«

»Nun ja, von Tieren oder so.«

»Was meinst du denn mit oder so?«

»Da hat man sich früher komische Geschichten erzählt.«

»Ach.« Hopper bekam große Augen. Geschichten hatten ihn schon immer interessiert. »Was hat man sich denn erzählt?«

Nelson winkte ab. »Kinderkram.«

»Glaube ich dir nicht, sonst hättest du das nicht gerade jetzt gesagt. Los, raus mit der Sprache. Was hat man sich so alles erzählt von diesem Stück Land?«

»Dass es manchmal bewohnt ist.«

»Und von wem?«

»Nun ja, das ist nicht leicht zu sagen …« Nelson drehte sich von seinem Begleiter weg.

»Ich will es wissen.«

»Ja, okay, dann sage ich es dir. Die Leute haben davon gesprochen, dass sich auf diesem Stück Land hier besondere Wesen niedergelassen haben. Klar?«

»Nein. Da musst du schon deutlicher werden.«

Der Pilot gab es ungern zu, das war an seiner Stimme zu hören. »Da hat man von Geistern gesprochen.«

»Ehrlich? Und sonst?«

»Sogar von Engeln.«

»Ach? Wie das denn?«

Craig Nelson hob die Schultern. »Mich darfst du nicht fragen. Ich habe mir so etwas nicht ausgedacht. Das sind andere gewesen, aber es wurde von Engeln geredet. Das habe ich gehört, und ich bin wirklich nicht taub.«

Toby Hopper runzelte die Stirn. »Hell genug war es ja dafür.«

»Was meinst du?«

»Dass es ein Engel gewesen ist.« Toby musste über seine Antwort selbst lachen.

Craig Nelson lachte nicht. Er stammte aus dieser Gegend, die ländlich geprägt war. Hier lebten die Menschen noch mehr im Einklang mit der Natur und nahmen viele Dinge hin, die nur aus Erzählungen stammten und bei denen die Beweise fehlten.

»Ich weiß nicht, was es gewesen ist«, sagte der Pilot. »Aber fest steht, dass wir das Licht beide gesehen haben und uns nichts einbildeten.«

»Stimmt genau.« Toby drehte sich um. »Und ich denke, dass wir zu der Stelle hingehen sollten, wo es passiert ist. Kann sein, dass wir dort etwas finden, vielleicht einen Hinweis, dass es ein Engel gewesen ist, obwohl Weihnachten vorbei ist.«

»Du solltest nicht so spotten«, warnte Craig Nelson. »Es gibt manchmal Dinge im Leben, die man …« Er winkte ab. »Ach, was soll’s? Gehen wir zu der Stelle, dann hast du deinen Willen.«

»Ja, das meine ich doch. Wir müssen den Ort untersuchen.«

Nelson überhörte den Spott bewusst. Er ging dorthin, wo sie das Licht gesehen hatten. Zumindest hoffte er, dass sich dort die Stelle befand. Ihr Hubschrauber stand ein Stück entfernt in der Dunkelheit wie ein Gegenstand aus einer anderen Welt, der leicht glänzte.

Die beiden Männer passierten ihn. Sie musste noch ein wenig nach Norden gehen, um die Stelle zu erreichen, wo sie das Licht gesehen hatten.

Fremde Geräusche hörten sie nicht. Nur das Rauschen des Wassers war zu vernehmen. In einem immerwährenden Rhythmus rollten die Wellen gegen die kleine Insel. Es war die Musik des Wassers. Wer hier an der Küste lebte, der wurde damit groß und nahm diese Musik auch mit ins Grab.

Mal war sie leicht, fast sanft, dann wieder schwer und rau, wenn Stürme das Wasser zum Kochen brachten.

Das war heute nicht der Fall. Im Moment lag die Nordsee in einer ruhigen Zone. Stürme waren nicht angesagt. Schnee und Eis ebenfalls nicht, und der Tag lockte sogar mit Sonnenschein.

Das gefiel den Menschen. Es trieb sie nach draußen. Das schlechte Wetter kam noch früh genug. So war es immer im Winter. Da mussten die wenigen Sonnentage genutzt werden, denn besonders lang waren sie auch nicht.

