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John Sinclair - Folge 1716

Assungas Hexensturm

Elaine klemmte den Messergriff quer zwischen ihre Zahnreihen und duckte sich noch tiefer, bevor sie bis zum Rand des flachen Dachs vorrobbte.

Von dieser Stelle aus hatte sie einen perfekten Blick über den Garagenhof, der zum Gelände eines Supermarkts gehörte. Sie blieb auf dem Bauch liegen und lauschte.

Ja, sie hatte sich nicht geirrt, es waren die harten Geräusche von Schritten zu hören, die bereits zuvor an ihre Ohren gedrungen waren und sie zu dieser Handlung gezwungen hatten.

Und jetzt sah sie auch die Person, deren Schrittechos so laut klangen. Sie erreichte eine Laterne und geriet für einen Moment in ihren Lichtschein, sodass sie gut zu erkennen war …

Es war eine Frau. Sie trug einen Mantel, den sie nicht geschlossen hatte. Bei jedem Schritt schwangen die Schöße hin und her. Zielstrebig ging die Frau auf ein Auto zu, das quer vor einer Garage parkte und das einzige Fahrzeug auf dem Hof war.

Elaine lächelte. Es lief perfekt. Das Auto stand nahe der Garage, auf deren Dach sie hockte. Sie musste nicht mal weit springen, um es zu erreichen.

Sekunden würden noch vergehen, dann konnte sie den Angriff starten. Sie überprüfte noch mal den festen Sitz des Messers zwischen ihren Zähnen, denn sie wollte es beim Sprung nicht verlieren.

Die Frau ahnte nichts. Sie hatte es einfach nur eilig. Warum sie ihren Wagen gerade hier abgestellt hatte, interessierte Elaine nicht. Sie nahm es als Fügung des Schicksals hin, das ihr an diesem Tag wohl gut gesinnt war.

Der Tag war vorbei. Die Dunkelheit lag über der Stadt. Dunkelgraue bis schwarze Wolken hingen am Himmel und verdeckten das Licht der Gestirne.

In dieser Umgebung hatte nur jemand etwas zu suchen, der sein Fahrzeug aus der Garage holen oder es hineinfahren wollte. Das war in den letzten Minuten nicht passiert.

Die Frau erreichte ihren Wagen. Jetzt würden nur noch Sekunden vergehen, bis sich Elaine vom Dach der Garage lösen konnte. Hätte kein Messer zwischen ihren Zähnen gesteckt, sie hätte sich die Lippen geleckt, denn sie war voller Vorfreude.

Die Frau blieb an der Fahrerseite stehen. Sie holte den Autoschlüssel aus der Tasche und wenig später hatte das Funksignal die Türen geöffnet.

Sie konnte einsteigen.

Das ließ Elaine nicht zu. Zwischen ihren zusammengebissenen Zähnen drang ein schwacher Schrei hervor, da befand sie sich schon in der Luft und fiel der anderen Person entgegen.

Die hatte den Schrei gehört. Sie reagierte auch, indem sie herumzuckte, doch es war zu spät.

Elaine prallte gegen ihr Opfer und schleuderte es zurück, dann zur Seite, und als sie die Höhe der Motorhaube erreichte, fiel die Frau endgültig zu Boden und blieb neben dem Vorderrad liegen …

***

Elaine lachte auf. Das musste sie einfach. Sie freute sich über ihren Erfolg, denn bald würde sie das bekommen, was sie unbedingt brauchte. Blut! Frisches Blut.

Sie öffnete ihren Mund. Das Messer fiel nach unten, wo es von ihrer Hand aufgefangen wurde.

Das Opfer lag auf dem Rücken. Es bewegte sich nicht. Wahrscheinlich war es durch den harten Aufprall betäubt worden. Und auch der Schock konnte etwas dazu getan haben.

Elaine lächelte. Dann grinste sie und sagte, während die Spitze des Messers auf die Liegende zeigte: »Na, wie gefällt dir das?«

Die Überrumpelte gab zunächst keine Antwort. Bewusstlos war sie nicht geworden, denn die Pupillen bewegten sich und sie konnte zudem sprechen.

»Was soll das bedeuten?«

»Das ist ein Überfall.«

»Ich weiß.«

Elaine wunderte sich, weil die Person so wenig sagte. »Mehr sagst du nicht?«

»Warum sollte ich?«

»Hast du keine Angst?«

»Ach, muss ich die denn haben?«

Elaine konnte sich über diese Antwort nur wundern.

