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John Sinclair - Folge 1734

Hexenhand

Es war Nacht, und ich hatte einen Albtraum. Einen der seltenen Träume, aus denen ich schweißgebadet erwachte. Dennoch wollte ich wissen, wie der Albtraum endete, und als mir die Augen wieder zufielen, ging der Horror weiter. So intensiv, als würde ich die schrecklichen Szenen wirklich erleben …

Sandrine wünschte sich, endlich zu sterben. Doch den Gefallen tat man ihr nicht.

Sie ließen sie leiden!

Ihr Körper war geschunden. Die Kleidung zum Teil zerfetzt. Beulen, Risse, Wunden – Schmerzen überall, bis zum Gesicht, wo die Haut blaue Flecken zeigte. Selbst auf dem Kopf schmerzte es, als hätte man versucht, ihr die Haare büschelweise auszureißen.

Die Frau lag auf dem Boden. Sie hatte sich auf die Seite gedreht und lauschte ihrem rasselnden Atem. Rechts und links standen die Aufpasser. Sie hatte versucht, mit ihnen zu reden und um etwas Erleichterung zu bitten, einen Schluck Wasser, aber die Antwort waren Tritte in die Hüften gewesen.

Von diesem Moment an hatte Sandrine es aufgegeben, um etwas zu bitten. Sogar bespuckt worden war sie. Sie war ja nichts wert, sie, die Sandrine hieß und eine Hexe war.

Hexen durfte es zwar geben, aber nur so lange, bis sie zum Scheiterhaufen geschleppt wurden, um dort den Tod durch die Flammen zu sterben.

Sie wusste nicht, wo die Schmerzen am schlimmsten waren. Das änderte sich laufend, manchmal hatte sie das Gefühl, als würden die Schultern auseinandergerissen, dann wieder stachen sie durch ihren Kopf und vergaßen auch das durch Wunden gezeichnete Gesicht nicht. Die Beine fühlten sich an, als wären sie an verschiedenen Stellen gebrochen. Selbst durch die Füße wühlte sich der Schmerz.

Die Hexenjäger hielten sich in der Nähe auf. Sie hatten ein Lager aufgeschlagen, legten eine Pause ein und bereiteten sich auf das vor, was noch folgen würde. Es war der Höhepunkt. Es war das Feuer, das sie fressen sollte. Flammen mussten in den Himmel lodern und die Nacht erhellen. Und dann würde der Körper vom Feuer erfasst werden und verbrennen.

So sollte die Nacht enden. Für Sandrine mit dem Tod, für ihre Mörder mit einem Fest.

Auch innerlich fühlte sie sich zerschunden. Ihr Mund war ausgetrocknet. Speichel gab es nicht mehr. Sie gierte nach einem Schluck Wasser. Aber die Wächter hätten eher auf sie uriniert, als ihr etwas zu trinken zu geben.

Und so wartete sie weiter. Bei jedem Atemholen schmerzte es in ihrer Lunge. Das lag an den inneren Verletzungen, die Sandrine durch die brutalen Schläge und Tritte zugefügt worden waren.

Um sie herum war es dunkel. Der Sommer hielt das Land im Griff. Die Erde war durch den langen Sonnenschein ausgetrocknet worden. Die Natur sehnte sich nach Regen, aber der kam nicht, und so würde die Hitze weiterhin über dem Land liegen.

Sie war nichts gegen das Feuer, das die Männer bald entzünden würden. Das Reisig war bereits geholt und aufgeschichtet worden. Auf einen Pfahl hatten sie verzichtet. Wenn das trockene Holz brannte, würden sie Sandrine in die Flammen schleudern, damit von ihr höchstens ein geschwärztes Skelett zurückblieb und ihr Dasein als Hexe vorbei war.

Sie lauschte den Rufen, die jetzt lauter geworden waren, denn ihr Gehör funktionierte noch. Die Männer waren bereit, das Feuer zu entzünden.

Einige lachten. Andere wiederum stießen mit ihren Bechern an und tranken ein Gemisch aus Wein und Wasser.

Sie waren Jäger, sie waren Mörder, und sie kannten keine Gnade. Wurden ihnen bestimmte Informationen über eine Person zugetragen, die als Hexe galt, dann waren sie bereit, sofort einzugreifen und all ihre Grausamkeiten auszuspielen.

Sandrine bewegte sich nicht, denn jedes auch nur kleine Zucken schmerzte. Immer wieder biss sie die Zähne zusammen, um ein Stöhnen zu vermeiden. Sie wollte der anderen Seite keinen Triumph gönnen, und sie nahm sich vor, auch nicht zu schreien, wenn die Flammen ihren Körper erfassten.

