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John Sinclair - Folge 1741

Die Shanghai-Falle

Der Mann hatte Shao schon im Flugzeug mehrmals angelächelt. Das wiederholte er jetzt in der Airport-Halle. Shao lächelte zwar ebenfalls, doch sie schüttelte auch den Kopf.

Plötzlich erlosch das Lächeln.

Ein Schrei erklang, ein dumpfer Schlag folgte, dann war das Blut da, das aus der Gesichtswunde des Mannes spritzte.

Einen Moment später landete er am Boden …

Shao war eine Frau, die im Allgemeinen sehr schnell reagierte. In diesem Fall jedoch, der so plötzlich geschehen war, blieb sie unbeweglich. Sie glaubte an einen Traum. Sie stand da, starrte nach unten, sah das Schreckliche und war nicht fähig, es normal aufzunehmen.

Der Mann lag. Etwas hatte sein Gesicht zerstört. Er war noch jung gewesen, er hatte Shao eben noch zugelächelt und jetzt lag er tot am Boden.

Zwei Hände griffen zu und rissen Shao zur Seite. Dann sah sie jemanden vor sich und schaute dabei in ein Gesicht, das sie sehr gut kannte.

Es war Suko, ihr Partner, der ihr durch seinen Körper Schutz gab und sie dabei fragend anschaute.

Shao wusste nicht, wie sie reagieren sollte. Sie schnappte nach Luft und sagte mit rauer Stimme: »Es ist schon okay – es ist vorbei.«

Beide starrten auf den Toten, dessen Gesicht so grausam zerstört worden war. Etwas Glänzendes steckte in dessen Mitte, war aber so tief in das Gesicht eingedrungen, dass es unmöglich war, es zu identifizieren.

Jedenfalls war es eine Mordwaffe. Und Suko sah noch etwas. Neben der Leiche lag ein Fetzen Pappe. Die konnte dahin geweht worden sein. Möglicherweise hatte sie aber auch jemand verloren. Suko war neugierig. Und so bückte er sich und hob die Pappe auf. Erst jetzt sah er, dass sie auf einer Seite beschrieben war.

Erste und letzte Warnung, las er. Es wäre besser, wenn ihr wieder zurückfliegt.

Suko steckte die Pappe ein. In den letzten Sekunden waren er und Shao sich vorgekommen wie auf einer Insel. Das war nun vorbei. Plötzlich schien ein riesiger Vorhang zur Seite gezogen worden zu sein, um die Bühne mit der Realität zu präsentieren. Das bedeutete das große Chaos, das sie umgab.

Es hatte ja genügend Zeugen gegeben, die diese schreckliche Tat mit angesehen hatten. Auch sie hatten wie unter einer Starre gestanden, doch nun kam ihnen zu Bewusstsein, was da passiert war.

Schreie gellten auf.

Im Nu entstand ein Chaos. Menschen rannten nach allen Seiten weg. Andere wollten zum Tatort, und so kam es zu Behinderungen. Einige Passagiere fielen zu Boden oder stolperten über ihr Gepäck. Jeder wollte sehen, wer da auf dem Boden lag und was mit ihm passiert war.

Sekunden dehnten sich zu Ewigkeiten. Dann erklangen die ersten schrillen Pfiffe aus Polizeipfeifen. Im Nu waren die Männer der Security da. Sie trieben die Leute zur Seite, die schließlich froh waren, sich entfernen zu können.

Zwei liefen nicht weg. Das waren Shao und Suko. Sie blieben bei dem Toten stehen, neben ihnen stand das Gepäck. Nicht mehr als zwei weiche und gut gefüllte Reisetaschen.

Aus dem Hintergrund rannten Polizisten herbei.

Shao und Suko fühlten sich eingekreist, aber da gab es plötzlich einen Mann, dessen Stimme alles übertönte.

»Weg da, verdammt!«

Die Security-Männer und Polizisten hielten inne. Sie schauten nach rechts und sahen den Mann im grauen Anzug auf sich zueilen. Er machte den Eindruck eines Mannes, der sich durchaus Respekt verschaffen konnte, und das war auch hier der Fall. Er fuhr die Männer mit einer Stimme an, die keinen Widerspruch duldete.

Die Leute zuckten zusammen, nahmen dann Haltung an und verbeugten sich, bevor sie sich zurückzogen, aber in Sichtweite blieben.

