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John Sinclair - Folge 1713

Inhalt

  1. Cover
  2. Impressum
  3. Carlotta und die Vogelmenschen
  4. Vorschau

Carlotta und die Vogelmenschen

Plötzlich vergaß Valentin Durmott den Griff zur Kaffeetasse, denn aus dem Dunkel an der rechten Seite schoss ein großer Schatten hervor, der noch das Licht der beiden Lokscheinwerfer streifte und dann blitzartig verschwand.

Durmott hätte beinahe geschrien. Er unterdrückte den Laut im letzten Augenblick, dafür spürte er sein Herzklopfen und fing zugleich an zu zittern.

Was hier vorgefallen war, das hatte er noch nie erlebt. Aber er hatte sich den Schatten auch nicht eingebildet, er war da gewesen, und er war von der rechten Seite herangehuscht.

Ein Vogel?

Der Lokführer fing an zu lachen. Nein, das war kein Vogel gewesen. Nicht so groß. Geier oder Adler hatten diese Größe. Dass sie hier herumflogen, hatte er noch nie gehört. In den Bergen gab es solche großen Tiere, die er selbst nur aus Erzählungen kannte, aber keiner verirrte sich in die Ebene, und schon gar nicht mitten in der Nacht.

Valentin war aufgeschreckt. Er wusste, welche Verantwortung auf seinen Schultern lastete, denn er war der Chef des Zugs, der zwischen Glasgow und Dundee verkehrte.

Die Strecke war schnurgerade. Keine Kurven vorerst. Durch die Scheinwerfer war sie zu einem hellen und leicht glänzenden Band geworden, das die Landschaft durchschnitt.

Durmott dachte auch darüber nach, ob er den Vorfall melden sollte. Er entschied sich dagegen, weil er ihn nicht für so gravierend hielt.

Aber er hoffte, dass er sich nicht mehr wiederholen würde. Er war kein abergläubischer Mensch und sah nicht überall negative Vorzeichen, aber solche Störungen passten ihm nicht.

Der Zug raste weiter. Das Licht schien die Dunkelheit regelrecht zu fressen, aber sie kehrte immer wieder zurück. Es war zwar keine dieser mondhellen Nächte, dafür war sie kalt, und die Landschaft um den Zug herum auch nicht so finster wie sonst, weil sie zum großen Teil noch immer von einer Schneedecke bedeckt wurde, die manchmal wie weiße, dann wieder wie graue Watte aussah.

Zwei, drei Minuten verstrichen. Valentin beruhigte sich wieder. Er atmete tief durch und auch der Schweiß drang nicht mehr aus seinen Poren. Allmählich trocknete das Gesicht und er versah weiterhin seinen Job in einer Umgebung, die durch die Instrumentenbeleuchtung beinahe schaurig wirkte.

Auf den Kopf hatte er seine Mütze mit dem flachen Schirm gesetzt. Wenn er über sein Gesicht strich, spürte er die Bartstoppeln, die seine Frau nicht mochte, und er dachte daran, dass er sich wieder mal rasieren musste.

Durmott kannte die Strecke im Schlaf. Selbst in der Nacht hätte er sagen können, wo er sich befand. Fünf Jahre lang fuhr er sie schon, und er wusste auch, wann die kleinen Bahnhöfe kamen, die er durchfahren musste. Sie waren für ihn wie Grüße aus einer anderen Welt, die ansonsten hinter der Dunkelheit verschwunden war.

Sein Sitz war bequem und seinem Körper angepasst. Er hatte sich auch an das Alleinsein während seiner Arbeit gewöhnt. So konnte er trotz der hohen Konzentration seinen Gedanken nachgehen und auch manchmal die Zukunft abarbeiten, wie er immer zu sagen pflegte.

Der Beruf war ihm nie langweilig geworden. Er übte ihn mit Leidenschaft aus, denn auf der Lok war er der Chef. Ohne ihn lief nichts, und allein die Tatsache, so viele PS zu bändigen, machte ihn auf eine bestimmte Art und Weise stolz.

Dundee würde er in den frühen Morgenstunden erreichen. Die Hälfte der Strecke lag bereits hinter ihm. In den Wagen schliefen die meisten Passagiere oder dösten vor sich hin.

Signallichter erschienen hin und wieder wie Spukgestalten. Sie glühten auf und waren in den nächsten Sekunden verschwunden, als hätte die Dunkelheit sie gefressen.

Er dachte manchmal auch an seine Frau, die die Nächte ohne ihn verbringen musste. Sie hatte sich daran gewöhnt, und da gab es ja auch noch die beiden Kinder, um die sie sich kümmern musste. Der Junge stand schon im Beruf. Er hatte sich für eine Lehre in einer Autowerkstatt entschieden und war dort geblieben. Das Mädchen ging noch zur Schule und machte dort gute Fortschritte.

