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John Sinclair - Folge 1715

Gewächs des Grauens

Da das Telefon direkt neben dem Laptop stand, vor dem die Detektivin Jane Collins saß, musste sie nur die Hand ausstrecken, um den Apparat aus der Ladeschale zu nehmen.

»Ja?«, meldete sie sich.

»Jane Collins?« Eine lauernd klingende Männerstimme hatte ihren Namen ausgesprochen.

Sofort spürte sie sich wie elektrisch aufgeladen. »Wer will das wissen?«

Ein hartes Lachen folgte. Danach wieder die Stimme. »Das tut nichts zur Sache.«

»Sorry, darüber denke ich anders«, sagte Jane ärgerlich.

»Hören Sie zu, wenn Sie den übernächsten Tag noch erleben wollen, dann bleiben Sie der Auktion morgen fern. Haben Sie das verstanden, Jane Collins?«

»Sicher. Sie haben ja laut genug gesprochen. Nur sage ich Ihnen, dass ich auf derartige Anrufe nicht reagiere. Ich ignoriere sie. Und erpressen lasse ich mich schon gar nicht. Wobei mich auch Drohungen nicht schrecken.«

»Schade, ich hatte es gut mit Ihnen gemeint.«

»So kann man sich irren!«

Bei der nächsten Frage klang die Stimme wieder härter. »Sie bleiben also dabei?«

»Sicher.«

Der unbekannte Anrufer lachte wieder. »Sie haben ja noch eine Nacht. Da können Sie noch ein wenig nachdenken.«

Mehr sagte der Mann nicht. Die Leitung war tot und Jane saß starr auf ihrem Stuhl und bewegte sich erst einige Sekunden später wieder. Da stellte sie langsam das Gerät zurück in die Ladeschale.

Danach atmete sie tief durch. Dieses Telefonat hatte sie völlig überrascht. Aber der Mann wusste Bescheid. Sie hatte tatsächlich einen außergewöhnlichen Job angenommen. Diesmal ging es nicht darum, eine Person zu überwachen, um Beweise für eine Schuld zu verschaffen, nein, der neue Job war schon ungewöhnlich. Und auch so etwas wie eine Premiere in ihrer beruflichen Laufbahn.

Ein Bischof namens Aldo Makarew hatte sie angerufen und ihr den Auftrag erteilt, eine alte Ikone zu ersteigern, die für eine Auktion freigegeben worden war. Der Bischof selbst wollte sich bei der Auktion nicht blicken lassen. Über seine Gründe hatte er nichts verlauten lassen. Oder nur wenig. Er hatte gemeint, dass er auffallen würde, und da war es eben besser, eine neutrale Person zu schicken, die Jane Collins nun mal war.

Zudem hatte der Bischof großes Vertrauen in sie gesetzt. Auf Nachfrage war ihm bestätigt worden, dass sie einen guten Ruf hatte und man sich auf sie verlassen konnte.

Jane Collins hatte sich eine knappe Bedenkzeit erbeten, sie auch erhalten, doch dann hatte sie zugestimmt. Ja, der Auftrag interessierte sie, weil es mal etwas völlig Neues war und ganz und gar aus dem alltäglichen Rahmen fiel.

Der Bischof war sehr froh gewesen, als er von ihrer Zustimmung erfahren hatte. Sie hatten danach Einzelheiten besprochen und auch über das Honorar geredet, das sehr ordentlich war. Man hatte ihr auch ein Limit gegeben, wie weit sie bei der Versteigerung bieten durfte. Die Summe war sechsstellig, worüber sich Jane Collins schon gewundert hatte.

Wenn das alles zutraf, dann musste die alte Ikone von großem Wert sein. Da konnte sie sich gut vorstellen, dass auch andere Bieter hinter ihr her waren. Dass sie allerdings mit Drohungen versuchten, einen Mitkonkurrenten einzuschüchtern, stieß der Detektivin schon sauer auf und machte sie misstrauisch.

Trotz der hohen Summe, die im Raum schwebte, fand die Versteigerung nicht bei Christie’s oder Southeby’s statt, sondern in einem anderen Auktionshaus, das Jane nicht mal vom Namen her kannte. Sie hatte schon nachschauen müssen und herausgefunden, dass dieses Auktionshaus klein, aber auch fein war.

Sie war gespannt auf diesen Job gewesen, und jetzt war sie angespannt. Dieser Anruf war sehr ungewöhnlich, und Jane Collins war sich sicher, dass er ernst gemeint war.

Aber wer konnte dahinterstecken?

Ein Land fiel ihr ein: Russland!

