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John Sinclair - Folge 1738

Der Dämonen-Dom

(2. Teil)

»Ich will nicht, dass sie erwachen«, hatte Serena gesagt.

Für mich hatte sie in Rätseln gesprochen, deshalb hatte ich nachgehakt.

»Was soll nicht erwachen?«

»Die Dämonen«, hatte Serena geantwortet.

Ich war wieder ganz Ohr gewesen. »Welche Dämonen denn?«

»Die am Dom.«

Ich war schon fast an der Tür, als mich die Worte erreicht hatten. Jetzt drehte ich mich wieder um und wartete auf eine Erklärung.

Das merkte die Frau mit den roten Haaren. »Ja, an der Kirche sind Dämonen.«

Ich ging wieder einen Schritt in den Wohnraum hinein. »An oder in?«

»An, denke ich.«

Ich nickte. Was mir die Mystikerin da gesagt hatte, war nichts Neues für mich. Nicht wenige Kirchen, Kathedralen oder Dome waren von außen mit schaurigen Gestalten aus Stein gespickt, um zu zeigen, dass das Böse keine Chance hatte, in das Innere des Gotteshauses zu gelangen. Um so etwas zu finden, musste man nicht lange suchen.

Als ich Serena anschaute, wurde ich den Eindruck nicht los, dass sie mir nicht alles gesagt hatte. Es lag wohl an ihrem Blick, den sie gesenkt hielt.

»War da noch was?«, fragte ich.

»Ja, möglich.«

»Und was?«

»Es hängt mit den Dämonen zusammen. Ich bin mir nicht sicher, ob sie nicht auch den Weg in den Dom gefunden haben. Es könnte durchaus möglich sein.«

»Aha. Und das war damals …?«

»So ist es. Ich bin ja dort gewesen. Ich habe geheilt, aber es gab auch Störungen, und die waren nicht normal. Die erreichten mich von einer anderen Seite her.«

Ich wollte es genauer wissen. »Von diesen Dämonen, von denen du gesprochen hast?«

»Ja.«

Was sollte ich dazu sagen? Im Moment nichts. Es war alles vage, es konnten nur Vermutungen sein, aber ich wollte darauf keine Wette eingehen. Es war durchaus möglich, dass sie recht hatte.

Serena war eine besondere Person, die aus der Vergangenheit stammte und einige Hundert Jahre überlebt hatte. Eine genaue Zahl war mir nicht bekannt, aber man konnte sie schon als Phänomen bezeichnen.

Ich fixierte sie und stellte fest, dass sie den Blick niederschlug.

Wie jemand, der ein schlechtes Gewissen hat. Deshalb wollte ich wissen, ob sie noch etwas wusste, das für mich wichtig war.

»Nein, im Augenblick nicht. Ich – ähm – es kann allerdings sein, dass mir noch etwas einfällt. Die Erinnerung ist auch teilweise verschüttet, aber ich glaube, dass sie zurückkehren wird. Man muss mir nur Zeit geben.«

Mein Lächeln sollte sie aufmuntern, aber meine Reaktion war nicht unbedingt echt. Ich machte mir schon Sorgen, denn es ging nicht allein um die geheimnisvolle Mystikerin Serena. Da gab es noch jemanden, der mir Sorgen bereitete, und das war die Blutsaugerin Justine Cavallo.

Sie mischte hier mit. Sie war der Joker und der eigentliche Anlass, dass ich mich hier aufhielt. Geholt worden war ich von Bill Conolly, der mit seiner Frau hier in Tirol Urlaub machte. Ihnen war plötzlich Justine Cavallo über den Weg gelaufen, was einem Paukenschlag glich. Wo sie auftauchte, waren das Grauen und der endlose Vampirtod meistens nicht weit, und so hatte mich mein alter Freund Bill angerufen und mich um Unterstützung gebeten.1)

Zusammen mit Bill Conolly, der seine Frau Sheila im Hotel gelassen hatte, war ich zum Haus Professor Leitners gefahren, der hier bestimmten Forschungen nachging und auch einen großen Erfolg erreicht hatte. Wir waren davon ausgegangen, auch die Cavallo bei ihm zu finden. Bisher hatten wir sie nicht entdeckt. Aber Bill hatte sich von mir getrennt und war im Haus unterwegs, um es zu durchsuchen.

Ich war hier unten im Wohnraum abgelenkt worden. Jetzt aber machte ich mir schon Gedanken um meinen ältesten Freund, der bereits recht lange verschwunden war.

Ich sprach den Professor an. »Ich werde in der Zwischenzeit nach oben gehen und nach Bill Conolly Ausschau halten.«

»Tun Sie das.«

Ich war es gewohnt, auf meine innere Stimme zu hören. Sie meldete sich nicht immer, jetzt allerdings hatte ich den Eindruck, dass ich etwas tun musste oder auch was versäumt hatte. Es herrschte schon eine gewisse Unruhe in mir.

Ich wollte in der ersten Etage nach Bill suchen. Gehört hatte ich nichts von ihm, die Sorgen wurden nicht kleiner, und ich drehte mich um. Zwei Schritte brachten mich in den Flur.

Und dann glaubte ich, in einer Zeitschleife zu stehen, die den normalen Ablauf abwürgte.

Jemand schrie meinen Namen.

Ich schaute zur Treppe hin, denn von dort hatte mich der Schrei erreicht. Mein Blick ging bis zum Ende hoch, wo mein Freund Bill Conolly stand.

Er war nicht allein.

Vor seinen Füßen lag eine Frau, der er jetzt einen Tritt gab und dafür sorgte, dass sie die Stufen der Treppe hinab nach unten rollte.

Ich wollte es nicht glauben.

Die Blonde war Justine Cavallo!

***

Für die Vampirin gab es kein Halten mehr. Sie rollte über die Stufen der Treppe, schlug immer wieder mit harten Geräuschen auf, überschlug sich und prallte oft mit dem Kopf gegen das helle Holz.

Sie bekam immer mehr Schwung, und ich musste letztendlich zur Seite springen, um von dem rutschenden Körper nicht erwischt zu werden.

Auf dem Boden glitt sie noch weiter, dann kam sie zur Ruhe, und ich wusste nicht, wohin ich schauen sollte. Noch zur Treppe oder zu der still liegenden Justine Cavallo, von der ich annahm, dass sie jeden Augenblick aufspringen und mir an die Kehle gehen wollte.

Das geschah nicht. Sie blieb liegen, und mich wunderte das so stark, dass ich aufstöhnte. Nachdem einige Sekunden nichts passiert war, drehte ich den Kopf und schaute die Treppe hoch, weil ich bestimmte Laute gehört hatte.

Bill kam sie langsam herab. Da es nicht dunkel war, sah ich sein Gesicht und natürlich auch seinen Mund, der zu einem Lächeln verzogen war.

Erst als er mich fast erreicht hatte, deutete ich auf die Cavallo. »Das ist doch keine Doppelgängerin – oder?«

»Bestimmt nicht.«

»Und wieso …?«

Bill ließ die letzte Stufe hinter sich. Davor blieb er stehen und breitete die Arme aus.

»Ich habe auch keine Ahnung. Natürlich habe ich damit gerechnet, sie anders zu erleben, doch als ich sie fand, da hockte sie in einem Kleiderschrank und war nicht in der Lage, sich zu erheben, um mich anzugreifen.«

Ich gab keinen Kommentar ab und schaute sie ungläubig an. Ja, es war kein Witz, keine Täuschung. Sie lag tatsächlich vor meinen Füßen und tat nichts. Das Gesicht sah ich nicht, weil sie auf der Seite lag.

So bückte ich mich, und es war schon seltsam, als ich sie anfasste wie einen normalen Menschen und auch nichts geschah, denn sie ließ sich widerstandslos auf den Rücken drehen.

Jetzt sah ich in ihr Gesicht, und sie schaute mich an.

War das Gesicht stets glatt gewesen, so hatte es sich jetzt verändert. Ich glaubte nicht, dass sie unter irgendwelchen Schmerzen litt. Dass sie ihren Mund verzogen hatte, lag wohl eher daran, wie sehr sie sich ärgerte.

Aber was hatte sie so werden lassen? In eine hilflose Person verwandelt, die nicht mal versuchte, auf die Beine zu gelangen, und einfach nur liegen blieb. Sie sprach mich auch nicht an. Sie schickte mir keine Drohungen entgegen, sie lag vor meinen Füßen auf dem Boden, und erst jetzt begriff ich richtig, dass ich es mit einer wehrlosen Person zu tun hatte.

»Sag was, Bill.«

Er lachte stockend. »Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Sie hat sich wohl im Schrank versteckt, kann sein, dass sie es vor uns getan hat, denn sie ist ja nicht dumm. Sie weiß genau, was sie sich zutrauen kann und was nicht, in diesem Fall anscheinend nichts. Sie hat sich verkalkuliert. Jetzt sind wir die Sieger und nicht sie.«

Ja, so sah es aus. Ich konnte nur den Kopf schütteln, weil ich es nicht begriff. Ich dachte daran, was wir alles mit dieser Unperson erlebt hatten. Sie hatte mal auf unserer Seite gestanden, aber das war seit einiger Zeit vorbei. Sie hatte die Seiten gewechselt, sogar die Seele ihres Todfeindes Dracula II steckte in ihr, und sie hielt sich eigentlich für unbesiegbar, was auch wir befürchteten.

