Logo weiterlesen.de
John Sinclair - Folge 1709

Die Blutprinzessin

(2. Teil)

Elton Marlowe betrachtete seinen zum Grinsen verzogenen Mund im Innenspiegel des alten Mercedes. Ja, er konnte wieder grinsen. Und das aus voller Überzeugung. Ihm war es gelungen, den Spieß einfach umzudrehen. Er war wieder frei und konnte agieren. Dennoch spürte er immer noch einen Druck in seiner Magengegend. Die eigentliche Aufgabe hatte er nicht erfüllt. Dieser Conolly lebte noch. Und zwar als Mensch. Vorgesehen war, ihn zu einem Vampir zu machen. Doch das war ihm und Sina nicht gelungen, und Elton Marlowe musste zugeben, dass er Johnny Conolly unterschätzt hatte …

Zunächst musste er weg aus Welling, dem Kaff, in dem ein Dorf-Sheriff namens Matt Franklin diesen Conolly mit auf sein Revier genommen hatte. Das war zwar nicht vorgesehen gewesen, aber ändern konnte es Elton auch nicht mehr.

Er würde aber an Johnny Conolly herankommen. Das hatte er sich fest vorgenommen, denn wenn es ihm nicht gelang, musste er mit Konsequenzen rechnen, und zwar von seiner Auftraggeberin, der blonden Vampir-Bestie namens Justine Cavallo.

Zum Glück war er nicht allein. Es gab noch jemanden, der ihn unterstützte. Und als hätte diese Person seine Gedanken gelesen, hörte er plötzlich die dumpfen Geräusche aus dem hinteren Teil des älteren Mercedes. Auf dem Rücksitz aber saß niemand, und trotzdem gab es einen Mitfahrer oder eine Mitfahrerin. Sie steckte im Kofferraum, denn dort war sie bei Tageslicht am besten aufgehoben.

Das Grinsen verschwand aus Eltons Gesicht, das sich wieder in das eines Schönlings verwandelte. Bei seinem Aussehen hätte er auch als Dressman über den Catwalk laufen können, aber er hatte sich für ein anderes Leben entschieden.

Das Klopfen hörte nicht auf.

Marlowe ließ sich nicht so leicht nervös machen, aber dieses Geräusch ging ihm schon auf den Senkel. Deshalb begann er langsamer zu fahren, hielt allerdings noch nicht an. Dafür beobachtete er den Himmel, der sich wie ein riesiges graues Tuch über die Erde gelegt hatte. Eine Sonne war nicht mal zu ahnen. Die Helligkeit des Tages glich mehr einer Dämmerung, und da kein Sonnenstrahl die Erde berührte, war dieses Wetter auch für gewisse Personen fast perfekt.

Für Vampire, zum Beispiel …

Elton fluchte und er wusste zugleich, dass er anhalten musste. Lange würde er das Klopfen nicht mehr aushalten können. Der Ort lag zwar hinter ihm, aber es gab in der Nähe so etwas wie ein Industriegelände, das vor allen Dingen von einer Firma beherrscht wurde.

Es war eine hohe Halle, die einem bekannten Möbelunternehmen als Lager diente. Sie war schon aus der Ferne zu sehen, und jetzt war die weiß gestrichene Halle mit riesigen Gesichtern einer vierköpfigen Familie deutlich zu sehen. Sprechblasen vor den Lippen machten dem Betrachter klar, dass sich die Familie auf ihre neuen Möbel mehr freute als auf Weihnachten.

Die Zufahrt von der normalen Straße aus hatte er noch nicht erreicht, als er anhielt. Er wollte endlich das nervige Klopfen nicht mehr hören. Sina Wang musste zur Vernunft gebracht werden.

Es war ein Vorgang, bei dem er nicht unbedingt gesehen werden wollte. So suchte er zunächst die Umgebung ab, bevor er ausstieg und auf den Kofferraum zuging.

Der Wind hatte wieder aufgefrischt. Zugleich war es wärmer geworden. Eine Südströmung brachte einen warmen Wind auf die Insel. Die Temperaturen würden dafür sorgen, dass bald auch der letzte Schnee schmolz.

Elton schloss den Kofferraum des alten Benz auf. Der Deckel klappte hoch, und er schaute nach unten, genau in das fein geschnittene Gesicht der exotischen Sina Wang, die zu ihm hoch starrte, wobei in ihren Augen ein wütender Ausdruck lag.

