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John Sinclair - Folge 1758

Zombieland

Es war kalt, saukalt. In Riga sagten die Einheimischen, es ist kälter als der Tod.

Das konnte man drehen, wie man wollte. In Vergleichen waren die Osteuropäer schon immer spitze. Und an diesen Vergleich musste auch die Russin Karina Grischin denken, die in einem Taxi saß, das sie zu einem bestimmten Ziel bringen sollte.

Es war ein Friedhof, und dort kam noch die Kälte der Toten hinzu …

Im Taxi funktionierte die Heizung nicht richtig. Es konnte auch sein, dass es einfach zu kalt war, aber das interessierte Karina nicht.

Sie war froh, ihre dicke Daunenjacke nicht ablegt zu haben.

Ab und zu warf sie einen Blick nach draußen. Es hatte geschneit, aber der Schnee machte die Stadt nicht freundlicher. Es gab auch Stellen, wo er geschmolzen war oder sich als gefrorener Matsch zeigte, da konnte der Winter dann nicht gefallen. Auf den Dächern jedoch lag er als eine weiße Schicht, die aussah wie dicke Watte.

Karina wollte auf dem Friedhof einen Mann treffen, der sich ihr als Basil vorgestellt hatte. Nicht mehr und nicht weniger. Sie kannte ihn nur vom Telefon her und hatte eigentlich nicht vorgehabt, mit ihm zu reden, wenn da nicht zwei Begriffe gefallen wären, die Karina Grischin elektrisiert hatten.

Zombieland und Rasputin!

Das hatte ihr Interesse geweckt, und ihr war auch die Reise nach Riga nicht zu viel gewesen. Hier hatte sie sich in einem Hotel eingecheckt und auf einen weiteren Kontakt gewartet, der dann auch erfolgt war.

Basil hatte sie erneut angerufen. Direkt nach dem Frühstück hatte sie der Anruf erreicht. Er war nur sehr kurz gewesen. Dieser Basil hatte ihr einen Treffpunkt angegeben, und das war eben dieser ihr fremde Friedhof, der mitten in der lettischen Hauptstadt lag.

Es war ihr nichts anderes übrig geblieben, als zuzustimmen, und jetzt befand sie sich auf dem Weg.

Der Fahrer war jemand, der gern Selbstgespräche führte. Es konnte auch sein Fahrgast gemeint sein, aber das interessierte Karina nicht. Sie hoffte, hier in Riga einen Erfolg erringen zu können, denn es ging um Rasputin, und dieser Name war für sie so etwas wie ein Trauma.

Sie hatte ihn gejagt. Sie hätte ihn beinahe gehabt, aber er war ihr immer wieder entwischt, denn er hatte Hilfe bekommen von einer Organisation, die sich Rasputins Erben nannte und in seinem Sinne weitermachte.

Rasputin war tot. Oder hätte es sein müssen. Vor rund hundert Jahren hatte man ihn getötet und bei St. Petersburg in die Newa geworfen. Aber er war nicht tot. Er hatte irgendwie überlebt. Er war jemand, der dem Tod ein Schnippchen schlagen konnte, und das hatten auch andere Menschen erfahren, die sich zu ihm hingezogen fühlten. Sie waren die Erben Rasputins, lebten in seinem Sinne und wollten das wieder aufbauen, was er damals nicht geschafft hatte.

Es ging um Herrschaft. Es ging um Macht und das große Geld. Egal, wo man sich auf der Welt befand, gewisse Bedingungen waren eben immer gleich.

War Rasputin ein Zombie?

Karina Grischin ging davon aus, ohne sich hundertprozentig sicher zu sein. Jedenfalls war er in Verbindung mit einer gewissen Chandra, einer mörderischen Person, die kugelfest war und dafür gesorgt hatte, dass Karinas Partner, Wladimir Golenkow, jetzt halb gelähmt in einem Rollstuhl saß.

Es war nichts daran zu ändern, obwohl er versuchte, die Lähmung zu überwinden. Durch immer neue Rehamaßnahmen und mit einem eisernen Willen versehen, quälte er sich. Gab nicht auf, auch wenn es ungeheuer schwer war. Er fluchte, er schrie oft genug seinen Frust raus und hoffte auf teilweise Fortschritte.

An ihn, Chandra und Rasputin musste Karina Grischin immer wieder denken. Egal, ob am Tag oder in der Nacht. Die Bilder wollten ihr nicht aus dem Kopf.

Wieder schaute sie aus dem Fenster. Dabei musste sie sich anstrengen, um etwas erkennen zu können, denn die Scheiben waren nicht eben blank.