Und jetzt dies.

»Ja«, sagte Bill, »das ist es wohl gewesen. Du kannst deine Pistole nehmen und ihr eine Silberkugel in den Kopf jagen. Du kannst sie mit dem Kreuz verbrennen oder ihr den Kopf abtrennen, sie wird dich nicht daran hindern können.«

»Das ist wohl wahr.« Alle Chancen lagen auf meiner Seite. Sie würde sich nicht wehren können, wenn ich sie tötete. Aber wollte ich das wirklich? Eigentlich schon, nur nicht so. Sie war schlimm, sie war grausam, sie kannte keine Gnade, das alles stimmte, das hatten wir auch oft genug erlebt, doch jetzt lag sie als absolut wehrlose Person vor mir, und da widerstrebte es mir, sie zu töten. Mochte man mich auch für einen Softie halten, ich hatte da meine Probleme.

Es kam noch etwas hinzu. Justine Cavallo hatte sich so radikal verändert. Und ich wollte den Grund erfahren. Es musste ihn geben, aber ich war nicht mal in der Lage, mir etwas vorzustellen. Deshalb hoffte ich, dass sie uns aufklären konnte.

Ich wandte mich an Bill. »Kann sie aufstehen?«

»Ich denke nicht.«

»Was? So schwach ist sie?«

»Ich habe sie über den Boden schleifen müssen, sie konnte nicht allein gehen. Fragt sich nur, wie lange ihr Schicksal anhält. Ich glaube nicht, dass es zeitlich unbegrenzt ist.«

»Das kann sein. Ich möchte nur wissen, wie sie in diesen Zustand hineingeraten ist.«

Natürlich machte ich mir meine Gedanken, wurde jedoch davon abgelenkt, als ich an der Tür eine Bewegung sah. Dort erschien Professor Ludwig Leitner, der die Cavallo ebenfalls kannte. Wir ließen ihm Zeit, die Person anzuschauen. Er war blass geworden, schluckte heftig, und ebenso heftig bewegte sich sein Adamsapfel.

»Ist sie tot?«

»Nein«, sagte Bill. Dann erklärte er, wo und wie er sie gefunden hatte.

Leitner stieß schnaufend den Atem aus. »Das kann ich mir im Moment auch nicht erklären.«

»Aber eine Erklärung muss es geben«, sagte ich.

»Bestimmt.«

»Wir sollten darüber nachdenken und sprechen.«

»Hier?«

»Im Wohnzimmer«

»Gut.« Der Professor drehte sich wieder um und betrat den Raum.

Ich hatte den Vorschlag nicht ohne Hintergedanken gemacht, denn im Wohnzimmer hielt sich Serena auf, die nach einem Schlaf über Jahrhunderte hinweg, versteckt in einer Höhle in einem Glassarg, von dem Professor und einem einheimischen Bergführer gefunden worden war.

Der Professor hatte sich mit der legendären Person Serena beschäftigt. Er hatte geforscht, gesucht und sie schließlich auch gefunden.

Leider nicht nur er, denn auch die Blutsaugerin Justine Cavallo hatte sich auf die Suche begeben und ebenfalls Erfolg gehabt. Aber sie hatte Serena aus anderen Gründen finden wollen, denn ihr ging es um das besondere Blut, das in ihr floss. Es war das Blut einer Heilerin, denn so war Serena zu ihren Lebzeiten angesehen worden. Als eine Heilerin, die viele Menschen glücklich und gesund gemacht hatte.

Jetzt saß sie im Wohnzimmer des Ferienhauses, das der Professor gemietet hatte, und bewegte sich nicht. Sie schaute durch die offene Tür in den Flur und bekam auch mit, dass ich mich bückte und der Cavallo beide Hände entgegenstreckte.

»Komm hoch!«

»Nein!«

Hatte die Antwort gequält geklungen? Ich war mir nicht sicher, aber es konnte sein. Sie war schwach, und sie wollte wohl auch nicht, dass ich ihr half.

Vor ihr stehend und auf sie nieder blickend schüttelte ich den Kopf. »Die Fronten haben gewechselt, Justine. Ich glaube nicht, dass du noch in der Lage bist, Forderungen zu stellen oder etwas abzulehnen. Du wirst das tun müssen, was wir verlangen, so ist das eben in deinem Zustand, der bestimmt noch eine Weile andauern wird.« Den letzten Satz hatte ich gesagt, um sie zu provozieren, aber darauf ließ sie sich nicht ein. Sie schaute mich nur an, und diesen Blick kannte ich. Er war völlig gefühllos und einfach nur leer.

