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John Sinclair - Folge 1747

So schmeckt der Tod

Herbstliche Windböen fuhren über das Land und rissen bereits erste Blätter von den Bäumen. Sie huschten wie gespenstische kleine Tücher durch die Luft und behinderten die Sicht der Autofahrer, besonders zu dieser späten Tageszeit, in der die Dämmerung allmählich in die Dunkelheit überging.

Lucas Ball fuhr einen Jaguar, der gut fünfzehn Jahre auf dem Buckel hatte. Immer wieder mal hatte er sich ein neues Fahrzeug zulegen wollen, was nicht geklappt hatte, denn seine finanziellen Mittel waren begrenzt.

Wer ihn nach seinem Beruf fragte, der erntete zuerst einen schiefen Blick und danach die Antwort: »Ich bin einer, der die Straßen unsicher macht, um eine bestimmte Ware an den Mann oder die Frau zu bringen …«

Fragte man weiter, erhielt man eine konkretere Antwort. »Friseurbedarf für den Kleinunternehmer. Ich klappere die Läden auf dem Land ab, in denen der Besitzer keine Lust hat, seine Ware über das Internet zu bestellen, und noch den persönlichen Kontakt zum Lieferanten liebt. So und nicht anders sieht es aus, Punkt.«

Und wer bei diesen Antworten das Gesicht des Mannes sah, der wusste genau, dass ihm der Job keinen Spaß machte. Lucas Ball wusste selbst, dass er die Touren nicht mehr lange fahren würde, denn die Umsätze gingen immer mehr zurück. Er gehörte zu einer aussterbenden Gattung von Freiberuflern.

Jetzt begann wieder eine Jahreszeit, bei der es ihm ganz und gar keinen Spaß bereitete, unterwegs zu sein, obwohl ihn seine Touren nicht durch das ganze Land führten. Sie beschränkten sich auf die Umgebung von Groß-London. Auch da gab es genügend kleine Orte, in denen er seine Kunden fand.

Jetzt war er auf dem Weg nach Hause und musste daran denken, dass der hinter ihm liegende Tag alles andere als erfolgreich gewesen war. Denn zwei seiner Kunden würden am Ende des Jahres ihren Laden aufgeben haben. Das bedeutete weniger Provision.

Auf dieser Fahrt hatte es ihn nach Nordosten getrieben. Das Kaff hieß Chipping Ongar. Dort hatte er zwei Friseure besucht und war jetzt auf dem Weg zurück nach London. Er wusste, dass er bald in dichteren Verkehr geraten würde, aber noch hatte er so gut wie freie Fahrt, abgesehen von den fallenden Blättern, die ihn störten.

Es gab Menschen, die diese Umgebung mochten. Großflächige Wiesen, weit gezogene Hügel, hier und da ein kleiner Wald, der durch eine Straße geteilt wurde, und dazu die große Einsamkeit zwischen den Orten.

Er dachte an zu Hause, wo niemand auf ihn wartete. Seine Frau war zur Kur und würde noch drei Wochen bleiben. Kinder hatten sie nicht, und so würde er den Abend wieder allein vor der Glotze verbringen. Es war wie immer. Er kannte das. Sein Leben verlief auf einer Bahn, die stets gleichmäßig war und irgendwann in einem Sarg enden würde.

Lucas Ball kannte die Straßen hier. Er wusste genau, wo er schneller fahren konnte oder abbremsen musste. Bei den kurvigen Passagen musste er schon vom Gas, was ihm auch nichts ausmachte, denn er war kein großer Rennfahrer, aber ein gewisses Tempo behielt er schon bei, vor allen Dingen dann, wenn er allein unterwegs war. Die Strecke, die er jetzt fuhr, kannte er ebenfalls recht gut. Im Dämmerlicht sah der vor ihm liegende Wald richtig unheimlich aus. Wie ein starrer Schatten, der alles fressen wollte.

Noch war es nicht richtig finster. Der Himmel zeigte eine graue Farbe mit unterschiedlichen Tönungen. Es roch nach Regen, und der war auch angesagt worden, allerdings erst später in der Nacht. Da wollte er schon im Bett liegen.

Er rollte in eine Kurve hinein. Langsamer. Dann riss er den Mund auf, um zu gähnen. Er lenkte mit einer Hand, näherte sich dem Beginn der Kurve und damit auch dem des Waldes – und erlebte die nächsten Sekunden wie einen Film.

Er selbst spielte darin eine Hauptrolle, aber es kam ihm nicht so vor.

Plötzlich war er nicht mehr allein. Nicht nur die Blätter wirbelten vor ihm, er sah plötzlich eine dunkel gekleidete Gestalt, die wie aus dem Nichts aufgetaucht war und mitten auf der Straße stand.

