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John Sinclair - Folge 1721

Inhalt

  1. Cover
  2. Impressum
  3. Verschwunden in der Höllengruft
  4. Vorschau

Verschwunden in der Höllengruft

Das dumpfe Geräusch riss Ellen Cooper aus dem Schlaf. Hastig fuhr sie hoch, schaute auf die Leuchtziffern der Uhr auf dem Nachttisch und stellte fest, dass die Tageswende noch nicht erreicht war. Dennoch lag draußen die Dunkelheit wie ein gewaltiger schwarzer Panzer über der Stadt.

Ellen blieb im Bett sitzen und lauschte. In den folgenden Sekunden hörte sie nichts, was sie allerdings nicht beruhigte, denn diesen dumpfen Laut hatte sie sich nicht eingebildet …

Das Geräusch war nicht unbedingt in ihrer Nähe aufgeklungen. Das heißt, nicht im Schlafzimmer, sie hatte es aus dem unteren Teil des Hauses gehört, und das brachte sie auf die Idee, dass es sich um einen Einbrecher handeln könnte.

Ihr Herz klopfte schneller. Die Echos hörte sie im Kopf.

Die Frau dachte darüber nach, was sie unternehmen sollte. Es hatte zwar keine Wiederholung gegeben, trotzdem fühlte sie sich nicht wohl in ihrer Haut. Nicht nur der Druck in der Magengegend war da, auch die kalte Haut auf ihrem Rücken.

Einige Sekunden später hatte sie sich zu einer Aktion entschlossen. Sie verließ das Bett und bewegte sich dabei vorsichtig. Unter dem etwas angerauten Stoff des Schlafanzugs schwitzte sie, und der Schweiß lag auch auf ihrer Stirn.

Von ihrer Bettseite aus hätte sie mit ein paar Schritten direkt auf die Tür zugehen können. Das tat Ellen Cooper nicht. Sie entschied sich für das Fenster. Dort musste sie zunächst eine Gardine zur Seite schieben, um nach draußen schauen zu können.

Ellens Blick fiel auf eine ruhige Straße, auf der es keine Bewegung gab. Sie sah geparkte Wagen und musste leicht den Kopf drehen, um eine Laterne sehen zu können.

Niemand spazierte auf der Straße. Es gab nur die Dunkelheit und die Stille der Nacht.

Der Winter war vorbei, in den Nächten gab es jetzt kaum noch Frosttemperaturen, und die Bäume zeigten ein erstes Grün. Während sie einen Blick durch die Scheibe warf, dachte sie wieder an ihr größtes Problem, das wie ein Damoklesschwert über ihrem Kopf hing und ihr starke Probleme bereitete.

Es ging um Simon, ihren Mann.

Er war spurlos verschwunden, und das bereits seit drei Wochen. Von einem Augenblick zum anderen war er weg gewesen. Einfach so. Ohne Abschied, und er hatte auch keine Nachricht hinterlassen. Er war einfach nicht mehr zurückgekommen.

Das hatte Ellen fertiggemacht. Nach drei Tagen hatte sie eine Vermisstenmeldung aufgegeben und nach knapp zehn Tagen hatte sie eine Detektivin engagiert, aber auch sie war zu keinem Erfolg gekommen. Simon Cooper blieb verschwunden.

Für Ellen war eine Welt zusammengebrochen. Sie hatte keinen Grund für sein Verschwinden gesehen. Ihre Ehe war so gut und schlecht wie jede andere auch. Finanziell war es ihnen gut gegangen. Keine Probleme mit dem Geld, auch das Haus war bezahlt. Es gab also keinen Grund für Simon, zu verschwinden.

Sie hatte in der Zwischenzeit mehrmals mit den zuständigen Leuten bei der Polizei telefoniert. Die Wahrheit hatte man ihr nicht sagen wollen, doch in den Untertönen hatte schon der Verdacht mitgeschwungen, dass Simon möglicherweise nicht mehr am Leben war. Das zu begreifen war für sie furchtbar, und da weigerte sie sich auch. Tief in ihrem Innern glaubte sie noch immer daran, dass ihr Mann am Leben war und plötzlich wieder vor ihr stand und sich sein Verschwinden als harmlos herausstellte.

Auch wenn er sich auf eine kurze Affäre mit einer anderen Frau eingelassen hätte, das hätte sie ihm verziehen, wichtig war nur, dass er zurückkam, sich ihr gegenüber öffnete und sie über alles reden konnten.

Es war und blieb bisher ein Wunschtraum, der auch jetzt noch vorhanden war und sich seltsamerweise immer mehr verstärkte.