»Du kannst also nicht von allein aufstehen.« Ich hob die Schultern an. »Okay, dann machen wir es anders.« Langes Reden hatte keinen Sinn. Ich bückte mich noch tiefer, packte ihre Arme und zog die Cavallo hoch, ohne sie loszulassen. Mit dem größten Teil des Oberkörpers blieb sie auf dem Boden liegen, und wie mein Freund Bill es getan hatte, so schleifte ich sie weiter.

Bill war bereits ins Wohnzimmer gegangen. Er wartete dort auf mich, ebenso wie Serena und der Professor. Bill half mir, Justines Körper auf einen Sessel zu hieven und ins Polster zu drücken.

Da blieb sie hocken.

Wir schauten sie an, Bill sah mich an, und er schüttelte einige Male den Kopf. »Ich kann es noch immer nicht glauben. Das ist der Sieg über die große Blutsaugerin. Die Herrscherin über die Vampire. Die Königin der Dunkelheit. Und was ist sie jetzt? Ein Nichts. Ein schlaffer Körper. Eine Frau, über die man sich amüsieren kann, wenn man bedenkt, wer oder was sie früher mal gewesen ist.«

Ich hatte Bill reden lassen. Er hatte einfach etwas loswerden müssen. Die gleichen Worte hätte auch ich sagen können, hielt mich aber zurück. Und so warteten wir ab, ob der Professor oder auch Serena etwas hinzufügen wollten.

Ludwig Leitner sah eher aus, als wollte er nichts sagen und sich zurückhalten. Er schaute zur Seite oder gegen die Decke.

Ganz anders Serena. Sie sah die Cavallo an. Und ihr Blick zeigte keinen freundlichen Ausdruck. Er war eher abweisend. Darüber machte ich mir meine Gedanken, denn ich ging davon aus, dass sie besser darüber informiert war, wie Justine in diesen so schwachen Zustand geraten war.

Da Serena keine Anstalten traf, etwas zu sagen, unterbrach ich das Schweigen und schaute die Mystikerin dabei an.

»Was hat sie so schwach werden lassen? Kannst du uns eine Erklärung geben?«

Die Person mit der roten Haarflut hielt sich mit einer Antwort zurück. Sie wartete ab, vielleicht dachte sie auch nach, und sie ließ die Cavallo dabei nicht aus dem Blick.

Ich wollte sie erneut auffordern, als sie ihren Mund bewegte und zu sprechen anfing.

»Sie ist zu gierig gewesen«, murmelte sie.

Ich verstand, aber Bill kam mir zuvor.

»Nach Blut?«, fragte er.

»Ja. Nach meinem Blut. Sie musste es trinken. Sie hat mir die Wunden beigebracht. Sie hat es geleckt, getrunken. Sie war einfach zu gierig.«

»Aber warum ist sie so schwach?«, fragte Bill weiter. »Blut ist ihre Nahrung.«

Die Mystikerin dachte nach. »Ja, das muss wohl so sein«, gab sie zu, »aber nicht immer. Blut ist nicht gleich Blut. Besonders nicht das einer Heilerin. Ich glaube, dass sie es nicht hätte trinken sollen, denn es gibt ihr nicht die Kraft, sondern genau das Gegenteil davon.«

***

Ja, das war es. Das musste es einfach sein. Serena hatte den Punkt getroffen. Dieser Saft, der in den Adern der Heilerin und Mystikerin floss, hatte nichts mehr mit dem normalen Blut eines Menschen zu tun. Es war anders, es war für einend Vampir unerträglich und machte ihn schwach. Es raubte die Kraft, auf die Justine Cavallo so stolz gewesen war, und das war ausgerechnet noch im Beisein ihrer härtesten Feinde geschehen. Das war für sie einfach zu viel.

»Sag was, John.«

Ich nickte Bill zu. »Das muss es sein, das ist genau die Lösung gewesen. Sie hat das falsche Blut getrunken.«

Er atmete ein und nickte. »Dann war es das für sie.«

Nun ja, so einfach sah ich das nicht. Ich ging nicht davon aus, dass damit alle Probleme aus dem Weg geräumt waren. Wir steckten hier fest, wir hatten die Cavallo am Hals, aber nicht nur sie, denn es gab noch ein zweites Problem mit dem Namen Serena.

Was sollte mit ihr passieren? Wie sah die Zukunft dieser Person aus, die schon so lange existierte?

Konnten wir sie allein lassen, oder würde sich der Professor um sie kümmern?

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