Zu nahe für den Wagen. Und zu nahe, um die Person nicht mehr zu erwischen, trotz der Vollbremsung.

Glücklicherweise lagen nicht so viele Blätter auf der Fahrbahn, der Jaguar rutschte nicht sehr weit. Er kam zum Stehen, und genau in diesem Moment hörte Lucas Ball den dumpf klingenden Laut, der beim Aufprall des Körpers gegen den Jaguar entstand.

Dann stand der Wagen!

Lucas Ball schnappte nach Luft. Von einem Moment zum anderen raste der Adrenalinspiegel hoch. Er war plötzlich in Schweiß gebadet. Die innerliche Hitze schien ihn verbrennen zu wollen, und er konnte auch das Zittern seiner Hände nicht vermeiden.

Er hörte nichts mehr, weil er den Motor abgewürgt hatte. Der Jaguar stand. Er blieb starr sitzen, hörte sich atmen und wusste nicht, was er tun sollte. Allmählich wurde ihm klar, dass er einen Menschen angefahren hatte.

Ihm war nur nicht bewusst, ob es sich dabei um einen Mann oder eine Frau gehandelt hatte. Das würde er erst herausfinden, wenn er den Wagen verlassen hatte.

Noch fühlte er sich dazu nicht in der Lage. Er blieb zunächst sitzen, starrte nach vorn und wartete darauf, dass sich die Person, die er angefahren hatte, erhob.

Den Gefallen tat sie ihm nicht.

Sie blieb liegen, und er dachte daran, dass sie möglicherweise gar nicht anders konnte.

Was tun?

Es gab nur eine Möglichkeit. Er musste aussteigen und nachschauen, das war seine Pflicht. Auf der anderen Seite ärgerte er sich über die Person, die so plötzlich aufgetaucht war. Das war auch in dieser Einsamkeit ein Risiko, aber es war müßig, darüber nachzudenken. Die Dinge waren geschehen, und er konnte sie nicht rückgängig machen, so gern er das getan hätte.

Lucas Ball schnallte sich los. Dabei stellte er fest, dass er jetzt am ganzen Körper zitterte. Er ärgerte sich über sich selbst. Als er die Tür aufstieß, traf ihn ein erster Windstoß, der seine dünnen schwarzen Haare in die Höhe wühlte. Er schloss die Tür und ging an der rechten Seite entlang in Richtung Kühlergrill. Dort musste die Person liegen. Er rechnete nicht damit, dass die Person tot war. So schnell war er nicht gefahren. Er glaubte auch nicht an eine schwere Verletzung, aber trotz allem blieb der Druck in ihm bestehen.

Und dann sah er sie, nachdem er einen Blick nach unten und nach links geworfen hatte.

Die Person lag auf der Straße. Wäre es ein Tier gewesen, wäre es ihm egal gewesen, doch auf der Fahrbahn lag ein Mensch. Er war zur Seite gefallen, und er konnte erkennen, dass es sich bei diesem Menschen um eine Frau handelte.

Sie war dunkel gekleidet und trug eine Jacke, die ihr bis zu den Hüften reichte. Die Beine verschwanden unter dem Leder einer Hose. Halbhohe Stiefel waren auch zu sehen, und als sein Blick weiter wanderte und den Kopf erfasste, da sah er dunkles, strähniges Haar, das einen Teil des Gesichts verdeckte.

Er blieb weiterhin stumm. Sein Herz schlug schneller als gewöhnlich. Er ließ den Körper nicht aus den Augen und wartete darauf, dass er sich bewegte.

Den Gefallen tat man ihm nicht. Der Körper blieb starr, wieder erwischte ihn ein Windstoß, der noch ein paar Blätter zu Boden trudeln ließ. Das störte ihn nicht. Er trat bis an den Kopf der Frau heran und schaute auf die rechte Gesichtshälfte, von der er nicht viel sah, weil sie von dem schwarzen Haar bedeckt wurde.

War sie tot?

Allein der Gedanke daran ließ sein Herz noch schneller schlagen. Er spürte auch, dass es um seinen Hals herum eng wurde. Am liebsten hätte er zurückgesetzt und wäre wieder gefahren, aber das traute er sich nicht. Er musste Gewissheit haben, ob die Person noch lebte oder nicht.

Und deshalb riss er sich zusammen, bückte sich, um den Körper anzufassen, was ihm nicht leichtfiel.

Er rollte ihn auf den Rücken. Dabei löste sich auch das Haar von der Wange, und er war in der Lage, das ganze Gesicht zu sehen, wobei sich sein Blick weitete.

Jetzt hatte er die Bestätigung. Vor ihm lag eine Frau. Eine noch junge Frau.

