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John Sinclair - Folge 1719

Totenmarsch

(1. Teil)

Sehr ernst schaute mich mein Chef, Sir James, an, bevor er seine Frage stellte.

»Wissen Sie, wie man Father Gregor als Toten gefunden hat?«

»Nein, Sir.«

»Sein Kopf war auf den Rücken gedreht!«

Ich wurde schlagartig leichenblass und flüsterte: »Himmel, das war Matthias.«

»Leider«, bestätigte Sir James und nickte …

Einige Tage zuvor

Father Gregor hockte in seinem Zimmer nahe des Fensters und wartete darauf, dass es passierte. Er war sich sicher, dass es geschehen würde. Es gab für ihn keine Alternative. Das Grauen kehrte zurück. Dann waren die Toten nicht mehr tot und begraben.

Noch war es still. Das würde sich bald ändern, wenn die Zeit dafür reif war. Der Geistliche wusste das, doch man glaubte ihm nicht oder wollte ihm nicht glauben. Er aber war davon überzeugt, wollte zudem ein Zeichen setzen und ging davon aus, dass es ihn das Leben kosten konnte.

Auch das war ihm egal. Seine Jahre lagen hinter ihm. Er war alt geworden, das Feuer der Jugend war erloschen, jedoch nicht der Wille, sich gegen das Grauen zu stemmen, da sah er sich mehr als Märtyrer, der nun für die Fehler in seinem Leben büßte.

Das Haus, in dem er lebte, war klein. Es duckte sich gegen einen mit Felsbrocken bestückten Hang. Das Dach war an beiden Seiten weit vorgezogen und ragte dabei noch weit über den Eingang wie ein Regenschutz.

Entsprechend klein waren die Fenster. Quadratisch und niedrig. Father Gregor hatte dem Rechnung getragen und den Stuhl mit der etwas erhöhten Sitzfläche so hingestellt, dass er ohne Probleme durch die Scheibe nach draußen schauen konnte und dabei einen Teil der Landschaft überblickte, die darauf wartete, dass der Frühling endlich explodierte.

Der Tag war fast gelaufen. Noch zögerte die Dunkelheit damit, sich über das Land zu legen. Zu lange hatte in den letzten Stunden die Sonne geschienen und einen ersten Hauch von Frühling mitgebracht. Aber die Dunkelheit würde kommen. Sie war wie ein breiter, finsterer Fluss, der erst dann aufhörte zu fließen, wenn das Morgengrauen anbrach und die Sonne ihren Kampf wieder aufnahm.

Der alte Geistliche, der mal als Mönch und auch als Pfarrer gedient hatte, wollte in dieser Nacht den Beweis bekommen. Auch andere Menschen waren eingeweiht, aber die ignorierten das Andere, weil sie es nicht begriffen und auch nicht wahrhaben wollten, denn es ging gegen alle Naturgesetze.

Gregor aber hatte es gelernt, hinter die Normalität zu schauen, denn in ihr verbarg sich vieles, was die meisten Menschen nicht akzeptieren wollten.

Gregor schon. Er war mit seinem Wissen alt geworden. Sein Haar hatte eine schlohweiße Farbe angenommen, aber er hatte es kurz geschnitten, denn er wollte nicht herumlaufen wie andere Männer in seinem Alter, die auf ihr Äußeres keinen Wert mehr legten.

Sie würden kommen. Er würde sie sehen, aber er wusste nicht, wann sie erschienen. Es war unmöglich, sich auf eine Uhrzeit festzulegen, und deshalb musste er warten. Natürlich würden sie in der Dunkelheit erscheinen. Bis dahin verging noch ein wenig Zeit, und die wollte sich Father Gregor verkürzen.

Er hatte neben seinem Stuhl den Tisch mit der runden Platte gestellt. Darauf standen die Flasche Whisky, ein Glas und eine Karaffe mit Wasser, für das ein zweites Glas bereit stand. Hin und wieder musste Gregor einen Schluck nehmen. Er wechselte zwischen Wasser und Whisky ab.

Wenn er dann wieder aus dem Fenster schaute, zogen sich die Augen in seinem zerfurchten Gesicht zusammen, aber die Landschaft vor dem Fenster hatte sich nicht verändert. Nichts bewegte sich dort. Die Stille blieb, wie sie war, aber er war sicher, dass sich dies ändern würde.

Und es änderte sich.

Gregor hatte das kleine Fenster nicht ganz geschlossen. Es stand einen winzigen Spalt offen, sodass etwas von der Kühle draußen in das Zimmer geweht wurde.

Und von den Geräuschen, die plötzlich aufgeklungen waren. Father Gregor hatte nach dem Glas greifen wollen, aber mitten in der Bewegung stoppte seine Hand.