»Das wurde auch Zeit!«

»Reg dich ab. Du bist hier immer sicher gewesen.«

Sie verzog die Lippen. »Ich will aber nicht mehr sicher sein. Es hat mir gereicht. Ich brauche Nachschub, verstehst du?«

»Ja, Blut!«

»Sehr richtig, ich brauche Blut. Ich will nicht austrocknen, verdammt noch mal.«

Elton Marlowe ärgerte sich über das Verhalten seiner Begleiterin. »Was soll das Gerede? Schau dich um. Noch ist deine Zeit nicht gekommen. Es wird noch eine Weile dauern, bis es dunkel wird.«

»Das weiß ich, aber ich lasse mir von dir nicht sagen, was gut oder schlecht für mich ist.« Sina Wang veränderte ihre Haltung. Sie wollte sich nicht mehr verbergen und endlich ihren Durst löschen, und das mit einem besonderen Saft.

Elton wagte es nicht, die schöne Sina am Verlassen des Kofferraums zu hindern. Sie blieb für einen Moment neben ihm stehen und schlug danach den Deckel wieder zu.

»Und jetzt?«, fragte Elton.

Sina ließ die Zunge sehen und leckte damit über ihre Lippen. »Das kannst du dir doch denken, oder?«

»Ja, du willst Blut.«

»Genau.«

Er trat einen kleinen Schritt zurück. »Aber nicht mein Blut?«

»Zur Not auch das.«

Eltons Lachen klang unecht. »Ich denke nicht, dass es förderlich wäre. Einer von uns beiden muss normal bleiben. Erinnere dich daran, was Justine sagte.«

»Schon klar.«

»Und jetzt?«

Sina Wang gab keine Antwort. Sie ging allerdings vom Wagen weg, um sich einen besseren Überblick zu verschaffen.

»Ich rieche Menschen!«, sagte sie.

Elton zuckte leicht zusammen. Er stand hinter der exotischen Blutsaugerin und nickte.

»Ja, es sind Menschen in der Nähe. Du kannst sie nur nicht sehen. Sie arbeiten in der Halle und …«

»Da sind sie nicht immer.«

»Das ist richtig.«

»Sie müssen auch mal rauskommen.«

Elton schluckte. Er wusste, was die Vampirin damit andeuten wollte. Dass sie nicht daran dachte, hungrig zu bleiben. Dass sie sich ihre Nahrung holen würde, und Elton fragte sich, ob er sie davon abhalten konnte.

»Du willst doch nicht in die Halle eindringen?«

Sie drehte sich um. »Warum nicht.«

»Das würde Justine nie erlauben.«

»Sie ist weit weg.« Sina lachte scharf. »Aber keine Sorge, ich weiß schon, was ich tue. Justine hat zu mir mal Blutprinzessin gesagt, und diesen Namen will ich nicht aufs Spiel setzen.«

»Dann können wir ja fahren.«

»Wohin?«

»Erst mal weg aus diesem Ort. Ich habe aber vor, in der Dunkelheit zurückzukehren, denn so leicht gebe ich nicht auf. Ich will diesen Conolly haben.«

»Und ich will sein Blut!«, fügte Sina hinzu.

»Dann sind wir uns ja einig. Steig jetzt normal ein. Wir sehen erst mal zu, dass wir außer Sichtweite kommen. Im Dunkeln kehren wir zurück. Ist das okay für dich?«

Sina lächelte nur. Sie stand so, dass sie in einem schrägen Winkel bis auf den Hof der Firma schauen konnte. Dort standen einige Lastwagen, aber auch kleine Fahrzeuge und Fahrräder.

Und eines dieser Räder wurde bewegt. Ein Mann in kurzer Lederjacke holte es aus dem Ständer hervor, schob es für einige Schrittlängen neben sich her und schwang sich dann in den Sattel.

Er fuhr dem Ausgang zu, und der Blutsaugerin Sina Wang genau entgegen.

»Den hole ich mir!«

Sie wollte losrennen, doch Elton war dagegen. Er riss sie im letzten Moment zurück. Sie prallte gegen ihn und hörte seine zischende Stimme. »Bist du wahnsinnig? Du machst alles kaputt. Das kann nicht gut gehen, verdammt.«

»Ich brauche es!«

»Aber nicht jetzt!«

Sie fauchte ihn an. Ihr Mund stand offen. Die beiden Zahnspitzen schimmerten. Und sie sah so aus, als wollte sie jeden Moment ihre Zähne in seinen Hals schlagen.

Elton Marlowe war sich der Gefahr sehr wohl bewusst. Auch wenn sie Partner waren. Es gab einen Punkt, da würde Sina alles vergessen, und so weit wollte er es nicht kommen lassen.

»Okay, du kannst ihn haben. Du kannst ihn leer trinken, aber nicht jetzt und hier.«

»Wann dann?«

»Warte ab, wie er sich verhält.«

Sina sagte nichts. Sie drehte nur den Kopf, um ihr Opfer besser sehen zu können. Der Mann hatte es nicht eilig. Dass in seiner Sichtweite ein fremdes Fahrzeug stand, nahm er wohl nicht wahr.