Das Blut aus den Wunden war mittlerweile getrocknet. Auch in ihren Haaren klebte Blut, und sie schmeckte es im Mund, denn man hatte ihr die Lippen aufgeschlagen.

Es war schlimm, und sie wünschte sich weit weg. Man hatte sie im Stich gelassen. Es gab niemanden, der ihr helfen wollte. Auch der Mann nicht, auf den sie mal gehofft hatte, weil er für sie Verständnis aufbrachte. Möglicherweise hatte er sie sogar verraten, denn auf dieser Welt und in dieser Zeit war alles möglich.

Sandrine hörte den Schrei und zugleich das Klatschen. Wenig später veränderte sich ihre Umgebung. Der Boden blieb nicht mehr dunkel. Über ihn hinweg huschte ein Flackern, das aus hellen und dunkleren Farben bestand.

Widerschein!

Sie wusste sofort, dass jemand den Scheiterhaufen angezündet hatte und ihr Leben sich allmählich dem Ende zuneigte. Aus Richtung des Feuers erklang der Befehl einer heiseren Stimme.

»Bringt sie her! Sie soll endlich brennen!«

Der Befehl galt ihren beiden Aufpassern, die keinen Moment zögerten. Sie bückten sich und zerrten sie in die Höhe, um mit ihr den letzten Gang anzutreten …

***

Ich wachte auf. Wieder mal.

Im ersten Moment war ich verwirrt, denn ich hatte erneut einen Traum erlebt, der mich stark beschäftigt hatte. Ich kam mit mir selbst nicht mehr zurecht, war zu durcheinander und musste mich erst zurechtfinden. Dass ich mich hingesetzt hatte, war irgendwie automatisch geschehen. Die Normalität nahm ich nicht mehr bewusst wahr, denn ich litt noch zu stark unter den Folgen des Traums, der so verdammt realistisch gewesen war. Ich hatte sogar das Gefühl, den Geruch einer fremden Welt in meiner Nase zu spüren.

Nur meine Atemstöße waren in dieser dunklen Umgebung des Schlafzimmers zu hören. Der Traum hatte mich sehr mitgenommen. Ich war schweißnass und stöhnte leise vor mich hin. Erst allmählich fand ich mein inneres Gleichgewicht wieder und wollte mich nicht mehr hinlegen und einschlafen, denn ich glaubte, in meinem Mund und in der Kehle eine Wüste zu haben. Alles war so trocken geworden. Da half nur ein Schluck Wasser.

Langsam stand ich auf. Ich bewegte mich steif, obwohl mir die Knochen nicht wehtaten. Aber es ging eben nicht anders, und als ich mich aufstemmte, da war ich noch immer nicht richtig da.

Ich schlurfte aus dem Schlafzimmer und betrat wenig später die Küche, in der der hohe Kühlschrank stand, dessen Tür ich aufzog. Ein kurzer Blick in den hellen Innenraum, und ich hatte das gefunden, was ich wollte. Es war eine noch volle Flasche Mineralwasser. In diesem Moment kam sie mir wie das köstlichste Getränk der Welt vor. Es zischte, als ich den Schraubverschluss abdrehte. Die ersten Schlucke trank ich auf der Stelle und spürte die kalte Flüssigkeit durch meine Kehle rinnen. Aber sie schaffte es nicht, mich von der Erinnerung an die Albtraumsequenzen zu befreien. Die geisterten weiterhin durch meinen Kopf, auch als ich vor dem Fenster stand und hinausstarrte, verschwanden sie nicht.

Warum war mir das passiert? Warum hatte es gerade mich erwischt? Ich ging davon aus, dass es nicht nur einfach ein Traum gewesen war. Für mich hatte er eine bestimmte Bedeutung, als wollte er mich vor dem warnen, was auf mich zukam.

Dieser Traum war keine Premiere für mich. Schon öfter hatte ich unter Träumen gelitten, die mir von der anderen Seite geschickt worden waren, doch diese Intensität hatte es selten gegeben. Da steckte schon mehr dahinter.

Es war auch seltsam, dass ich nach dem zwischenzeitlichen Erwachen den Traum weitergeträumt hatte. Das gab mir zu denken. Es ließ darauf schließen, dass der Traum mich auf etwas vorbereiten sollte, das unweigerlich auf mich zukam.

Es ging um eine Frau. Um eine Person, die auf grausame Art und Weise sterben sollte, die man für eine Verbrennung vorgesehen hatte, wie früher bei den Frauen üblich, die man als Hexen denunziert hatte.

Es waren viele gestorben. Nicht nur Frauen, auch Männer. Fast alle zu Unrecht, aber es gab auch Personen, die tatsächlich den Weg der Schwarzen Magie gegangen waren, damit hatte ich auch schon oft genug meine Erfahrungen sammeln können. Zudem war mir die mächtige Hexe Assunga nicht unbekannt.