Er hatte etwas gehört …

Ein Geräusch, nein, Geräusche. Sie drangen durch den schmalen Fensterspalt an seine Ohren. Und was er da wahrnahm, war nicht das, was er als Normalität einstufte. Was da zu ihm drang, das konnte Musik sein, aber auch nur eine Ansammlung von Geräuschen und Tönen, die ohne jede Harmonie waren.

Die Laute wehten direkt auf die breite Hausseite zu. Noch sah er nicht, wer sie produzierte. Sie kamen auch nicht aus der Richtung, in der das Dorf lag, sondern von der weiten Fläche, die sich bis zur Küste hinzog.

Wellige Dünen, die mit hartem Gras bewachsen waren und dazwischen recht flache Klippen aufwiesen. Zwischen diesen Erhebungen konnte sich jemand bewegen, ohne sofort gesehen zu werden.

Das war auch jetzt so. Aber es war nur zu hören. Klänge, Töne, Geräusche – alles mischte sich ineinander zu einer Kakofonie, die keinem menschlichen Ohr gut tat.

Aber darum ging es auch nicht. Nein, nicht um Menschen, sondern um Gestalten, die mal Menschen gewesen waren, was man ihm aber nicht glauben wollte.

Father Gregor wusste, dass er richtig lag. Er hatte den richtigen Riecher gehabt. Er war allein und er würde auch allein bleiben. Der einzige Zeuge. Und er hoffte, dass er sein Wissen weitergeben konnte.

Wenn nicht, war alles zu spät.

Sie kamen, sie waren zu hören, aber noch nicht zu sehen. Das aber wollte Gregor. Er blieb nicht mehr auf seinem Stuhl sitzen und stemmte sich in die Höhe. Jetzt war seine Sicht besser. Und er brachte es sogar fertig, das Fenster so weit zu öffnen, dass er seinen Kopf nach draußen strecken konnte.

Die Musik war jetzt deutlicher zu hören. Die Wesen, die sie produzierten, sah er nicht. Sie wurden noch von den Dünenhügeln verborgen, aber sie würden bald erscheinen, denn er sah, dass an einer bestimmten Stelle Staub und Sand in die Höhe gewirbelt worden war, die eine Wolke bildeten.

Trommeln, Flöten, ein schriller Geigenton, der sich anhörte wie von einer Säge produziert. Auch andere Instrumente, die er nicht herausfand. All diese Töne mischten sich und taten den Ohren weh.

Plötzlich waren sie da. Father Gregor hatte darauf gewartet und war trotzdem überrascht, als es von einem Moment zum anderen passierte. War er sah, ließ seine Augen groß werden und seinen Atem stocken. Es gab nur einen Ausdruck für das Phänomen.

Ein Marsch der Toten!

***

Die Hände des Geistlichen stemmten sich so hart gegen die Fensterbank, als wollten sie diese zerdrücken. Das Bild hatte den alten Mann geschockt. Er stieß die Luft stoßweise aus und roch dabei den Whisky, der seinen Atem geschwängert hatte.

Es war ein Leichenzug, der sich dem Haus näherte. Tote, die sich bewegten, die auf ihren Instrumenten spielten, als wären sie von lebenslustiger Freude erfüllt.

Tote Gestalten, die allerdings das normale Leben schon lange hinter sich hatten, denn Haut und Fleisch waren längst verwest, sodass von ihnen nur noch die Knochen übrig waren. Die gesamte Gruppe setzte sich aus Skeletten zusammen, die musizierten.

Manche waren einfach nur nackt. Andere wiederum trugen Kleidung.

Hosen, Hemden, Jacken oder Umhänge.

Diejenigen, die die Führung übernommen hatten, spielten auf ihren Instrumenten. Skelettierte Hände schlugen auf die Trommeln. Andere hielten Flöten vor ihre Mäuler und spielten darauf, wobei sich der Beobachter fragte, wie es möglich war, dass Skelette über einen Atem verfügten, der diese Instrumente zum Klingen brachte.

Sie gingen. Sie bildeten eine Reihe. Zu zählen waren sie nicht. Er sah auch Gestalten, die mit Dreschflegeln bewaffnet waren oder Stöcke in den Händen hielten.

Eine Armee der Toten oder des Grauens schritt auf ihn zu, und er hatte jetzt den Beweis, dass es sie gab. Die Menschen hatten ihm nicht glauben wollen, als er dieses Thema angesprochen hatte. Das hier war eine Premiere, denn bisher hatte er nur die Musik gehört und nicht deren Spieler gesehen.

