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John Sinclair - Folge 1755

Im Fokus der Hölle

(2. Teil)

Angst?

Lilian Block wusste nicht, ob sie Angst haben musste. Im Prinzip nicht, denn bisher war für sie alles recht gut gelaufen, auch hier im Hotel, dessen Gäste Halbvampire waren.

Eine Halbvampirin war sie auch gewesen. Allerdings nur, bis sie das Blut einer bestimmten Frau getrunken hatte, und da war alles anders geworden. Jetzt fühlte sie sich nicht mehr zu dieser Gruppe zugehörig, die von der blonden Bestie Justine Cavallo angeführt wurde, einer Blutsaugerin, die jedoch ihre Gefährlichkeit verloren hatte, weil sie vom falschen Blut getrunken hatte …

Jetzt war Lilian Blocks Verbündeter John Sinclair unterwegs, um Justine Cavallo zu stellen. Und nicht nur das. Er wollte sie auch vernichten, um sie für alle Zeiten loszuwerden. Lilian war zuversichtlich, dass Sinclair es schaffte, denn die Unperson war geschwächt und nur noch ein Schatten ihrer selbst.

Lilian wartete. Äußerlich sah sie ruhig aus, was allerdings täuschte. Ihr Inneres war in Aufruhr. Es glich zwar keinem Vulkan, aber viel fehlte nicht. Sie fürchtete sich, wenn sie an die Cavallo dachte. Und sie fürchtete sich noch mehr, weil sie eben allein und einsam war. Sie sehnte John Sinclairs Rückkehr herbei und hoffte, dass sie nicht zu lange warten musste. Jede Minute, die nur dahin kroch, sorgte für einen größeren Angstschub.

Sie blieb nicht sitzen, sondern ging im Zimmer auf und ab. Manchmal blieb sie am Fenster stehen, schaute in die Dunkelheit, die nur schwach erhellt wurde. Das Hotel lag nicht eben im Fokus der Öffentlichkeit, sondern etwas versteckt und nicht weit entfernt von der berühmten Tooley Street.

Wann kam er?

Er hatte keine Zeit genannt. Es war auch nicht möglich, denn niemand wusste, wohin der Weg ihn führen würde. Nur das Ziel stand für Sinclair fest.

Zum Zimmer gehörte noch ein Bad. Dort schaute sie nicht hinein, denn da lag ein toter Halbvampir. Sinclair hatte ihn erledigt. Es war für die Gestalt ein schlimmes Sterben gewesen, was damit begonnen hatte, dass sich der Mann selbst einen Arm hatte abreißen können. Jetzt lag er in der Nasszelle und würde, wenn alles vorbei war, abgeholt werden.

Das sollten nicht ihre Sorgen sein. Das waren andere, und sie wollte endlich mehr wissen. Deshalb ging sie zur Zimmertür, öffnete sie und schaute nach draußen in einen Flur, der nur spärlich erleuchtet war.

Und er war leer!

Genau darüber freute sich Lilian. Sie hatte schon Angst gehabt, dass sie erwartet worden wäre. Das traf zum Glück nicht zu, und sie konnte aufatmen und sich wieder zurückziehen.

Es war also keiner zu sehen. Kein Feind, aber auch kein Freund. Das gefiel ihr auch nicht. Sie hätte gern gehabt, John Sinclair zu sehen, um wieder Ruhe zu finden, aber das war leider nicht der Fall. Deshalb musste sie weiterhin auf ihn warten. Am liebsten hätte sie sich einen anderen Ort ausgesucht, doch es war ausgemacht, dass sie hier auf ihren Verbündeten wartete.

Wie lange noch?

Immer wieder stellte sie sich die Frage, und sie spürte, dass ihr Herz schneller klopfte als gewöhnlich. Es war noch nicht ausgestanden. Bisher stand kein Sieger fest, und sie konnte auch nicht sagen, ob es überhaupt einen geben würde. Dieser Fall war kompliziert. Da nahm keiner auf den anderen Rücksicht.

Ihre einzige Hoffnung hieß John Sinclair. Der aber ließ sich Zeit. Das tat er nicht bewusst. Es verging eben viel Zeit bei der Durchsuchung des Hotels.

Warten. Fiebern. Das Kauen auf der Unterlippe. Aufstehen, zum Fenster gehen und hinausschauen, um erneut den leichten Frust zu erleben, weil sich der Mann nicht blicken ließ.