»Wir haben einen Fehler gemacht, Craig.«

»Wieso?«

»Wir hätten Lampen mitnehmen sollen.«

»Stimmt. Soll ich welche holen?«

Hopper winkte ab. »Ach, lass mal. Bisher sind wir auch ohne ausgekommen.«

»Okay.«

Sie mussten weiter. Allerdings nicht mehr lange. Nach wenigen Schritten würden sie den Ort erreicht haben, wo sie das Licht gesehen hatten.

Dieses Wissen hinterließ bei Craig Nelson eine leichte Gänsehaut. In der Magengegend verspürte er zudem einen gewissen Druck. Er wusste nicht, woher das kam, es konnte so etwas wie eine Warnung sein, musste aber nicht.

Dann blieb er stehen.

Hinter ihm ging Toby Hopper. Craig wollte sich umdrehen und ihn anschauen, als es geschah.

Wie aus dem Nichts entstand vor ihnen das Licht. Craig zuckte heftig zurück. So schnell, dass sein Freund nicht mehr ausweichen konnte und Nelson ihm auf den Fuß trat.

Das allerdings nahm Hopper kaum zur Kenntnis. Er hatte nur Augen für das, was sich vor ihnen abspielte. Dass sie sich nicht geirrt hatten, dafür erhielten sie jetzt den Beweis. Sie hatten es aus der Höhe gesehen, aber nicht genau, was es gewesen war. Das bekamen sie jetzt präsentiert, und sie konnten es nicht fassen.

»Was ist das?«, flüsterte Hopper. Er hatte mehr zu sich selbst gesprochen als zu Nelson.

»So genau weiß ich das nicht. Das sieht aus wie hohe und glänzende Buchstaben.«

»Ja, zwei U’s.«

»Richtig.«

Die beiden U’s standen sich gegenüber. Sie bildeten so etwas wie ein Kunstwerk. Der Raum zwischen ihnen war frei, und dieses Kunstwerk gab auch einen schwachen Glanz ab. Er hatte aber nichts mit dem Licht zu tun, was sie von oben gesehen hatten.

»Was ist das, Craig?«

Nelson hob die Schultern. »Ich weiß es nicht.«

»Aber das ist nicht das Licht, das wir gesehen haben. Oder irre ich mich da?«

»Nein, du irrst dich nicht. Das hier ist etwas Neues. Zumindest für uns.«

»Das ist wie Zauberei«, flüsterte Toby Hopper. »Ja, wie Zauberei. Eine andere Erklärung habe ich nicht.« Er schüttelte den Kopf so heftig, dass auch sein Körper davon in Mitleidenschaft gezogen wurde. »Das ist unheimlich. Ich bin ja kein so besonders ängstlicher Mensch, aber das ist schon komisch.«

Craig Nelson gab ihm recht. Auch wenn dies nur durch sein Schweigen geschah.

Beide Männer standen da und taten nichts. Sie schauten auf die glänzenden Gebilde, zerbrachen sich die Köpfe und wussten trotz allem nicht, was das zu bedeuten hatte.

»Wie aus dem Nichts«, murmelte Hopper. »Wie aus dem Nichts ist es gekommen. Und jetzt ist es hier.«

»Ja, das ist es.«

»Wir sollten verschwinden.«

Nelson nickte.

»Wir sollten verschwinden, bevor es zu spät ist. Wirklich, Craig. Das ist mir nicht geheuer. Lass uns abhauen, das ist am besten für uns beide.«

Nelson überlegte nicht lange. Auch er war einverstanden, einen letzten Blick wollte er noch auf die beiden U’s werfen, als etwas völlig Neues geschah.

Innerhalb der beiden Buchstaben gab es ein puffendes Geräusch. Ihm folgte ein kurzes Blitzen, und in der nächsten Sekunde schoss eine helle Flamme in die Höhe …

***

Das war das zweite Erschrecken, das die beiden Männer erwischte. Sie konnten es sich nicht erklären. Sie standen da, ihre Herzen klopften lauter als gewöhnlich. Sie spürten den kalten Schauer auf dem Rücken, die Haare im Nacken schienen elektrisch geworden zu sein, und sie hatten nur Augen für das Feuer.