»Wir steigen ein!«, befahl Elton. Er zerrte Sina zum Wagen und stieß sie auf den Beifahrersitz. Dann erst stieg er ein und hämmerte die Tür zu.

Beide schnallten sich nicht an, duckten sich aber und schauten dabei durch die Frontscheibe nach draußen. Der Mann radelte auf den Ausgang zu. Er hielt den Kopf leicht gesenkt, bestimmt wollte er sich gegen den Wind anstemmen. Jetzt kam es darauf an, in welche Richtung er fuhr. Wahrscheinlich zum Ort hin, was nicht so günstig für sie wäre.

Der Mann fuhr auf die Straße und lenkte sein Fahrrad dann nach links, um in Richtung Welling zu fahren.

Das gefiel Elton gar nicht. Er stieß einen Fluch aus, und auch Sina Wang wirkte nicht eben glücklich. Trotzdem sagte sie zischend: »Ich will ihn haben.«

»Du kriegst ihn auch!«

»Dann tu was!«

Elton fluchte erneut und startete zugleich den älteren Benz. Er war nervös, der Wagen ruckelte, erreichte aber die Straße, wo Elton ihn nach links lenkte.

Der Radfahrer hatte inzwischen einen Vorsprung, der allerdings nicht zu groß war. Es war eine Sache von wenigen Sekunden, ihn einzuholen.

»Was hast du vor, Elton?«

»Lass dich überraschen.«

»Warte nur nicht zu lange.«

»Halts Maul.« Er mochte es nicht, wenn man ihn bevormundete. Er war bisher gut allein zurechtgekommen und hatte den Rat einer anderen Person nie gebraucht.

Das war auch jetzt der Fall. Er wusste, was zu tun war. Ein knappes Gasgeben reichte aus, und er befand sich mit dem Fahrer auf gleicher Höhe. Der hatte den Wagen nicht gesehen, aber gehört und war recht weit an den linken Straßenrand gefahren. Sie rollten für einen Moment auf gleicher Höhe. Der Mann drehte den Kopf, und genau darauf hatte Elton Marlowe gewartet.

Er hörte Sina Wang kreischen, als er den Benz blitzschnell nach links zog. Das erschreckte Gesicht des Fahrers war noch zu sehen, dann kam es zur Kollision.

Es war nicht mehr als ein Streifen. Dem Wagen machte es nichts aus, dem Biker schon.

Er riss die Arme hoch, fiel nach links und verschwand aus Elton Marlowes Blickfeld, als hätte es ihn nie gegeben. Auch sein Fahrrad war verschwunden, beide waren in den Graben neben der Straße gestürzt.

»Halt an!«

»Ja, ja, keine Panik.«

Elton war nur ein paar Meter gefahren, dann bremste er. Der Benz stand noch nicht ganz, als Sina die Tür bereits aufstieß und sich fast aus dem Auto fallen ließ.

Marlowe hatte es nicht so eilig. Er wusste ja, was kam. Zudem wollte er die Umgebung im Auge behalten. Welling, das bereits hinter ihnen gelegen hatte, lag jetzt wieder vor ihnen.

Sina aber war in ihrem Element. Mit einem Sprung hatte sie die letzte Distanz überwunden und war im Graben gelandet. Sie musste noch ein paar Schritte in die entgegengesetzte Richtung laufen, um den Mann zu erreichen.

Er war in den Graben gefallen, dessen Boden wie ein weiches Bett war. Nur eben schmutzig, mit Wasser und irgendwelchen Gräsern und abgebrochenen Zweigen gefüllt, an denen noch altes Laub hing.

Sina hörte den Mann fluchen. Ihm war offenbar nicht viel passiert.

Sie lachte in wilder Vorfreude auf. Es war genau dieses Lachen, das den Mann aus seiner Lethargie riss. Er richtete sich auf, seine Augen weiteten sich, als er die Gestalt sah, die auf ihn zuhetzte, sich am Rand des Grabens abstieß und auf ihn zusprang.

Er riss noch seine Arme hoch.

Der Tritt traf ihn trotzdem und war so hart geführt worden, dass seine Hände zur Seite gefegt wurden. Das hatte Sina gewollt, denn jetzt lag sein Gesicht frei.

Zudem war der Mann nach hinten gekippt. Mit dem Rücken lag er auf dem Hinterrad. In seinem Gesicht malte sich ein Ausdruck ab, der nur schwer zu beschreiben war.