Nun war alles anders. Sie kamen auf die Breitseite des Hauses zu, als wollten sie ihm ein Ständchen bringen. Geschöpfe, die es so eigentlich nicht geben durfte. Die in irgendwelchen Bereichen der Hölle stecken mussten und Stoff für gruselige Geschichten boten, die sich die Menschen gegenseitig erzählten.

Nichts hielt sie auf. Und sie blieben in einer Reihe, wobei die vorderen Knochengestalten den Takt angaben. Es waren diejenigen, die mit den Knochenhänden auf das Fell der Trommeln schlugen.

Schrill hörte sich der Klang der Flöten an. Manchmal auch kreischend. Es war eine Folter für die Ohren, aber Father Gregor dachte nicht daran, seine Hände gegen die Ohren zu drücken. Er hörte dieser Kakofonie weiter zu und er dachte daran, dass die Gestalten bald gegen sein Haus laufen würden, wenn sie so weitergingen.

Etwas anderes passierte.

Die Gruppe hielt an!

Gregor wusste nicht, was das zu bedeuten hatte. Jetzt spürte er eine feuchte Kälte überall an seinem Körper. Er dachte daran, dass er Tote vor sich hatte, die trotzdem auf eine bestimmte Art und Weise lebten und die nun gekommen waren, um ihn zu holen.

Als Lebender zwischen den Toten!

Er wollte es nicht wahrhaben. Er schüttelte den Kopf. Er hörte sich selbst etwas flüstern, ohne zu wissen, was er gesagt hatte. Die Lage war einfach nicht mehr normal. Sie hatte sich in eine Surrealität verwandelt, die er nicht nachvollziehen konnte. Als wäre er gleichzeitig in ein Gemälde geraten, das nur ein Maler wie Hieronymus Bosch hatte schaffen können. Father Gregor fühlte sich hineinversetzt in eine völlig neue Realität, die nicht mehr der normalen Wirklichkeit entsprach, die er aber trotzdem hinnehmen musste.

Die Gruppe stand. Aber sie spielte weiter. Sie brachte ihm das Ständchen, und der Geistliche wusste nicht, ob er lachen oder weinen sollte. Das war so verkehrt, ging an der Realität vorbei, sodass er nur den Kopf schütteln konnte, was die Dinge auch nicht änderte. Sie waren erschienen, um ihn zu beglücken.

Er befürchtete nichts mehr, als dass sie im nächsten Moment in sein Haus einfielen. Aber sie ließen ihre Instrumente sinken, und auch die Trommler schlugen nicht mehr zu.

Es wurde still!

Der Geistliche hörte nur noch seine eigenen Atemstöße. Er wusste nicht, was ihm besser gefiel. Der Lärm oder die Stille. Anfreunden konnte er sich beim Anblick der Toten mit beidem nicht.

Allmählich begann die Dämmerung. Sie legte sich wie ein dünnes Tuch über das Land und erreichte auch die skelettierten Musiker, deren bleichgelbe Knochen jetzt einen grauen Schimmer annahmen, als hätte jemand sie überpinselt.

Gesprochen hatten die Gestalten bisher nicht. Sie hatten sich nur bewegt, und irgendwie war Father Gregor gespannt darauf, ob sie auch anders mit ihm kommunizieren konnten.

Er wartete. Allmählich beruhigte sich sein Herzschlag. Der Schweiß auf seinem Rücken wurde kalt.

Was wollten sie noch? Warum waren die Gestalten überhaupt gekommen? Und woher stammten sie?

Diese Frage beschäftigte ihn am meisten. Sie waren bestimmt nicht vom Himmel gefallen, sondern eher aus der Hölle gestiegen, wo ihnen das Feuer der Verdammnis die Haut von den Knochen gebrannt hatte.

Wollten sie ins Haus und sich ein Opfer holen?

Bisher trafen sie keinerlei Anstalten. Sie blieben stehen und glotzten, obwohl die Augenhöhlen leer waren.

Father Gregor konnte das nicht begreifen. Er wunderte sich darüber, wie ruhig er war. Eigentlich hätte er durchdrehen müssen. Schreien, weglaufen, auf die Knie fallen und beten.

Was tat er stattdessen?

Er blieb am Fenster stehen und schaute sich die unmöglichen Gestalten an. Da war nichts Normales mehr. Er hätte sich gern einen Menschen zwischen ihnen gewünscht, der so ausgesehen hätte wie er. Aber das war nicht möglich.

Und dann passierte es.

Plötzlich ging ein Ruck durch die Gestalten. Als hätte jede von ihnen einen Befehl erhalten. Arme bewegten sich ebenso zuckend wie Beine. Keines der Skelette schaffte es, ruhig stehen zu bleiben. Sie schüttelten sich und dann traute Father Gregor seinen Augen nicht, als er sah, dass sie sich bewegten.