Shao und Suko waren nur Zuschauer gewesen, die alles genau registriert hatten. Es war in ihrem Sinne gelaufen und Shao fragte mit leiser Stimme: »Ist er das?«

»Ja, ich denke schon. Er hat sich zwar verändert, aber ich bin mir ziemlich sicher.«

»Wunderbar.« Sie lachte leise. »An einen derartigen Empfang kann ich mich für meinen Teil nicht erinnern. Das ist ja der reine Wahnsinn, und jetzt …«

Suko lächelte. Dann lachte er leise, und plötzlich lagen sich zwei Männer in den Armen. Sie schlugen sich gegenseitig auf die Schultern, sie sprachen und verloren ihre Fassung, was bei Chinesen selten vorkam.

Shao stand etwas abseits. Dabei dachte sie über den Killer nach und auch darüber, ob er von Zeugen gesehen und auch verfolgt worden war. Sie glaubte es nicht. Das allgemeine Durcheinander war einfach zu groß gewesen, aber damit würden sie sich später beschäftigen können.

Suko und sein Freund aus alten Tagen – das hatte er Shao so erklärt – lösten sich voneinander. Suko fasste den Mann am Arm und drehte ihn so, dass er Shao anschauen konnte.

»Das ist sie, Dau Xing.«

Der Mann im grauen Anzug nickte. Dabei strahlte er Shao an. Dann sagte er: »Sie ist viel schöner, als du sie mir beschrieben hast.« Er verbeugte sich leicht, aber Shao machte es kurz und nicht förmlich. Sie reichte ihm die Hand.

Dabei sagte sie: »Ich freue mich, Sie zu sehen. Suko hat mir einiges erzählt.«

Dau Xing war ein Mensch, den Suko bereits in seiner Jugend kennengelernt hatte. Beide waren später in einem Shaolin-Kloster gelandet, waren dort ausgebildet worden, doch irgendwann hatten sich ihre Wege getrennt. Dau Xing war in seiner Heimat geblieben, Suko hatte es nach Europa verschlagen und war nach einigen Irrungen und Wirrungen beim Scotland Yard gelandet.

Einen ähnlichen Weg war auch Dau Xing gegangen. Nur dass er in China – in Shanghai – geblieben war und hier innerhalb der Polizei Karriere gemacht hatte.

Und jetzt waren beide in der Stadt, was natürlich einen Grund hatte.

Jeder wusste vom anderen, was er tat, denn sie waren immer in einem Kontakt geblieben, der sich jetzt zu einem beruflichen verdichtet hatte, denn Suko und Shao waren nicht grundlos nach China geflogen. Hier wurde zumindest Suko gebraucht.

Plötzlich verschloss sich das Gesicht des Einheimischen. Er hatte einen Blick nach unten geworfen, denn dort lag noch immer der Tote mit dem zerstörten Gesicht. Uniformierte hatten einen größeren Kreis um den Ort des Geschehens gebildet und hielten die Neugierigen zurück. Doch die meisten Menschen, die den Flughafen bevölkerten, hatten sowieso keine Zeit.

Shanghai war eine Insel der Hektik. Hier wurden Geschäfte gemacht, hier brummte es. Fast jede große Firma in der Welt besaß hier eine Filiale. Man konnte die Stadt als Brutkessel des Kapitalismus bezeichnen, wo viel Menschliches auf der Strecke geblieben war.

Dau Xing hob den Blick. »Und? Was könnt ihr dazu sagen?«

Suko deutete auf Shao. »Ich denke, dass sie mehr gesehen hat. Ich ging fast zwei Schritte vor ihr.«

»Danke.« Dau Xing schaute Shao lächelnd und auch auffordernd an. Sie kannte sich aus und wusste, was sie tun musste. Sie sprach davon, dass sie den jungen Mann schon im Flieger gesehen hatte. Sein Lächeln war ihr aufgefallen und auch hier auf dem Flughafen hatte er sie noch angelächelt.

»Ja, und dann ist es passiert. Plötzlich wurde sein Gesicht zerstört. Etwas flog hinein, und es steckt noch dort.«

Dau Xing nickte. »Ich denke, dass es ein Wurfstern ist.«

Da widersprachen die beiden nicht. Der Freund aus China, der im Rang eines Kommissars stand, fragte weiter: »Und ihr beide kanntet den Mann nicht?«

»So ist es«, sagte Suko.

Dau Xing hob die Schultern an. »Und ihr könnt euch auch kein Motiv vorstellen?«

»Genau«, sagte Shao, »und ich …«

Suko unterbrach sie. »Moment bitte. Ich denke, dass es ein Motiv gibt. Und das sind wir gewesen.«

»Wie das?«

Suko holte das Stück beschriebene Pappe hervor und reichte es seinem Freund. »Das lag neben dem Toten. Urplötzlich und wie vom Himmel gefallen.«

Dau Xing las den Text. Er ließ sich Zeit. Ebenso langsam nickte er.

