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John Sinclair - Folge 1757

Der Vampir-Garten

Eddy Lavall erwachte mitten in der Nacht. Das war im Prinzip nichts Unnormales, in diesem Fall schon, denn ihn hatte etwas Bestimmtes aus dem Schlaf geholt. Ein Duft, nein, ein Geruch!

Lavall blieb noch für eine Weile auf dem Rücken liegen, atmete nur durch die Nase und dachte nach. Nicht, dass er sich vor dem Geruch gefürchtet hätte, aber komisch war er schon. Er war irgendwie nicht zu fassen, obwohl er ihm bekannt vorkam.

Eddy setzte sich hin, atmete wieder scharf durch die Nase und nahm den Geruch jetzt intensiver wahr. Es war kein normaler, wie man ihn jeden Tag erlebte …

Je näher er sich mit dem Geruch befasste, umso mehr gelangte er zu dem Schluss, dass ihm der Geruch nicht fremd war. Er kannte ihn. Zwar war er nicht alltäglich, aber zu den großen Ausnahmen gehörte er auch nicht. Er machte sich Gedanken darüber, wie er ihn beschreiben sollte, und kam zu dem Ergebnis, dass er leicht metallisch und auch etwas süßlich roch.

Da gab es nur einen Saft, der dies vereinigte. Und der floss in den Adern der Menschen.

Blut!

Eddy Lavall hätte sich beinahe verschluckt, als er daran dachte. Plötzlich rieselte es kalt seinen Nacken hinab. Es war wirklich nicht jedermanns Sache, Blut zu riechen. Und das nicht einfach nur so. Es musste auch irgendwo herkommen. Er jedenfalls blutete nicht. Und er konnte sich auch nicht vorstellen, dass es jemand anderen gab, der sich in seine Wohnung geschlichen hatte und nun zu bluten angefangen hatte.

Das war einfach nicht zu fassen, und es machte ihm auch Angst. Noch saß er im Bett und hatte das Gefühl, innerlich zu vereisen. Er spürte das harte Pochen in seinen Schläfen und dachte endlich daran, das Licht einzuschalten.

Er drehte sich nach rechts, seine Hand tastete über den Nachttisch, fand den Schalter und drückte ihn.

Ein Ring aus Licht entstand, der die Umgebung erhellte. Immerhin hatte sich nichts verändert. Alles war wie sonst, und er sah auch die offene Tür zum Wohnzimmer.

Woher kam der Geruch?

Einige Male zog er wieder die Luft durch die Nase. Er bewegte dabei seinen Kopf von einer Seite zur anderen, ohne allerdings fündig zu werden. Aber es roch weiterhin nach Blut, und dafür hatte er keine Erklärung.

Doch es musste eine geben, und jetzt kam es ihm in den Sinn, dass er sie vielleicht nicht hier im Zimmer suchen sollte, sondern woanders in seiner kleinen Wohnung.

Es gab noch einen Wohnraum. Ein Bad ebenfalls und eine Küche, die recht klein war. Überhaupt war in dieser Wohnung nichts groß, aber für eine Person reichte es.

Er wollte nicht länger tatenlos im Bett liegen bleiben, schwang seine Beine nach rechts und stand auf. Dabei schlüpfte er in seine dünnen Pantoffeln und fing an zu frieren, weil er die Wärme des Betts verloren hatte.

Das Licht der Nachttischlampe reichte nicht bis über die Schwelle, um auch das andere Zimmer zu erhellen. Dafür war eine andere Lampe zuständig, die er einschaltete.

Auf der Schwelle zum Wohnraum blieb er stehen und schaute in das Zimmer hinein.

Er war seit drei Jahren Single. Auf eine besondere Einrichtung legte er keinen Wert. So standen in der Wohnung noch die gleichen Möbel wie bei seinem Einzug. Die schmale Couch, der Holztisch, zwei Sessel, auch die schmale Kommode, auf der die Glotze stand.

Das alles kannte er. Das war nicht neu. Aber etwas war anders als zuvor.

Auf dem Tisch stand ein Gegenstand. Lavall hatte ihn aus einer Ecke geholt und sogar vom Staub befreit. Es handelte sich dabei um eine hohe Vase, die recht schmal war, aber eine breite Öffnung hatte, sodass ein großer Strauß Blumen hineinpasste.

Das war auch der Fall.