Es war zwar nicht das alleinige Land der Ikonen, die waren auch in anderen Ländern verehrt worden, aber viele dieser Bilder mit den heiligen Motiven stammten aus Russland, und der Name des Bischofs deutete ebenfalls darauf hin.

Deshalb ging sie davon aus, dass auch der Anrufer zu diesem Kreis gehörte. Von seiner Stimme her hatte sie darauf nicht schließen können, und das interessierte sie im Moment auch nicht. Sie dachte nur an die unverhüllte Drohung, die im Raum stand und die sie nicht einfach aus ihrem Gedächtnis streichen konnte.

Wer so etwas sagte, der spaßte nicht, das stand für sie fest. Jetzt überlegte Jane, wie es weitergehen könnte, wobei sie nur zwei Alternativen hatte.

Entweder hingehen und sich dem Job stellen. Oder dem Rat des Anrufers folgen und alles aufgeben.

Das hatte Jane Collins noch nie getan. Sich ins Bockshorn jagen lassen, das gab es bei ihr nicht. Aber sie musste vorsichtig sein, denn die Drohung war ernst gemeint gewesen. Da kannte sich die Detektivin aus.

Sie blieb vor dem Computer sitzen und dachte nach. Wie sollte sie reagieren? Den Anruf einfach ignorieren? Nein, das konnte sie nicht. Vielleicht half es ihr, wenn Sie den Bischof anrief und noch einmal mit ihm über die Versteigerung sprach. Er könnte ihr zumindest erklären, ob er noch von anderen Gruppen wusste, die sich für das Objekt interessierten. Ob sie den Bischof über den Anruf informieren würde, wusste sie noch nicht. Das musste erst das Gespräch ergeben.

Die Nummer hatte sie. Ihr Herz klopfte schon etwas schneller, als sie darauf wartete, dass sich jemand meldete. Das war auch der Fall. Nur hatte sie nicht den Bischof am Telefon, sondern einen Mann, dessen Stimme ihr unbekannt war.

»Guten Tag. Mein Name ist Jane Collins. Ich hätte gern mit Bischof Makarew gesprochen.«

»Wer ist dort?«

Jane wiederholte ihren Namen.

»Tut mir leid, von Ihnen habe ich noch nie gehört.«

»Das kann ich mir denken. Ich hatte ja nur mit dem Bischof Kontakt.«

»Der Bischof ist nicht da. Tut mir leid, und jetzt wünsche ich Ihnen noch einen schönen Abend.«

Das war’s.

Jane Collins saß da und schüttelte den Kopf. Beinahe hätte sie gelacht, doch bei näherem Nachdenken sah sie das Gespräch nicht als lustig an. Man hatte sie förmlich abgefertigt. Eiskalt auflaufen lassen. Das konnte harmlos sein, aber auch andere Gründe haben, zum Beispiel, dass sich der Bischof verleugnen ließ, weil er möglicherweise Furcht hatte.

Jane hatte ihren neuen Job als sehr interessant angesehen. Das war nun nicht mehr der Fall. Jetzt fing bei ihr schon das große Nachdenken an. Es war durchaus möglich, dass sie vor einem Bündel von Schwierigkeiten stand, doch davon hatte sie sich eigentlich noch nie abhalten lassen, und auch jetzt würde sie nicht einknicken. Die Herausforderung musste angenommen werden, sonst hätte sie nicht mehr in den Spiegel blicken können.

Sie stand auf und schaute aus dem Fenster. Draußen begann es allmählich dunkel zu werden.

Seit einiger Zeit lebte Jane Collins wieder allein. Sie war froh darüber, den Albtraum Justine Cavallo losgeworden zu sein, auch wenn sie die blonde Blutsaugerin jetzt nicht mehr unter Kontrolle hatte und sie sogar als Feindin ansehen musste. Die Sicherheit in ihrem Haus war durch ihr Verschwinden nicht größer geworden.

Jane Collins machte sich keine Mühe, immer wieder darüber nachzudenken. Sie führte schließlich ihr eigenes Leben weiter.

Jane verspürte ein Hungergefühl. Sie dachte darüber nach, ob sie im Haus was essen sollte oder lieber in einem Lokal, das sie zu Fuß erreichen konnte. Sie war schon einige Male in diesem Laden gewesen. Die Besitzer setzten auf sehr gesundes Essen und proklamierten die reine Bioqualität. Das galt für das Fleisch ebenso wie für das Gemüse.

Es gab nur wenige Gerichte zur Auswahl, aber was da geboten wurde, war sehr schmackhaft, und die Karte wechselte einmal in der Woche.

Jane hatte nicht vor, sich von dem Anrufer den Appetit verderben zu lassen, und entschloss sich, eine Kleinigkeit in diesem Lokal zu sich zu nehmen.