»Was denkst du dir eigentlich? Dass dies hier ein Spaß ist?«

»Sicherlicht nicht. Aber du hast Pech gehabt. Ich habe kaum Geld bei mir. Wenn du dich bereichern willst, dann musst du dir eine andere Person aussuchen.«

»Geld! Ha! Was interessiert mich das?«

»Nicht?«

Elaine beugte sich weiter vor. Jetzt sah sie das Gesicht der anderen Frau deutlicher. Da fiel besonders der herzförmig geschnittene Mund auf und die großen Augen unter einer Stirn, die ohne Falten war. Das helle Haar war sicherlich gefärbt. Man konnte nicht von einer blonden, sondern musste schon von einer bleichen Farbe sprechen.

Auch jetzt entdeckte Elaine keine Angst im Blick der Frau. Es war mehr Neugierde. Die machte sie zwar nicht nervös, sorgte aber schon dafür, dass sie sich wunderte.

»Jetzt wunderst du dich, wie?«

»Kann man sagen. Du willst also kein Geld?«

»So ist es.«

»Was dann?«

Auf diese Frage hatte Elaine gewartet. Jetzt konnte sie endlich das sagen, was ihr auf dem Herzen lag.

»Blut!«, keuchte sie. »Ich will dein Blut, verdammt noch mal, und ich werde es auch trinken …«

Jetzt war es heraus. Elaine wartete auf eine Reaktion, die auch erfolgte, aber nicht so, wie sie sich das vorgestellt hatte. Die Überfallende öffnete den Mund, und ein schallendes Gelächter hallte durch die Nacht.

Elaine war völlig konsterniert. Sie hatte mit einigen Antworten gerechnet, alle von Angst diktiert, doch nicht mit diesem hämischen Gelächter, das sie völlig durcheinanderbrachte. Dabei bewegte sie die Hand mit dem Messer vor und zurück, ohne allerdings zuzustechen.

»Halt dein Maul!«

Das Lachen der Blonden verstummte. Aber sie war nicht still. Sie fragte: »Und jetzt?«

»Du hast es gehört«, flüsterte Elaine. »Ich werde mir dein Blut holen. Daran gibt es nichts zu rütteln. Ich habe nicht grundlos auf dich gewartet. Ich bin leer, aber du bist voll. Verstehst du das?«

»Ja, ja, aber das Blut …«

»Ich brauche es, verdammt noch mal. Ich will es haben, und ich werde es bekommen.«

»Nur Vampire trinken Blut.«

»Ich weiß.«

»Bist du ein Vampir?«

Elaine senkte den Kopf. Dann öffnete sie den Mund so weit wie möglich. Bevor sie eine Frage stellen oder etwas anderes sagen konnte, hörte sie die Stimme der Frau.

»Wo sind denn deine Vampirzähne? Hat man sie dir ausgeschlagen? Du machst dich doch lächerlich.«

Elaine konnte vieles vertragen, nur keinen Spott. Und das bewies sie in der folgenden Sekunde, als sie blitzschnell die Klinge bewegte und plötzlich eine Wunde in der linken Wange der Blonden klaffte. Sofort quoll Blut hervor und dann tanzte die Klinge vor den Augen des Opfers.

»Na, was sagst du jetzt?«

»Was soll der Schnitt?«

»Ich habe dir doch gesagt, dass ich dein Blut will. Nicht mehr und nicht weniger. Und das werde ich dir beweisen.« Elaine packte zu und riss ihr Opfer in die Höhe. Sie wusste genau, was sie tat, denn sie drehte die Frau herum und gab ihr einen Stoß, sodass die Blonde mit dem Rücken auf der Motorhaube landete.

Elaine verlor keine Zeit. Sie warf sich auf die Frau und setzte ihr das Messer an die Kehle.

»Ganz ruhig«, flüsterte sie. »Ich werde jetzt das Blut trinken, das aus deiner Wunde quillt. Solltest du dich trotzdem wehren, werde ich dir die Kehle durchtrennen, klar?«

»Schon gut, schon gut.«

Elaine grinste. Sie konzentrierte sich auf die Fleischwunde, aus der noch immer Blut quoll. Sie senkte ihren Kopf noch tiefer, ihr Mund klaffte auf. Dann bewegte sie die Zunge und holte sich schlürfend die ersten Tropfen.

»Es wird dir nicht schmecken!«, keuchte die Blonde. »Du hast Pech gehabt …«

»Halt dein Maul! Ich bestimme, was mir schmeckt oder nicht. Verstanden?«

Die Frau hielt ihren Mund. Sie schien sich in ihr Schicksal ergeben zu haben und ließ alles mit sich geschehen.

