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John Sinclair - Folge 1732

Zombie-Theater

(2. Teil)

Carlotta, das Vogelmädchen, las deutlich die Angst in den Augen ihres Gegenübers.

Kim, der Zwitter, wirkte wie ein Gehetzter, der zwar momentan einen Unterschlupf gefunden hatte, sich aber dessen nicht sicher war und dabei noch überlegte, wie es für ihn weitergehen sollte. Kim saß in einem der beiden kleinen Sessel, schüttelte immer wieder den Kopf und tat so, als wüsste er nicht, was er sagen sollte …

Carlotta ließ ihn in Ruhe. Sie wollte nicht drängen. Er musste selbst wissen, wann er seine Scheu ablegen wollte, und das dauerte nicht mehr lange, wobei die Frage Carlotta nicht mal überraschte.

»Wer ist dieser John Sinclair eigentlich und auch der Mann aus Asien?«

Carlotta lächelte. »Er ist ein Freund, dieser John Sinclair. Ein guter Freund sogar. Das Gleiche gilt für Suko, seinen Partner. Beide sind Polizisten.«

Der Zwitter nahm die Antwort hin. »Ach ja? Was ist das denn?«

Auf eine schwierige Erklärung wollte sich Carlotta nicht einlassen. Deshalb sagte sie: »Beide haben einen Job, der sie befähigt, Menschen zu helfen, und das haben sie schon oft getan. Dessen kannst du dir sicher sein. Er hat uns schon häufiger geholfen, und er wird auch dir zur Seite stehen.«

Kim musste lachen. »Das habe ich gesehen. Ich – ich – fing an zu brennen, als er mich sah oder ich ihn. Ich war völlig wehrlos. Ich dachte, verbrennen zu müssen und …«

»Aber du bist es nicht. Du lebst. Und du sitzt bei mir. Du bist völlig normal.«

»Nein, ich habe gebrannt!«

Das Vogelmädchen lächelte, bevor es eine Erklärung gab. »Nicht du hast gebrannt, sondern das, was in deinem Innern schon so lange gesteckt hat. Es ist das Böse gewesen, das verbrannte. Deine schlimme Seite. Die hat dein Vater dir hinterlassen, doch Sinclair hat dich von diesem Fluch befreien können.«

Kim dachte etwas länger darüber nach. »Und jetzt?«, fragte er, »was ist jetzt mit mir?«

»Ganz einfach. Du bist befreit.«

Kim überlegte wieder. Er schüttelte den Kopf. »Wie soll ich das verstehen? Ich habe durch das Feuer wohl ein anderes Aussehen bekommen. Meine Haare sehen anders aus, aber ich bin doch nicht wie ihr oder wie jeder andere Mensch. Oder willst du das behaupten?«

»Nein, Kim, da ist noch etwas in dir.«

»Und was?«

Carlotta legte die Stirn in Falten. »Das solltest du eigentlich wissen. Du bist ein Zwitter. Du bist kein richtiger Mann und auch keine richtige Frau. Du hast Brüste und einen Penis, das ist geblieben, aber es steckt noch etwas in dir.«

Kim hatte bisher gespannt zugehört. Jetzt fragte er nur: »Was ist es denn?«

»Weißt du es nicht?«

»Nein!« Die Antwort hatte beinahe gequält geklungen.

»Denk an den zweiten Teil, der in dir …«

»Meine Mutter!«, schnappte er. Seine Augen weiteten sich. »Meinst du sie?«

»Genau!«

Kim lehnte sich zurück und schloss die Augen. Es wurde keine Frage mehr gestellt. Carlotta wollte, dass er allein über das Gesagte nachdachte. Sie gab ihm die Zeit, die der Zwitter auch nutzte.

»Meine Mutter ist ein Engel, mein Vater ein Dämon. Aber dessen Macht ist nicht mehr vorhanden.«

»Sehr richtig.« Carlotta strahlte. »Aber die andere Person ist noch da. Sie wurde nicht vernichtet. Da ist nichts verbrannt, ihr Geist ist dein Erbe, und ich denke, du solltest stolz darauf sein und dich darüber freuen.«

Auch die Worte musste Kim erst noch verkraften und dachte darüber nach. Dabei hielt er den Kopf gesenkt, bis er nickte und Carlotta damit recht gab.

»Nur noch meine Mutter. Nur noch der Engel. Nur noch seine Kraft«, zählte er auf.

