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John Sinclair - Folge 1717

Die Fratze der Angst

Das Grauen begann, als die sonntägliche Vormittagsmesse ausgeläutet wurde.

Die Besucher – Frauen, Kinder und Männer – drückten sich durch die enge Tür ins Freie, um sich auf dem Vorplatz zu versammeln, der ebenso erhöht wie die Kirche lag und zu dem zwei Steintreppen von verschiedenen Seiten hoch führten.

Der Unhold lauerte hinter der Kirche. Und das an einem für ihn perfekten Platz, denn dort lagen die Gräber eines Friedhofs dicht an dicht und wie geometrisch aufgereiht.

Er roch die Menschen.

Er mochte ihr Fleisch.

Es war so warm und weich …

Am allerliebsten mochte er es, wenn es noch frisch war, aber er nahm auch das alte, das bereits stank. So wie er, denn von ihm ging der abstoßende Geruch von Verwesung aus.

In seinem verwüsteten Gesicht rollten die Augen. Sie waren nicht mit denen eines normalen Menschen zu vergleichen. Bei ihm bestanden sie aus zwei Kugeln, deren Farbe ein schmutziges Weiß zeigte.

Noch hatte es niemand zu Gesicht bekommen. Das würde sich ändern, denn dieser Morgen sollte den Menschen hier unvergessen bleiben.

Das Ding presste sich mit dem Rücken gegen die Kirchenmauer. Der Klang der Glocke passte ihm nicht. Jeder Schlag schien ihm Schmerzen zu bereiten, denn er verzog immer das Gesicht. Normalerweise wäre er geflohen, doch er dachte an ihr warmes Fleisch.

Er würde über sie kommen wie eine Explosion. Endlich würden sie es am eigenen Leib erfahren und brauchten sich nicht mehr an die Gerüchte zu halten, denn es war bereits über ihn gesprochen worden, wenn auch nur hinter vorgehaltener Hand und flüsternd.

Niemand wollte etwas zugeben, man fürchtete sich vor dem, was nicht sein durfte und trotzdem vorhanden war.

Georg Prantl war einer der Letzten, die aus der kleinen Kirche gingen. Er hatte sich Zeit gelassen und seine Schritte dem Klang der Glocke angepasst. Nach dem Halbdunkel in der Kirche war er froh, das helle Licht des Tages zu sehen. Ebenso wie den wunderbaren blauen Himmel, auf dem weiße Wolken wie Kissen schwammen. Es war das perfekte Bild für eine Postkarte, und Prantl dachte wieder mal daran, dass es etwas Wunderbares war, hier am Stadtrand von Salzburg wohnen zu dürfen.

Der Pfarrer war noch nicht nach draußen getreten. Er würde einen Seiteneingang nehmen und sich dann unter die Menschen mischen, um mit ihnen zu plaudern.

Es war noch kein Frühling, aber der erste Hauch lag bereits über dem Land. Obwohl noch an verschiedenen Stellen der Altschnee lag, schimmerten überall die Schneeglöckchen, und auch die Krokusse bildeten mit ihren violetten Farben einen wunderbaren Kontrast zu der noch winterlichen Erde, aus der sie gekrochen waren.

Georg Prantl war hier geboren. Nur wohnte er nicht mehr in dem kleinen Ort am Rand von Salzburg. Sein berufliches Feld hatte sich nach Wien verlagert. Hier im Ort ging man davon aus, dass er bei der Polizei war.

Das stimmte nur bedingt. Tatsächlich war Georg Prantl ein Mitglied des Geheimdienstes, aber das brauchte ja niemand zu wissen. Er war hier als Polizist angesehen, und auch seine Mutter war sehr stolz auf ihren Sohn und freute sich immer, wenn er sie mal wieder besuchte.

Das war auch jetzt der Fall gewesen. Nur unterschied sich dieser Besuch ein wenig von den anderen. Es gab da einen völlig verrückten Grund, auf den ihn seine Mutter gebracht hatte.

Es hatte Tage und auch Nächte gegeben, da hatte ein Leichengeruch über der Stadt gelegen. Oder zwischen den Häusern.

Das war den Menschen hier unerklärlich. Sie hatten sich auf die Lauer gelegt, Wache geschoben, um einen Grund für den Geruch zu finden. Sie hatten etwas gesehen, aber sie wussten nicht, ob es auch stimmte.

In der Nacht hatten sie seltsame Wesen entdeckt, die durch die Straßen gezogen waren. Nicht viele. Zwei oder drei. So sagten es jedenfalls die Zeugen aus. Angeblich hatten diese Menschen den Gestank verbreitet, und ein besonders Schlauer hatte sie als Dämonen bezeichnet.