Rechts und links der Schnittwunde presste Elaine ihre Lippen auf die Haut. Es war für sie Feiertag. Es war einfach wunderbar, sich wieder sättigen zu können.

Die Frau hatte recht. Man konnte Elaine nicht als einen weiblichen Vampir ansehen, trotz ihrer Gier nach Menschenblut. Sie war noch im Werden, und für ein solches Wesen gab es einen besonderen Namen. Sie gehörte zur Gruppe der Halbvampire, aber ihre Nahrung war bereits Menschenblut, das sie sich nur auf eine andere Art und Weise holen musste als ein normaler Vampir. Sie hinterließ keine Bisse im Hals des Opfers, sie verletzte es, um das Blut trinken und sich somit sättigen zu können.

Auch jetzt schlürfte, saugte und schmatzte sie. Sie würde nicht eher aufhören, bis ihr Hunger gestillt war, da nahm sie keine Rücksicht.

Es war ihr Vorhaben, und es hatte bisher auch wunderbar geklappt, deshalb gab es keinen Grund für sie zu glauben, dass es diesmal anders sein würde.

Und doch war es so.

Schon nach dem ersten größeren Schluck löste sie ihre Lippen von der Wange des Opfers. Dann fuhr sie mit einem wütenden Schrei in die Höhe und spie das aus, was sie bisher getrunken hatte. Das Blut klatschte auf den Boden, und es war ein wilder Fluch zu hören.

Das Opfer richtete sich langsam auf. Die Blonde benutzte den Wagen als Stütze, holte ein Tuch aus ihrer Manteltasche und presste es gegen die linke Wange.

Mehr tat sie nicht. Sie beobachtete nur und sah, wie die Halbvampirin das auszuspucken versuchte, was sie bisher getrunken hatte. Da vermischten sich Blut und Speichel. Der Vorgang wurde von einem Keuchen begleitet, aber auch von wilden Flüchen. Sie tanzte herum. Dann schüttelte sie sich, spie immer und immer wieder aus, stand gebückt da.

Die Blonde blieb gelassen. Ab und zu warf sie einen Blick auf das Taschentuch, dessen Farbe jetzt mehr Rot als Weiß zeigte. Trotzdem drückte sie es wieder gegen die Wange. Sie sah aus wie eine Person, die viel Zeit und alles im Griff hatte.

Das Keuchen der Halbvampirin nahm an Lautstärke ab. Jetzt drangen nun noch röchelnde Laute aus dem weit geöffneten Mund. Mit dem Handrücken wischte Elaine über ihre Lippen, dann richtete sie sich kerzengerade auf, als hätte sie einen Stock verschluckt und drehte ihren Kopf der Person zu, die so lässig am Auto lehnte.

»Verdammt, was war das?«

Die Blonde sagte: »Ich heiße übrigens Nora.«

»Okay, wie schön für dich. Aber das ist keine Antwort auf meine Frage.«

»Du musst doch wissen, was es gewesen ist. Denn du wolltest mein Blut trinken.«

»Ja, das stimmt.« Elaine kam einen Schritt näher. »Aber das ist nicht alles. Ich kenne mich aus, sehr gut sogar. Ich liebe das Blut der Menschen, ich brauche es, und du bist ein Mensch!«

»Meinst du?«

»Du siehst so aus.« Elaine lachte. »Auf meine Augen kann ich mich verlassen. Nur nicht auf dein Blut. Es war anders. Es war widerlich. Es war bitter wie Galle.« Sie schüttelte sich. »Ich musste es einfach wieder loswerden.«

»Und warum?«

»Frag nicht so dämlich!«, keuchte sie. »Es war nicht zu genießen. Ja, es war widerlich. So schmeckt das Blut eines Menschen nicht. Egal, ob Mann oder Frau.«

»Das mag sein. Aber so schmeckt das Blut der Hexen!«

Elaine war für wenige Sekunden still. Dann hatte sie sich wieder gefangen. »Was sagst du da?«

»Ich kann es dir auch einfacher machen. Ja, ich bin eine Hexe. Nicht mehr und nicht weniger …«

***

Elaine sagte nichts, obwohl sie alles gehört hatte. Sie stand auf der Stelle, starrte die Blonde an und schaffte es nicht, den Mund zu schließen.

Nora wartete und sah, dass Elaine den Kopf schüttelte.