Nein, auf der schmalen Straße war nichts zu sehen, es wäre auch zu schön gewesen. Ellen drehte sich nach links und schritt auf die Schlafzimmertür zu. Sie hatte sie nicht geschlossen und nur angelehnt. Sie quietschte nicht, als sie geöffnet wurde, und so betrat Ellen den Flur. Um die Treppe zu erreichen, musste sie nach rechts gehen. Sie hätte das Licht einschalten können, aber das traute sie sich nicht, und so ging sie in der Dunkelheit weiter, denn sie kannte sich hier im Haus bestens aus.

Bis zur Treppe waren es nur einige Schritte. Sie hatte die rechte Hand nach vorn gestreckt und griff nach dem Geländer.

Für einen Moment blieb sie stehen. Sie schaute nach unten.

Plötzlich spürte sie ein Kribbeln im Nacken und ein kaltes Gefühl auf ihrem Rücken. Ihr Gesicht glühte, das Herz schlug schneller, denn dort, wo die Treppe endete, hatte sie tatsächlich einen hellen Schein entdeckt.

Licht?

Sie stellte sich die Frage und schüttelte über sich selbst den Kopf. Ja, das war Licht, aber warum sah sie den Schein? Sie wusste genau, dass sie alle Lampen gelöscht hatte, bevor sie ins Bett gegangen war.

Bei ihr paarten sich Angst und Neugierde. Wieder dachte sie an das Geräusch, das sie aus dem Schlaf gerissen hatte. Es war durchaus möglich, dass es unten aufgeklungen war.

Ellen Cooper lauschte, sie schluckte dabei ihren Speichel, der leicht bitter schmeckte. Sie wartete darauf, ein Geräusch zu hören, das ihr Klarheit verschaffte, aber da war nichts.

Ich muss nach unten!, dachte sie. Ich werde sonst verrückt, wenn ich nicht weiß, was die Geräusche und der Schein zu bedeuten haben.

Sie ging auch jetzt leise. Sollte tatsächlich jemand eingedrungen sein, wollte sie ihn überraschen und nicht umgekehrt.

Als sie etwa die Hälfte der Stufen hinter sich gelassen hatte, blieb sie für einen Moment stehen, weil sie jetzt mehr sah. Inzwischen hatte sie die Richtung erkannt, aus der dieser schwache Schein kam. Genau dort befand sich die Küche.

Ellen ließ die Treppe hinter sich. Sie stand jetzt in einer kleinen Diele. In ihrer Nähe befanden sich die Haustür und das kleine Fenster daneben. Die Dunkelheit hatte beide Umrisse zu grauen Schemen werden lassen, doch das nahm sie nur nebenbei wahr.

Sie sah nur das Licht. Es fiel unter der nicht ganz geschlossenen Küchentür hervor und bildete einen schmalen Streifen.

Erneut klopfte ihr Herz, es pumpte regelrecht, und ihr fiel sogar das Atmen schwer. Sie dachte daran, die Polizei anzurufen, dann verwarf sie den Gedanken wieder und blieb vor der nicht ganz geschlossenen Küchentür stehen, um zu lauschen.

Sie ging davon aus, dass sich jemand in der kleinen Küche aufhielt.

So etwas wie ein leises Räuspern war zu hören. Danach ein Gluckern, als wäre jemand dabei, aus einer Flasche zu trinken.

Benahm sich so ein normaler Einbrecher?

Nein, die Zweifel mehrten sich. Sie spürte den Drang in sich, etwas zu ändern, auch wenn es ihr nicht eben gut ging. Aber sie wollte Bescheid wissen.

Ellen Cooper legte eine Hand auf die Klinke. Sie holte noch einmal tief Luft, bevor sie die Tür mit einer heftigen Bewegung aufriss und einen Blick in die Küche warf.

Es war ein kleiner quadratischer Raum. Ein Tisch passte hinein, zwei Stühle ebenfalls. Dann die Geräte, die man brauchte, und zwei Hängeschränke.

Dafür hatte sie keinen Blick. Sie sah nur die Gestalt, die sich auf einen Stuhl vor dem Tisch gesetzt hatte. Vor ihr stand eine Flasche Wasser, die sie nicht an die Lippen setzen konnte, weil die übers Gesicht gezogene Strickmütze die Lippen verdeckte. Platz war nur für die Augen gelassen worden, die sich auf die Tür gerichtet hatten, vor der Ellen Cooper stand und sich nicht bewegte.

Erst hatte sie schreien wollen, als sie auf diese Gestalt geschaut hatte. Daran dachte sie jetzt nicht mehr, denn sie hatte sich auf die Augen in den Löchern der Strickmütze konzentriert.

Augen, die sie kannte.

Augen, die ihrem Mann Simon gehörten!

***

Sie konnte es nicht glauben. Sie wollte schreien und lachen zugleich. Stattdessen tat sie nichts, blieb starr stehen und bekam vor Staunen den Mund nicht mehr zu.