Lilian verspürte Durst. Eine Flasche Mineralwasser wurde hier nicht angeboten, und ins Bad traute sie sich nicht. Sie wollte den Toten nicht sehen.

Und doch musste sie etwas tun. Sie konnte nicht still sitzen bleiben. Es gab nur eines, das sie weiterbrachte. Abermals zur Tür gehen, sie öffnen, in den Gang hinein schauen und auch horchen.

Sie öffnete die Tür.

Es war nichts zu hören und zu sehen.

Dabei beließ Lilian Block es nicht. Sie traute sich jetzt mehr zu und schob sich über die Türschwelle in den Flur hinein. Sie war enttäuscht, dass sie nichts sah, aber diesmal zog sie sich nicht wieder zurück ins Zimmer. Sie blieb im Flur. Ihr Gesicht nahm einen nachdenklichen Ausdruck an. So wie sie sah jemand aus, der über etwas nachgrübelte.

Das tat sie auch. Es war möglicherweise besser, wenn sie nach John Sinclair Ausschau hielt. Vielleicht konnte sie ihm sogar helfen.

Das Zimmer lag am Ende des Flurs. Um den Lift zu erreichen, musste sie weiter vorgehen. Das tat sie auf Zehenspitzen, als hätte sie Angst davor, gehört zu werden, obwohl sie niemanden in der Nähe sah, der ihr aufgelauert hätte.

Sie kam normal weiter. Den Stress machte sie sich selbst. Ihr Herz schlug schneller, und das Zittern in den weichen Knien konnte sie auch nicht vermeiden.

Und dann hörte sie doch etwas!

Es war ein Geräusch, das ihr nicht gefiel, denn sie wusste es nicht einzuordnen. Jedenfalls keine Stimme. Dafür drehte sie langsam den Kopf, und plötzlich durchzuckte sie eine Idee. Was sich da bewegte, war der Lift.

Lilian Block wusste nicht, wo er stoppen würde. Sie wollte auf keinen Fall gesehen werden. Es musste ja nicht unbedingt John Sinclair sein, der den Fahrstuhl benutzte, es konnte sich auch um jemand anderen handeln.

Sie lief schneller. Sie wollte zurück in ihr Zimmer und von dort aus sicherer Deckung beobachten, was in dieser Etage passieren würde.

Gut, der Lift konnte auch vorbeifahren, doch daran wollte sie nicht glauben. Da lauschte sie auf ihre innere Stimme, die ihr sagte, dass sie etwas Bestimmtes tun sollte.

Lilian schaffte es, das Zimmer in einer Rekordzeit zu erreichen. Sie drückte die Tür schnell zu und merkte erst jetzt, dass sie außer Atem war. Sie musste sich beruhigen und dafür sorgen, dass ihr Herzschlag nicht zu schnell ging.

Dann fiel ihr ein, dass sie einen Fehler gemacht hatte. Das Versteck hier war zwar okay, aber wenn sie recht darüber nachdachte, brauchte sie kein Versteck. So wie sie sich verhielt, würde sie nichts sehen können. Deshalb öffnete sie die Tür einen Spalt, und es war gut, dass sie noch nicht in den Flur schaute. So hörte sie die Frauenstimme von der rechten Seite, wo sie eben gerade gewesen war. Sie musste wissen, was dort los war.

Sie zog die Tür noch ein Stück weiter auf. Ihr war klar, dass sie einiges riskierte. Aber sie durfte sich nicht verrückt machen lassen. Es gab eben Dinge, denen musste man sich stellen.

Sie schaute nach rechts.

Schlagartig schlug ihr Herz schneller. Da konnte man fast schon von brutalen Schlägen sprechen, denn was sie sah, das war für sie furchtbar. Eigentlich sah das Bild harmlos aus. Da saß eine blondhaarige Frau in einem dünnen Lederkostüm in einem Rollstuhl, fuhr selbst und wurde von zwei Leibwächtern begleitet. Sie waren mit dem Lift gekommen und hatten ihn verlassen. Ihr Ziel konnte nur das Zimmer sein, in dem sich Lilian Block aufhielt.

Sie zog sich blitzschnell zurück und schloss die Tür so leise wie möglich.

Aufatmen?

Nein, das konnte sie nicht. Lilian Block wusste genau, dass sich ihr Schicksal in den nächsten Sekunden entscheiden würde, falls nicht doch noch ein Wunder eintrat …

***

Sie war hier im Haus, das spürte ich. Das sagte mir einfach mein Bauchgefühl. Nur wusste ich nicht, wo sich die blonde Bestie versteckt hielt.

