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John Sinclair - Folge 1714

Der Cockpit-Dämon

Das wärmere Wetter hatte die Eisschicht auf dem kleinen See aufgebrochen. Allerdings war die Wasseroberfläche noch nicht überall frei, sodass Suko und ich mit den Ruderstangen die Eisschollen zur Seite schieben mussten. Unser Ziel lag an der anderen Seeseite. Ein schlichtes Bootshaus.

Bisher war alles reibungslos verlaufen und wir rechneten auch nicht mit irgendwelchen Problemen, als ich Sukos Stimme hörte.

»Verdammt, John, da ist was!«

»Und?«

Suko, der vor mir kniete und mir den Rücken zudrehte, beugte sich nach links, um einen Blick über die Bordwand zu werfen.

Ich blieb noch sitzen, sah, dass Suko nickte, dann mit den Fingern schnippte und so dafür sorgte, dass ich ebenfalls einen Blick auf die dünn gewordene Eisfläche warf.

Sie sah grünlich aus, an manchen Stellen auch dunkel. Das Eis bildete keine fest zusammengefügte Fläche mehr. Überall gab es Risse, die unterschiedlich breit waren, und in einen dieser Risse steckte Suko seine Ruderstange, um die Eisschollen auseinander zu schieben. Und nun war das zu sehen, was Suko zuerst entdeckt hatte.

Er gönnte mir einen knappen Blick. »Alles klar, John?«

Ich nickte. Es war nichts klar und trotzdem alles klar, denn auch ich hatte gesehen, was Suko so störte.

Zwischen den dünnen Eisschollen und fast zum Greifen nah war ein lebloser Körper an die Oberfläche gestiegen …

***

Es war ein Mann, und er war nicht nackt. Die Kleidung klebte an ihm wie ein grauer Anstrich, und selbst das Gesicht hob sich kaum davon ab. Der Tote lag auf dem Rücken. Die Arme waren leicht nach unten gesunken, und so schaukelte er auf den allmählich auslaufenden Wellen langsam hin und her.

»Ja«, sagte Suko, »das ist schon eine Überraschung.«

Er hatte damit den Nagel auf den Kopf getroffen. Für mich war die eigentliche Überraschung unser Handeln, denn wir hatten uns da auf etwas eingelassen, ohne zu wissen, wie es enden würde.

Wir waren einem Telefonanruf gefolgt und in diese einsame Gegend gefahren, wo es diesen kleinen See gab. Im Sommer sicherlich ein wunderbares Wanderziel. Jetzt aber – im Winter – sah alles trist aus, und wir waren auch die einzigen Menschen weit und breit.

Tja, der Anruf!

Eine Stimme, die weder Suko noch ich kannten. Der Anrufer wusste jedoch über uns Bescheid, sonst hätte er uns nicht hergeschickt.

Wir hatten zuerst nicht fahren wollen, dann jedoch den Ernst und die Dringlichkeit in seiner Stimme gehört. Dass alles dringlich war und auch gefährlich werden konnte.

Wir hatten den Anrufer natürlich nach seinem Namen gefragt.

»Ihr kennt mich!«

Das war die Antwort gewesen. Bis jetzt hatten wir ihn nicht gesehen, aber wir hatten uns darauf eingelassen, waren hergefahren und hatten uns in das Boot gesetzt, um zum Bootshaus hinüber zu rudern. Es war eigentlich Unsinn, denn wir hätten uns auch am jenseitigen Ufer treffen können. Der Anrufer hatte aber darauf bestanden, dass wir über den See fuhren, und jetzt wussten wir auch, warum er das verlangt hatte.

Da das Gesicht unter Wasser lag, war es nicht besonders deutlich zu sehen. Irgendetwas störte mich jedoch. Ich wusste, dass diese Gestalt mir unbekannt war. Trotzdem hatte sie etwas an sich, das mich stutzig werden ließ und mich auch irgendwie nachdenklich machte.

Ich schaute auf den Toten. »Fällt dir was auf?«

»Nur, dass er tot ist. Wobei ich mich frage, ob er ertrunken ist. Oder man ihn schon tot hier in den blöden Teich geworfen hat.«

»Das meine ich nicht.«

»Sondern?«

»Gute Frage. Ich weiß es nicht, und doch kommt er mir irgendwie bekannt vor, ob du es glaubst oder nicht. Das hier ist der bekannte Unbekannte, wenn du so willst.«

»Da kann ich dir leider auch nicht helfen.«

»Dachte ich mir.«

Bisher hatte ich die Leiche im Blick gehabt, das änderte ich jetzt, richtete mich auf und ließ meinen Blick über den kleinen See schweifen, bis hin zum Ufer, das an allen Stellen gleich aussah.