Es war eine Flamme, die sich vom Boden her in die Höhe drängte. Sie blieb auch zusammen. Es gab keine Abkömmlinge, die sie zu den Seiten hin weggeschickt hätte. Sie hatte ihre Formation und gab sie nicht auf.

Auch das Neue mussten die Männer erst verdauen. Aber es war schwer für sie. Sie gehörten zu den Menschen, die nur an das glaubten, was sie sicher erklären konnten, und das hier war nicht zu erklären. Nicht das U und auch nicht die Flamme.

Und doch stieg in Craig Nelson so etwas wie ein Verdacht auf. Er stammte aus dieser Gegend. Er hatte sich all die Geschichten anhören müssen, die man sich so erzählte, und er erinnerte sich daran, dass auf diesem Flecken Erde schon immer etwas vorgegangen war, für das die Menschen keine Erklärung hatten. Deshalb hatten sich auch die Legenden und Geschichten bilden können.

Sollte sich jetzt herausstellen, dass es keine Legenden waren, sondern einfach nur die Wahrheit? Aber welche Wahrheit? Das war die große Frage. Eine, die man erklären und akzeptieren konnte?

Daran glaubte er nicht. Akzeptieren im höchsten Fall, aber nicht erklären.

Toby Hopper war auch noch da. »Scheiße, Craig, tu was! Du stammst doch aus dieser Gegend.«

Er lachte. »Ja, das schon, aber ich bin hier selbst überfragt.«

Toby nickte. »Gut.« Dann fragte er. »Ist das überhaupt ein normales Feuer? Eine normale Flamme?«

»Nein.«

»Aha, du denkst auch so. Und warum nicht?«

»Wir spüren keine Wärme. Ich denke dabei nicht an Hitze, sondern an Wärme. Die hätten wir spüren müssen, aber das ist nicht der Fall. Wir haben es hier mit einem kalten Feuer zu tun.«

Hopper verdrehte die Augen. »Auch das noch. Das ist mir alles zu viel. Ich will hier weg. Und wenn wir nicht fliegen, dann laufe ich bis zum Festland. Die Straße ist frei, das haben wir von oben gesehen. Bist du dabei?«

»Ihr werdet bleiben!«

Es war eine Antwort, die Toby Hopper genau verstanden hatte. »Was hast du gesagt?«, wandte er sich an seinen Freund.

Der schaute ihn verwundert an. »Ich? Ich habe nichts gesagt. Ehrlich nicht.«

»Hör doch auf. Ich habe was gehört.«

»Richtig.«

»Ach? Du auch?«

Der Pilot nickte.

»Und jetzt?«

Craig hob die Schultern an. »Ich weiß es nicht, verdammt. Ich weiß überhaupt nichts mehr. Aber ich weiß trotzdem, dass da eine Stimme gewesen ist, die gesprochen hat.«

»Ja, da gebe ich dir recht. Aber wo ist der Sprecher?«

»Ich weiß es nicht.«

Beide Männer waren verunsichert. Sie wussten nicht mehr, was richtig oder falsch war. Die leere Halbinsel war ihnen nicht mehr geheuer. Hier verbarg sich etwas, das einem Menschen Angst einjagen konnte.

»Wir gehen!«, sagte Hopper mit halblauter Stimme.

»Nein, ihr bleibt!«

Das hatte keiner von ihnen gesagt. Sie verloren die Farbe aus ihren Gesichtern, aber sie konnten sich bewegen und schauten sich um.

Sie sahen nichts.

Es gab keinen Menschen, von dem die Stimme hätte stammen können. Sie waren nach wie vor allein, und trotzdem glaubten sie nicht mehr daran.

»Was tun wir, Craig?«

»Wir müssen weg!«

»Aber man lässt uns nicht.«

»Wir lassen es darauf ankommen.«

»Ihr bleibt …«

Da war sie wieder. Diese Stimme, dieses Andere, das nicht zu erklären war. Niemand war zu sehen auf diesem Stück Land. Nur sie, das Feuer und – ja, wer noch?

Sie standen zwar auf dem Fleck, bewegten sich aber trotzdem. Sie suchten den Sprecher und schauten in alle Richtungen.

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