Aus der Öffnung ragten die Blumen. Es war eine besondere Sorte, die Blumen der Liebe – Rosen …

Aber nicht einfach nur Rosen. Auch sie waren etwas Besonderes. Sehr dunkel. Ein Rot, das einen Schimmer ins Violette oder mehr ins Schwarze hatte. Eigentlich gab es diese Rosen in der Natur nicht. So etwas musste schon gezüchtet werden.

Eddy Lavall hatte sie geschenkt bekommen auf seiner letzten Tour. Er war Fahrer für einen Blumen-Großhändler und hatte jeden Tag mit Blumen zu tun.

Die schwarzen Rosen waren ihm neu. Er hatte sie trotzdem mitgenommen, weil sie so einmalig waren. Wer konnte schon behaupten, Blumen in einer derartigen Farbe zu besitzen?

Schwarze Rosen. Oder fast schwarze Rosen, denn die rote Farbe war auch irgendwie noch vertreten. Sie schauten aus der Vase hervor, sie sahen unschuldig aus, aber er nahm auch ihren Duft wahr.

Nein, den Geruch.

Das war kein Duft mehr.

Lavall verzog den Mund, denn was er hier wieder roch, das war Blut. Und er nahm den Geruch intensiver auf als im Schlafzimmer, denn vor ihm stand das Zentrum, von dem er ausging.

Es waren die Rosen.

Sie gaben den Geruch ab, und sie rochen tatsächlich nach Blut. Sich das einzugestehen fiel Eddy mehr als schwer. Er hatte das Gefühl, nicht mehr klar denken zu können. Als er die Rosen übernommen hatte, war der Geruch noch nicht da gewesen. Oder er hatte ihn nicht wahrgenommen.

Jetzt umso intensiver.

Die Blumen standen da und taten keinem etwas. Trotzdem fühlte er sich berührt. Nein, das war der falsche Ausdruck. Er fühlte sich irgendwie angemacht.

Was tun?

Etwas zog ihn zum Tisch hin. Als wären die Rosen in der Lage, mit ihm zu kommunizieren. Das war verrückt, aber es stimmte.

Er ging.

Das hatte er irgendwie gar nicht gewollt. Es war jedenfalls kein Befehl, der von seinem Gehirn stammte. Und so tappte er auf den Tisch zu, der im Licht der Deckenbeleuchtung lag.

Auf dem Teppich waren seine Schritte so gut wie nicht zu hören. Eddy stoppte auch nicht. Er wollte es jetzt wissen. Er musste es einfach wissen. Woher kam dieser Geruch? Tatsächlich von den Rosen? Und rochen sie wirklich nach Blut?

Er musste es probieren und wollte deshalb so nahe wie möglich an sie heran. Noch zwei kleine Schritte legte er zurück, dann hatte er den Tisch erreicht. Er stand so nahe an ihm, dass er ihn mit seinen Oberschenkeln berührte.

Es waren insgesamt sechs Rosen, und zwei von ihnen bogen sich ihm regelrecht entgegen, als wollten sie ihn begrüßen.

Er tat nichts, er bewegte sich auch nicht. Er stand nur da und dachte über die Rosen nach, die so anders waren. Blumen konnten Menschen erfreuen, was sie auch meistens taten. Aber hier war es anders, denn Eddy hatte das Gefühl, von diesen Rosen regelrecht in einen Bann gezogen zu werden.

Er versuchte, dem zu entkommen, doch er konnte sich nicht dagegen wehren. Der Duft war stärker. Sehr intensiv, und Eddy senkte den Rosen seinen Kopf entgegen, obwohl er das eigentlich gar nicht wollte.

Dicht vor einer Berührung stoppte er. Er schloss die Augen, als wäre er einem Befehl gefolgt. Eigentlich hatte er vorgehabt, sie wieder zu öffnen, was er allerdings nicht tat. Er konnte es nicht, etwas Fremdes hatte von ihm Besitz ergriffen, ein zugleich tiefer und starker Drang.

Eddy Lavall wusste nicht, was mit ihm los war. Dieser Drang war ihm völlig neu, und es blieb nicht nur bei dem Gefühl, denn er hatte in seinem Kopf einen Befehl vernommen.

»Iss mich!«

***

Das war wie ein Schlag in den Magen. Eddy wollte und konnte nichts mehr denken. Er blieb in seiner leicht vorgebeugten Haltung, und sein Gesicht zeigte plötzlich eine Farbe, die der einer Leiche sehr nahe kam. Seine Augen hielt er noch immer geschlossen, und er wollte sie auch nicht öffnen. Er hoffte stark, dass er sich geirrt oder sich etwas eingebildet hatte.