Das Wetter draußen konnte als typisch für London angesehen werden. Ein bedeckter Himmel, aus dem kein Regen fiel, der aber die Stadt grau in grau malte.

Jane ging nach unten. An der Garderobe hing ihre giftgrüne, mit Daunen gefütterte Jacke, die sie überstreifte. Darunter trug sie einen hellen Pullover, und eine schwarze Hose bedeckte ihre Beine.

Sie verließ das Haus, schloss ab und sah vor sich den noch winterlich farblosen Vorgarten, den sie durchqueren musste, um den Gehsteig und die Straße zu erreichen.

Eine reine Routine und doch war Jane Collins auf der Hut. Nicht nur wegen des letzten Anrufs, sie war es gewohnt, ihre Umgebung im Auge zu behalten, was sie auch jetzt tat, doch etwas Ungewöhnliches war nicht zu sehen.

Jane betrat den Gehsteig. Sie musste sich nach links wenden und die mit Bäumen gesäumte Straße bis zu ihrem Ende gehen. Dann wieder nach links, und etwa zweihundert Meter weiter lag das Restaurant etwas von der Straße versetzt.

Sie ging den ersten Schritt, als es passierte. Nicht links, sondern rechts und aus dem Augenwinkel sah sie die Feuerblume aufplatzen. Sie hörte den Knall der Explosion und erlebte den Anprall einer Druckwelle, die sie fast von den Beinen gerissen hätte.

Dem konnte sie entgegenwirken, indem sie sich duckte. Atemlos schaute sie dorthin, wo sich die Explosion ereignet hatte.

Ein Auto war in die Luft geflogen.

Jane wusste auch, um welchen Wagen es sich handelte.

Es war ein roter Golf, und der gehörte ihr …

***

In den folgenden Sekunden stand sie bewegungslos auf der Stelle und starrte dorthin, wo die Flammen von einer schwarzen, stinkenden Rauchwolke abgelöst worden waren, die träge und fett über die Straße und den Gehsteig trieben.

Jane kam sich plötzlich wie ein Fremdkörper in der gewohnten Umgebung vor. Sie hörte Stimmen, aber auch bereits das Heulen einer Polizeisirene.

Die Straße, in der sie lebte, war meist recht ruhig. Das hatte sich jetzt geändert. Plötzlich waren zahlreiche Menschen um sie herum, und sie hörte von mehreren Personen die Frage, ob das nicht ihr Wagen wäre, der jetzt völlig ausglühte.

Sie nickte nur. Eine Antwort gab sie nicht, und sie hatte das Gefühl, in einem Käfig zu stecken, aus dem sie sich kaum befreien konnte.

Erst als sie husten musste, weil der Qualm sie erreicht hatte, kam sie wieder zu sich und kehrte zurück in die Wirklichkeit. Das war ein Anschlag gewesen oder eine zweite Warnung. Und man hatte den Zeitpunkt der Explosion genau abgepasst. Jane hatte nicht sterben sollen, sonst hätte die andere Seite sie sicher mit in die Luft geblasen, und nun stand sie da, schaute auf das, was das Feuer übrig gelassen hatte, und sah den ersten Streifenwagen in der Nähe des brennenden Golfs halten.

Auch die Sirenen der Feuerwehr waren bereits zu hören. Jane war froh, dass sich das Feuer nicht weiter ausgebreitet hatte.

Was tun?

Gar nichts. Nicht im Moment. Sie würde den Beamten Rede und Antwort stehen, aber zuvor wollte sie noch etwas anderes in die Wege leiten.

Sie griff in ihre Jackentasche und holte das Handy hervor, um einen bestimmten Mann anzurufen …

***

Der letzte Fall hatte es in sich gehabt. Suko und ich hatten gegen die Männer in Grau kämpfen müssen. Wesen, die aus Aibon stammten und auf der Erde hatten Unheil anrichten wollen. Das war ihnen auch gelungen, denn sie hatten mehrere Tote auf einem Flugplatz in der Provinz hinterlassen.

Es waren Erklärungen nötig gewesen, die wir hatten geben müssen. Zum Glück hatten wir nicht allein gestanden und von unserem Chef Rückendeckung erhalten.

Dennoch war es ein Tag gewesen, den man am besten aus der Erinnerung strich. Nichts hatte gepasst, und als sich die Lage wieder beruhigt hatte, da war es schon so spät geworden, dass es sich nicht mehr lohnte, ins Büro zu fahren. Also fuhren wir direkt nach Hause.

»Hast du noch was vor?«, fragte Suko, als wir auf unserer Etage aus dem Fahrstuhl stiegen.