Noch immer sah sie die grauen Häuserzeilen. Diesmal standen sie nicht so eng. Es gab mehr Grünflächen zu sehen, die zu dieser Jahrszeit nur wenig von der Farbe zeigten. Ein schmutziges Weiß bedeckte sie. Vögel hockten im Geäst der Bäume.

Der Fahrer drehte kurz den Kopf. Er wusste, dass sein Fahrgast Russin war, und sprach sie deshalb auch in ihrer Sprache an.

»Wir sind gleich da.«

»Ist schon klar.«

Der Mann sprach weiter. Er trug eine Fellmütze, die er tief in den Nacken geschoben hatte. Sein Haar glänzte dabei so schwarz wie das Gefieder der Vögel. »Ich glaube nicht, dass bei diesem Wetter Beerdigungen durchgezogen werden. Die Böden sind zu tief gefroren. Das könnte auf dem Friedhof gleich auch der Fall sein. Wenn Sie wollen, kann ich warten. Dann schauen Sie sich erst mal um, ob die Beerdigung überhaupt stattfindet.«

»Keine Sorge, ich komme schon zurecht.«

»War ja nur ein Vorschlag.«

»Für den ich mich bedanke.«

Der Mann schwieg jetzt. Vor ihnen baute sich ein Kreisverkehr auf. In der Mitte des Platzes stand ein Denkmal. Ein Soldat in Kämpferpose. Auch er trug eine Schneehaube, und auch an den Seiten klebte das Zeug.

Zum Friedhof ging es rechts ab. Die zweite Ausfahrt musste der Fahrer nehmen. Er sah auch ein Schild, das in diese Richtung zeigte, und machte Karina darauf aufmerksam.

»Ja, danke, ich habe es gesehen.«

Wenig später hatten sie es geschafft und den Eingang erreicht. Der Schnee knirschte unter den Reifen, als der Fahrer seinen Wagen anhielt.

Der Preis für die Fahrt hielt sich in Grenzen, obwohl Karina sicher war, dass man sie leicht übers Ohr gehauen hatte, aber darauf sprach sie den Mann nicht an. Sie gab trotzdem noch ein gutes Trinkgeld.

»Ich soll also nicht warten?«

»So ist es.«

Er reichte ihr eine Visitenkarte mit der Telefonnummer seiner Firma. »Falls Sie es sich anders überlegen, rufen Sie mich an.«

»Danke. Fahren Sie nur.«

»Gut. Viel Spaß.«

Karina verzog nur die Lippen. Sie hörte, wie der Wagen wieder gestartet wurde, und ging ein paar Schritte vor, bis sie den Rand des Geländes erreicht hatte.

Der Friedhof lag unter einer dicken Schneedecke begraben. Gegenüber und leicht in den Hintergrund gedrückt, sah sie einige dunkle Häuser stehen. Vor ihr lag der Eingang. Ein Eisentor, das aus Stäben bestand, die ein Gitter bildeten. Es war nicht verschlossen, man konnte die eine Seite aufschieben, was Karina Grischin auch tat.

Wenig später betrat sie den Friedhof, der kein Gebiet war, um sich zu verstecken. Es wuchsen hier nur wenige Bäume. Auch Büsche hielten sich in Grenzen, dafür gab es viele Gräber, die in Reih und Glied standen. Die Wege waren bei dem dicken Schnee nur an den Fußspuren zu erkennen, die irgendwelche Besucher hinterlassen hatten.

Und es gab auch Bänke. Manche waren mit Schnee bedeckt, andere hatte man davon befreit. Sie waren auch so geblieben, weil es nicht mehr geschneit hatte.

Karina ging langsam in das Gelände hinein und suchte nach einem Mann, der auf sie wartete. Niemand zeigte sich. Sie entdeckte auch keinen anderen Besucher und sah sich ganz allein auf dem verschneiten Friedhof.

Allerdings war sie noch recht früh in der Zeit. Sie musste dem geheimnisvollen Anrufer noch einige Minuten gönnen.

Karina ging durch den Schnee. Sie lauschte dem Knirschen der kleinen Kristalle, und sie sah auch an anderen Stellen des Geländes den platt getretenen Schnee. Sie war auf keinen Fall die einzige Besucherin auf diesem Gräberfeld.

Die schwarzen Vögel kreisten über ihr in der Luft. Ihr Krächzen hörte sich an, als wollten sie die einsame Wanderin ausschimpfen. Der Weg führte sie auf die Bauten zu, die für sie bei der Ankunft mehr im Hintergrund gestanden hatten, jetzt aber besser zu sehen waren.

Es handelte sich nicht um irgendwelche Wohnhäuser. Sie sah eine kleine Kirche, mehr eine Kapelle, und ein Haus, das als Leichenhalle benutzt wurde. Von den Dachrändern hingen Eiszapfen nach unten. Der Schnee hatte auf dem Dach eine dicke Schicht hinterlassen. Irgendwo vor ihr stiegen Rauchwolken in die Luft. Sie drangen nicht sehr weit nach oben, der Luftdruck war einfach zu tief. Ein Zeichen, dass es bald wieder schneien würde.

Auf Karinas Kopf saß eine Fellmütze. Sie ging jetzt langsamer, weil sie eine Bank entdeckt hatte, die schneefrei gemacht worden war. Als wollte man ihr so erklären, dass diese Bank das Ziel war.

Karina nahm die Einladung an. Um sie herum war alles ruhig. Sie hätte entspannt sein können, aber das war sie nicht. In ihrem Job gab es nur wenig Entspannung. Sie war immer wie auf dem Sprung. Auch jetzt, wo sie so ruhig saß, waren ihre unsichtbaren Antennen ausgefahren. Aber es tat sich nichts, noch nicht. Nur der Himmel über ihr zog sich allmählich zu. Sie spürte auch den Wind, der über ihr Gesicht strich und der aus kalten Fingern zu bestehen schien.

Wo blieb Basil?

Es schien, als hätte ihre gedankliche Frage so etwas wie eine Botschaft ausgesandt, denn mit der Stille war es auf einmal vorbei. Sie hörte das Knirschen im Schnee und ging davon aus, dass sie es mit Schrittgeräuschen zu tun hatte.

Karina drehte den Kopf nach rechts. Und zwar so weit, dass sie hinter sich schauen konnte.

Da sah sie den Mann. Er kam auf die Bank zu. Eine große Gestalt, die in einem alten Fellmantel gehüllt war. Auf dem Kopf saß eine Wollmütze, die auch die Ohren verdeckte.

Der Mann ging langsam und leicht schwankend. Sein Gesicht war noch nicht richtig zu sehen, weil er den Kopf gesenkt hielt. Beim Gehen stäubten seine Füße Schnee auf, und der Wind trieb kleine Kristalle vor seinem Gesicht entlang.

Er nahm Kurs auf Karina, blieb dann vor ihr stehen und schien auf eine Frage zu warten.

Karina tat ihm den Gefallen.

»Du bist Basil?«

»Ja.«

»Gut. Dann setz dich bitte.«

Das tat Basil. Er sagte mit leiser Stimme: »Wir haben leider nicht so viel Zeit und …«

»Warum nicht?«

»Das sage ich dir später.«

»Einverstanden.« Karina nahm den Geruch der alten Kleidung wahr und fragte mit leiser Stimme: »Wer bist du eigentlich?«

»Einer, der eigentlich hätte vergessen sein müssen. Ich bin schon zu alt.«

»Okay, aber man hat dich wohl nicht vergessen.«

»So ist es.«

»Und warum nicht?«

»Man brauchte mich.«

»Wer?«

»Das ist ein Problem«, gab er zu.

»Warum?«

»Ja, die Zeiten haben nicht alles weggespült. Ich habe mal für die Firma gearbeitet, die auch dich bezahlt. Damals hatte sie nur einen anderen Namen. Egal, es ist lange her.«

»Und jetzt?«

Er hob die Schultern an. »Ich sehe eine große Gefahr auf uns zukommen. Eine, von der ich dachte, dass sie nicht mehr existiert, aber ich habe mich geirrt.«

Karina hatte bereits etwas erfahren und wiederholte das Gehörte nun. »Du hast von Rasputin gesprochen und diesem Zombieland.«

»Das stimmt.«

»Und was kannst du mir darüber sagen?«

»Dass es ihn gibt. Dass er nicht tot ist. Dass Rasputin lebt. Man sagt es nicht offiziell, aber wer Ohren hat, der kann es hören. Sogar hier in Lettland, wo ich meine restlichen Lebensjahre verbringen will, denn hier kenne ich mich aus.«

»Wo ist er?«

Basil drehte Karina das stoppelbärtige Gesicht zu. »Ich weiß es nicht genau.«

»Gut, dann frage ich anders. Was ist mit dem Zombieland? Was hat es damit auf sich?«

»Es ist eine Folge dessen.«

»Du meinst Rasputin?«

»Ja. Es sieht alles danach aus, dass sich gewisse Dinge wiederholen, und das hätte ich nicht gedacht. Ich habe vorhin von einem Vergessen gesprochen. Leider ist das nicht eingetreten. Man hat sich an mich erinnert und dabei auch an manche Dinge, die ich zu meiner Glanzzeit getan habe. Sie waren nicht immer so, dass sich unsere Seite darüber freuen konnte. Aber man hat mich in Ruhe gelassen, obgleich mich nicht wenige Menschen als Verräter ansahen. Aber man brauchte mich wohl. Da hat man über vieles hinweggesehen und mich an der langen Leine gehalten. Dann kam das Ende der UdSSR. Alles wurde anders. Die große Veränderung schlug zu, und ich konnte davon profitieren. Man zog mich nicht zur Rechenschaft. Ich bewegte mich frei, fühlte mich aber nicht so richtig frei, denn oft genug begegnete ich Menschen, die ich aus alten Zeiten kannte. Man sprach nicht viel darüber. Höchstens im vertrauten Kreis. Aber die Zeit schloss die alten Wunden. Man kam wieder zusammen. Die alten Verbindungen waren noch da. Es gab Netzwerke, und das habe ich besonders zu spüren bekommen.«

»Inwiefern?«

»Nun ja, man wusste, was ich vor den neuen Zeiten getan hatte. Und jetzt hatte man mich. Es gab noch zahlreiche Menschen, die eine Rechnung mit mir offen hatten, und trotz meines Alters wurde ich wieder in das Netz hineingewoben.«

Eine Frage lag Karina auf der Zunge. Sie musste sie einfach stellen.

»Du arbeitest wieder für den Geheimdienst?«

»Irrtum …«

»Ach?«

»Ich arbeite für eine Organisation. So musst du das sehen. Es ist nicht der Geheimdienst, aber die Organisation ist sehr mächtig, das kann ich dir sagen.«

»Sind es die Erben Rasputins?«

Basil saugte die Luft ein. Dabei schaute er gegen die Mauern der Leichenhalle. »Man kann es so sagen.«

»Gut. Und was hat das jetzt alles mit mir zu tun?« Sie stellte die Frage vorsichtig, doch sie ahnte, dass es für sie allmählich gefährlich werden konnte, obwohl sie nichts getan hatte, zumindest nicht hier in Riga. Ihr Einsatzgebiet lag weiter östlich, und sie hatte das Gefühl, in einer Falle zu stecken.

»Du bist für sie wichtig, Karina.«

»Das weiß ich.« Sie musste lachen. »Ich habe der Bande schon oft genug Probleme bereitet.«

»Das wissen sie auch.«

»Und weiter?«

»Deshalb musst du aus dem Weg geräumt werden. Das haben sie sich fest vorgenommen.«

Karina blieb gelassen. »Ist mir nicht neu. Wir mögen uns nicht und sind wie Feuer und Wasser.«

»Man scheint schon Respekt zu haben. Jedenfalls will man dich aus dem Weg schaffen, und man ist schon so weit, dass man einen Killer engagiert hat.«

»Aha. Kennst du ihn?«

Basil nickte vor sich hin.

Karinas Augen verengten sich. Sie verspürte ein ungewöhnliches Gefühl in ihrem Innern, als würde etwas ganz Großes auf sie zukommen.

»Wer ist es denn?«

Basil schaute sie an. »Ich bin es …«

***

Jetzt war es heraus, und keiner der beiden sagte etwas. Sie schauten sich nicht einmal an, sondern blickten in verschiedene Richtungen. Basil hustete schwach, bevor er seine Stimme wieder gefunden hatte. »Ja, ich bin es. Ich kann es nicht ändern.«

»Gut.« Karina hatte das Wort geflüstert, und sie hatte dabei das Gefühl, aus einer Tiefe aufzutauchen und ins Helle zu gelangen. Noch immer wunderte sie sich und fragte jetzt: »Du sitzt tatsächlich hier, um mich zu töten?«

»So ist es.«

Karina Grischin wusste nicht, ob sie lächeln oder den Kopf schütteln sollte. »Ich habe nichts gegen dich und auch nichts gegen dein Alter. Aber wären jüngere Menschen nicht besser dafür geeignet, mich umzubringen?«

»Ja.«

»Und weiter?«

Basil schaute auf den Schnee vor seinen Füßen. »Sie haben aber mich genommen. Mich, den alten Profi, und sie haben dafür gesorgt, dass ich mich schlecht dagegen wehren konnte.«

»Aha. Und wie?«

»Sie finden immer neue Methoden.«

Das glaubte Karina ihm aufs Wort. Aber sie wollte noch mehr wissen. »Du sprichst immer von ihnen. Wer sind sie? Wer sind deine Auftraggeber?«

»Das solltest du wissen, Karina Grischin.«

»Die Erben Rasputins?«

»Wer sonst?«

»Dann kennst du sie?«

Der alte Mann schüttelte den Kopf. »Keine Namen. Sie haben mich nur geholt, verstehst du? Ich bin ihr Opfer oder ihr Spielball. Ich konnte nichts dagegen ...

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