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John Sinclair - Folge 1740

Und er lebt doch!

Rudy Samatkin hatte schon vorher gewusst, dass es ein Höllenjob war, dem er zugestimmt hatte. Und nun hatte er die Bestätigung. Er saß in der Falle.

Sein Informant hatte ihm gesagt: »Du findest ihn in einem großen Grab auf dem alten Friedhof.«

Mehr brauchte Samatkin nicht zu wissen. Er hatte den Informanten kurz abgelenkt und dann zugestoßen. Ein Stich mit dem Messer war genug. Danach war der Mann in der Newa gelandet …

Dass sein Informant gelogen haben könnte, daran glaubte Samatkin nicht. Also hatte er sich auf den Weg zum Friedhof gemacht. In der Dämmerung war er an seinem Ziel angekommen, und nun musste er nur noch das Grab finden.

Es war nicht einfach, denn der Friedhof war für ihn Neuland. Er musste sich erst mal einen Überblick verschaffen, was nicht leicht war, denn dieses Gelände, das etwas außerhalb der Stadt lag, machte nicht eben einen gepflegten Eindruck. Man hatte die Büsche und Sträucher wuchern lassen, die alten Grabsteine waren nicht mehr gepflegt worden, die Wege so gut wie zugewachsen, und so war der Mann froh, eine Lampe bei sich zu haben. Er hielt den Schein nach unten gerichtet, damit er wenigstens hin und wieder sah, wo er hinzugehen hatte.

Wenn er in die Runde leuchtete, dann huschte der Kegel nur dann über Grabsteine hinweg, wenn sie der wild wuchernden Natur getrotzt hatten. Da sah er dann die alten Erinnerungen, die zum großen Teil verwittert waren, dabei starke Risse zeigten oder von einer Schicht Moos bedeckt wurden.

Die Dämmerung verlor den Kampf gegen die Dunkelheit. Es war schon recht spät, aber hier in St. Petersburg gab es die Weißen Nächte, die lagen zwar einige Wochen zurück, doch auch im August waren die Tage noch recht lang.

Rudy Samatkin musste plötzlich lachen. Es gab eigentlich keinen Grund. Es sei denn, er hing seinen Gedanken nach, in denen sich ein Satz hervorkristallisiert hatte.

Wer sucht, der findet.

Und er wollte oder musste finden. Er hatte eine bestimmte Richtung eingeschlagen. Ob sie stimmte, wusste er nicht. Aber seine Aufgabe war wichtig. Wenn das alles der Wahrheit entsprach, was man ihm gesagt hatte, dann war er bald derjenige, der die Welt verändern konnte. Dann wäre seine Botschaft phänomenal gewesen und hätte die Menschen aufhorchen lassen.

Es gab ihn.

Es sollte oder musste ihn geben. Den Mann oder die Gestalt, die in Russland so bekannt war. Noch immer, obwohl ihr Tod fast einhundert Jahre zurücklag.

Rasputin!

Allein beim Gedanken an ihn verspürten viele Menschen einen Schauer. Dieser Arzt, Magier und Mystiker am Hof des letzten Zaren war noch immer nicht vergessen. Man sprach und man schrieb über ihn. Er war derjenige, der noch heute verehrt wurde, über den man Geschichten und kleine Histörchen erzählte und den nicht wenige Menschen verehrten.

Er war tot.

Nein, er lebte.

Die einen waren von seinem Tod überzeugt, andere waren es nicht, und in der letzten Zeit verdichteten sich die Gerüchte, dass dieser Mensch noch am Leben war.

Für Rudy Samatkin war diese Meldung brisant. Oft genug hatte er darüber nachgedacht, ob er sie weiterleiten sollte. Er hatte es nicht getan, er wollte Gewissheit haben. So hatte er seine Beziehungen spielen lassen und sogar Erfolg gehabt, denn eine Frau hatte mit ihm Kontakt aufgenommen und ihn zu diesem alten Friedhof bestellt. Hier sollte er mehr über Rasputin erfahren.

Treffen auf Friedhöfen zu einer nachtschlafenden Zeit waren ihm immer verdächtig. Er war also auf der Hut. Aber er dachte an seinen Job. Wenn es tatsächlich zutraf, dass dieser Rasputin noch lebte – wie auch immer –, dann war er derjenige, der mit dieser Information einiges anfangen konnte.

Samatkin hatte zahlreiche Kontakte. Er arbeitete für mehrere Firmen, wie er immer sagte. Er war jemand, der Informationen verkaufte. Er war so etwas wie ein Händler, und das gefiel ihm. Sich auf keinen Arbeitgeber festlegen, alles erst mal abchecken und sich selbst als Weltenbürger bezeichnen.