Den Gestank, der sich irgendwann verflüchtigte, hätten sie ja noch hingenommen, doch es war zu Vorfällen gekommen, die nicht mehr akzeptiert werden konnten.

Tiere waren getötet worden. Regelrecht gerissen, als wäre ein Wolf in die Ställe mit den Schafen und Ziegen eingedrungen. Da waren die Bauern auf den umliegenden Höfen schon in eine leichte Panik geraten. Sie alle konnten sich keinen Reim auf das Geschehen machen. Erst der Gestank, dann die toten Tiere.

Georg Prantls Mutter war von mehreren Menschen angesprochen worden, doch mal ihren Sohn zu bitten, in den Ort zu kommen, um sich der Sache anzunehmen. Er war schließlich Polizist, ein Herr Kommissar oder Herr Oberst, so genau wussten die Menschen das nicht, und als gehorsamer Sohn hatte Georg Prantl der Bitte seiner Mutter entsprochen. Es war zudem recht einfach gewesen, denn er hatte noch einige Tage Urlaub zu bekommen.

Eine Woche hatte er genommen und auch daran gedacht, mal richtig Urlaub zu machen. Seine Eltern wohnten noch immer etwas außerhalb des Ortes in einem alten Haus, das in der letzten Zeit einen Anbau erhalten hatte, denn dort wurden vier Fremdenzimmer vermietet, die besonders zur Festspielzeit belegt waren.

Georg Prantl lächelte, als er tief durchatmete. Salzburg und seine Umgebung war ohne Regen wunderschön. Dieser späte Morgen war zwar kalt, aber die Wintersonne würde schon dafür sorgen, dass die Temperaturen stiegen.

Es war alles so friedlich, und Prantl vergaß den eigentlichen Grund seines Kommens. Er dachte an seinen Urlaub und nahm sich vor, in die Berge zu fahren, um den einen oder anderen Tag auf den Pisten zu verbringen.

Jemand winkte.

Es war seine Mutter, die auf ihn wartete. Sein alter Herr war nicht mit in die Kirche gekommen. Xaver Prantl hatte sich den rechten Fuß leicht verknackst, als er von einer Leiter gerutscht war. Jetzt humpelte er durch das Haus und war sauer.

Der Oberst winkte zurück und lächelte, als er sich in Bewegung setzte.

Wer ihn so ansah, der hätte ihn niemals für einen Polizisten gehalten. Er war mehr der gemütlich wirkende Typ mit einem leichten Bauchansatz, einem runden Gesicht mit braunen Augen, deren Farbe sich auch in den Haaren wiederholte, die sehr dicht und nach hinten gekämmt waren und auf einen Mittelscheitel verzichten konnten.

Man kannte ihn hier, er war in dem Ort aufgewachsen. Als kleiner Junge hatte er hier gespielt, war später Messdiener gewesen und hatte sich auch nach dieser Zeit wunderbar in die Dorfgemeinschaft eingefügt. So war er zu den Schützen gegangen, doch dann hatte es den Schnitt gegeben, als er bei der Polizei angeheuert und dort Karriere gemacht hatte. So gemütlich Prantl auch aussah, er konnte auch anders. Er war ein knallharter Kriminalist und hatte schon einiges an Erfolgen vorzuweisen.

Seine Mutter stand mit Nachbarn zusammen, die Georg von klein auf kannten. Auch diese Menschen waren älter geworden. Der Oberst wurde herzlich begrüßt, und Helma Prantl sprach sofort davon, dass ihr Sohn etwas länger bleiben würde.

»Er macht nämlich hier Urlaub«, erklärte sie.

»Ach, in der Heimat?«

»Genau.«

Die Nachbarin lächelte. »Das ist aber schön, dass der Sohn mal bei seinen Eltern Urlaub macht. Erlebt man ja nicht so oft, denke ich.«

»Genau.«

Helma Prantl mischte sich wieder ein. »Nun ja«, sagte sie und gab ihrer Stimme einen verschwörerischen Tonfall. »So ein richtiger Urlaub ist es ja nicht. Georg hat mir versprochen, sich um diesen schrecklichen Gestank zu kümmern, von denen ja manche Leute glauben, dass er vom Teufel hinterlassen worden war, weil der sich Urlaub aus der Hölle genommen hatte.«

Prantl winkte ab. »Bitte, Mutter, lass die Kirche im Dorf. Ich sehe mich mehr als Urlauber.«

»Ja, ja, aber du wolltest doch …«

Er unterbrach sie. »Jetzt möchte ich erst mal nebenan ins Hotel und mir ein Bier gönnen.«

»Frühschoppen?«, fragte der Nachbar. »Da bin ich auch dabei.«

»Wie in alten Tagen.«

»Genau.«

Helma Prantl drehte sich auf der Stelle. »Wo steckt eigentlich der Pfarrer?«, fragte sie leicht verwundert. »Der wollte doch mit dir ein Bier trinken.«

»Stimmt.« Prantl hob die Schultern. »Er wird schon gleich kommen. Ich denke, dass er sich mit dem Umziehen noch etwas Zeit lässt.«

Die beiden Nachbarn nickten sich zu. Die Frau, die einen dicken Wintermantel trug und sich einen schwarzen Hut auf den Kopf gesetzt hatte, verabschiedete sich.