Es war ein ruhiges Familienleben, das die Durmotts führten, abgesehen von seinem unregelmäßigen Dienst.

Der Gedanke an den seltsamen Vogel war schon so gut wie vergessen, als er die Geschwindigkeit zurücknahm und wieder auf einen Bahnhof zufuhr, der ihm wie eine Oase in einer dunklen Wüste vorkam. Ein paar einsame Laternenlichter huschten vorbei, ein Gebäude schien kleiner zu werden und in der Finsternis zu verschwinden, als der Zug vorbeiraste.

Erneut schluckte ihn die Dunkelheit der Ebene, die bis zum Zielort Dundee reichte. Von den Hügeln der Landschaft sah er nichts. Die verschwanden in der Nacht und waren ebenso wenig zu sehen wie die Wolken am Himmel.

Weiter ging es.

Dundee würde bald in der Ferne erscheinen. Er sah die Stadt zunächst als entfernte Lichtglocke, die über dem Boden zu schweben schien wie ein Raumschiff, das dabei war, zur Landung anzusetzen.

Es war trotz der Routine für Durmott immer wieder ein Erlebnis, bei Dunkelheit auf die Stadt am Meer zuzufahren, die auch der Endpunkt der Strecke war.

Es passierte wie aus dem Nichts!

Plötzlich war der Schatten wieder da. Der Lokführer hatte nicht gesehen, woher er diesmal gekommen war, aber er war vorhanden und tanzte jetzt vor der Lok, aber so hoch, dass er nicht von der Lok erfasst werden konnte.

»Was ist das?«

Die Worte lösten sich automatisch aus dem Mund des Mannes. Beim ersten Mal war der Schatten schnell verschwunden gewesen. Das traf jetzt nicht mehr zu.

Er blieb!

Oder waren es mehrere Schatten?

Plötzlich war Durmott nicht mehr so sicher. Sein Herz schlug wieder schneller. Er fing an, sich zu verkrampfen, sein Mund war trocken geworden, und er spürte auch den Druck im Magen.

Was tun?

Er dachte daran, langsamer zu fahren, dann vergaß er den Gedanken wieder, weil die Schatten verschwunden waren. Er selbst fühlte sich wie auf einem Sprungbrett stehend, von dem er sich bald abstoßen würde, um ins Leere zu fallen. Im Moment sah er nichts, was nicht heißen musste, dass die Schattenwesen nicht wieder auftauchen würden. Er musste auch daran denken, dass sie ihn möglicherweise verfolgt hatten, und der Gedanke gefiel ihm gar nicht. Dann wären sie so schnell wie der Zug gewesen.

Noch war von Dundee nichts zu sehen. Kein heller Schein weit vor ihm, der über den Himmel gestreift wäre. Die Finsternis blieb, durch die der Zug raste, um sein Ziel pünktlich zu erreichen.

Beim ersten Kontakt hatte sich der Lokführer noch recht schnell wieder beruhigt. Das war jetzt nicht mehr drin. Er blieb angespannt, und obwohl er die Begegnung hasste, wartete er förmlich darauf, dass sie sich wiederholte.

Er sollte nicht umsonst gewartet haben, denn plötzlich waren sie wieder da.

Ja, sie!

Nicht nur ein Vogel, was immer diese Gestalten auch sein mochten, es waren mehrere. Plötzlich segelten sie durch die Luft. Sie tanzten vor dem Zug. Sie waren groß, kompakt, aber zugleich auch schnell und wendig. Waren es tatsächlich Vögel? Durmott sah es nicht genau, weil sie zu schnell waren. Sie schienen sich in schattige Gestalten aufzulösen, um dann wieder aus der Dunkelheit zu erscheinen.

Sie segelten auf die Lok zu, huschten dann dicht davor in die Höhe, ohne sie berührt zu haben.

Valentin Durmott wusste nicht mehr, was er tun sollte, denn in seinem Kopf waren keine klaren Gedanken mehr vorhanden. Sie bildeten ein Durcheinander, während die Schattenwesen über den Gleisen in einem wilden Wirbel hin und her huschten.

»Ich kann nicht mehr!«, flüsterte er, und ihm kam in den Sinn, woran er vorher schon gedacht hatte.

Er ging mit dem Tempo herunter und leitete dann den Bremsvorgang ein …

***

Der Zug stand!

Valentin Durmott starrte auf seine Instrumente, ohne sie richtig zu sehen. Dabei lauschte er in sich hinein und hörte das heftige Klopfen seines Herzens. Er hatte auch den Eindruck, von einem leichten Schwindel überfallen worden zu sein, der allerdings schnell wieder verging.