Ihr standen zahlreiche Zimmer zur Verfügung und das auf mehreren Etagen verteilt. Es gab keinen Grund für mich, dem Hotelier nicht zu glauben, aber das Problem war nicht kleiner geworden, und ich musste mich damit abfinden.

Aber wo?

Justine Cavallo würde sich nicht durch irgendwelche Schreie bemerkbar machen, auch wenn sie darüber informiert war, dass ich mich in der Nähe aufhielt. Sie hatte da ihre eigenen Regeln und Gesetze.

Ich nahm wieder die Treppe. Die untere Etage hatte ich abgesucht und nichts gefunden. Jetzt waren die beiden oberen an der Reihe. Die zweite und die dritte. In der ersten wartete Lilian Block in einem dieser schäbigen Zimmer auf mich. Wenn ich an sie dachte, bekam ich schon ein schlechtes Gewissen. Sie würde sich in der Enge dieser vier Wände sicherlich fürchten, aber mitnehmen wollte und konnte ich sie nicht. Das wäre noch gefährlicher gewesen.

Also allein hoch. Mein Ziel war die dritte Etage. Ich nahm nicht den Lift, sondern die Treppe, die durch einen recht engen Schacht durch das Haus führte.

Es lief für mich alles optimal. Ich kam hoch, ich stolperte auch nicht und hatte innerhalb kürzester Zeit die dritte Etage erreicht.

Dort blieb ich stehen. Mein Blick glitt durch den Flur, der hier ebenso aussah wie die unteren. Hier war alles genormt. Hier gab es nichts Individuelles.

Ich würde nicht darauf wetten, dass der Kasten hier ausgebucht war, aber normale Gäste wohnten hier nicht. Es waren die Halbvampire, die das Hotel besetzt hielten, auch wenn ich bisher noch nicht viele von ihnen gesehen hatte. Aber die Cavallo, ihre Anführerin, hatte einen Stützpunkt gebraucht, und sie hatte sich diesen hier in London ausgesucht und zudem einen Besitzer gefunden, der nichts dagegen gehabt hatte.

Ich war an diesen Fall geraten wie die Jungfrau zum Kind. Ich hatte mich bei meinen Freunden, den Conollys, aufgehalten, als Johnny zu Hause mit einer jungen Frau eingetroffen war, die blutige Tränen weinte. Sie war auf der Suche nach einer Person, die ihr helfen konnte, und das war eben Serena, der Gast der Conollys. Die Frau, die bereits einige Jahrhunderte alt war, in deren Körper aber das Blut der heiligen Walburga floss.1)

Für die junge Frau mit den blutigen Tränen war es heilsam gewesen, Serenas Blut zu trinken. Das hatte bei der Cavallo eine andere Wirkung gezeigt. Sie war geschwächt worden, aber sie hatte nicht aufgegeben und suchte noch immer nach einer Chance, um den Kampf zu gewinnen. So war es auch hier. Sie befehligte die Halbvampire. Sie wollte alles an sich reißen, was sie auch fast geschafft hätte, einschließlich Lilian Block. Doch da hatte ich ihr einen Strich durch die Rechnung gemacht, denn jetzt stand Lilian, die sich bereit erklärt hatte, an meiner Seite zu bleiben, unter meinem Schutz.

Die Spur hatte uns in dieses Hotel geführt, in dem es wohl keinen normalen Gast gab, aber ich hatte leider nicht viele Gäste vorgefunden. Entweder hatten sie sich zurückgezogen oder sie waren nicht mehr im Hotel.

Ich ging dennoch auf Nummer sicher. Da wo es möglich war, öffnete ich die Türen, warf Blicke in die Zimmer und sah keinen der Halbvampire.

Wenig später machte ich eine Etage tiefer weiter. Das war die zweite. Danach blieb nur noch die erste, die ich schon kannte.

Es war ein bestimmtes Zimmer, das mich hier in der zweiten Etage irritierte. Ich sah dort zwar keinen Menschen, hatte aber das Gefühl, dass sich bis vor Kurzem noch welche hier aufgehalten hatten.

Es brauchten nicht Menschen gewesen zu sein, sondern es hätte sich auch um Halbvampire handeln können.

