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John Sinclair - Folge 1735

Haus der Verfluchten

Das harte Klopfen am Fenster schreckte Fiona Ross aus dem Halbschlaf. Für einige Augenblicke saß sie bewegungslos und überlegte, ob sie das Klopfen gehört hatte oder nicht.

Die Entscheidung wurde ihr abgenommen, denn es klopfte erneut.

Jetzt war sie wach!

Sie drehte ihren Kopf und schaute zum Fenster hin. Viel sah sie nicht. Es war die Zeit, in der sich der Tag verabschiedet hatte, die Nacht aber noch nicht die Dunkelheit über die Welt gelegt hatte. So war die Einfahrt, die den Hinterhof von der Straße trennte, kaum zu sehen. Die einzige Lampe in der Nähe war nicht mehr als Dekoration, denn ihr Licht erreichte kaum den unebenen Boden.

Aber wer hatte geklopft?

Die Frau sah keine menschliche Gestalt, die etwas gegen die Scheibe geworfen hätte. Es war wirklich ein Klopfen gewesen.

Sie konzentrierte sich, atmete dabei schneller als sonst und schien in ihrem Sessel zu kleben. Das Herz in ihrer Brust pumpte, in ihrer Kehle war es trocken geworden. Den Geschmack im Mund konnte sie ebenfalls vergessen.

All dies waren die Begleitumstände einer Angst, die sie erfasst hatte. Fiona Ross hatte gedacht, einen ruhigen Abend zu verbringen, endlich mal wieder. Seit einigen Tagen – oder waren es schon Wochen? – lebte sie allein. Ihr Mann hatte sie verlassen, und sie war nicht in der Lage gewesen, diese Tatsache zu kompensieren, nun spürte sie den Druck besonders intensiv.

Was tun?

Sie hatte keine Ahnung. Alles, was ihr durch den Kopf schoss, konnte verkehrt sein. Aber sie wollte auch nicht nur im Sessel hocken und abwarten. Dass hier gegen die Scheibe geklopft worden war, das hatte sie sich nicht eingebildet.

Das Fenster war weit nach unten gezogen, sodass die Fläche recht groß war.

Und wieder klopfte es.

Diesmal sogar härter, und das Geräusch sorgte dafür, dass die Frau noch stärker zusammenzuckte. Vor dem Klopfen hatte sie für einen Moment auf den Boden geschaut. Jetzt riss sie ihren Blick in die Höhe, starrte auf die Scheibe – und saugte die Luft scharf ein.

Dort stand jemand.

Und sie sah auch, wer es war.

Gary, ihr Mann!

***

Fiona Ross stand nicht auf, um zum Fenster zu laufen. Sie war einfach nicht fähig, so zu handeln, sie musste zunächst mit diesem Anblick fertig werden.

Gerechnet hatte sie damit nicht. Ihr Mann war seit einiger Zeit verschwunden. Er hatte sie verlassen, ohne einen Abschiedsgruß. Sie und ihr Sohn Benny waren allein zurückgeblieben.

Nach zwei Tagen hatte Fiona Ross eine Vermisstenanzeige aufgegeben. Gebracht hatte sie nichts. Gary war und blieb verschwunden. Er meldete sich auch nicht durch einen Telefonanruf. Und so hatte sich Fiona mit dem Gedanken abgefunden, verlassen worden zu sein, weil Gary es zu Hause nicht mehr ausgehalten hatte.

Es gab auch noch eine zweite Möglichkeit, mit der sie sich beschäftigt hatte. Gary konnte nicht mehr zurückkommen, weil er nicht mehr lebte. Irgendjemand hatte ihn umgebracht. Vielleicht war er auch verunglückt, genau darüber hatte Fiona intensiver nachgedacht, und dieses Thema hatte auch zu diesen Schlafstörungen geführt.

Und jetzt war er da. Gary war zwar nicht deutlich zu sehen, sie erkannte ihn einzig und allein am Umriss seiner Gestalt. Seine kantigen Schultern fielen auf.

Eigentlich hätte sie aufstehen und hinrennen müssen, was sie nicht tat. Zunächst nicht. So blieb sie in ihrem Sessel sitzen und wartete ab.

Gary Ross tat nichts. Er bewegte sich nicht, er hämmerte auch nicht mehr gegen die Scheibe. Er stand einfach nur da und glotzte ins Innere des Zimmers. Jetzt schob er sein Gesicht näher an die Scheibe heran und war deshalb deutlicher zu sehen. Das lag an seiner Blässe, die ihr sofort auffiel.

Fiona Ross wusste nicht, was sie tun sollte. Zu überraschend war ihr Mann wieder aufgetaucht. Eigentlich hätte sie jubeln müssen, nun kam er ihr vor wie ein Fremder, und sie hockte weiterhin im Sessel und tat nichts.

Sie rannte nicht zur Tür, um Gary zu öffnen. Sie trat auch nicht ans Fenster, stattdessen blieb sie starr im Sessel hocken, ohne was zu tun.

Und dann tat sich doch etwas. Nicht bei Fiona. Dafür bei ihrem Mann. Zuerst zuckte sein Körper nur, dann ging er einen Schritt nach vorn auf die Scheibe zu. Dabei geriet er ins Stolpern. Er fiel nach vorn, fand keinen Halt mehr und prallte gegen das Glas. Er wollte sich noch abstützen, zu spät, es war nicht zu schaffen, und so drückte er sein Gesicht gegen die Scheibe, das auf Fiona wie ein teigiger Fleck wirkte.

Es war die Bewegung ihres Mannes, die sie aus ihrer Erstarrung riss. Plötzlich war ihr klar, dass sie helfen musste, und sie raffte sich auf. Es war kein normales Aufstehen. Sie kam nur schwerfällig auf die Beine, aber sie schaffte es und behielt dabei das Fenster im Blick.

Ihre Knie zitterten, als sie sich der Scheibe näherte. Eigentlich hätte sie sich über die Rückkehr ihres Mannes freuen müssen. Das war bei ihr leider nicht der Fall. Sie fürchtete sich sogar.

Gary hatte sich jetzt abgestützt, sodass sein Gesicht nicht mehr die Scheibe berührte. Seine Augen waren weit geöffnet. Er hielt auch den Mund nicht geschlossen, und sie sah, dass seine Wangen zuckten.

Es war ihr Mann, daran gab es keinen Zweifel. Aber er war ihr auch fremd. So hatte sie ihn noch nie gesehen. In den Tagen seines Verschwindens musste etwas Schlimmes mit ihm geschehen sein.

Fiona Ross hatte sich noch nicht entschieden. Allerdings wollte sie ihren Mann auch nicht vor dem Haus stehen lassen, das brachte sie nicht fertig. Wenn wenigstens Benny, ihr Sohn, im Haus gewesen wäre, dann hätte sie ihn fragen können. Aber Benny war unterwegs, und so musste sie allein eine Entscheidung treffen.

Wieder sah sie das Gesicht vor sich. Es kam ihr nicht mehr so blass vor. Jetzt sah es mehr aus wie Asche, aber das waren nur Nebensächlichkeiten.

Sie hatte sich entschieden. Sie musste ihren Mann ins Haus lassen, dann würde sie weitersehen. So wie er wirkte, brauchte er sicherlich Hilfe.

Mit der Hand gab sie ihm Zeichen, damit er verstand, was sie vorhatte. Dann drehte sie sich um und verließ den Wohnraum, um zur Tür zu gehen. Auch ihre Knie zitterten. Sie musste sich immer wieder zusammenreißen. Bevor sie die Tür öffnete, blieb sie stehen und atmete erst mal tief ein.

»Hoffentlich mache ich alles richtig«, flüsterte sie, dann zog sie die Tür auf, die nicht verschlossen war. Die warme Abendluft traf ihr Gesicht. Die umstehenden Häuser warfen Schatten in den Hinterhof hinein. Etwas weiter entfernt gaben zwei Lampen ihr Licht ab.

Ihr Mann war noch nicht da.

Fiona schüttelte den Kopf. Sie war darüber schon ein wenig verwundert, gab jedoch nicht auf, sondern rief seinen Namen mit halblauter Stimme. Er musste doch etwas gesehen und auch jetzt gehört haben.

Ja, er kam.

Sie sah ihn noch nicht. Dafür hörte sie seine schlurfenden Schritte von der rechten Seite her. Fiona drehte den Kopf und ging dabei einen Schritt vor.

Er kam.

Er schwankte.

Er stolperte und hatte große Mühe, sich auf den Beinen zu halten. Sie wollte ihm schon die Arme entgegenstrecken, um ihn zu stützen, als er die Haustür erreichte.

Vor seiner Frau hielt er an. Auch diesmal geriet er ins Schwanken. Fiona fasste nach ihm, um ihn zu halten, und als sie ihn berührte, da spürte sie, dass seine Haut eiskalt war. Sie hatte damals beim Leichnam ihrer Mutter das Gleiche gefühlt. Deshalb erschauderte sie auch. Und doch riss sie sich zusammen, um ihren Mann ins Haus zu ziehen.

Er ging. Er schwankte weiter. Aber er blieb noch im Flur stehen, nicht weit von der Deckenleuchte entfernt, die ein glasiges Licht verbreitete.

Er wollte nicht mehr weiter und sich einfach nur ausruhen. Er kippte nach hinten, fand für einen Moment Halt an der Wand, an der er dann nach unten rutschte und in der Hocke sitzen blieb.

Fiona hörte ihren Mann keuchen und auch schluchzen. Plötzlich tat er ihr leid. Er musste sich mit riesigen Problemen herumschlagen, die ihn bedrückten und die er nicht von sich aus preisgeben wollte. Offenbar wartete er erst auf die Frage seiner Frau.

»Was ist los, Gary?«

Er musste sich sammeln, um die Antwort zu keuchen. »Ich bin wieder da.«

»Ja, das sehe ich.«

»Aber ich bin nicht mehr der, den du kennst. Ich bin nicht mehr wie sonst.«

Das verstand Fiona nicht. »Warum nicht, Gary? Was ist denn passiert, zum Teufel?«

Wieder quälte er sich die Antwort ab. Es fiel ihm jedes einzelne Wort schwer.

»Man – man – hat – ahhh …«

»Bitte!«, flüsterte Fiona scharf, die vor ihm stand und auf ihn nieder schaute.

Gary Ross hob den Kopf etwas weiter an. Auch das geschah mühsam. Dann hatte er sich wieder gefangen und wiederholte das, was er hatte sagen wollen.

»Man – man – hat mich verflucht …«

***

Es gibt immer wieder Termine, die sich Jahr für Jahr wiederholen. Das war bei mir nicht anders als bei anderen Menschen auch. Dazu gehörte der sommerliche Besuch bei meinen Freunden, den Conollys. Man konnte auch von einer kleinen Gartenfete sprechen, zu der sie eingeladen hatten.

Natürlich an einem Wochenende, aber diesmal hatten die Conollys etwas Pech gehabt.

Suko und Shao waren zu einer Hochzeit eingeladen. Jemand aus Shaos Computer-Klub heiratete, und Suko musste mit, was ihm nicht so recht passte.

Jane Collins konnte nicht. Sie war von einer Sommergrippe erwischt worden und lag flach.

Ich kam gern, aber allein wollte ich auch nicht zu den Conollys. Zum Glück hatte Glenda Perkins zugesagt, und so würden nur wir beide Gäste der Party sein.

Es ließ sich nicht anders machen. Die nächsten Termine waren bei den Conollys besetzt, und so fuhren Glenda und ich als Paar hin. Wir nahmen den Wagen. Es stand noch nicht fest, ob wir bleiben und übernachten würden oder mitten in der Nacht wieder fuhren. Glenda hatte sich vorgenommen, nichts oder nur ganz wenig zu trinken. Aber es konnte auch sein, dass sie diesen Vorsatz vergaß, und da würden wir dann bei den Conollys den Rest der Nacht bleiben.

Das Wetter spielte mit. Es war kein Regen angesagt worden, obwohl eine Veränderung bevorstand. Die aber sollte erst am übernächsten Tag eintreten. Denn jetzt war es noch warm genug, um die Nacht im Freien verbringen zu können.

Ich holte Glenda ab, die ihre recht große Beuteltasche auf den Rücksitz warf.

»He, willst du verreisen?«

»Wieso?«

»Na, bei der Tasche.«

Sie warf mir einen verhangenen Blick zu. »Man kann nie wissen, was noch kommt. Und deshalb muss man auf alles vorbereitet sein, denke ich mir.«

»Da hast du recht«, erwiderte ich lächelnd und fuhr an.

***

Fiona Ross stand auf dem Fleck und war nicht fähig, einen klaren Gedanken zu fassen. Über ihre Lippen drang kein Wort.

Habe ich mich verhört, fragte sie sich, oder bin ich nicht mehr richtig im Kopf?

Ihr Mann hockte weiterhin vor ihr und stöhnte leise vor sich hin. Er hatte nur einen Satz gesagt und fügte keinen zweiten hinzu. Oder eine Erklärung. Er war einfach nicht mehr der Mensch, den seine Frau kannte.

Aber er war wieder im Haus. Er war zurück, und das sah Fiona als positiv an. So schaffte sie es auch, die negativen Gedanken zu verdrängen und zum Thema zurückzufinden.

»Bitte, Gary, ich – ich – habe dich zwar verstanden, aber ich kann es nicht fassen. Was ist mit dir passiert? Was hast du da gesagt?«

Er musste sich erst aufraffen, um wieder sprechen zu können. Erneut klang seine Stimme leise.

»Man hat – man hat – mich verflucht. Ja, so ist es gewesen.«

Fiona nahm es hin. Ich muss klar bleiben. Ich darf jetzt nicht ausflippen, und ihre Frage stellte sie mit einer fast normal klingenden Stimme.

»Wer hat dich verflucht?«

Zunächst erhielt sie keine Antwort, dann gab er sie doch.

»Es waren die anderen.«

»Welche anderen?«

»Keine Ahnung …«

»Aber du musst doch wissen, wer dir das angetan hat und für deinen Zustand verantwortlich ist!«

Er senkte den Kopf. Er schüttelte ihn. Er konnte oder wollte nicht reden, so jedenfalls sah seine Frau es. Und sie sah ein, dass es wohl keinen Sinn hatte, wenn sie ihn weiterhin bedrängte. Entweder sprach er freiwillig oder gar nicht.

Gary war hier nicht fremd. Es war sein Zuhause, und das hatte seine Frau nicht vergessen. Sie streckte ihm beide Hände entgegen, um ihn auf die Beine zu ziehen.

»Bitte, Gary, steh auf. Du kannst hier nicht sitzen bleiben. Ich helfe dir.«

Er nickte, bewegte sich aber nicht. So ergriff Fiona Ross die Initiative und zog ihren Mann hoch, was nicht einfach war, denn er half kaum mit.

Schließlich stand er auf den Beinen, schwankte aber und holte pfeifend Luft.

»Komm, ich bringe dich ins Wohnzimmer. Dort setzt du dich hin, bekommst etwas zu trinken, und dann können wir reden.«

»Ja«, murmelte er, »ja.« Er ließ es auch zu, dass Fiona ihn stützte und mit ihm auf das Zimmer zuging, in dem sie zuvor gesessen hatte.

Beide sprachen nicht. Nur Fiona keuchte, denn es war nicht leicht, ihren Mann zu führen. Sie gingen die kurze Strecke mehr schleppend als normal, dann endlich traten sie über die Schwelle und schlurften in das Zimmer, wo der jetzt leere Sessel mit der hohen Lehne stand, in den Fiona ihren Mann schob.

Durch das Gewicht sackte die Sitzfläche ein, und Gary Ross gab einen erleichtert klingenden Seufzer von sich.

Fiona blickte in das Gesicht mit der veränderten Hautfarbe. Sie hatte Mühe, normal zu bleiben. Mit leiser Stimme sagte sie: »Ich gehe jetzt und hole dir was zu trinken. Ist das okay?«

Er nickte nur.

Fiona verschwand in der Küche. Sie wusste, dass ihr Mann gern diese Energiedrinks zu sich genommen hatte, darauf wollte sie diesmal verzichten und sie im Kühlschrank stehen lassen. Wasser eignete sich für ihn besser.

Sie goss ein hohes Glas voll und schaute zu, wie dabei ihre Hände zitterten. Dagegen konnte sie nichts tun. Sie war innerlich zu aufgeregt. Was ihr Mann gesagt hatte, das berührte sie schon. Er war verflucht worden, und das nahm er sehr ernst. Auch sie glaubte daran, und sie fragte sich schon jetzt, wer dahintersteckte. Eine Vorstellung hatte sie nicht, doch sie glaubte auch nicht, dass Gary sie angelogen hatte. Etwas Ungewöhnliches war ihm widerfahren, das ihn zu einem Menschen gemacht hatte, der mit einer Bürde leben musste.

Fiona hoffte, dass sie mehr erfahren würde, wenn ihr Mann sich etwas erholt hatte. Das konnte allerdings dauern, wobei sie viel Geduld haben musste. Sie schaltete noch eine Lampe an, um etwas Licht zu haben. Es war die alte Stehleuchte mit dem Pergamentschirm. Sie hatte sie noch von ihrer Großmutter.

Gary Ross saß völlig apathisch in seinem Sessel. Er sah kaum auf, als seine Frau das Zimmer betrat, die bewusst forsch ging und auch ihrer Stimme einen entsprechenden Klang gab.

»So, mein Lieber, jetzt gibt es erst mal einen kräftigen Schluck. Danach wirst du dich besser fühlen.«

Er sagte nichts und schaute nur das Glas an, das ihm seine Frau entgegenhielt. Dann hob er mühsam beide Arme und fasste nach dem Glas.

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