»Ja. Ich haue mich ins Bett. Ob ich schlafen kann, ist fraglich, aber lege mich trotzdem hin.«

»Keine Glotze?«

»Weiß ich noch nicht.«

»Dann viel Spaß.«

Ich nickte. »Dir auch, Suko.«

Wenig später hatte ich meine Apartmenttür geöffnet und war froh, über die Schwelle treten zu können. Es hatte auch eine andere Alternative gegeben, nämlich mit einem Flugzeug abzustürzen und danach nur noch eine Erinnerung zu sein.

Wir hatten es mal wieder geschafft, und ich wollte mir einen ruhigen Abend machen. Der Job würde mich früh genug wieder einholen, das stand fest. Das Leben war eben ein Würfelspiel, und in meinem Fall fielen die Würfel immer so, dass ich Probleme bekam.

Es war meine Schuld. Ich hatte mir den Beruf ausgesucht, der mittlerweile zu einer Berufung geworden war, und das mit allen Höhen und Tiefen.

Meinen Kühlschrank füllte Shao – Sukos Partnerin – immer auf. Dabei vergaß sie auch das Bier nicht. So einen Schluck gönnte ich mir gern am Feierabend.

Gegessen hatte ich schon etwas. Ein Stück Pizza, das sogar recht gut geschmeckt hatte, weil es von Luigi stammte, unserem Stammitaliener an der Ecke. Da waren Suko und ich noch schnell vorbeigegangen und hatten jeder ein großes Dreieck an der Theke gegessen.

Jetzt folgte die Entspannung. Das hoffte ich zumindest. Das Bier war kalt, und als ich die Flasche in der Hand hielt, kam mir eine Idee, die mich zum Lächeln brachte.

Ein guter Whisky wäre nicht schlecht. Ich ließ den wertvollen Tropfen in ein Glas gluckern und pflanzte mich danach in den Sessel. Die Glotze schaltete ich per Fernbedienung ein und sah die Bilder der protestierenden Menschen im fernen Ägypten, die endlich ihre Freiheit haben wollten.

Das war ein Brand, der sich leicht zu einem Flächenbrand ausdehnen und auf andere Länder übergreifen konnte. Auch ich hatte mich schon einige Male in Ägypten herumgetrieben und dort gegen lebende Mumien gekämpft. Das lag allerdings schon länger zurück. In der letzten Zeit hatte es mich mehr in den Osten, nach Russland, verschlagen, wenn schon das Ausland auf meiner Liste stand.

Das Bier trank ich aus der Flasche. Es war herrlich kühl und gab mir das Gefühl zurück, wieder am Leben teilzunehmen. Jeder Schluck schien die Erinnerung an den letzten Fall zurückdrängen zu wollen. Noch immer wunderte ich mich darüber, dass er so gut ausgegangen war. Der Rote Ryan, der Suko und mich unterstützt hatte, war wieder nach Aibon zurückgekehrt. Er war ein Kind dieses verwunschenen Landes, und nur dort fühlte er sich wohl.

Die Beine hatte ich ausgestreckt, das Whiskyglas war leer, ich wollte mich durch die Programme zappen, als es geschah. Der moderne Quälgeist wollte was von mir.

Das Telefon stand in der Nähe. Ich sah auf dem Display, wer mich anrief.

»Hi, Jane«, meldete ich mich, »wenn du wissen willst, wie es mir geht, dann kann ich dir sagen, dass …«

»Im Moment möchte ich das nicht wissen, John.«

Noch in derselben Sekunde fiel bei mir die Klappe. Diese Antwort hatte sich alles andere als normal angehört, und auch der Klang ihrer Stimme ließ mich Schlimmes ahnen.

»Was ist los, Jane?«

»Erst mal eine Frage. Hast du Zeit?«

»Sicher.«

»Dann komm so schnell wie möglich zu mir.«

Dass etwas passiert sein musste, war mir klar, aber ich wollte wissen, was genau geschehen war.

»Man hat meinen Wagen in die Luft gejagt!«

»Was?« Beinahe wäre ich in die Höhe gesprungen, riss mich jedoch zusammen. »Und ist dir etwas passiert?«

»Nein, zum Glück nicht. Ich war zu weit davon entfernt gewesen. Die Warnung allerdings habe ich verstanden.« Sie senkte ihre Stimme. »Ich glaube schon, dass es einen gewissen Redebedarf gibt.«

»Natürlich, Jane. Ich bin so schnell wie möglich bei dir.« Eine Frage drängte sich trotzdem auf, und die musste ich unbedingt loswerden. »Hat es etwas mit Justine Cavallo zu tun?«

»Nein, das nicht. Ich habe einen Verdacht, John, doch darüber sollten wir nachher sprechen.«

»Okay, bis gleich.«

Plötzlich schlug mein Herz ...

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