»Die andere Seite weiß also schon Bescheid«, sagte er mit leiser Stimme. Danach atmete er tief ein und hob die Schultern. »Es tut mir leid, dass es dazu gekommen ist. Ich bin auch überrascht worden.«

Suko zeigte auf den Toten. »Wir müssen akzeptieren, dass die andere Seite, wer immer sie auch ist, keine Gnade kennt.«

»Ich muss mich entschuldigen. Aber ich habe nicht geahnt, dass man über euer Kommen informiert war.«

»Wissen Sie denn, wer dahintersteckt?«, wollte Shao wissen.

Dau Xing lächelte knapp. »Wir werden es noch gemeinsam herausfinden, denke ich.«

Shao sagte nichts. Sie ärgerte sich jedoch, weil sie zu wenig wusste. Und sie dachte daran, dass der Mörder des völlig Unschuldigen wohl nie gefunden werden würde. Er hatte aus dem Gefühl heraus zugeschlagen und war danach wieder im Strom der Massen untergetaucht. Außerdem hatte er außerhalb des eigentlichen Sicherheitsbereiches zugeschlagen, so war er nicht aufgefallen.

Dau Xing entschuldigte sich und telefonierte.

Jetzt ließ auch die Anspannung bei Shao ein wenig nach. Ihre Beine zitterten leicht, denn sie dachte daran, wie nahe der Tod an ihrem Kopf vorbeigehuscht war.

Suko merkte, wie es ihr ging. Er trat nahe an sie heran und stützte sie.

»Mach dir keinen Kopf, das kriegen wir in den Griff.«

»Kann sein. Aber ich würde gern wissen, warum wir nach Shanghai geflogen sind.«

»Mein Freund braucht unsere Hilfe.«

»Und wobei?«

»Es gibt Probleme.«

»Aha. Mit wem?«

»Mit Leuten, die sehr gefährlich sind. Geister aus der Vergangenheit, würde ich sagen.«

»Wie soll ich das verstehen?«

Suko hob die Schultern. »Aus unserer gemeinsamen Vergangenheit, die Dau Xing und ich damals im Kloster erlebt haben. Das hat er mir gesagt.«

»Und was ist das genau?«

»Ich habe noch keine Ahnung. Er sprach von alten Dämonen und dämonischen Kräften. Von einer bösen Bande, die sich hier etabliert und ihr brutales Spiel durchgezogen hat.«

»Und was hast du damit zu tun?« Shao schüttelte den Kopf. »Das ist doch eine Aufgabe für die heimischen Kräfte.«

»In der Regel schon, aber das hier ist etwas anderes. Es geht wohl auch um mich.«

»Ha? Wieso?«

»Mein Name tauchte auf.«

»Hm. Und trotzdem sind wir geflogen?«

»Ja, das war ich Dau Xing schuldig.«

Shao runzelte die Stirn. Sie kannte sich aus, und sie wusste, wie Menschen reagierten, wenn gewisse Notlagen eintraten. Sie kannte auch das Band der Verbundenheit, das Suko mit seiner Heimat verband, aber eine Frage musste sie noch loswerden.

»Hat das hier etwas mit deinem Vater zu tun, den John Sinclair getötet hat?«

»Nein, das glaube ich nicht.«

»Dann ist es erst mal okay.«

Dau Xing war mit seinem Telefonat fertig, lächelnd wandte er sich an das Paar. »Ich denke, dass es besser ist, wenn ich euch einige Aufpasser zur Seite stelle, die …«

Mit beiden Händen winkte Suko ab. »Nein, das auf keinen Fall. Wir kommen schon allein zurecht.« Er schaute auf die Uhr. »Ich denke, dass du etwas zu tun hast, und wir hatten vor, nach dem Flug unser Hotel aufzusuchen.«

»Ja, das Zimmer ist reserviert.«

»Sehr gut. Dann fahren wir jetzt hin.« Suko lächelte knapp. »Keine Sorge, wir finden uns schon zurecht. Du rufst mich später an?«

»Werde ich machen.«

»Gut, dann sehen wir uns.«

Dau Xing nickte und fuhr durch sein dunkles, gescheiteltes Haar. »Ich werde mich melden. Und meine Nummer hast du ja auch.«

»Sicher.«

»Dann bis später.«

Bevor sie gingen, warf Shao noch einen letzten Blick auf den Toten. Sie hatte das Gefühl, es einfach tun zu müssen, und sie spürte dabei den kalten Schauer, der über ihren Rücken rann.