Das nahm er hin, aber es gab etwas, was ihn durcheinanderbrachte, und es hatte mit dem bleichen Gesicht zu tun. Es war das Gesicht einer Toten. Ja, so sahen tote Menschen aus. Wobei ihn jedoch störte, dass er keine Wunden oder Verletzungen sah, die sich die Person beim Aufprall zugezogen haben könnte.

Aber da war noch etwas, was ihn verwunderte. Er sah, dass die Stirn der Frau frei lag, und genau in der Mitte der bleichen Haut zeichnete sich etwas ab.

Ein Kreuz!

Pechschwarz wie ein Tattoo oder eine Malerei. Aber eben schwarz wie Ruß.

Lucas Ball hielt den Atem an. Er registrierte, dass die Augen der jungen Frau geschlossen waren, und plötzlich stieg die Erkenntnis in ihm hoch, dass vor ihm wohl keine Tote lag. Die Frau musste bewusstlos sein.

Da fiel ih36m schon mal ein Stein vom Herzen, obwohl er immer noch nicht wusste, was er unternehmen sollte. Er konnte sie nicht liegen lassen. Es war wohl besser, wenn er sie in seinen Wagen lud und zu einem Arzt im nächsten Ort brachte.

Die Normalität kehrte bei ihm zurück. Er stellte fest, dass es sich um eine hübsche junge Frau handelte, die er sich auch in einer anderen Kleidung gut vorstellen konnte und nicht in diesem dunklen Outfit.

Lucas Ball ging in die Knie. Er verspürte plötzlich den Drang, diese Person zu streicheln, streckte bereits die Hände aus, als die Frau genau in diesem Moment die Augen aufschlug …

***

Es war eine normale Geste und nichts Besonderes. Trotzdem zuckte Lucas Ball zurück. Der Schreck fuhr ihm in die Glieder, und er saugte scharf die Luft ein.

Die Frau blieb in ihrer Haltung und starrte zu ihm hoch!

Es war kein normaler Blick, sondern ein starrer, der trotzdem nicht wirkte wie der einer Toten. Etwas in diesem Blick gefiel ihm nicht. Trotz der Starre kam er ihm irgendwie wissend vor.

Keiner sagte etwas. Lucas Ball konnte wohl nicht, die Frau schien nicht zu wollen, und doch verspürte der Fahrer tief in seinem Innern Erleichterung darüber, dass er diese Frau nicht totgefahren hatte. Zugleich beschlich ihn jedoch ein anderes Gefühl, für das es nur einen Namen gab.

Angst!

Ja, sie war plötzlich da, und er konnte sich vorstellen, in eine Falle geraten zu sein. Er hatte schon einiges über irgendwelche Straßenräuber gelesen, die mit allen Tricks versuchten, Menschen auszurauben, und das konnte hier auch der Fall sein.

Deshalb schaute er sich um.

Sein Kopf zuckte nach rechts und links. Er schaute auch die Straße entlang weiter nach vorn. Viel sah er nicht, denn das Band verschwand im Grau des Waldes, das zudem immer dichter wurde.

Wieder sah er nach unten.

Der Blick der Frau war noch immer auf ihn gerichtet. Sehr starr, auch irgendwie forschend, als suchte sie bei ihm etwas.

»Okay!«, flüsterte er. »Es tut mir leid. Echt. Aber alles ging so schnell. Ich konnte nicht mehr bremsen.« Er schluckte und raffte sich erneut auf. »Sind Sie denn verletzt? Haben Sie Schmerzen? Ich kann Sie zu einem Arzt schaffen.«

Und was er kaum für möglich gehalten hatte, das trat plötzlich ein. Sie sprach, und er musste sich anstrengen, um ihre Worte zu verstehen.

»Nein, ich will keinen Arzt. Es ist alles in Ordnung …«

Lucas Ball musste lachen. »Das kann ich nicht glauben, dass alles in Ordnung ist. Sie sind gegen meinen Wagen gelaufen, und Sie sind kein Stück Holz, sondern ein Mensch. Ich kann Sie doch nicht hier einfach auf der Straße liegen lassen.«

»Das ist auch nicht nötig, Süßer.«

Lucas Ball verschlug es die Sprache. Er wollte lachen, was er nicht schaffte. Die letzten Worte hatten ihn irritiert. So redete keine Person, die von einem Auto angefahren worden war. Hier stimmte etwas nicht.

»Wie – wie meinen Sie das?«

»So!«

Mehr sagte sie nicht. In der nächsten Sekunde schien die starre Person zu explodieren. So jedenfalls kam es Lucas Ball vor. Sie rammte ihre Arme in die Höhe und damit auch die Hände, die Fäuste bildeten und den Mann am Kinn erwischten.