Oder staatenlos, wobei das nicht stimmte. Seine Mutter war Schottin, sein Vater Russe. So konnte er auf beiden Hochzeiten tanzen, was er auch tat. Er bot seine Dienste den verschiedenen Organisationen an, und er war auch in diesem Fall schon tätig gewesen, obwohl noch kein klares Ergebnis vorlag.

Samatkin hatte seine Fühler nach London ausgestreckt. Dorthin hatte er gute Beziehungen, geschäftliche, keine privaten, aber er war immerhin auf eine bestimmte Art und Weise abgesichert.

Jedenfalls war diese Nacht für ihn ungeheuer wichtig, sie konnte ihn reich machen, denn für bestimmte Informationen zahlten die Dienste gern große Summen. Zudem hatte Samatkin den Vorteil, sie gegenseitig auszuspielen. Er nahm denjenigen, der am meisten zahlte, um seine Informationen loszuwerden.

In der letzten Zeit hatte er sich intensiv darum gekümmert, immer wieder Kontakte erneuert und Fragen gestellt. Es war gut gewesen, denn jetzt endlich hatte sich jemand gemeldet und ihm von einem geheimnisvollen Grab berichtet.

Es war eine Informantin gewesen. Eine Frau mit einer harten Stimme, deren Klang noch jetzt in seinen Ohren nachhallte. Er hoffte, sie auf dem Friedhof zu treffen, denn sie würde ihn zum Grab führen. Das hatte sie ihm zwar nicht deutlich gesagt, aber er nahm es an.

Der tote Informant hatte auch von einer Frau gesprochen, und da dies schon keine Lüge oder tote Spur gewesen war, ging er davon aus, dass auch das noch Kommende stimmen würde.

Rudy Samatkin rechnete eigentlich mit einer tiefen Stille in der Dunkelheit des Friedhofs. Da hatte er sich geirrt, es war nicht still. Auf dem alten Friedhof erwachte das zum Leben, was sich tagsüber versteckt hielt. Die Tiere der Dunkelheit, die nicht zu sehen, aber zu hören waren.

Er kannte die Laute nicht. Mal ein Trappeln, hin und wieder ein Schrei, dann das Geräusch von flatternden Flügeln, wenn Vögel über seinem Kopf ihre Bahnen zogen.

Rudy Samatkin wusste nicht, wie tief er bereits in das Areal hineingegangen war. Von einem großen oder besonders auffälligen Grab war nichts zu sehen. Kein Treffpunkt also, nur die Natur wuchs immer dichter um ihn herum.

Hohe Bäume bildeten durch ihr Laub ein schützendes Dach. Darunter war es stickig. Er atmete den Duft nicht gern ein. Die Luft schien in seinem Mund zu kleben.

Er kam sich vor wie im Dschungel. Auch das Licht brachte nicht mehr viel, denn wohin er auch leuchtete, es gab nichts als diese grüne Dichte, die nur vereinzelt Lücken aufwies.

Ein großes Grab war nicht zu sehen. Kleinere Grabsteine schon. Über sie huschte das Licht hinweg, drang hin und wieder durch die Lücken, aber das war auch alles.

Allmählich breitete sich in seinem Kopf der Gedanke aus, dass er geleimt worden war. Das kam hin und wieder vor, aber Samatkin war jemand, der es gewohnt war, auf den einen oder anderen Informanten zu warten.

Er beschloss, das auch jetzt zu tun. Wenn diese Frau ihn tatsächlich treffen wollte, dann konnte sie das, denn er hatte genügend Zeichen gegeben. Wegen der Dunkelheit war das Licht von überall her deutlich zu sehen.

Samatkin leuchtete noch mal in alle Richtungen und schaltete dann die Lampe aus. Er blickte auf die Uhr. Bis Mitternacht war es nicht mehr weit, und so beschloss er, noch eine Viertelstunde zu warten, um dann den Rückweg anzutreten.

Sollte das hier ein Schlag ins Wasser werden, so nahm er das ebenfalls hin. Er war nur froh, dass er über seinen Job nicht zu viel erzählt hatte. Die eine Institution, die für ihn Ansprechpartner gewesen war, hatte ihm gereicht.

Er verkürzte die Wartezeit mit einer Zigarette. Es war eine französische Marke, deren Rauch so würzig war.

Das Rauchen entspannte ihn zwar, trotzdem war er auf der Hut. Er würde nichts verkehrt machen. Er hatte seine Ohren auf Lauschen gestellt und versuchte dabei, die Laute der Natur zu ignorieren.