Shao hatte gewusst, dass es keine Vergnügungsreise werden würde, aber dass sie so begann, das hatte sie sich nicht mal träumen lassen. Wieder einmal war ihr bewusst geworden, dass sie und Suko kein normales Leben führten …

***

Shanghai war keine Stadt, sondern ein moderner Moloch, der innerhalb weniger Jahre entstanden war. Viel Altes und Traditionelles war verschwunden.

Man hatte es platt gemacht, um die Hochhäuser, die Straßen und auch große Fabrikkomplexe bauen zu können, damit einheimische und ausländische Firmen den Platz bekamen, um sich ausbreiten zu können. Diese Stadt war einfach anders geworden, und beide – Shao als auch Suko – hatten das Gefühl, dass dieser Moloch atmete.

Es gab genügend Menschen, die über die Londoner Luft schimpften. Sie aber ließ keinen Vergleich mit der Luft hier in Shanghai zu. Das war keine normale Luft, das war einfach nur eine Suppe, die inmitten einer Hitzewolke waberte. Der Sommer in der Stadt konnte mörderisch sein. Wer genug Geld besaß, lebte im Bereich der Klimaanlagen, aber das war nicht die Masse der Menschen, die für kleines Geld schufteten, damit reiche Privatleute und Konzerne Geld scheffeln konnten.

China boomte. Nur leider auf dem Rücken anderer, aber so war das eben auf der Welt.

Es wurde eine recht lange Fahrt. Shao und Suko bekamen die Chance, einiges von der Stadt zu sehen, und besonders die Hochhäuser zogen immer wieder ihre Blicke an.

Es gab breite Straßen, Brücken, Verkehrsknotenpunkte, Türme und manchmal sogar einen Blick auf die Küste und auf das Wasser, über dem aber ebenfalls eine Dunstschicht schwebte und den Blick unklar werden ließ.

»Mal ehrlich, Suko, möchtest du hier leben?«

»Nein, so sieht meine Heimat nicht aus. Ich kenne sie noch anders.«

»Da sind wir ja einer Meinung.«

Jede Hotelkette der Welt hatte in dieser Stadt gebaut. Auch für die beiden war ein Zimmer in einer dieser weltbekannten Hotels gebucht worden. Das Haus lag nicht weit vom Hafen entfernt, inmitten einer Umgebung, in der das Leben pulsierte.

Der hohe Hotelbau lag wie eine Insel in der Brandung. Von zwei Seiten führten Zufahrten zum Eingang hin. Dazwischen waren Blumenbeete angelegt worden, und die Ränder wurden von hüfthohen Sträuchern begrenzt.

Der Wagen rollte bis vor den Eingang. Suko zahlte die Rechnung, die bei ihm Kopfschütteln auslöste, dann stiegen er und Shao aus, nahmen ihr Gepäck und betraten das Hotel, wo sie sich in einer Lobby wiederfanden, deren Steinboden zwei Farben zeigte. Einmal ein sanftes Orange und dazwischen ein schwaches Grau.

Der Betrieb in der Halle hielt sich in Grenzen. Doch die Lockerheit vieler Gäste war bei Suko und Shao nicht zu spüren. Besonders bei Shao, denn sie schaute sich mehr auffällig als unauffällig um. Vergessen hatte sie den Anschlag nicht, und sie fühlte sich wie ein Mensch, der sich in einem Fadenkreuz befand.

Es war alles normal. Auch das Einchecken ging locker über die Bühne, ein Page stand bereit, um sie zu ihrem Zimmer zu bringen, das im achtzehnten Stock lag.

»Nein, danke«, sagte Shao, »das schaffen wir schon allein.«

Der junge Page verbeugte sich und ging.

Einen Vorteil hatte das Hotel. Es war klimatisiert, und die Anlage funktionierte auch. Zwar waren die beiden keine Freunde von Klimaanlagen, hier aber dachten sie anders.

Sie gingen auf einen der Aufzüge zu und hatten das Glück, sofort hochfahren zu können. Beide standen in der Kabine und schauten sich an.

»Und? Wie fühlst du dich?«, fragte Shao.

Suko hob die Schultern. »Schon ein wenig angespannt.«

»Das wird auch so bleiben. Dabei weiß ich nicht mal, um was es hier genau geht.«

»Das kann ich dir auch nicht so direkt sagen.«

»Und indirekt?«

»Um Rache.«

»An uns?«

»Wohl auch. Dau hat von Gestalten gesprochen, die aus der Hölle kommen.«

»Wobei wir beim Thema wären.«

»Ja und nein.«

»Wieso?«

Suko gab die Antwort erst, als sie die ...

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