Und jetzt?

Ich wusste es nicht, ich stand noch immer vor dem Fenster, schaute in die Dunkelheit der Nacht, doch die eigentlichen Bilder spielten sich in meinem Kopf ab. Da gab es das große Problem, und ich wurde sie einfach nicht los.

Das Wasser hatte mir gut getan. Bis zur Hälfte hatte ich die Flasche leer getrunken, und ich wollte auch nicht länger in der Küche bleiben. Um diese Zeit – zwei Uhr am Morgen – gehörte ich ins Bett, das mich auf keinen Fall lockte, ich aber wollte nicht im Sessel in meinem Wohnzimmer schlafen.

So sehr mich der Traum innerlich aufgewühlt hatte, irgendwie war ich gespannt darauf, ob er sich fortsetzen würde, denn ich ging davon aus, dass es ein Ende gab.

Es würde mit dem Tod der Hexe enden. Das wäre normal gewesen. Es waren viele Frauen umgebracht worden, und jetzt fragte ich mich, warum ich gerade das Ende dieser Person so deutlich erleben sollte. Es war etwas weit hergeholt, aber ich dachte daran, dass es möglicherweise eine Beziehung zu mir gab.

Ein Zufall war dieser Traum nicht. So weit waren meine Überlegungen bereits gediehen.

Ich nahm die halb volle Flasche mit in mein Schlafzimmer, setzte mich auf das Bett und wischte über meine feuchten Wangen. Noch zögerte ich, mich hinzulegen, aber die Neugierde siegte und letztendlich auch die Müdigkeit.

Das Laken und das Kopfkissen waren noch etwas feucht von meinem Schweiß, doch darum kümmerte ich mich nicht. Ich blieb auf dem Rücken liegen und hatte eigentlich nicht vor, schon jetzt die Augen zu schließen, aber da war eine andere Kraft, gegen die ich nicht ankam. Sie sorgte dafür, dass mir die Augen zufielen.

Und so schlief ich ein.

Dabei blieb es nicht, denn schnell kehrte der Albtraum zurück. Er wurde dort weitergeführt, wo er aufgehört hatte …

***

Die beiden Wächter nahmen keine Rücksicht auf den Zustand der gefolterten Frau. Brutal rissen sie Sandrine hoch, die dabei der Eindruck überkam, dass ihr Körper von den Schmerzen regelrecht zerrissen wurde. Diesmal konnte sie einen Schrei nicht unterdrücken, was den beiden Aufpassern gefiel.

»Ja, schrei nur, Hexe. Das ist erst das Vorspiel, gleich wirst du noch mehr schreien, das verspreche ich dir.« Er lachte und sein Kumpan tat es ihm nach.

Sandrine war zu schwach, um sich auf den Beinen zu halten. Ohne Unterstützung der beiden Männer wäre sie schon beim ersten Schritt zusammengebrochen. Sie wurde vorwärts geschleift, und jetzt sah sie den Ort ihres Todes.

Es war der freie Platz, in dessen Nähe es keinen Wald gab und auch kein Buschwerk, das hätte Feuer fangen können. Das Holz hatten die Männer woanders gesammelt und es auf ihre Pferde geladen. Sie waren zu fünft, eine mörderische Bande, die den Landstrich unsicher machte und mal wieder ein Opfer gefunden hatte.

Die drei warteten vor dem Scheiterhaufen. Das Feuer loderte noch nicht, es glühte nur. Hin und wieder erhielt es etwas Nahrung, damit es nicht erlosch.

In der Mitte stand der Anführer. Ein Widerling. Einer, der keine Haare mehr auf dem Kopf hatte, mit einem glatten Gesicht, in dem die bösen Augen und der zynisch verzogene Mund sofort auffielen. Um das Kinn herum wuchs ein Bart so dünn wie ein Schatten. Mit einer herrischen Bewegung sorgte der Mann dafür, dass die beiden Männer stehen blieben und mit ihnen auch Sandrine.

Sie war so schwach geworden. Immer wieder gaben die Beine nach, und sie sackte ein. Dann mussten die beiden nach Schweiß riechenden Bewacher sie wieder hochziehen, und der Anführer wollte, dass er angeschaut wurde.

»Heb den Kopf!«, befahl er.

Sandrine hatte den Befehl gehört. Aber sie war nicht in der Lage, ihn auszuführen, und so zog einer der Aufpasser an ihren Haaren, was wieder für eine Schmerzwelle sorgte, die durch ihren Kopf raste.