Dichter Bewuchs, der auch im Winter kaum lichter geworden war. An einigen Stellen ragten ufernah Gräser und Schilfrohre aus dem Wasser. Beides war vom Eis niedergedrückt worden und würde sich wieder aufrichten, wenn das Eis getaut war.

Und das Eis bedeckte noch den Großteil des Sees. Die Schollen waren von unterschiedlicher Größe und Form. Überall sahen wir die breiten Risse. Es sah aus, als wäre die Eisfläche von harten Hammerschlägen zertrümmert worden.

Suko hielt die Leiche, die halb unter und halb über dem Eis lag, mit der Ruderstange fest.

»Was meinst du? Lassen wir den Toten hier im Wasser?«

»Ja.«

»Gut, das denke ich auch.« Suko zog die Ruderstange wieder hoch. »Mir gefällt sein Aussehen nicht, John.«

»Was willst du? Das haben Wasserleichen so an sich.«

»So meine ich das nicht.«

»Wie dann?«

Suko runzelte nachdenklich die Stirn. »Mir geht es wie dir. So fremd ist mir der Tote auch nicht. Ich will nicht sagen, dass wir ihn namentlich kennen müssten, aber da ist etwas, das mich trotzdem stört.«

»Du sprichst von seinem Aussehen? Ist es das, was dich stört?«

»Im Prinzip schon. Es ist so glatt, so anders. Als wäre die Haut gebügelt worden. Leicht gelblich schimmernd, mit einem Stich ins Grüne. Das ist schon komisch.«

»Und jetzt fragst du dich, ob wir einen normalen Menschen vor uns haben – oder?«

»So ähnlich.«

»Und wie genau?«

»Zombie?«

Das war durchaus möglich. Ein lebender Toter im See, der zwar tot aussah, sich aber würde bewegen können, wenn es darauf ankam. Suko dachte ebenfalls so. Er hob das Ruder an und tippte die Gestalt mit dem Blatt einige Male an.

Es passierte nichts. Die Leiche bewegte sich nur etwas und warf einige Wellen.

»Hat nichts gebracht, John.«

Ich zuckte mit den Schultern, drehte mich um und schaute zum Bootshaus am anderen Ufer hinüber. Dort lag unser Ziel. Ich dachte wieder an den geheimnisvollen Anrufer und ging davon aus, dass er uns eine Auskunft geben würde.

Suko und ich waren ein eingespieltes Team. Zwar war er kein Gedankenleser, aber er ahnte wohl, an was ich gedacht hatte. Deshalb schlug er vor, dass wir unsere Fahrt fortsetzten.

Dagegen hatte ich nichts, schnappte mir eine Ruderstange und half Suko, den wurmstichig aussehenden Kahn weiter über den See zu bewegen. Es war auch jetzt keine normale Fahrt, denn immer wieder vernahmen wir die dumpf klingenden Geräusche, wenn die Eisschollen gegen das alte Holz stießen.

Auch jetzt mussten wir immer wieder Schollen zur Seite schieben, um die Ruderblätter ins Wasser tauchen zu können. Der Fund der Leiche hatte mich beunruhigt, und so suchte ich weiterhin die Wasserfläche ab. Es war durchaus möglich, dass in diesem Gewässer noch andere Leichen schwammen.

Es gab plötzlich einen Ruck, ich hörte Sukos Fluch und danach seinen normal klingenden Kommentar.

»Schon wieder ein Toter, John.«

»Was?«

»Ja, hier am Bug.« Suko tauchte das Ruderblatt ein und sorgte für eine leichte Drehung, sodass wir eine andere Position zur Leiche bekamen.

Jetzt sah ich sie auch. Auch sie lag auf dem Rücken, auch sie trug graue Kleidung, auch ihr Gesicht sah aus wie das der ersten Leiche. Wir schienen hier auf den Zwillingsbruder gestoßen zu sein.

»Allmählich wird es komisch«, sagte ich leise.

»Stimmt.«

»Ich bin mal gespannt, ob wir noch mehr Leichen finden.«

»Ein See voller Toter? Das hatten wir auch noch nicht. Würde mich aber nicht wundern.«

»Okay, dann rudern wir mal weiter.«

Diesmal waren wir noch aufmerksamer. Wären die Eisschollen nicht gewesen, hätten wir weniger Probleme gehabt. Aber sie waren nun mal vorhanden. Das Wasser war beileibe nicht klar, aber durch das dünne Eis war es noch undurchsichtiger geworden.

Ich entdeckte den nächsten Toten. Diesmal trieb er nicht auf unser Boot zu, denn wir waren links an ihm vorbei gefahren. So aber änderten wir die Richtung und zogen die Ruderstangen ein, als das Boot mit seiner Außenseite gegen die Leiche stieß.