Sie drehten sich nach rechts.

Danach gingen sie los. Aber sie marschierten von nun an ohne die Musik.

So gingen sie fort …

Der Geistliche fasste es nicht. Aber er wollte sich überzeugen und lehnte sich weit aus dem Fenster. Dabei drehte er den Kopf nach links, wo er sie gehen sah. Wenn sie ihren Weg fortsetzten, würden sie den Ort Quimlin erreichen und sich den Menschen dort zeigen.

Gregor wollte gar nicht daran denken, was dann passierte. Die Leute würden durchdrehen, sie würden schreien und die Welt nicht mehr verstehen.

Es passierte nicht, denn der einsame Mann wurde Zeuge eines weiteren Phänomens.

Er war es gewohnt, dass die Natur manchmal ein wenig verrückt spielte. Dabei dachte er an Wetterphänomene, an starke Orkane oder zu heiße Tage im November.

Was er jetzt aber zu sehen bekam, war für ihn kaum zu fassen. Er nahm es hin, er hätte beinahe gelacht, aber auch das schaffte er nicht, sondern starrte nur auf die breite Nebelwand, die plötzlich erschienen war und die Gestalten verschluckte. Sie liefen in die graue Masse hinein, was der Zeuge irgendwie noch akzeptierte, aber nicht das, was danach passierte.

Die Gestalten verschwanden. Sie waren plötzlich weg, als hätte der Nebel sie aufgelöst. Gregor hatte sie noch in die Masse hineingehen sehen, und dann gab es sie nicht mehr.

Verschwunden, aufgelöst …

Der Geistliche hörte sich lachen. Mehr konnte er nicht tun, denn für ihn war die Welt auf den Kopf gestellt worden …

***

Nichts lief mehr, gar nichts …

So und nicht anders dachte Father Gregor. Er gab zu, dass er die Kavalkade erwartet hatte, denn er gehörte zu den wenigen Eingeweihten, aber dass die Skelette so schnell wieder verschwunden waren, das bereitete ihm schon Sorgen.

Wieso konnte das geschehen?

Gregor stand nicht mehr am Fenster. Er hatte sich in sein Haus zurückgezogen, saß am Tisch, über dessen Platte das Licht einer Lampe fiel, und haderte mit sich und der Welt.

Für ihn war das Unmögliche wahr geworden. Er befand sich in einem Zwiespalt und hatte das Gefühl, als hätte sich plötzlich eine andere Welt geöffnet. Da war ein Tor aufgestoßen worden, das einem Menschen einen Einblick in eine andere Welt gewährte.

Es war nicht das Jenseits. Es war etwas anderes. Etwas Metaphysisches. Etwas, das hinter dem normalen Sehen und Erkennen eines Menschen lag. Lebende Skelette. Wenn überhaupt, dann gab es sie höchstens im Kino, aber nicht in der Wirklichkeit.

Trotzdem hatte er sie gesehen.

Und den Nebel!

Er war plötzlich vorhanden gewesen und hatte die Gestalten verschluckt. Und das innerhalb kürzester Zeit, und sie waren auch nicht mehr zurückgekehrt.

Aber wo steckten sie jetzt? Und wo befand sich der Nebel? Auch er war innerhalb von Sekunden verschwunden, und darüber musste der Geistliche nachdenken.

Mehrere Phänomene auf einmal. Ein Wahnsinn war das und etwas, das er allein nicht wieder gerade rücken konnte.

Wie viele seiner irischen Landsleute war auch er ein sehr gläubiger Mensch, noch eine Idee gläubiger als das normale Volk, sonst wäre er diesen Weg nicht gegangen. Er glaubte an den Himmel, an die Verklärung nach dem Tod, und er hatte anderen Menschen gegenüber auch nicht abgestritten, dass es eine Hölle gab.

Nur hatte er sie nicht konkretisieren wollen. Was man von früher her kannte, war ihm zu blöd gewesen. Das Feuer, in dem die Menschen ihre Restzeit verbrachten, nein, an das glaubte er nicht. Er hatte sich eigentlich keine konkreten Vorstellungen von der Hölle gemacht.

Nun aber, da er so allein in seinem kleinen Haus hockte, musste er diese Vorstellungen korrigieren. Es gab eine Hölle, und es gab etwas, das sie nicht für sich behalten hatte.

Es waren die Gestalten, die ihm ein Ständchen gebracht hatten. Eine andere Erklärung gab es nicht für ihn. Auch wenn es schwer war, sich mit dem Gedanken anzufreunden, er musste es tun.

Da hatte der Teufel eines seiner Höllentore geöffnet und seine Diener entlassen.

Es war furchtbar.

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