Der Anführer grinste und sah dabei noch teuflischer aus. »Du weißt, was dir bevorsteht. Das Feuer ist für dich bestimmt. Du sollst lodern und brennen, du hast dich schuldig gemacht. Du hast mit der Hölle einen Bund geschlossen, und wir sind da, um diejenigen zu jagen, die so etwas getan haben.«

»Ich bin nur eine Frau«, flüsterte Sandrine. »Eine ganz normal Frau. Ich kenne den Teufel nicht.«

»Das Lügen bringt dich nicht weiter. Das habe ich schon zu oft von dir gehört, deshalb wirst du brennen. Und dann noch etwas, heißt es nicht, dass der Teufel Macht über dich hat? Dass du dich nur auf ihn verlässt? Dann versuche es. Wenn er so mächtig ist, wird er dich auch vor den Flammen bewahren können.«

»Ich sagte doch, dass ich ihn nicht kenne«, flüsterte sie.

»Aber du hast von ihm gehört?«

Sie musste lachen, auch wenn es ihr schwerfiel. »Wer hat das nicht? Wer kennt den Teufel nicht?«

»Nicht jeder kennt ihn so gut wie du!«

Sandrine holte Luft. Sie sammelte ihre Kraft, um dem Anführer eine Antwort zu geben.

»Würde ich ihn kennen, dann würde ich alles für ihn tun, um am Leben zu bleiben. Aber ich kenne ihn leider nicht. Ich habe ihn nie in meinem Leben gesehen, doch jetzt wünsche ich mir, dass er sich an meine Seite stellt und mich vor dem Feuertod rettet. Dann würde ich mein Leben in seinem Sinne weiterführen.«

Der Anführer nickte. »Ja, das glaube ich dir sogar. Aber jetzt ist es vorbei. Gegen die Flammen kann selbst der Teufel nichts ausrichten, das weiß ich.«

Sandrine riss sich zusammen. Hätte sie Speichel im Mund gehabt, sie hätte ihn ausgespien. Und so sagte sie nur, was sie dachte. »Ich verfluche dich!«

Es war ein Satz, der dem Anführer nicht gefiel. Er schnappte nach Luft, stieß dann einen Fluch aus und gab anschließend den Befehl.

»Ab ins Feuer mit ihr!«

Darauf hatten die beiden Männer nur gewartet. Auch sie hatten ihren Spaß, denn sie lachten, als sie Sandrine auf die Reisigglut zuschleiften.

Wehren konnte sie sich nicht. Sie war zu schwach und müde. Mit weit geöffneten Augen starrte sie in die Glut, die ihr wie ein feuriger See vorkam.

Neues Holz wurde hineingeworfen. Funken flogen hoch. Einige davon prallten gegen das Gesicht der Frau und verursachten schmerzvolle Stiche in der Haut.

Für einen winzigen Moment wurde sie losgelassen. Sofort danach erhielt sie einen Schlag in den Rücken, der sie nach vorn trieb, direkt auf die Glutmasse zu.

Es gab nichts, woran sie sich im letzten Moment hätte festhalten können. Zuletzt stolperte sie noch und fiel bäuchlings in die Feuerglut hinein …

***

Ich träumte, und ich sah dabei die Frau in der zerfetzten Kleidung sehr deutlich. Ich erlebte ihre Schwäche und sah auch ihr Gesicht, das geschwollen war, sodass ich nicht erkannte, wie es tatsächlich aussah. Nur die braunen Haare fielen mir auf, die allerdings struppig aussahen, als wären sie mit einem Messer abgeschnitten worden.

Sie hatte keine Chance mehr, ihr Leben zu retten, man wollte ihren Tod, und man zerrte sie auf das Feuer zu. Aber man stieß sie noch nicht hinein. Ich sah im Traum drei weitere Männer, wobei nur einer von ihnen sprach.

Er hatte ein glattes Gesicht und eine schimmernde Glatze, auf der sich der schwache Widerschein der Glut spiegelte. So sah er aus wie ein menschlicher Teufel, doch er war es nicht. Er war jemand, der folterte und mordete und daran Freude hatte, und so war er nicht besser als der Teufel.

Während des Traums spürte ich meine innere Erregung. Sie brachte mich in einen seltsamen Zustand, ich schlief nicht richtig, ich war auch nicht richtig wach. Ich hörte eine Männerstimme und stellte wenig später fest, dass ich selbst es war, der sprach.

Die Frau wurde nach vorn gestoßen und direkt auf das Feuer zu.

In diesem Moment wachte ich wieder auf!

Im Traum hatte ich die Glut gesehen. Jetzt sah ich sie nicht mehr. Dafür starrte ich gegen das schwache Grau der Schlafzimmerdecke, die wie ein starrer Himmel über mir lag.

Mein Herz schlug schneller als gewöhnlich, und ich hörte mich leise stöhnen. Erneut war mein Mund ausgetrocknet.

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