»Ja, das ist so. Und ich denke, dass du darüber glücklich sein solltest.«

»Ja, kann sein.« Kim wischte über sein Gesicht, dann flüsterte er: »Darüber habe ich mir noch keine Gedanken gemacht. Es ist alles noch fremd für mich.« Er schüttelte den Kopf. »Ich will das auch nicht weiter wissen …«

»Warum nicht? Es ist durchaus möglich, dass du eine neue Aufgabe gefunden hast. Du solltest dich auf keinen Fall sperren, finde ich. Mach es möglich, dein neues Leben zu genießen, ich glaube fest daran, dass von nun an alles anders wird. John Sinclair hat dir geholfen. Es ist sein Kreuz gewesen, das das Böse in dir vertrieben hat. Daran solltest du dich immer erinnern. John ist so etwas wie ein Freund, auf den du dich verlassen kannst.«

»Ja, kann sein. Aber darüber muss ich erst noch nachdenken. Wirklich, ich – ich …« Er schluckte und strich durch sein Gesicht. Danach sagte er etwas, das mit ihm ganz persönlich zu tun hatte. »Ich fühle mich schon befreit.«

»Hört sich gut an.«

»Aber das ist nicht alles«, fuhr er fort und räusperte sich. »Es steckt etwas in mir, etwas ganz Besonderes und Neues. Das kann ich nicht so recht nachvollziehen.«

»Was ist es denn?«

»Keine Ahnung.«

»Auch nicht ungefähr?«

»Ich habe das Gefühl, dass mich jemand übernommen hat. Oder so ähnlich. Ich bin allein, aber ich fühle mich nicht mehr so. Als wäre jemand bei mir.«

»Ist dieser Jemand denn für dich zu sehen? Kannst du ihn vielleicht beschreiben?«

Kim überlegte. Er blieb auch nicht mehr ruhig sitzen, sein Blick war dabei nach innen gerichtet, und nach einer geraumen Weile fand er die richtigen Worte.

»Es ist einfach anders. Es steckt in mir. Es bewegt sich, und es ist wie ein Strom. Ich kann es nicht erklären, und ich weiß auch nicht, woher es kommt. Aber es ist da. Sehr intensiv sogar, aber es hat nichts mit mir zu tun.«

»Fühlt es sich denn schlimm an?«

Kim schüttelte den Kopf. »Nein, gar nicht. Es ist sogar wohltuend und es macht mich stark.« Nach dieser Antwort trat ein gewisser Glanz in seine Augen. Es war ein äußeres Zeichen, dass es ihm wirklich viel besser ging.

Carlotta schwieg. Es war jetzt besser, wenn sie Kim in Ruhe ließ.

Auf ihn kam etwas völlig Neues zu, mit dem er erst noch fertig werden musste. Es war schwer für ihn, sich darauf einzustellen, und erst wenn er das geschafft hatte, würde er auch reden können.

Er blieb auch äußerlich nicht still. Permanent bewegte er die Arme und strich mit seinen Händen am Körper entlang, wobei er keine Stelle ausließ. Auch sein Atmen hatte sich verändert. Es drang jetzt heftiger aus seinem Mund, aber es hörte sich nicht angstvoll an, eher verwundert, wie Carlotta meinte.

Schließlich hörten die Bewegungen auf. Kim blieb starr sitzen. Sein Blick wirkte verloren und war zudem nach innen gerichtet. Er konnte auch nicht mehr gerade sitzen bleiben und schwankte leicht von einer Seite zur anderen.

»Ich bin nicht mehr allein, Carlotta. Da ist etwas in mir. Ich habe viel mehr Kraft bekommen. Das macht mich froh und mutig. Nur weiß ich nicht, woher es gekommen ist, obwohl ich glaube, dass es nicht von dieser Welt ist. Die ist anders, ganz anders. Das ist nicht erklärbar, aber trotzdem toll, sodass ich mich einfach wohl fühlen muss.«

Auch Carlotta war überfragt. »Und du kannst es nicht erklären?«

»So ist es.«

Da wusste auch Carlotta keine Antwort mehr.

Kim blieb weiterhin unruhig, wobei seine Blicke häufig die Richtung wechselten. Dann sagte er plötzlich mit einer kaum zu verstehenden Stimme: »Es kommt näher.«

Der Satz hörte sich harmlos an, aber das war er nicht für das Vogelmädchen. Carlotta spürte, dass ein Schauer über ihren Rücken glitt.

Kim brauchte nichts mehr zu sagen, denn jetzt war es für Carlotta zu sehen. Und wohl nur für sie, weil sie dem Zwitter gegenübersaß und der am Rücken keine Augen hatte.

Hinter Kim befand sich die Zimmerwand. Sie war hell gestrichen, aber dort wuchs etwas hoch. Es waren zwei graue Schatten, die sich dort abmalten. Zuerst waren sie nicht genau zu erkennen, was sich wenig später änderte, denn die Schatten verdichteten sich und nahmen Konturen an.