Waren noch welche in der Nähe? Oder waren sie alle weg? Ich hatte den Eindruck, vor einem Scheideweg zu stehen. Irgendwas musste ich tun, aber ich wusste leider nicht, ob es das Richtige war.

Auf dem Bett lagen zusätzliche Decken, zwei Stühle standen schief und die Tür zur Nasszelle war geschlossen.

Es war still geworden. Ich wartete darauf, dass die Stille anhielt. Sie tat es nicht wirklich. Von irgendwoher hörte ich ein Geräusch, aber nicht in diesem Zimmer hier.

Ich drehte mich um, weil ich eine Tür sah. Es war eine Verbindungstür zum Nebenzimmer, und dahinter hatte ich das Geräusch gehört.

Ich schlich auf Zehenspitzen auf die Tür zu. Dabei hielt ich sogar den Atem an. Ob man mich von der anderen Seite her beobachtete, wusste ich nicht. Aber ich ging auf Nummer sicher und holte meine Beretta hervor.

Noch einen Schritt musste ich gehen, dann war ich nahe genug, um die Tür öffnen zu können. Bei näherer Betrachtung kam sie mir schon ungewöhnlich vor, denn sie bestand aus zwei schmalen Hälften, die weiß gestrichen waren.

War das eine normale Tür?

Ich konzentrierte mich auf die linke Hälfte und zog sie schwungvoll auf. Mein Blick war frei – und fiel in eine breite Nische, einen begehbaren Kleiderschrank.

Klamotten hingen hier bis zum Boden. Ob sie einem Mann oder einer Frau gehörten, erkannte ich auf die Schnelle nicht.

Es war nicht wichtig.

Viel wichtiger war, dass sich die Sachen bewegten, und das taten sie nicht von allein, denn sie schwangen auf mich zu, verunsicherten mich für einen Moment, und ich wich zurück.

Jetzt hatten sie freie Bahn.

Zwei mit Totschlägern und Messern bewaffnete Halbvampire hatten sich dort versteckt gehalten und griffen mich an …

***

Bill und Johnny Conolly hatten sich nicht unbedingt dem Wetter entsprechend angezogen, als sie das Haus verließen und in die Kälte eintauchten und zugleich in die Dunkelheit.

Sheila Conolly und auch Serena wussten nichts von diesem Ausflug. Es hatte die beiden einfach nicht mehr im Haus gehalten. Sie wollten wissen, ob der Garten ihres Bungalows noch unter Kontrolle der Halbvampire stand, wo Johnny sie schon gesehen hatte.

Der Vorgarten war leer. Die Lampen brannten. Strahler gaben ihren Schein ab, die bestimmte Stellen des Gartens in eine helle Zone verwandelten.

Der Weg zum Tor war ebenfalls frei, und am Ausgang selbst tat sich auch nichts.

»Glaubst du, dass sie verschwunden sind, Johnny?«

»Nein, bestimmt nicht. Nicht sie, da bin ich mir sicher. Sie sind noch da. Sie wollen Serena, und sie wollen Justine Cavallo nicht enttäuschen.«

Johnny Conolly war in alles eingeweiht. Er war auch kein Teenager mehr, sondern ein normaler junger Mann, dem wohl bewusst war, bei wem er lebte und welch ein schweres Erbe damit verbunden war.

Vater und Sohn standen nebeneinander. Und zwar dort, wo der geflieste Boden aufhörte und das leicht abschüssige Gelände begann. Sie konnten bis zum Ende des Grundstücks schauen, wo das Tor geschlossen war und sich auch nichts bewegte.

Johnny hob die Schultern. »Es kann sein, dass ich mich auch geirrt habe …«

»Macht nichts.«

»Es gibt auch noch den Garten an der Rückseite«, sagte Johnny.

Sein Vater nickte. »Okay, dann schauen wir uns dort mal um.«

Bisher waren sie von den Frauen nicht vermisst worden. Sie hofften, dass dies noch eine Weile anhalten würde. So hatten sie die Chance, sich umzusehen und vielleicht einige Typen aus ihren Verstecken zu treiben, wenn sie denn dort waren.

Bill übernahm die Führung. Nicht nur er war bewaffnet, Johnny war es auch. Sein Vater hatte ihm seine zweite Beretta überlassen. Lange genug hatte Bill dies hinausgezögert worden, aber die latente Bedrohung betraf auch Johnny, dass es unverantwortlich gewesen wäre, ihm keine Waffe zu überlassen. Und so hatte Bill ihm die Beretta gegeben.

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