Es war ein harter Schlag, und er hatte das Gefühl, in seinem Kopf würde etwas explodieren. Sterne funkelten vor seinen Augen.

Er merkte, dass er schwankte.

Dann erwischte ihn der nächste Treffer und schleuderte ihn nach hinten.

Es war nichts da, woran er Halt hätte finden können. Er fiel auf den Rücken, hörte von irgendwoher noch ein Lachen, dann war die normale Welt für ihn verschwunden …

***

Das allerdings nicht für immer, denn irgendwann erwachte Lucas Ball wieder. Er hatte so etwas noch nie erlebt und kam sich vor wie jemand, der aus einer Tiefe auftauchte und nur sehr langsam wieder an die Oberfläche schwebte.

Er war da, aber er fühlte nichts. Die Umgebung hatte sich verändert. Er sah Schatten, als er die Augen öffnete. Er spürte Schmerzen in seinem Kopf. In seiner Kehle steckte ein Kloß, der das Atmen erschwerte, und er fürchtete sich plötzlich davor, nicht mehr richtig sehen zu können.

Noch blieben die Schatten über ihm. Er selbst lag auf dem Rücken, und er hörte seltsame Laute um sich herum, mit denen er zunächst nichts anfangen konnte.

Man konnte den Eindruck haben, dass es sich um Tiere handelte, die leise zischten, aber das war es nicht, denn als etwas Zeit vergangen war, da fand er heraus, dass dieses Zischen nicht von Tieren stammte, sondern von Menschen.

Genau!

Es waren menschliche Stimmen, die an seine Ohren drangen. Aber sie sprachen sehr leise. Ab und zu glaubte er sogar, ein Lachen zu hören, das aber konnte auch eine Täuschung sein.

Die Schmerzen im Kopf waren da und sie verschwanden auch nicht. Sie wurden nur etwas schwächer, dennoch störten sie ihn sehr. Er war nicht fähig, einen klaren Gedanken zu fassen, und musste sich auf das verlassen, was er hörte.

Stimmen, die nur von Frauen stammten. Das fand er schon heraus. Also war es nicht nur bei der einen Person geblieben, es hatten sich mehrere hinzugesellt, und das wollte er genau wissen, deshalb zwang er sich dazu, die Augen zu öffnen, obwohl es ihm nicht leichtfiel, weil er den Eindruck hatte, dass ein schweres Gewicht auf ihm lag.

Er sah und sah trotzdem nicht so, wie er es sich gewünscht hatte. Sein Blick war verschwommen. Es gab etwas. Es mochten auch Personen sein, aber er sah sie nicht klar und abgegrenzt. Sie waren da und hockten in seiner Nähe zusammen.

Er konnte sie auch nicht trennen, denn sie bildeten so etwas wie einen Pulk.

Die Stimmen vernahm er jetzt deutlicher.

»Bist du zufrieden?«

»Sicher, hat doch alles gut geklappt.«

»Und?«

»Wie und?«

»Wie fühlst du dich?«

»Warum fragst du?«

»Weil du das Kreuz auf der Stirn hast.«

Es entstand eine kurze Pause, dann sprach die Frau erneut. »Mein Durst ist noch vorhanden.«

Ein Lachen folgte. Dann ein Kommentar. »Unser auch, Cora. Ganz bestimmt.«

»Dann sollten wir nicht länger hier hocken.«

»Darauf haben wir gewartet.«

Lucas Ball war wieder so weit bei Besinnung, dass er alles verstanden hatte. Nur fiel ihm das Begreifen schwer. Er wusste nicht, wie er die Unterhaltung einschätzen sollte.

»Ich will ihn leiden sehen!«

»Kannst du, Cora, kannst du.«

Allmählich wurde dem Mann bewusst, in welch einer Lage er steckte. Die andere Seite hatte ihn fest im Griff, und es wurde ihm klar, dass dieser Unfall absichtlich herbeigeführt worden war. Man hatte ihm eine Falle gestellt.

Falle – töten …

Auch der letzte Begriff zuckte durch seinen Kopf. Und der Gedanke war ihm kaum gekommen, da jagte ein Schauer der Angst in ihm hoch. Er hatte das Gefühl, den Boden unter sich zu verlieren. Er wollte protestieren oder schreien, aber kein Laut drang aus seinem Mund.

»Fangen wir an?«

»Ja.«

»Wo?«

»Ich will seinen Arm«, sagte die Person, die auf den Namen Cora hörte.

»Gut. Und dann?«

»Erst mal nur die Arme!«

»Gut, machen wir.« Ein knappes Lachen folgte.

Allmählich begriff der Mann, dass es ernst wurde und dass er noch nie zuvor in seinem Leben in einer derartigen Lage gesteckt hatte.

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