Beinahe hätte Carlotta vor Staunen den Mund aufgerissen. Im letzten Moment riss sie sich zusammen, und sie beschrieb auch nicht, was sie hinter Kim an der Wand sah.

Es waren zwei Flügel!

***

Ich habe Kim dem Teufel versprochen und werde mich auch daran halten!

So hatte es uns der Anrufer mitgeteilt, und es gab keinen Grund, ihm nicht zu glauben.

Nur kannten Maxine Wells, Suko und ich den Anrufer nicht. Wir wussten nur, dass er ein Dämon war und zugleich der Vater einer Person, die Kim hieß und ein Zwitter war, denn seine Mutter war ein Engel.

Auch uns war dieses Wesen neu, das bei Maxine und Carlotta praktisch Schutz gesucht hatte. Sehr schnell hatten die beiden festgestellt, was mit Kim los war, und sie hatten auch einen Angriff der schwarzmagischen Seite erlebt, sodass sie mich angerufen und um Hilfe gebeten hatten.

Zusammen mit Suko hatte ich die erste Maschine genommen, die von London nach Dundee flog, und jetzt saßen wir im Haus der Tierärztin und hatten das erste Erlebnis bereits hinter uns, das allerdings nicht für eine Auflösung des Rätsels gesorgt hatte, nur für eine leichte Minderung, denn es war der Kraft meines Kreuzes gelungen, den Zwitter Kim von einer teuflischen Macht zu befreien. Der Geist des Vaters war ihm ausgetrieben worden.1)

Aber damit war der Vater – ein Dämon – nicht besiegt. Es gab ihn nach wie vor, und er hatte uns auch angerufen und uns erklärt, dass er sein Versprechen wahr machen wollte.

Kim und auch Carlotta wussten nichts von dem Anruf. Sie hatten sich in das Zimmer des Vogelmädchens zurückgezogen, um unter sich sein zu können, was ich auch ganz in Ordnung fand.

Den Anruf durften wir nicht auf die leichte Schulter nehmen, da waren wir uns einig. Aber keiner von uns wusste, was die andere Seite genau vorhatte, und Sukos Gedanken drehten sich um ein bestimmtes Thema.

Er sprach sie schließlich aus. »Es gibt diesen Dämon noch, der Kims Vater ist. Seinen Sprössling haben wir von ihm befreien können, das ist nicht die Frage, und jetzt will ich von euch wissen, ob ihr glaubt, dass der Dämon allein ist oder noch andere Helfer um sich versammelt hat.«

Darauf eine Antwort zu geben war alles andere als einfach für mich. Auch Maxine hatte damit ihre Probleme, wie an ihrem Gesicht abzulesen war.

Dennoch übernahm sie das Wort. »Ich bin wohl die Einzige, die ihn gesehen hat. Er war ja hier, um sein Kind zu holen. Er hat dabei sein wahres Gesicht gezeigt, aber ich hatte auch einen Helfer, das war der Engel.«

Die Geschichte kannten wir. Der Engel, die Mutter, existierte auch noch. Und es war ihr gelungen, eine Entführung zu verhindern, wobei sie Maxine vorher außer Gefecht gesetzt hatte.

Aufgeben würde so ein Dämon nicht. Da waren wir sicher. Die schwarzmagischen Wesen zogen sich nicht so leicht zurück. Hatten sie eine Niederlage erlitten, arbeiteten sie immer daran, sie wieder wettzumachen, und das würde in diesem Fall nicht anders sein. Nur das Wie war die große Frage.

Wir befanden uns im Haus der Tierärztin, das von einem großen Garten umgeben war und in Dundee lag. Allerdings nicht in der Innenstadt, sondern am nördlichen Rand, wo Häuser auf großen Grundstücken gebaut worden waren.

»Was tun wir?«, fragte Suko schließlich.

Maxine korrigierte ihn. »Frag lieber danach, was wir tun können.«

»Okay. Meinetwegen auch das. Hast du denn eine Idee?«

»Leider nicht.« Sie trat ans Küchenfenster. »Wir können ihn ja nicht anrufen und herlocken, damit er sich stellt. Wir können nur reagieren. Die andere Seite muss etwas in Bewegung setzen, dann erst können wir handeln. Dass er nicht aufgegeben hat, wissen wir ja.«

»Er will sein Kind«, sagte ich.

»Ja, und weiter?«

Ich sah Maxine an. »Also müssen wir uns an Kim halten. Er befindet sich hier im Haus. Wenn der Dämon ihn haben will, muss er ihn holen. Dann müssen wir dafür sorgen, dass Kim dein Haus hier nicht verlassen kann.«

»Das ist wahr. Ich denke, dass wir es ihm nicht extra sagen müssen, er wird es auch von allein wissen.« Maxine lachte leise. »Leider ist uns nicht bekannt, welche Macht dieser Dämon hat und ob er tatsächlich allein ist oder noch eine Horde von Helfern um sich versammelt hat.«

»Er wird nicht allein sein«, sagte Suko. »Er hat deine Stärke erlebt. Da kann er sich ausrechnen, dass er allein nicht viel reißen kann. Er wird sich Unterstützung holen, und die dürfen wir nicht unterschätzen.«

»Genau!«, rief Maxine. »Er ist ein Täuscher und Trickser. Ich habe euch doch davon erzählt, dass hier plötzlich ein kleiner Junge erschien. Er machte einen harmlosen Eindruck, aber er hat sich letztendlich zu einem Teufel entwickelt.«

Ich schlug auf den Tisch, der inzwischen abgeräumt worden war. »Ja, täuschen und tricksen, das ist die Art der anderen Seite.« Ich räusperte mich. »Wobei wir auch daran denken sollten, dass es noch eine andere Seite gibt, die der Mutter oder des Engels.«

Maxine verengte die Augen. »Mal eine Frage, ist sie überhaupt ein Engel?«

»Das müsstest du besser wissen. Du hast sie schließlich gesehen.«

»Ja, habe ich. Aber Engel habe ich mir immer anders vorgestellt. Das war eine nebulöse Gestalt. Ein menschlicher Umriss, nicht mehr.« Sie deutete auf mich. »Du bist doch der Experte, was Engel angeht. Du hast öfter mit ihnen zu tun gehabt.«

»Ja schon …«, dehnte ich. »Aber sich auf dem Gebiet auszukennen ist fast unmöglich. Da gibt es so viele Unterschiede, dass nur der Fachmann durchblickt. Und dieser Engel muss verstoßen worden sein. Man hat ihm nicht verziehen, dass er es mit einem Dämon getrieben hat, und er versucht zu retten, was noch zu retten ist. Wobei ich ihm allein nicht viele Chancen einräume.«

»Wie ich sehe«, sagte Suko, »ist es schwer, zu einem Ergebnis zu gelangen. Wir wissen auch nicht, wann man uns kontaktieren wird. Demnach bleibt uns nichts anderes übrig, als hier zu warten, dass irgendetwas passiert.«

Suko hatte ins Schwarze getroffen, auch wenn uns das nicht passte. Für schwarzmagische Wesen war die Nacht die beste Zeit. Bis zum Einbruch der Dämmerung zu warten konnte uns nicht gefallen. Ich dachte auch darüber nach, das Haus zu verlassen und mich in der Umgebung umzuschauen.

Ich stand auf.

»Wo willst du hin?«, fragte Maxine.

»Ich sehe mich mal draußen um.«

»Und dann?«

Mein Mund verzog sich zu einem Lächeln. »Ich brauche ein wenig Bewegung.«

»Okay, ich halte hier die Stellung.«

»Und ich bleibe bei dir«, sagte Suko.

Ich wollte schon gehen, als ich den leisen Schrei der Tierärztin hörte. Sofort fuhr ich herum. Gemeinsam mit Suko schaute ich auf Maxines Rücken. Sie stand so, dass sie aus dem Fenster blicken konnte.

»Was ist denn?«

Maxine drehte kurz den Kopf. »Da ist etwas gefallen!«

Ich begriff nicht so recht. »Wie?«

»Vom Dach her, glaube ich.«

»Und was?«

Sie zuckte mit den Schultern. »Ich kann es dir nicht genau sagen. Irgendein größerer Gegenstand.«

»Kannst du ihn vom Fenster aus sehen?«

»Nein, er ist wohl abgetrieben worden.«

Suko stand auf. »Wir müssen draußen nachschauen. Bleib du am besten hier, Maxine.«

Das passte ihr zwar nicht, sie fügte sich trotzdem. Suko und ich gingen zur Haustür.

Ich holte meine Waffe hervor, während Suko die Haustür behutsam öffnete. Er schaute ins Freie, meldete aber noch nichts, bis er einen Schritt vorging und mir winkte.

Wenig später sah ich das, was auch ihm aufgefallen war. Vor der Tür lag ein blutiger Klumpen, der einmal ein großer Hund gewesen war …

***

Wir fragten uns nicht, woher er gekommen war, denn es zählte nur, dass er dort lag und man uns durch ihn den Beweis geliefert hatte, dass die andere Seite ...

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