»Kannst du es nicht glauben?«

»Ich – ich …«

»Du kannst es ja noch mal testen.« Nora deutete auf ihre verletzte Wange. »Los, nimm dein Messer. Schneide mir eine neue Wunde, dann kannst du noch mal trinken.«

Elaine lachte leise. »Nein«, flüsterte sie, »das werde ich nicht tun, denn ich trinke kein Gift.« Sie nickte Nora zu. »Du bist also eine Hexe. In deinem Körper fließt Hexenblut. Habe ich das alles richtig verstanden?«

»Ja, das hast du. Es ist dein Pech, dass du dir ausgerechnet eine Hexe ausgesucht hast. Aber nichts ist perfekt im Leben.«

Elaine sagte: »Es soll doch keine Hexen geben, wie ich gehört habe. Ja, das ist ein Märchen. Hexen gibt es nicht.«

»Sehe ich aus wie ein Märchen?«

Elaine lachte kratzig. »Aber auch nicht wie eine Hexe.«

»Das weißt du genau?«

»Ja.«

»Woher denn?« Nora breitete die Arme aus. »Jetzt sage mir nicht, dass du die Bilder aus den Büchern meinst, wo Hexen als alte Weiber mit krummen Nasen und Warzen darauf herumlaufen. Das ist Quatsch, das haben sich die Menschen ausgedacht. Ich habe auch nicht damit gerechnet, dass es Typen wie dich gibt. Bluttrinker, ohne dass ihr Vampire seid. Nein, das ist schon ungewöhnlich. Sogar mehr als das. Du bist nichts Halbes und nichts Ganzes. Kein Mensch, kein Vampir, eigentlich eine lächerliche Figur. Und jetzt bist du noch an die falsche Person geraten. Das muss dich doch völlig aus der Bahn werfen.«

Elaine hatte die Wahrheit gehört und sie auch in sich aufgesaugt. Aber sie vertraute ihren Kräften. Sie leicht ließ sie sich nicht ins Bockshorn jagen. Ihr Hunger war noch immer vorhanden, und die Nacht war lang. Sie würde schon noch ein Opfer finden.

Aber es war eine Schmach, von dieser Frau wie ein Kind abgefertigt zu werden. Wenn es ihr schon nicht gelang, das Blut zu trinken, weil es ungenießbar war, so wollte sie diese Unperson zumindest aus der Welt schaffen, denn die entsprechende Waffe hielt sie in ihrer rechten Hand. Sie warf einen Blick auf die Klinge, die an der Spitze noch eine rote Schliere zeigte.

Nora hatte sie nicht aus den Augen gelassen, so war ihr auch die Bewegung nicht entgangen. Mit halblauter Stimme sprach sie ihre Warnung aus.

»Ich an deiner Stelle würde nicht mal daran denken. Es kann nur schiefgehen.«

»Halt dein verdammtes Hexenmaul!«

Nora wechselte das Thema. »Wie heißt du eigentlich?«

»Warum willst du das wissen?«

»Reine Neugierde.«

»Ich bin Elaine. Jetzt weißt du, wer dich zur Hölle schicken wird. Denn da gehörst du schließlich hin.«

»Bestimmt nicht!«

»Doch, doch!«, spie Elaine aus. »Hexen gehören zum Teufel und damit in die Hölle.«

»Mach keinen Fehler. Bisher habe ich das alles hingenommen, aber meine Geduld hat irgendwann ein Ende. Und das ist so gut wie erreicht.«

Elaine lachte, denn sie hatte das Messer, und sie sah sich noch immer als die Stärkere an. Sie glitt auf Nora zu, die nach wie vor an der Autoseite lehnte. Das Messer blieb nicht ruhig. Es bewegte sich, es zuckte, mal zielte die Klinge auf den Kopf, dann wieder auf die Körpermitte.

»Hals oder Bauch! Du kannst es dir aussuchen.«

»Nichts von beidem.«

»Das hast du nicht zu bestimmen.«

Nora hob die Schultern. »Ich an deiner Stelle würde mal stehen bleiben und mich umdrehen.«

Elaine lachte, bevor sie fragte: »Warum sollte ich das tun?«

»Weil du dann siehst, wie wenig Chancen du hast. So ist das nun mal.«

Elaine hatte vorgehabt, noch einen weiteren Schritt auf die Hexe zuzugehen. Jetzt aber zögerte sie, denn da war etwas in der Stimme der Frau gewesen, das sie warnte.

Sie stoppte tatsächlich, sah, dass Nora sogar lässig die Arme unter der Brust verschränkt hielt, und tat das, was man ihr geraten hatte. Sie wandte sich um.

Dunkelheit lag über dem Gelände, doch es war nicht so finster, als dass sie nichts mehr ...

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