Dann warf sich Sina Wang auf ihr Opfer. Es war ihr egal, ob auch sie schmutzig wurde, sie dachte nur an das Blut in den Adern des Mannes und packte mit einer Hand das Haar, um den Kopf zur Seite zu drehen. Mit den Knien sorgte sie für den nötigen Druck auf seiner Brust. Er sollte sich nicht befreien können.

Der Mann wollte seinen Kopf befreien. Er versuchte, ihn hin und her zu schütteln, was ihm nicht gelang, denn Sina Wang griff hart zu. Sie überlegte schon, ob sie ihre Finger in die Augen stechen sollte, doch davon nahm sie Abstand, denn sie erlebte keine Gegenwehr mehr.

Und dann kam sie zum Biss!

Sina senkte den Kopf. Erst langsam, dann schnell – und dann hackte sie ihre Zähne in die linke Halsseite. Sie spürte das Reißen der Haut und schmeckte das Blut, das aus der Wunde in ihren weit geöffneten Mund sprudelte.

Danach gab es nur noch eins für sie. Schlucken und trinken. Es war etwas Wunderbares für sie. Ein Genuss. Das Höchste, was sie sich als Vampirin vorstellen konnte.

Einen Widerstand erlebte sie nicht mehr. Zwar zuckte der Körper unter ihr noch einige Male, dann lag er still, und sie konnte sich endlich satt trinken.

Sina saugte, sie schmatzte, und sie gab hin und wieder auch ein leises Stöhnen von sich. Dabei lag sie in einer so guten Deckung, dass sie von der Straße von einem Autofahrer kaum gesehen wurde.

Zudem hielt Elton Marlowe Wache. Er stand am Rand der Straße und hatte sich gegen seinen Wagen gelehnt. Es machte ihm nichts aus, dass er mehrmals von Autofahrern passiert wurde, denn sie nahmen von ihm keine Notiz.

Sogar zwei Lastwagen verließen den Hof der Firma und rollten in Richtung Autobahn. Durch den Ort mussten sie dabei nicht.

Elton wusste nicht, wie lange Sina brauchte, um satt zu werden. Er hatte auch nicht auf die Uhr geschaut und wurde erst aufmerksam, als er aus den Augenwinkeln eine Bewegung wahrnahm.

Sina hatte sich aufgerichtet. Noch stand sie im Graben. Glücklich und grinsend. Um ihre Lippen herum klebte noch das Blut des Opfers, als sie nickte.

»Alles in Ordnung?«, fragte Elton.

»Und wie es in Ordnung ist.«

»Okay, was machen wir jetzt?«

Sie stieg in den Wagen. »Jetzt geht die Party der Blutprinzessin richtig los …«

***

Konstabler Matt Franklin saß hinter seinem Schreibtisch und schaute den jungen Mann mit starrem Blick an, der ihm eine Geschichte erzählt hatte, die unglaublich klang. Beinahe so unglaublich, dass sie schon wieder wahr sein konnte.

»Ja, Konstabler, so ist das gewesen. Und hätten Sie anders gehandelt, dann wäre dieser Elton Marlowe mit seinem Wagen nicht entkommen. Ich hatte ihn gut im Griff und damit auch die Gefahr, die im Kofferraum liegt. Jetzt kann ich für nichts mehr garantieren.«

Franklin schaute auf seine Zigarre, die halb im Aschenbecher lag und kalt geworden war. Ihr Geruch hing noch im Raum fest, doch daran störte er sich nicht.

»Ich mag es nicht, wenn man mir Vorwürfe macht, junger Mann.«

»Sir, das war kein Vorwurf. Ich habe nur eine Tatsache aufgezählt, nicht mehr.« Johnny wischte seine schweißfeuchten Hände an den Hosenbeinen ab. »Außerdem wird bald mein Vater hier sein und wahrscheinlich nicht allein.«

Der Konstabler winkte lässig ab. »Ach ja, Sie haben ja von Ihrem Freund Sinclair gesprochen.«

»Genau.«

Franklin lächelte. »Er mag zwar beim Yard sein, aber hier in Welling habe ich das Sagen. Ich lasse mir nicht ins Handwerk pfuschen. Und einen Bericht, wie ich ihn von Ihnen gehört habe, den kann doch kein Mensch glauben.«

»Sie werden sich wundern.« Johnny senkte seine Stimme. »Und ich sage Ihnen, dass dies hier erst der Anfang ist. Es wird weitergehen, darauf können Sie sich verlassen.«

»Klar, für Sie, Mister Conolly. Ich denke mal, dass ich für Sie einen guten Platz habe.«

»In der Zelle?«

»Genau. Die eine Nacht werden Sie überstehen.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "John Sinclair - Folge 1709" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen