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John Sinclair - Folge 1724

Die Heilige der Hölle

(2. Teil)

Es war unglaublich, aber der Templerführer Godwin de Salier verfolgte sein eigenes Ich. Er sah sich selbst in der tiefen Vergangenheit. Er war zwar nur Beobachter, fühlte sich zwar körperlich vorhanden und bekam das Geschehen wie durch einen dünnen Schleier mit, konnte aber nicht eingreifen.

Dafür erlebte er das, was er damals getan hatte und das Auswirkungen auf sein Leben Jahrhunderte später hatte …

Die Frau lag wie ein Stein in seinen Armen. Godwin wusste, dass es schwer sein würde, sie zu retten. Er hatte sie soeben den Klauen ihrer Häscher entrissen. Er war mit ihr geflohen, und nun suchten sie Schutz vor dem Mob.

Die beiden Ritter waren hinter ihnen her. Dann dieser Adept, der alles in seinen Händen halten wollte, um die Fäden zu ziehen. Einer, der bei der hohen Geistlichkeit ein- und ausging.

Er und die anderen Häscher wollten die Frau, wollten Bettina, die für sie ein Objekt des Bösen war, eine Hexe, die nicht länger leben sollte, weil sie glaubten, dass sie sich der Hölle verschrieben hatte. Man wollte sie ertränken wie einen räudigen Hund, und dagegen musste der Templer etwas unternehmen.

Er hatte sie den Häschern entrissen. Er war mit ihr geflohen und abgetaucht in den dichten Wald, aber er wusste auch, dass sich die Verfolger schon neu formiert hatten. Er sah sie nicht, nur aus der Ferne erklangen ihre Rufe. Noch bildete der dichte Baumbewuchs ein gutes Versteck.

Bettina öffnete die Augen und schaute dem Templer ins Gesicht. In diesem Augenblick erinnerte sich der Mann daran, dass er von der schönen Person so gut wie nichts wusste. Er hatte sie einfach nur gerettet, ohne nachzufragen. Ob sie von Adel war oder bürgerlicher Herkunft, das war ihm unbekannt. Es war auch nicht so wichtig für ihn, denn bei ihm zählte nur der Mensch.

Er lächelte und fragte: »Geht es wieder?«

Ihre Lippen zuckten. »Was ist denn passiert?«

»Ich habe dich gerettet.«

Sie nickte lächelnd. »Ja, ja«, flüsterte sie. »Man wollte mich töten – oder?«

»Das ist so. Aber mich würde interessieren, warum man dich töten wollte.«

»Weil die Menschen schrecklich sind. Ich habe ihnen gesagt, dass ich eine Heilige bin. Sie aber lachten mich aus. Ich widerrief nicht, und da war ich als Ketzerin verschrien. Da haben sie beschlossen, mich zu töten. Sie wollten mich in den Brunnen werfen und ertränken.«

»Das ist mir bekannt, Bettina. Ich bin rechtzeitig gekommen, um dich zu retten.«

»Danke.«

Godwin de Salier hob einen Arm und schüttelte den Kopf. »Bedanke dich jetzt nicht. Warte ab, bis wir es wirklich geschafft haben. Noch können wir nicht aufatmen.«

»Ja, das weiß ich. Aber was hast du vor? Wohin können wir fliehen?«

Godwin überlegte nicht lange. Er schaute sich um. »Wir werden versuchen, den Fluss zu erreichen. Das ist unsere einzige Chance. Am Fluss finden wir vielleicht ein Boot, das uns in Richtung Norden bringt.«

Bettina schaute ihn an. Ihre Augen weiteten sich dabei. Dann richtete sie sich auf. Dabei löste sich das Haar, das sie hochgesteckt hatte.

»Kennst du denn ein Ziel?«

Er nickte. »Ja, ich weiß einen sicheren Unterschlupf für uns. Bei einem Freund von mir. Er lebt neben einer Kirche in einem großen Haus. Er ist ein Stoffhändler und …«

»Neben einer Kirche?«

»Ja.« Godwin lächelte und nickte. »Das gibt uns Sicherheit.«

Bettina presste die Lippen hart zusammen und nickte. Dabei drehte sie den Kopf zur Seite, was der Templer als eine recht ungewöhnliche Reaktion einstufte. Er kam nicht dazu, näher darüber nachzudenken, denn er hörte das ferne Bellen der Hunde. Jetzt war die Meute der Verfolger noch stärker geworden.

»Sie haben sich die Bluthunde besorgt!«, flüsterte die Frau.

»Leider. Noch sind sie weit weg. Wir müssen weiter. Komm!« Er fasste Bettina an der Hand, lächelte ihr noch einmal zu und zog sie dann weiter. Er kannte nur die Richtung, einen Weg suchte er vergebens. Sie mussten sich durch den dichten Wald aus Tannen und wenigen Fichten schlagen.

Die weite Kleidung, die Bettina trug, behinderte sie. Immer wieder musste sie ihren schwingenden Rock von Zweigen, an denen er hängen blieb, losreißen. Auch ihre Schuhe waren für eine Flucht nicht geeignet. An Aufgabe dachte sie aber nicht.

Godwin hatte die Frau bisher hinter sich hergezogen, was er nun änderte, denn er schob sie jetzt vor sich her, weil es bergauf ging.

Bettina keuchte, manchmal schwankte sie auch. Hin und wieder blieb sie stehen, um sich zu erholen, aber Godwin kannte kein Pardon. Er schob sie weiter, bis sie die Kuppe der Anhöhe erreicht hatten.

Bettina hielt sich an Godwins linker Schulter fest. Sie atmete keuchend, schwankte noch immer leicht und war froh, einen Halt zu haben.

»Wo ist der Fluss? Ich habe gedacht, ihn von hier aus sehen zu können …«

»Nein, es ist noch weit. Bevor wir ihn erreichen, müssen wir durch eine Ebene, aber der Weg ist dort leichter. Da musst du keine Angst haben. Wir packen das.«

Als sollten seine Worte ad absurdum geführt werden, hörten sie hinter sich das scharfe Gebell der Bluthunde.

Bettina sagte: »Sie sind näher gekommen, glaube ich.«

»Ja, wir müssen uns beeilen.«

»Und wenn sie uns trotzdem erwischen?«

Godwin winkte ab. »Daran solltest du nicht denken. Das ist nicht gut für eine Flucht.«

»Dann lass uns laufen.«

Es klappte jetzt besser, weil es mehr Lücken zwischen den Bäumen gab. Das Gras wuchs hier hoch, manchmal sogar bis zu den Knien. Sie liefen und rutschten weiter, fielen aber nicht hin, sondern schafften es immer wieder, sich zu fangen und auf den Beinen zu bleiben.

Ihre Sicht klärte sich plötzlich. Sie sahen eine Lichtung, dort, wo eine Ebene anfing. Sogar ein kleiner See war zu erkennen. Er lag wie ein großes Auge in der Lichtung. An einem Uferteil entdeckten sie einen hölzernen Schuppen. Zwei Boote lagen dort. Es war ein wunderschönes Bild, das so gar nicht an eine Gefahr oder an Tod und Verderben denken ließ.

Godwin fasste Bettina an der Hand an. »Komm, wir bringen es hinter uns.«

Den kleinen See ließen sie links liegen. Sie würden weiter durch die Ebene müssen, um an die Siedlung zu gelangen, die Godwin kannte. Er wusste auch, dass nicht weit entfernt eine kleine Festung lag.

»Wie weit müssen wir noch laufen? Meine Füße brennen.«

»Bis zum Einbruch der Dunkelheit haben wir das erste Ziel längst erreicht.«

»Aha. Und dann?«

»Müssen wir eine Pause einlegen. Oder hast du keinen Hunger oder auch keinen Durst?«

»Ich habe beides.«

»Dann werden wir trinken und essen.«

»Und was ist mit den Verfolgern?«

»Daran will ich nicht denken …«

***

Die Sonne war schon etwas tiefer gesunken, als sie die Siedlung erreichten. Sie lag an einem Bach, durch den das Wasser schnell strömte und sogar das Rad einer kleinen Mühle antrieb. Kleine Holzhäuser, deren Dächer mit Gras gedeckt waren, bildeten die Ränder einer Straße.

Menschen hielten sich im Freien auf. Misstrauisch wurden Godwin und seine Begleiterin angeschaut. Hunde kläfften sie an, zuckten aber zurück, als sie näher an sie herangekommen waren. Dann zogen sie die Schwänze ein und sausten davon.

Wenn die Menschen das sahen, schlugen sie schnelle Kreuzzeichen und zogen sich zurück, was Godwin wunderte, und er fragte Bettina: »Was haben die Menschen?«

»Ich weiß es nicht. Wir sind wohl zu fremd.«

»Aber wir haben nicht die Pest an uns. Man bekreuzigt sich, wenn man uns sieht.«

»Ich habe auch keine Erklärung.«

Godwin bohrte nicht weiter. Für ihn gab es im Moment nur das Gasthaus, das unweit der Mühle lag. Es war ein flacher Bau mit einem weit vorgezogenen Dach.

»Willst du rein?«

»Nein, Godwin, ich möchte nur was trinken.«

»Soll ich Wein bestellen?«

»Und auch Wasser.«

In der offenen Tür lehnte der Wirt. Er wartete, bis seine Gäste sich gesetzt hatten. Ihr Platz befand sich unter einem Dach aus Laub, das die Bäume über ihnen bildeten.

Der Wirt war ein Typ mit fettigen langen Haaren und einem stechenden Blick. Er schob einen dicken Bauch vor sich her und watschelte auf seine Gäste zu.

Godwin schnippte mit den Fingern. »Zwei durstige Kehlen wollen erfrischt werden. Was hast du zu bieten?«

»Guten Wein. Roten und weißen.« Der Wirt verbeugte sich.

»Dann bring uns weißen Wein. Und dazu eine Karaffe mit Wasser aus dem Bach.«

»Sehr gern, der Herr.« Der Mann wollte verschwinden, aber Godwin hielt ihn auf.

»Was kannst du gegen unseren Hunger tun?«

»Oh, da müsst ihr leider mit Brot vorlieb nehmen.«

»Sonst nichts?«

»Ich habe noch Schmalz von der Gans.«

»Dann nehmen wir das auch.«

»Sehr wohl«, dienerte der Mann und drehte sich um. Zuvor hatte er noch einen Blick auf Bettina geworfen und war dabei zusammengezuckt. Sein Rückweg glich fast einer Flucht.

Das hatte Godwin gesehen. Er sagte allerdings nichts und drehte sich um, weil er mehr von der Gegend sehen wollte. Es war recht still geworden, und er lauschte in diese Stille hinein, die nicht vom Gebell der Bluthunde unterbrochen wurde, was er schon als Vorteil ansah.

Hatten die Verfolger aufgegeben? Er konnte es nicht glauben. Wenn sie allerdings einen anderen Weg eingeschlagen hatten, umso besser.

Er sprach Bettina an. »Wie fühlst du dich?«

»Es geht so. Und ich weiß, dass wir noch nicht in Sicherheit sind.«

»Es ist wohl wahr. Vielleicht haben wir sie abgeschüttelt.«

»Mal sehen.«

Der Wirt erschien wieder und brachte den Wein und das Wasser.

»Das Brot bringe ich gleich.«

»Schon gut.«

Er zog sich wieder zurück und hielt seinen Blick dabei gesenkt. Wasser und Wein wurden gemischt. Beide tranken, und es tat ihnen gut.

Dann übernahm Bettina das Wort. »Sie werden mich erwischen, und sie werden mich töten.«

»Und warum?«

Sie schaute ihn bei der Antwort nicht an.

»Sie halten mich für eine Heilige.«

»Aber die tötet man nicht.«

»Doch, wenn sie eine Heilige der Hölle ist!«

Godwin de Salier war sprachlos. Er saß da wie vereist. Er starrte in das Gesicht der Frau und sah auch deren Augen, die einen anderen Ausdruck angenommen hatten. Er versuchte ihn zu beschreiben, was ihm aber nicht gelang. Gefallen konnte ihm der Blick nicht, und dann fiel ihm etwas ein.

»Aber du bist doch in einem Kloster gewesen und …«

»Sieh es mal anders.«

»Und wie?«

Die Antwort kam von einer ganz anderen Seite. Plötzlich waren die Verfolger da, als wären sie vom Himmel gefallen. Godwin hatte in den vergangenen Sekunden nicht mehr an sie gedacht, und das war ein Fehler, denn jetzt hatten sie ihn.

Ein gewaltiger Schatten sprang auf Bettina zu, erwischte sie und riss sie einfach um. Alles ging so schnell, dass Godwin nicht in der Lage war, einzugreifen. Er selbst sah etwas auf sich zufliegen und dahinter den Umriss eines Mannes.

Er wollte in die Höhe springen und nach seinem Schwert greifen, da erwischte ihn das Ding am Kopf. Der Schmerz war nur für einen Moment vorhanden, dann schlug die Dunkelheit über ihm zusammen und löschte sein Bewusstsein aus …

***

Irgendwann erwachte er, und es war ein schon schlimmes Auftauchen aus der dunklen Tiefe. Godwin hörte ein Stöhnen und wenig später begriff er, dass er diesen Laut von sich gegeben hatte.

Sein Kopf bestand nur noch aus Schmerzen. Von seiner Umgebung sah er nichts, aber er spürte, dass er auf dem Boden lag.

Er sah nichts, er hörte nur. Da war das leise Wiehern von Pferden zu vernehmen, aber auch das Hecheln von Hunden. In diese Laute mischten sich die Männerstimmen, und manchmal hörte er ein heiseres Lachen. Was gesagt wurde, verstand er nicht, weil er zu sehr mit sich selbst beschäftigt war. Hinter seiner Stirn hämmerte und stach es, trotzdem war er froh, noch am Leben zu sein.

Seine Erinnerung hatte nicht gelitten. Sie waren den Verfolgern nicht entkommen. Die Meute war schneller gewesen, und jetzt hatte er ein Problem.

Nicht nur er, sondern auch Bettina. Er hatte sie beschützen wollen und Godwin musste nun zugeben, dass ihm dies nicht gelungen war. Er wusste nicht, was mit ihr geschehen war. Er ging sogar davon aus, dass sie nicht mehr lebte.

Er bewegte seine Beine und auch die Arme. Beides schaffte er. Seine Feinde hatten ihn also nicht gefesselt. Aber entkommen konnte er ihnen nicht. Dafür war er zu schwach.

Dann hörte er ein Knurren in seiner Nähe. Einer der Bluthunde hatte sich ihm genähert und stieß ihn mit der Schnauze an.

Ein scharfer Befehl erfolgte, und der Hund zog sich wieder zurück.

Wo war Bettina?

Er fühlte sich als Versager. Es war ihm nicht gelungen, sie zu beschützen, und dieses Wissen nagte an ihm.

Die Schmerzen blieben zwar, wurden allerdings allmählich schwächer. Er spürte an seinem Kopf eine Stelle, die besonders schmerzte. Langsam hob er seinen Arm. Die Finger der rechten Hand glitten über die Stirn, bis sie auf etwas Klebriges trafen. Es war Blut, das aus einer Wunde getreten war.

Ein scharfes Lachen erreichte seine Ohren. Danach klang eine Stimme auf.

»Ah, der edle Held ist wieder erwacht.« Ein erneutes Lachen folgte. »Genau zur richtigen Zeit.«

Der Templer kannte die Stimme. Sie gehörte einem Mann, der eigentlich zu seinen Freunden zählte, weil sie auf dem Kreuzzug Seite an Seite geritten waren. Allerdings nur einen bestimmten Teil des Weges.

Es war Wolfram von Stadinger, der jetzt auf ihn zukam und an seiner rechten Seite stehen blieb.

Godwin drehte den Kopf, um ihn besser sehen zu können, was nicht einfach war, denn sein Blick war noch nicht wieder klar geworden. So verschwamm die Gestalt des Mannes, in dessen Gesicht auf der linken Wange eine rote Narbe leuchtete.

»Du, Wolfram?«

»Ja, ich.«

»Du hast es getan. Du bist zu einem Verräter geworden.«

Der Mann lachte auf und zeichnete seine Narbe mit der Fingerkuppe nach. Dann lachte er abermals, und diesmal war es mehr ein Gebrüll. Es schmerzte den Templer in den Ohren und schien in seinem Kopf nachzuhallen.

Dann hörte er wieder die Stimme. »Bedanke dich bei mir, dass du noch am Leben bist. Ich hätte dich auch töten können.«

Godwin sagte nichts. Er wusste, dass sie in einer wilden Zeit lebten, in der nur das Recht des Stärkeren galt.

Plötzlich waren seine Schmerzen vergessen. Auf dem Boden liegend schrie er Wolfram von Stadinger an.

»Warum, zum Henker? Warum hättest du mich töten sollen? Es gibt keinen Grund, an so etwas überhaupt nur zu denken.«

Wolfram nickte. »Da irrst du dich. Es gib schon einen Grund.«

»Und welchen?«

»Weil du mir ihr unterwegs gewesen bist.«

Er hatte den Namen nicht erst nennen müssen, Godwin wusste, wen er meinte. Seine Worte flossen ihm wie von selbst über die Lippen. »Ich habe sie gerettet. Eine Frau, die ihr töten wolltet. Die eine Heilige ist, verstehst du?«

»Eine Heilige?«, höhnte der Mann.

»Ja!«

Wolfram beugte seinen Kopf vor. »Sie ist eine Heilige, und zwar eine Heilige der Hölle!« Die letzten Worte hatte er geschrien, und seine Augen fingen an zu glänzen.

Der Templer sagte nichts. Er bewegte sich auch nicht. Aber seine Gedanken drehten sich, als befänden sie sich in einem Kreisel.

Und doch gab es einen Punkt, an dem das Gedankenkarussell anhielt.

Eine Heilige der Hölle!

Er hatte es schon von Bettina gehört. Doch wie konnte Wolfram so etwas ...

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