Sie war dabei, sich von der kleinen Gruppe wegzudrehen, als es passierte. Ein gellender Schrei durchbrach die relative Stille und ließ die meisten Menschen zusammenzucken.

Jeder hatte gehört, wo der Schrei aufgeklungen war. Und zwar neben der Kirche, wo der Weg zum Friedhof führte …

***

In den folgenden Sekunden glich das Bild einer Inszenierung, die von einem Regisseur angehalten worden war. Es gab wohl kaum jemanden, der sich bewegte. Die Kirchgänger standen vor dem Gotteshaus oder hatten sich auf den beiden Treppen verteilt, wo sie wie Statuen wirkten und keinen Laut hervorbrachten. Nur der Atem dampfte als kleine Wölkchen von den Lippen der Menschen.

Georg Prantl kannte sich aus, was Schreie anging. Das hier war kein Lustschrei gewesen, eher das Gegenteil. Wer so schrie, der musste Angst haben, so dachte der Oberst, und er zögerte nicht eine Sekunde.

Mit einer Behändigkeit, die man ihm kaum zugetraut hätte, wirbelte er herum und dachte in diesem Moment daran, dass er leider unbewaffnet war, denn wer ging schon mit einer Pistole in die Heilige Messe.

Prantl musste einige Kirchgänger zur Seite drücken, um freie Bahn zu haben. Dann hielt ihn nichts mehr. Er erreichte wenige Sekunden später den schmalen Weg, der an der Seite der Kirche entlang zum Friedhof führte und ihm zudem einen Blick über das Gräberfeld erlaubte.

So weit musste er gar nicht schauen. Kurz nachdem er um die Ecke gelaufen war, sah er, was dort los war. Seine Augen weiteten sich. Er konnte es nicht fassen, denn er sah nicht nur den am Rand des Friedhofs am Boden liegenden Pfarrer, sondern eine Gestalt, die keinen Fetzen am Leib trug und sich über den Kirchenmann gebeugt hatte.

Er dachte in diesen Augenblicken der Entdeckung gar nichts. Erst nach wenigen Schritten wehte ihm der eklige Gestank ins Gesicht. Ja, das war der Geruch von Verwesung, sogar mit einem süßlichen Hauch unterlegt.

Jetzt dachte er daran, weshalb seine Mutter ihn geholt hatte. Bisher hatte er es für Spinnerei gehalten, das stimmte nicht mehr, es war eine Tatsache, und die machte ihn für einen Moment so irre, dass er einen Stein übersah, der ihm im Weg lag.

Prantl stieß dagegen, stolperte über ihn, wäre fast gefallen und schaffte es gerade noch, sich an der nahen Kirchenwand abzustützen. Erst dann hatte er wirklich freie Bahn und hetzte auf das Geschehen zu.

Alles spielte sich in Sekunden ab, doch er hatte das Gefühl, als würde sich die Zeit dehnen. Er bekam alles genau mit, es wurde ihm regelrecht präsentiert, und er sah jetzt, dass der Pfarrer mit dem Rücken auf einem Grab lag, auf das er gedrückt worden war.

Über ihm hockte die Gestalt. Auch wenn Prantl nur den Rücken sah, war der Körper hässlich. Eine braune Haut, auf der sich Narben und Löcher zeigten. Da musste man schon einen Ekel bekommen, wenn man sie berührte.

Das wollte Georg Prantl auf seine Art und Weise tun. Bevor er die Gestalt erreichte, holte er mit dem rechten Bein aus. Die Schreie des Pfarrers waren in ein Wimmern übergegangen, und dann traf Prantls Tritt nicht nur den Rücken des Monstrums, sondern auch noch dessen linke Seite.

Die Gestalt flog zur Seite. Sie musste sich von ihrem Opfer lösen, und Prantl, der sich gefangen hatte, warf einen Blick auf diesen Widerling, dessen Hände blutig waren, ebenso wie dessen Maul.

Sofort war die hässliche Gestalt wieder auf den Beinen, warf sich herum und hetzte davon.