Und dann wurde er trotzdem überrascht. Es begann mit einem leisen Lachen. Er hörte es in seiner Nähe und erstarrte. Im ersten Moment wusste er nicht, ob er sich geirrt oder das Lachen tatsächlich gehört hatte. Es gefiel ihm nicht. Er spürte, wie es ihm kalt über den Rücken rann, und seine Hand kroch in Richtung Waffe, die er jedoch noch nicht zog.

Dann hörte er das Lachen erneut. Und diesmal fiel ihm auf, dass es das Lachen einer Frau war. Da entspannte er sich ein wenig.

»Du bist da?«

»Ja.«

Samatkin schaltete seine Lampe wieder an. Er drehte sich im Kreis und leuchtete.

»Lass das!«

Die Stimme hatte hart geklungen. Diese Person verstand offenbar keinen Spaß, und er tat, wie ihm geheißen. Er schaltete die Lampe aus.

»Wo bist du denn?« Er musste die Frage loswerden, weil er ein wenig ärgerlich war.

»In deiner Nähe, keine Sorge.«

»Dann zeig dich.«

»Was und wann ich etwas tue, das bestimme noch immer ich. Merk dir das. Du hast etwas gewollt, nicht ich.«

»Schon klar.«

»Okay, ich bin da.«

Samatkin hörte ein leises Rascheln in seiner Nähe. Er musste sich nach links drehen, um mehr in Erfahrung bringen zu können.

Er sah die Person.

Sie zwängte sich geschmeidig durch eine Lücke zwischen zwei Büschen und blieb vor ihnen stehen. Viel war nicht von ihr zu sehen. Die Frau trug dunkle Kleidung, nur das Gesicht schimmerte heller. Welche Haarfarbe sie hatte, war für Rudy nicht zu erkennen. Jedenfalls war sie nicht blond.

Sie wirkte gelassen und sah nicht aus, als wollte sie ihm an den Kragen gehen. Dennoch hatte er ein ungutes Gefühl. Von dieser Person ging etwas aus, das er keinesfalls als positiv ansah. Obwohl noch nichts passiert war, fragte er sich, ob er richtig gehandelt hatte. Doch ein Zurück gab es nicht mehr.

Er riss sich zusammen, als er nach ihrem Namen fragte.

»Wer bist du?«

Samatkin erhielt eine knappe und klare Antwort.

»Ich heiße Chandra …«

***

Jetzt wusste er Bescheid und war trotzdem keinen Schritt vorangekommen. Der Name Chandra sagte ihm nichts. Obwohl er sich recht gut in der Szene auskannte, hatte er von ihr noch nichts gehört. Aber sie war nicht zu unterschätzen, das sagte ihm seine Erfahrung. Die hatte er im Laufe der Jahre sammeln können, und die hatte ihm auch geholfen, zu überleben.

Er hatte sich vorgenommen, forsch zu Werke zu gehen. Das schob er zunächst mal zurück, denn diese Chandra sah nicht aus, als würde sie sich die Butter vom Brot nehmen lassen. Es war allerdings keine Waffe bei ihr zu sehen, die Person stand einfach nur da und schien auf etwas zu warten.

Da Samatkin nichts sagte, übernahm sie das Wort. »Okay, wir sind hier. Und jetzt will ich von dir wissen, was du von mir willst.«

»Gut. Mir ist etwas zu Ohren gekommen.«

»Und was?«

Samatkin hätte jetzt frei von der Leber weg reden können, doch das tat er nicht. Irgendetwas hemmte ihn, und so sprach er von einem gewissen Geheimnis, das ihm zu Ohren gekommen war.

»Und was ist das?«

»Eine alte russische Geschichte«, erwiderte er flüsternd, als hätte er Angst, dass ihn jemand hören könnte. »Rasputin.« Den Namen hatte er noch leiser ausgesprochen.

Jetzt war er gespannt auf die Reaktion der Frau und hörte zunächst ein leises Lachen, was ihn allerdings nicht beruhigte, da in ihm ein lauernder Unterton mitgeschwungen hatte. So wusste er auch nicht, die Lage richtig einzuschätzen, und wartete auf eine Antwort.

»Was willst du von ihm?«

Rudy überlegte. Diese Frage war nicht schlecht. Sie hatte sich angehört, als würde dieser Rasputin tatsächlich leben. Plötzlich war er aufgeregt. Sein Herz schlug schneller, Schweiß trat ihm aus den Poren. Seine Augen zuckten, und er wusste keine vernünftige Antwort auf diese Frage.