»Iss mich!«

Da war wieder der Befehl. Jemand hatte ihn gegeben. Doch Eddy glaubte nicht daran, dass mit ihm gesprochen worden war. Das war eine Stimme gewesen und letztendlich doch keine.

Er stöhnte auf. In diesem Fall war er völlig überfragt. Er wusste nicht, wie er sich verhalten sollte. Normalerweise hätte er sich längst zurückziehen müssen, aber das war ihm komischerweise nicht möglich.

Essen!

Ja, er sollte die dunklen Rosen essen, die einen leichten Blutgeruch von sich gaben.

Das war verrückt! So etwas konnte niemand von ihm verlangen.

Und doch blieb die Aufforderung bestehen. Sie galt einzig und allein ihm, er hörte sie immer wieder, wenn auch leiser jetzt. Sie war bösartig und er wusste noch immer nicht, ob es eine normale Stimme war oder die eines Geistes.

Aber sie besaß Macht über ihn.

Eigentlich wollte Eddy Lavall nicht so handeln, wie er es tat, aber es ging kein Weg daran vorbei.

Er hob einen Arm an und hielt plötzlich zwei Rosen zwischen seinen Fingern. Noch steckten sie in der Vase. Sekunden später nicht mehr, da hatte Eddy sie herausgezogen, betrachtete sie und hörte wieder den Befehl in seinem Kopf.

»Iss mich!«

Damit war die letzte Schranke gefallen. Eddy hob die beiden Rosen an, öffnete den Mund und nahm in diesem Augenblick den Blutgeruch wieder sehr intensiv wahr.

Das störte ihn nicht. Er steckte sich die beiden Rosen in den Mund und biss zu.

Es war ein Gefühl, wie er es bisher noch nie in seiner Existenz erlebt hatte. Er hielt auch inne, die Lippen blieben geschlossen, und sein Gesicht hatte einen Ausdruck angenommen, als wäre er dabei, über etwas nachzudenken.

Noch traute er sich nicht zu kauen. Er bewegte sich auch nicht. Er wartete nur ab, als gäbe es jemanden in der Nähe, der ihm ein Zeichen geben wollte.

Eddy Lavall versuchte es. Er fing an zu kauen. Dabei bewegte er seine Kiefer, aber er verhielt sich nicht so, wie er es bei einer normalen Nahrung getan hätte. Er kaute sehr vorsichtig. Dabei schmeckte er die Weichheit der Blätter, und er hatte das Gefühl, dass sein Mund mit Samt gefüllt war.

Damit hatte Eddy nicht gerechnet. Es gab keinen Menschen in der Nähe, der ihn aufgefordert hätte, weiter zu kauen. Er tat es trotzdem. Seine Zähne zermahlten die Blätter und sorgten so dafür, dass das, was in ihnen steckte, ins Freie gelangte.

Es war eine Flüssigkeit. Hätte er sie ausgespuckt, dann hätte er auch die Farbe gesehen. Rot war sie – rot wie Blut. Und er dachte an den Blutgeruch, der ihn geweckt hatte. Es war nichts im Vergleich zu der Intensität, die er jetzt schmeckte. Er glaubte, dass sein Mund mit Blut gefüllt war, und eigentlich hätte er alles ausspeien müssen, was er nicht tat.

So kaute er weiter. Er zermalmte auch die letzten Blätter, sodass sie zu einer breiigen Masse wurden, die seinen Mund füllte.

Er stand weiterhin starr und machte dabei einen nachdenklichen Eindruck, als würde er darüber nachdenken, ob er auch die restlichen Blätter in den Mund stecken und essen sollte.

Er tat es nicht.

Die wenigen reichten ihm. Sie hatten in seinem Mund eine regelrechte Matsche hinterlassen. Einfach widerlich. Wohin damit? Er hätte sie schlucken können. Schon allein der Gedanke daran ließ Übelkeit in ihm hochsteigen. Er schüttelte den Kopf, ließ den Mund geschlossen, aber er war nicht in der Lage, die Übelkeit zurückzudrängen. Sein Mund steckte voller Blut. Zumindest dachte er das. Aber das Zeug war nicht nur flüssig, das er spürte. Es kam ihm vor wie eine Creme.

Eddy Lavall hielt es nicht mehr aus. Er musste etwas tun, und er tat es auch. In seiner Wohnung wollte er den Dreck nicht haben, und deshalb wirbelte er herum und rannte in den Flur. Er schloss die Wohnungstür auf und stolperte in den Hausflur. Eigentlich wäre er im Bad besser aufgehoben gewesen, woran er allerdings nicht dachte. Er landete im Flur, rutschte aus, öffnete dabei den Mund, fiel nach vorn und folgte dem Schwall, der aus seiner Mundöffnung strömte.

Es war das rote Zeug, das aussah wie dickes Blut …

***

Es gab noch jemanden, der in dieser Nacht aus dem Schlaf erwachte. Aber nicht durch ein fremdes Geräusch oder aufgrund eines bösen Traums, nein, bei Suko war es einfach der trockene Mund, und bevor er anfing zu schnarchen, wollte er aufstehen und sich einen Schluck Wasser gönnen. Dann war alles wieder im Lot.

Er ging in die Küche. Dabei war er so leise, dass er Shao, seine Partnerin, nicht weckte.

Er öffnete die Tür zum Kühlschrank und holte eine Dose mit Wasser hervor. Wenig später zischte es, als Suko die Lasche aufriss. Ein paar Perlen sprühten hervor, dann setzte Suko die Dose an und trank.

Das kalte Wasser tat ihm gut. Er empfand es als eine Wohltat, als es durch seine Kehle in Richtung Magen rann. Er warf auch einen Blick auf die Uhr.

Mitternacht war längst vorbei. Die dritte Morgenstunde war angebrochen. Um Suko herum war es still, sodass er die schwachen Geräusche hörte, die von draußen an seine Ohren drangen. Da hörte er den Regen, der gegen die Scheiben prallte, dort nach unten rann und Adern hinterließ, die wie dunkle Furchen wirkten.

Suko trat ans Fenster. Seine Lippen blieben geschlossen, als sie sich zu einem Lächeln verzogen. Er dachte daran, dass der Wetterbericht für die nächsten Tage warmes Regenwetter angekündigt hatte. Das war für diese Jahrszeit alles andere als angenehm, da brauchte man die Kälte, ruhig auch Frost und Wind. Aber nicht ein Wetter, bei dem die Temperaturen schon zweistellig wurden.

Er trank auch den Rest des Wassers, drückte die Dose zusammen und warf sie in den Abfall. Suko wollte wieder zurück ins Bett. Bis zum Aufstehen war noch genügend Zeit, die er sinnvoll verbringen konnte. Schlafen, ausruhen und …

Seine Gedanken stoppten. Er war bis in die Höhe der Wohnungstür gelangt und blieb stehen. In seinem Kopf braute sich etwas zusammen. Er dachte darüber nach, ob er sich das Gehörte nur eingebildet hatte oder ob es tatsächlich vorhanden war.

Er lauschte.

Ja, es war vorhanden. Nicht in der Wohnung, sondern außerhalb. Im Etagenflur hatte er die Geräusche gehört. Dem Klang nach zu urteilen musste dort ein Mensch in Not sein.

Suko dachte nicht länger darüber nach. Er wusste, was er zu tun hatte. Die Wohnungstür war schnell offen, mit dem nächsten Schritt erreichte er den Etagenflur, denn hier musste die Ursache liegen.

Er schaute nach rechts.

Beim ersten Blick schon war alles klar. Im Flur lag ein Mann auf dem Boden, der nur einen Schlafanzug trug. Er hielt den Mund weit offen. Er röchelte, er starrte zu Boden, auf dem etwas lag, das Suko nicht so genau erkannte. Es konnte sich um einen Blutfleck handeln.

Jetzt sah er, wie sich der Mann erneut übergab. Das Geräusch war nicht gerade angenehm. Und Suko bekam zu sehen, was sich da aus dem Mund löste.

Blut!

Ja, es sah aus wie dickes Blut, das sich mit dem vereinigte, was schon auf dem Boden lag …

***

Da ließ sich nichts schönreden. Suko sah etwas, über das er nur den Kopf schütteln konnte. Ihm kam auch kein anderer Vergleich in den Sinn. Was er da sah, erinnerte ihn stark an das Blut eines Menschen, und bei der Masse musste der am Boden hockende Mensch innerlich fast verblutet sein.

Suko lief zu ihm. Er hörte ihn stöhnen. Der Mann hatte sich jetzt aufgestützt.

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