War das wirklich ihr Mann? Waren das seine Augen? Sie konnte es nicht fassen, wollte es auch nicht glauben und fragte sich, ob ihr das Schicksal einen Streich gespielt hatte.

Der Mann am Tisch bewegte sich nicht. Er hatte seine Hände um die Wasserflasche gelegt und schaute nach vorn. Ellen wartete darauf, dass sie angesprochen wurde, aber da irrte sie sich. Der Mann am Tisch zeigte keine Regung.

Sie spürte, dass ihr die Knie weich wurden. Nur nicht schlappmachen jetzt!, schärfte sie sich ein.

Ihr Herzschlag hatte sich noch immer nicht normalisiert, und das ärgerte sie. Zweimal setzte sie zu einer Frage an, und beide Male schaffte sie es nicht.

Und dann brachte sie es doch fertig.

»Simon?«, flüsterte sie.

Er nickte.

Ja, er war es. Er musste es sein. In ihrem Kopf rumorte es. Sie war völlig durcheinander. Sie spürte den Druck in ihrem Kopf, und Hitzewellen stiegen in ihr hoch. Sie ballte die Hände zu Fäusten, ohne es zu merken, und plötzlich schwankte sie.

Es war gut, dass in greifbarer Nähe ein Stuhl stand, an dessen Lehne sie sich abstützen konnte. Ihr Blick war nach wie vor auf den Maskierten gerichtet, und sie fragte sich, ob sie das Nicken tatsächlich gesehen oder es sich nur eingebildet hatte.

Wahrscheinlich ja. Oder doch nicht?

»Bist du wirklich Simon?«

Unter der Mütze bewegten sich die Lippen. »Ja, das bin ich.«

»Dann bist du zurück?«

»Auch.«

Die nächste Frage war für sie wichtig. Und noch wichtiger die Antwort.

»Und warum versteckst du dein Gesicht? Warum zeigst du dich nicht so wie sonst?«

»Es ist besser so.«

»Aber ich bin deine Frau!«

»Das weiß ich.«

Sie merkte, dass die Scheu allmählich von ihr wich. »Wenn du das alles weißt, warum zeigst du dich mir nicht? Oder willst du nicht mehr bei mir bleiben? Hast du dich entschlossen, mich zu verlassen? Habe ich etwas falsch gemacht? Sag es bitte.«

»Nein.«

»Dann verstehe ich es nicht, wirklich nicht. Du hast doch alles, was du brauchst, bei mir bekommen. Es gab keinen Grund, einfach zu verschwinden. Oder steckt eine andere Frau dahinter?«

»Nein!«

Die Antwort hatte ehrlich geklungen, und Ellen fühlte sich irgendwie erleichtert. Also keine andere Frau, aber etwas musste es doch sein, sonst wäre er hier in seinem eigenen Haus nicht maskiert aufgetreten.

»Warum bist du denn verschwunden?«

»Das kann ich dir nicht sagen. Es würde dich überfordern.«

»Das glaube ich nicht.« Sie schüttelte heftig den Kopf. »Du bist aus dem Haus geflohen, so kommt es mir jedenfalls vor. Aber jetzt bist du zurück, und ich will den Grund wissen, und auch, warum du so lange verschwunden gewesen bist.«

»Ich werde nicht mehr zu dir zurückkehren können, Ellen, ich habe mich nur verabschieden wollen, hier von der Umgebung, die ich mal so geliebt habe.«

»Und jetzt nicht mehr?«

Er zuckte nur mit den Schultern.

Ellen gab nicht auf. »Und was ist mit mir, Simon? Denkst du daran, dass es auch mich noch gibt?«

»Natürlich denke ich daran.«

»Da bin ich aber froh, dass du mich nicht vergessen hast.« Die Angst war weg. Ellen hatte zu ihrer Selbstsicherheit zurückgefunden. Sie starrte auf die Löcher in der Mütze, und sie sah dabei die Augen ihres Mannes, die sich nicht verändert hatten. Und sie machte sich Gedanken über seine Maskerade. Ja, das war nicht normal. Das war auch kein Spaß. Sie ging jetzt davon aus, dass etwas dahinterstecken musste. Dass jemand zum Vergnügen so herumlief, das konnte sie sich nicht vorstellen.

Sie traute sich allerdings nicht, danach zu fragen. Zumindest nicht direkt. Sie wollte es auf anderem Wege versuchen, und so erkundigte sie sich erneut nach dem Grund seines plötzlichen Verschwindens.