Durch das breite Fenster starrte er nach vorn, doch da hatte sich nichts verändert. Das Licht ließ die Schienen glänzen. Rechts und links war nichts als Dunkelheit, und auch der Himmel bildete nach wie vor eine dunkle Decke.

Er dachte daran, dass der Zug nicht sonderlich besetzt war, aber das brachte ihn auch nicht weiter. Diesen Bremsvorgang hatte er zu verantworten. Er würde auch Fragen beantworten müssen und den Grund erklären.

Was sollte er dann sagen?

Ich habe übergroße Vögel gesehen, die durch die Luft wischten und mich irritiert haben?

Es wäre die Wahrheit gewesen. Ob sie allerdings als Grund anerkannt worden wäre, das war mehr als fraglich.

Ein Summen riss ihn aus seiner Erstarrung. Der Lokführer schreckte auf, und er wusste, dass sein Kollege, der Zugbegleiter etwas von ihm wollte. Er wunderte sich bestimmt darüber, dass der Zug auf freier Strecke angehalten hatte.

Durmott drückte den Hörer ans Ohr. »Ja, Edwin?«

»Was ist denn los? Warum haben wir angehalten? Gibt es ein Hindernis?«

»Nein, nicht direkt.«

»Was dann?«

»Gib mir noch eine Minute. Ich werde nachschauen.«

»Tu das.«

Valentin Durmott verließ die Lok. Er ärgerte sich über sich selbst, weil er es nicht schaffte, sein Zittern zu unterdrücken. Er konnte nichts dagegen machen.

Als er die Tür geöffnet hatte und die Lok verließ, verspürte er eine Gänsehaut auf seinem Rücken. Die kalte Winterluft wehte gegen sein Gesicht. Er sah den Schnee rechts und links der Gleise auf der Böschung. Dort bewegte sich nichts. Ebenso wie weiter vor ihm auf den Schienen, deren matter Glanz sich in der Dunkelheit auflöste, wenn das Licht sie nicht mehr traf.

Was tun?

Der Lokführer wusste es nicht. Er dachte daran, sich mit der nächsten Station in Verbindung zu setzen – das war bereits die in Dundee –, aber was hätte er denn melden sollen? Dass man ihn angegriffen hatte? Ihn und seinen Zug? Und das von irgendwelchen Riesenvögeln? Wer würde ihm das abnehmen?

Melden musste er den Vorfall. Das war klar. Auch Edwin würde weiterhin Fragen stellen.

Valentin Durmott suchte die beiden Seiten der Lok ab, ohne einen Hinweis zu finden. Da gab es nichts, was auffällig gewesen wäre. Außerdem war er nicht persönlich angegriffen worden, sondern nur sein Zug. Aber auch das würde er kaum erklären können. Monster aus der Luft nahm man ihm ganz sicher nicht ab.

Es gab für ihn nur eine Alternative. Wieder zurück auf die Lok steigen und die Fahrt fortsetzen.

Als er seinen Arbeitsplatz betreten und die Tür wieder geschlossen hatte, meldete sich Edwin.

»He, alles klar?«

»Ja, wir setzen die Fahrt fort.«

»Und warum hast du angehalten?«

»Ich habe nachgeschaut, aber den Grund nicht gefunden. So leid es mir tut.«

»Kannst du denn sagen, was passiert ist?«

»Später vielleicht. Ich muss sowieso Meldung machen. Dann können wir über alles reden.«

»Hör mal, Valentin«, Edwins Stimme klang besorgt, »du hast dir doch nicht irgendwas eingebildet, weil du überarbeitet bist? Ich meine, ich will dir nichts, aber es kann schon sein, dass man …«

»Hör auf mit dem Mist!«, rief der Lokführer. »Ich habe mir nichts eingebildet. Was ich sah, das habe ich gesehen, und es war kein Spaß. Hier stimmt etwas nicht, mehr kann ich dir auch nicht sagen. Das – das – war wie ein Angriff.«

Jetzt hatte er schon zu viel gesagt und biss sich auf die Lippe.

»Wieso Angriff?«, fragte Edwin.

»Nun ja, von einigen Vögeln, wenn du es genau wissen willst. Sie haben mich irritiert, und ich wollte auch nicht, dass sie mir die Scheibe einrammen, so dicht kamen sie herangeflogen. Das habe ich in meiner ganzen Laufbahn noch nicht erlebt, aber jetzt ist es so weit gewesen..«

»Das ist ja nicht zu glauben«, flüsterte Edwin.

»Egal. Glaub, was du willst. Wir werden der Sache hier nachgehen müssen.«

»Ja, das meine ich jetzt auch. Dann hoffe ich, dass wir auch Glück haben.«

»Ich auch. Ach ja, ist was mit den Passagieren?«

»Nichts. Die allermeisten schlafen. Und die wenigen, die Fragen gestellt haben, konnte ich beruhigen. Wir müssen uns also ihretwegen keine Gedanken machen.«

»Okay, dann fahren wir weiter.«

Wenige Augenblicke später rollte der Zug wieder an.

Valentin Durmott hätte zufrieden sein können, weil er nichts entdeckt hatte. Er war es aber nicht. Die Wesen waren wie aus dem Nichts erschienen und dann wieder verschwunden. Ob es tatsächlich so war, stand in den Sternen. Durmott hatte nachgeschaut. Nur war er nicht auf ein Wagendach geklettert, und das war sein Fehler. Aber das konnte er nicht wissen …

***

»Und? Gefällt es dir noch immer bei uns?«, fragte Maxine Wells und stellte einen Teller mit Käsegebäck auf den Tisch, das zum Wein schmeckte. Dabei schaute sie ihren Besucher an, der mittlerweile schon den dritten Tag im Haus der Tierärztin verbrachte.

Johnny Conolly strahlte. »Welche eine Frage, Maxine. Es ist super hier. Echt. Keine Beschwerden. Ganz anders als in London. Ich bin hier in der Großstadt, und trotzdem habe ich das Gefühl, auf dem Lande zu sein.«

»Toll.« Maxine Wells setzte sich und lächelte, während Johnny etwas von dem Käsegebäck nahm und es sich in den Mund schob.

Es gefiel ihm wirklich hier bei der Tierärztin Maxine Wells. Sie war eine Freundin seiner Eltern und auch eine von John Sinclair, der mit den Conollys sehr eng und freundschaftlich verbunden war.

Johnny hatte immer wieder von Maxine Wells gehört und auch von ihrem Schützling. Von Carlotta, dem Vogelmädchen, das tatsächlich die Begabung hatte, fliegen zu können. John Sinclair und seine Freunde hatten Carlotta damals aus einer Klinik befreit, in der Experimente an Menschen durchgeführt worden waren. Es war gelungen, eine Mischung aus Mensch und Vogel herzustellen, denn Carlotta hatte zwei Flügel, die kräftig genug waren, um damit weite Strecken zu fliegen.

Es gab nur wenige Menschen, die über sie Bescheid wussten. Dazu gehörten natürlich die Freunde der Tierärztin und jetzt auch Johnny Conolly, der auch schweigen konnte.

Von Carlotta war oft gesprochen worden, und jetzt war Johnny froh, sie kennengelernt zu haben. Beide hatten sich auf Anhieb verstanden. Wie zwei Kumpel, die sich lange nicht gesehen und nun wieder zueinander gefunden hatten.

»Das freut mich natürlich, Johnny. Du hast dich ja auch in Dundee umgesehen.«

»Klar. Tolle Stadt. Nicht so hektisch wie London. Der Hafen hat mir auch gut gefallen. Und Carlotta ist ja eine tolle Führerin. Eine bessere kann ich mir nicht vorstellen. Nur schade, dass sie ihre Flügel immer verstecken muss.«

»Das ist leider ihr Schicksal.« Der Blick der Tierärztin wurde leicht verhangen. »Auch ich leide darunter, dass wir kein normales Leben führen können wie andere Menschen. Ich muss Carlotta hier im Haus behalten, damit niemand merkt, was mit ihr ist.«

»Ja, ich verstehe.«

»Es gibt noch eine andere Seite. Carlotta kann sich nicht nur immer auf mich konzentrieren. Sie muss mal unter junge Menschen, und du gehörst zu der Gruppe. Ich habe ja genug über deine Eltern und dich gehört, und man hat mir auch gesagt, dass du zum Team gehörst und genauso verschwiegen bist.«

Johnny lächelte etwas schief. »Das scheint unser aller Schicksal zu sein, obwohl sich meine Mutter einfach nicht daran gewöhnen will. Aber sie muss es.«

»Das ist auch so mit Carlotta. Aber es ist toll, dass ihr euch so gut versteht.«

»Keine Probleme.« Johnny wurde vor der nächsten Bemerkung leicht rot, was im gedämpften Licht des Wohnzimmers nicht recht auffiel. »Außerdem ist sie sehr hübsch.«

Maxine lachte. »Da stimme ich dir zu. Sie hat sich wirklich zu einem hübschen Mädchen entwickelt. Man kann sie schon fast als junge Frau bezeichnen. Nur wird sie niemals das Leben eines normalen Menschen oder einer normalen Frau führen können. Das ist leider so. Ihre Aktivitäten werden immer eingeschränkt sein.«

»Leider.«

Maxine hob die Schultern.

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