»Los, rede!«

»Ihn sehen!«

»Bitte, das ist doch schon was. Aber wer sagt dir denn, dass sein Leichnam bis heute noch existiert?«

»Ähm – Leichnam?«

»Das sagte ich.«

Samatkin saugte die Luft tief ein. »Nun ja, ich denke da etwas anders darüber.«

»Und wie?«

»Ich hörte, dass es keinen Leichnam gibt. Dass er leben soll. Ja, das sagte man.«

»Und wer?«

Samatkin breitete die Arme aus. »Gerüchte, verstehst du? Aber ziemlich real, meine ich.«

»Ja, schon gut. Nur – wie sollte jemand leben können, der seit gut hundert Jahren tot ist?«

»Keine Ahnung.«

»Eben!«, lautete die knappe Antwort.

Damit gab sich Samatkin nicht zufrieden. »Aber Rasputin war kein normaler Mensch, das weiß doch jeder.«

»Was war er dann?«

Samatkin senkte den Blick. »Er ist so etwas wie ein Übermensch gewesen. Ein Magier, ein Mystiker, ein Wissenschaftler, eigentlich alles in einem.«

»Und unsterblich?«

»Ja, das denke ich mir, obwohl ich es mir kaum vorstellen kann. Aber in dieser Welt gibt es immer Ausnahmen.«

»Du sagst es.«

Seine Zuversicht erhielt wieder Nahrung. »Und wenn ich so danebengelegen hätte, wärst du nicht hier, oder wie muss ich das sehen?«

»Das kann man so auslegen.«

Samatkin grinste. »Dann kann ich hoffen?«

Chandra hob die Schultern. »Was ist, wenn du ihn tatsächlich siehst?«

»Ha – das wäre – das wäre für mich der reine Wahnsinn, verstehst du? Das – das – ich würde jubeln, weil ich zu den wenigen Eingeweihten gehören würde.«

Sie nickte und schnalzte mit der Zunge. »Und du würdest das Geheimnis für dich behalten?«

»Klar.« Samatkin war Profi. Er log, ohne dass man es ihm ansah.

Chandra ließ nicht locker. »Aber was hättest du davon?«

Auch darauf wusste der Mann eine Antwort. Er hatte sich eben gut vorbereitet. »Ich wäre einer derjenigen, die die Wahrheit kennen, das würde mich glücklich machen.«

»Sonst nichts?«

»Ja.«

Chandra lachte leise. Und dieses Lachen gefiel ihm nicht. Er hatte den Eindruck, als wüsste sie mehr und würde ihm bis auf den Grund der Seele schauen können. Samatkin musste damit rechnen, dass sie ihn durchschaute. Dieses neue Wissen, wenn es denn der Wahrheit entsprach, war phänomenal. Man würde viel Geld dafür bezahlen, und darauf kam es ihm an.

Chandra nickte. »Gut«, sagte sie, »ich möchte nicht, dass du den Weg umsonst gemacht hast.«

»He.« Er streckte seinen rechten Arm aus. »Soll das heißen, dass du zustimmst?«

»Klar, das soll es.«

Er pfiff durch die Zähne. »Und weiter?«

»Es ist alles klar. Ich habe mich entschieden. Du willst Rasputin sehen, du hast dir viel Mühe gemacht, also werden wir jetzt zu ihm gehen …«

***

Das war für Samatkin kaum zu fassen. Er hatte plötzlich den Eindruck, die Bodenhaftung zu verlieren.

Sollte sich sein großer Traum tatsächlich erfüllen?

In seinem Kopf wirbelten die Gedanken, sodass er kaum merkte, wohin diese Chandra ihn führte. Jedenfalls blieben sie auf dem Friedhof und gingen dorthin, wo die Natur eine noch dichtere Wand gebildet hatte.

Sie kannte den Weg offenbar. Sie machte ihn auch frei, indem sie Hindernisse zur Seite schob. Sie passierten verschieden hohe Grabsteine, einen Weg sah er nicht mehr und er blieb dicht hinter der vorangehenden Chandra, die immer wieder Buschwerk zur Seite schlug, um sich freie Bahn zu verschaffen.

Rudy Samatkin fragte sich, wie lange er noch über den Friedhof wandern musste. Er hatte sich ihn gar nicht so groß vorgestellt. Manchmal hatte er auch den Eindruck, dass sie sich im Kreis bewegten, doch da irrte er sich.

Und dann waren sie da. So plötzlich, dass Samatkin gegen den Rücken der Frau lief, die plötzlich stehen geblieben war.

»Wir sind da!«, erklärte sie.

»Wo?« Er kam sich bei der Frage irgendwie dumm vor.

»Schau nach vorn.«

Das tat er und musste zunächst passen, denn für ihn war nicht viel zu erkennen. In der Dunkelheit malte sich zwar ein größerer Gegenstand ab, das war aber auch alles.

»Was ist denn hier?«

Chandra trat jetzt neben ihn. So konnte sie in sein Ohr flüstern. »Sein Grab.«

Das war für Samatkin eine enttäuschende Antwort.

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