Diesmal war das Gesicht unter einer Eisscholle verschwunden und sah aus wie ein verwaschener Fleck. Dennoch waren wir sicher, dass dieser Tote genau so aussah wie die beiden anderen Gestalten.

Ich stieß zischend die Luft aus und murmelte: »Allmählich finde ich das nicht mehr komisch. Verdammt noch mal, was ist hier passiert?«

»Frag mich nicht. Frag lieber den, der uns angerufen hat.«

»Falls er auf uns wartet.«

»Das immer vorausgesetzt.«

Wir beide schoben die Leiche zur Seite, um freie Bahn zu haben. Ich war recht locker und gelassen gewesen, als wir in den alten Kahn gestiegen waren. Das war jetzt vorbei. Allmählich bildete sich Schweiß auf meiner Stirn und hinterließ auch einen Film auf meiner Oberlippe.

Das hier war alles anderes als normal. Es war sogar verrückt und kaum zu begreifen. Ein See voller Toter, ein nasses Grab für jede Menge Leichen.

Bisher hatten wir drei gefunden, aber ich konnte mir vorstellen, dass es nicht alle gewesen waren und uns noch einige Überraschungen bevorstanden.

Mit einem knappen Blick stellte ich fest, dass wir etwa die Mitte des kleinen Sees erreicht hatten. Bis zu dem ins Wasser reichende Bootshaus waren es noch einige Meter, und ich lauerte förmlich darauf, welche Überraschungen uns dort erwarteten. Dass sich am Bootshaus jemand aufhielt, um uns zu begrüßen, war nicht zu erkennen. Es stand dort einsam und wirkte wie vergessen.

Wie waren die Gestalten gestorben? Hatte sie jemand umgebracht? Auf diese Fragen mussten wir eine Antwort finden. Sie konnten auch schlichtweg ertrunken sein, aber das glaubte ich nicht.

Die Luft um uns herum war feucht, als wäre sie von Nebelschwaden durchdrungen. Der Himmel über uns sah aus wie graues, leicht gewelltes Tuch, aus dem allerdings keine Regentropfen fielen. Es war zudem recht warm geworden für Februar. Die großen Massen an Schnee waren erst mal vergessen.

Wir ruderten weiter. Grundlos hatte man uns nicht hergelockt, und jetzt war ich gespannt darauf, wem wir das zu verdanken hatten. Ich hoffte stark, dass dieser Typ auch wirklich auf uns wartete.

In den folgenden Minuten passierte nichts. Nur dass das Bootshaus näher rückte und wir entdeckten, dass es an der uns zugewandten Seite ein Fenster gab, das allerdings keine Scheiben hatte.

Suko schob weiterhin die Eisschollen zur Seite und bahnte sich eine Fahrrinne, in der etwas schwamm.

Die vierte Leiche!

Das gleiche bleiche Gesicht wie bei den anderen.

Ich hörte Suko sprechen und stöhnen zugleich. »Verdammt, hört das denn gar nicht auf?«

Es schien so zu sein, denn wir glitten an den Toten heran. Ja, es war wieder eine männliche Person. Frauen waren offenbar keine unter den Leichen.

Ich fragte mich immer dringlicher, was hier geschehen sein könnte. Keine Leiche unterschied sich von der anderen. Alle sahen gleich aus, trugen dieselbe graue Kleidung, wobei die Haare nur sehr dünn oder überhaupt nicht vorhanden waren.

Wir schoben uns an der Leiche vorbei und Suko fragte: »Wie sieht deine Erklärung aus, John?«

»Ich habe keine.«

»Ich auch nicht.«

»Aber ich hoffe, dass wir im Bootshaus eine bekommen.«

»Klar. Allmählich bin ich es leid, den Leichensammler zu spielen.«

Wieder tauchten wir die Ruderblätter in das grünlich schimmernde Wasser. Das Eis störte uns nicht mehr so stark. Wir befanden uns bereits in Ufernähe. Dort war das Wasser wärmer, und so erreichten wir ohne Hindernisse unser Ziel.

Das Bootshaus war in den See hineingebaut worden. Die Hälfte schwebte über dem Wasser, die andere war auf dem Land gebaut worden. Einen Anlegesteg gab es nicht. Wenn wir das Haus von der Landseite betreten wollten, mussten wir in den Gürtel aus Gras und Schilf hineinfahren, was wir nicht wollten.

Von einem der beiden Pfosten, die die Plattform darüber hielten, hing ein Tau herab. Es war für uns wie geschaffen und auch lang genug, um unseren Kahn festbinden zu können.

Den Job übernahm Suko. Ich ließ dabei meine Blicke über das Wasser schweifen, ohne allerdings eine weitere Leiche zu entdecken. Ich konnte mir sogar vorstellen, dass einige der Körper bis auf den Grund gesunken waren und jetzt im Schlamm feststeckten.

Suko hatte seine Arbeit getan. Wir konnten das Boot verlassen und mussten auf die Plattform klettern, was uns nicht schwerfiel. Auch hier machte Suko den Anfang. Dann schwang ich mich nach oben und blieb neben ihm stehen. Das Holz der Plattform war im Laufe der Zeit weich geworden, und ich hatte für einen Moment die Befürchtung, dass die angefaulten Bretter brechen könnten.

Es gab an dieser Seite des Bootshauses nicht nur das Fenster ohne Scheibe, sondern auch eine Tür. Sie war zwar schmal, aber hoch genug, sodass wir die Köpfe nicht einzuziehen brauchten.

Eine Klinke war nicht vorhanden. Dafür ein Knauf aus Holz, um den Suko seine Hand legte.

Ich schaute in der Zwischenzeit erneut über das Wasser, ohne allerdings eine neue Leiche zu entdecken. Sie wäre auch unter den Eisschollen nicht so leicht zu sehen gewesen.

»Es ist offen, John.«

Ich hatte nichts anderes erwartet und folgte Suko auf dem Fuß.

Wir betraten das Bootshaus, in dem kein Boot lag. Dafür gelangten wir in einen leeren Raum, in dem es feucht und auch irgendwie nach Fisch roch. Es konnte aber sein, dass ich mir diesen Geruch auch nur einbildete.

Es herrschte Zwielicht. Durch ein Fenster an der Vorderseite drang ebenfalls etwas Tageslicht, was aber nicht viel brachte. Jedenfalls stellten wir fest, dass das Bootshaus leer war, sodass mir der Gedanke kam, dass uns der geheimnisvolle Anrufer geleimt hatte.

Ich schüttelte den Kopf. »Ist alles umsonst gewesen?«

»Will ich nicht hoffen, John.«

»Aber siehst du einen Menschen?«

»Nein.«

Es war schon ärgerlich nach all dieser Mühe, die wir uns gemacht hatten. Dabei hätte ich mich lieber ins Bett gelegt, denn der Russland-Fall mit dem Mond-Mönch und Rasputins Erben steckte mir noch immer in den Knochen.

»Was machen wir?«

Ich schaute Suko an. »Wir können verschwinden oder uns die Zeit vertreiben, indem wir weiter raten und …«

Ich hörte mitten im Satz auf zu sprechen, weil ich unterbrochen worden war.

Allerdings nicht von einer Stimme, sondern von einer Melodie, die auf einer Flöte gespielt wurde. Und sie gehörte nicht hierher, das stand für mich fest. Wenn ich diese Melodie gehört hatte, dann immer in einem verwunschenen Land, im Paradies der Druiden, schlicht gesagt: in Aibon.

Suko und ich schauten uns an. Beide waren wir sprachlos. Mein Freund schüttelte den Kopf, als er flüsterte: »Habe ich was mit den Ohren oder höre ich eine bestimmte Melodie?«

»Ja«, sagte ich, »die Flöte kennen wir.«

Wir sagten nichts mehr, denn jemand drückte die zweite Tür von außen nach innen.

Mehr Licht fiel in das Bootshaus, und dann sahen wir ihn.

Auf der Schwelle stand tatsächlich eine Gestalt aus Aibon.

Es war der Rote Ryan!

***

Sprachlos war ich selten. In diesem Fall schon, denn mit allem hatte ich gerechnet, nur nicht mit ihm. Das war eine Überraschung, die sogar dafür sorgte, dass sich die Gedanken in meinem Kopf förmlich überschlugen.

»Du?«, flüsterte ich nach einer Weile des Staunens.

»Ja – ich.«

»Dann bist du es auch gewesen, der angerufen hat, obwohl ich deine Stimme nicht erkannte.«

»Ich hatte sie verstellt. Dafür entschuldige ich mich.«

»Schon vergessen.«

Er ließ die rechte Hand mit der Flöte sinken und trat einen Schritt näher. Er sah nicht aus wie immer, denn er trug nicht mehr die bunte Kleidung, die aussah, als bestünde sie aus Pflanzen, sondern eine dunkelgrüne Lederjacke, graue Jeans und halbhohe Stiefel aus weichem Leder. Sein Haar allerdings schimmerte so feuerrot wie immer.

Auch Suko hatte seine Stimme wiedergefunden. »Jetzt sind wir mal gespannt, was das bedeutet, dass wir uns hier treffen.

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