Prantl wusste nicht, wer diese Gestalt war. Er hätte sie gern verfolgt, aber er musste sich erst um den Pfarrer kümmern, der auf dem Grab lag und verletzt, aber nicht bewusstlos war. Er jammerte, er zuckte unter den Schmerzen, und Prantl bekam große Augen, als er die Wunde an der rechten Schulter des Mannes sah. Dort war die Kleidung so zerfetzt, dass sich diese wirklich tiefe Wunde abmalte, bei der Haut und auch Fleisch fehlten. Das Monster musste wie ein Irrer zugebissen haben.

Prantl sah auch Blut im Gesicht des Pfarrers. Neben dem Kinn befand sich eine zweite Wunde. Der Pfarrer musste unter wahnsinnigen Schmerzen leiden, aber zugleich noch unter einem Schock, das sah der Polizist in den Augen des Mannes.

»Es wird Ihnen geholfen«, flüsterte er. »Sie müssen keine Angst haben …«

Mehr konnte Prantl nicht für ihn tun. Er wusste aber, dass sich unter den Kirchgängern auch ein Arzt befunden hatte. Der war jetzt am wichtigsten.

Georg Prantl fuhr herum. Er schaute den Weg zurück, den er gekommen war. Er war nicht mehr menschenleer. Einige Leute hatten sich getraut, näher zu kommen, und es war auch der Arzt unter ihnen.

»Kommen Sie, Doktor, schnell! Das müssen Sie sich anschauen.«

Der Arzt war ein noch junger Mann und erst seit einem Jahr im Ort. Er wusste, was er zu tun hatte. So schnell wie möglich rannte er näher. Der Geheimdienstmann trat zur Seite, um dem Arzt Platz zu machen.

Er konnte jetzt nichts mehr tun, nicht für den Pfarrer. Er dachte immer an das Monstrum, das den Pfarrer überfallen hatte, aber das war verschwunden. Der Friedhof war begrenzt. Er hätte ihn längst hinter sich lassen können, und das war wohl auch der Fall. Aber er wollte sicher sein und das war nicht von seinem Standplatz aus möglich.

Er lief quer über den Friedhof, huschte an höheren Grabsteinen vorbei oder übersprang die schmaleren Gräber einfach. Dann erreichte er die Mauer, die einen weißen Anstrich hatte.

Nein, der Killer war nicht mehr zu sehen. Die Straße, die unterhalb der Mauer entlang lief, war leer. Abgesehen von zwei parkenden Autos.

Trotzdem hatte das Monstrum diesen Weg genommen. Es war über die Mauer geklettert, denn nicht weit von ihm entfernt klebten rote Blutspuren am Gestein. Das reichte als Beweis völlig aus. Aber es war nicht zu erkennen, wohin sich dieser Unhold gewandt hatte, und so sah Prantl auch keinen Sinn darin, die Spur wieder aufzunehmen. Er musste passen und ging den Weg wieder zurück.

Diesmal langsamer. Er spürte das heftige Schlagen seines Herzens. Sein Gesicht war gerötet. Zahlreiche Gedanken wirbelten durch seinen Kopf. Sie waren allerdings zu wild, um sie in eine Bahn lenken zu können.

Der Arzt stand noch neben dem Verletzten. Es war zu sehen, dass er telefonierte. Als Prantl neben ihm anhielt, ließ er das Handy verschwinden. »Ich habe einen Krankenwagen herbeordert. Der Mann muss unbedingt in ein Krankenhaus.«

»Das sehe ich auch so.«

Der Arzt senkte den Blick. »Es sind schreckliche Wunden, die ihm zugefügt wurden. Wer, verdammt noch mal, hat das getan?« Jetzt schaute er Prantl wieder an.

»Ich kann es Ihnen nicht sagen.«

»Aber Sie haben ihn doch gesehen, auch verfolgt.«

»Schon. Er hatte leider einen zu großen Vorsprung und war schneller als ich.«

»Ja, das kann passieren.« Der Arzt schlug ein anderes Thema an. »Spüren Sie noch den Geruch?«

Prantl lachte. »Geruch?«, murmelte er. »Das ist ein ekliger und widerlicher Gestank.«

»Ja, das auch. Aber es ist der Geruch, von dem die Menschen hier im Ort gesprochen haben.«

»Ja, ich hörte davon.«

Der Arzt nickte bedächtig. »Dann gibt es dieses Monster also. Gott, das ist schlimm.«

Georg Prantl wusste nicht, was er darauf erwidern sollte. Er musste dem Mann zustimmen, nickte und warf einen Blick auf den Pfarrer, der am Boden lag und dessen Gesicht zu einer Fratze der Angst verzerrt war. Er hatte Schreckliches durchgemacht. Im Moment allerdings war er ruhig und stöhnte nur leise vor sich hin.

Georg Prantl warf einen Blick zurück. Zahlreiche Kirchgänger hatten die Schreie gehört.

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