»Warum bist du denn gegangen? Einfach so. Ohne Abschied. Du bist weggelaufen. Du hast mich mit meinem Schrecken allein gelassen. Und mit meiner Angst um dich.«

»Es tut mir leid.«

Ellen blickte ihren Mann an. »Das ist mir zu einfach, viel zu einfach. Man läuft nicht grundlos weg. Oder bin ich der Grund gewesen, wenn ja, dann sag es. Ich habe mich schon damit abgefunden. Vielleicht bin ich dir nicht mehr jung genug. Soll ich dir erzählen, was ich alles getan habe, um dich zu finden?«

»Nein, das musst du nicht. Deshalb bin ich ja zurückgekommen, um dir zu zeigen, dass ich noch lebe.«

»Ja, das habe ich gesehen. Aber du hast dich hier ins Haus geschlichen wie ein Dieb. Sogar wie ein maskierter Dieb. Als hättest du das Haus ausrauben wollen.«

»So ist es nicht.«

»Wie ist es dann?«

Hinter dem Stoff stöhnte er auf. Dabei blieb es nicht. Er bewegte sich unruhig auf seinem Stuhl.

Ellen schlug eine andere Tonart an. »Bitte, Simon, du kannst mir vertrauen. Wir haben uns immer vertrauen können. Deshalb möchte ich wissen, was dich zu dieser Flucht verleitet hat.«

»Das werde ich dir nicht sagen.«

Ellen ließ nicht locker. »Ist es eine andere Frau, die dahintersteckt?«

»Auf keinen Fall.«

Seltsamerweise beruhigte Ellen die Antwort nicht. Sie kam sich noch immer vor wie jemand, der in der Luft hängt und nicht mehr den Boden erreichen konnte.

»Was ist es, Simon?«

»Ich kann es dir nicht sagen.«

»Willst du es nicht?«

»Ja.«

»Und warum nicht?«

»Weil es besser für dich ist.«

Er hatte die Antwort in einem sehr ernsten Tonfall gegeben, und der hatte glaubhaft geklungen. Allerdings wollte sie sich damit nicht zufriedengeben.

»Warum vertraust du mir nicht?«

»Weil es Dinge gibt, die man für sich behalten muss, um andere Menschen nicht in Gefahr zu bringen.«

»Denkst du dabei an mich?«

»Ja. Du stehst an erster Stelle. Ich habe mich auf etwas eingelassen, über das ich nicht mit dir reden kann …«

Er stützte seine Hände auf der Tischplatte ab, um sich zu erheben.

Das wollte Ellen auf keinen Fall zulassen. Ihre Stimme klang leicht hysterisch, als sie rief: »Nein, du kommst mir hier nicht weg. Das ist mir zu einfach. Du bleibst hier, denn das hier ist dein Zuhause.«

»Nicht mehr, Ellen!«

Sie schrak zusammen. »Wie kannst du nur so etwas sagen. Das ist doch nicht normal.«

»Für mich schon.«

Ellen hätte ihren Frust am liebsten hinausgeschrien, aber sie hielt sich zurück. Ihre nächsten Worte sprach sie flüsternd. »Und warum zeigst du dich deiner eigenen Ehefrau gegenüber maskiert? Kannst du mir das sagen?«

»Ja, weil es so besser ist.«

Ihr Lachen endete in einem Schrei. So etwas hatte sie noch nie gehört. Das konnte sie auch nicht akzeptieren. Es war nicht besser für sie. Dafür gab es keine Gründe. Sie war seine Frau, und das dokumentierte sie mit ihrer Forderung.

»Ich will dein Gesicht sehen!«

»Nein!«

Sie beugte sich vor, und ihr Gesicht verzerrte sich. »Doch, ich will es sehen und nicht nur deinen Körper. Ich will dich anschauen können, wenn ich mit dir rede.«

»Das ist nicht gut. Es würde dir sicherlich keinen Spaß machen, das musst du mir glauben. Mein Gesicht kennst du. Und du wirst es so in Erinnerung behalten.«

»Und warum darf ich es jetzt nicht sehen?«

»Es wäre nicht gut, verdammt!«

Sie lachte auf. »Das musst du schon mir überlassen, was gut für mich ist oder nicht.«

»Bitte, du musst mir glauben. Das ist nicht mehr mein Gesicht, versteh doch.«

Ellen musste nachdenken. Ihr schossen schlimme Dinge durch den Kopf, die sie allerdings nicht thematisieren konnte, ihre Überlegungen endeten in einem Satz.

»Ich will dein Gesicht sehen, ich will es anfassen, ich will begreifen, was mit dir ist.«

»Es ist zu schlimm«, flüsterte Simon.

»Sorry, aber das musst du mir überlassen!«

Zwischen dem Ehepaar entstand eine Schweigepause. Simon Cooper seufzte schließlich und schüttelte den Kopf. »Es ist wirklich nicht gut, was du verlangst.

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