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John Sinclair - Folge 1707

Inhalt

  1. Cover
  2. Impressum
  3. Das Rätsel der toten Bücher
  4. Vorschau

Das Rätsel der toten Bücher

Etwas stimmt hier nicht!

Dieser Gedanke schoss dem Reporter Bill Conolly durch den Kopf, als die schwere Eingangstür hinter ihm zugefallen war. Er ging ein wenig vor und wurde von dem weichen Licht umschmeichelt, das einige Decken- und Wandlampen abgaben. Obwohl er hätte weitergehen können, blieb Bill in der geräumigen Halle stehen und schaute sich um. Nach der Kälte draußen empfand er es hier als schon bullig warm. Die Halle war menschenleer. Selbst der Portier und der Kassierer waren nicht zu sehen. Dabei hatte sich Bill extra angemeldet, aber keine genaue Zeit gesagt, weil er wetterbedingt Probleme haben würde. So war es auch. Er hatte mehr als eine Stunde länger gebraucht als normal. Link Morton aber war nicht da …

Morton hielt sich sonst in einer kleinen Holzbox auf, die auch ein Fenster hatte, durch das er die Halle überblicken konnte. Den hölzernen Bau nannte er Beichtstuhl, und tatsächlich wies er eine gewisse Ähnlichkeit damit auf. Nur hatte er keine zwei Eingänge.

Bill hob die Schultern und murmelte: »Dann eben nicht.«

Er besuchte den historischen Bau ja nicht zum ersten Mal. Mehrmals im Jahr war er an diesem Ort, denn hier gab es etwas, was er in den normalen Bibliotheken nicht fand, und er musste nun mal recherchieren, wenn er sich an einem Bericht festgebissen hatte.

Alte Bücher, regelrechte Folianten. Schriftstücke, die vom Hauch der Geschichte umweht wurden. Auch historische Wörterbücher und Atlanten waren einsehbar. Damals hatte die Welt noch ein anderes Gesicht gehabt. Für Bill war es interessant, wie die Menschen einer anderen Zeit gedacht und gehandelt hatten.

Es waren nur wenige Gedanken, die ihm für einen Moment durch den Kopf gegangen waren. Er legte den Kopf zurück und schaute gegen die Kassettendecke aus Holz. Dabei kam ihm wieder in den Sinn, dass ihn etwas bei seinem Eintreten gestört hatte.

Was stimmte hier nicht?

Er konnte es beim zweiten Blick in die Runde ebenfalls nicht sagen. Das Gefühl war jedenfalls da, und er kam sich beinahe so vor wie sein Freund John Sinclair, der sich oft auf sein Bauchgefühl verließ.

Vielleicht war es doch das Fehlen des Portiers. War Link Morton gegangen, weil er nicht mehr länger auf seinen Besucher hatte warten wollen? Das glaubte der Reporter nicht. Morton war ein Mensch mit Prinzipien, der hielt sich an sein Versprechen.

Nur heute nicht.

Bill dachte auch daran, dass er mal austreten war, dann aber hätte er längst zurück sein müssen. Es sei denn, es war ihm etwas passiert. Aber was sollte hier schon geschehen? Okay, es gab genug alte Bücher. Mit denen allerdings war kein Geld zu machen. Es hing auch kein Schild an seinem »Beichtstuhl«, das darauf hingedeutet hätte, dass er mal kurz verschwunden war. Bill erlebte nur diese Stille, die für ihn schon belastend war, denn von außen her drang kein Geräusch durch die dicken Mauern des alten Baus.

»Dann eben nicht«, wiederholte sich der Reporter. Er würde nicht mehr länger warten und sich auf den Weg in die eigentliche Bibliothek machen.

Sie befand sich im unteren Teil des alten Hauses. Nicht eben im Keller, sondern in einem Zwischengeschoss, und zu erreichen war sie über eine Treppe. Vom Eingangsbereich her war sie nicht zu sehen. Man musste schon durch eine bestimmte Tür treten, und auf sie ging Bill zu.

Abgeschlossen war sie nicht. Bill gelangte in einen nicht sehr langen, aber schon recht breiten Gang und sah an der linken Seite ein großes Halbbogenfenster, das mit seiner unteren Seite bis auf den Boden reichte.

Um diese Zeit fiel kein Licht in den Bau. Hinter dem Fenster lag die Dunkelheit wie eine schwarze Wolke.

In Höhe des Fensters befand sich die Treppe. Sie bestand aus Holz und führte in den Bereich der alten Bücher hinein, praktisch in eine andere Welt.

Und in eine, die nicht erhellt war. Vor der ersten Stufe hielt der Reporter an. Er schaute nach vorn in den großen Raum hinein, in dem die mit Büchern gefüllten Regale vom Holzboden hoch bis an die Decke reichten.

In der Dunkelheit wollte sich der Reporter nicht bewegen. Er wusste, wo sich der Lichtschalter befand. Nicht weit von ihm an der Wand. Er streckte den Arm aus und zögerte noch. Da stieg wieder dieses Gefühl in ihm hoch, und jetzt empfand er es als eine vorsichtige Warnung. Sehr sensible Menschen, die auf ihre innere Stimme hörten, wären an diesem Punkt umgekehrt und hätte die Bibliothek verlassen. Das tat der Reporter nicht. Er blieb stehen und lauschte nach vorn und in die Dunkelheit hinein.

Nichts war zu hören. Abgesehen von den leisen Lauten, die das alte Holz hin und wieder abgab, doch dieses Knacken war völlig normal bei einem derartigen Material.

Bill ärgerte sich darüber, dass er schwitzte und den Schweiß auf seinem Gesicht spürte. Es lag nicht allein an der Wärme, sondern auch an der ganzen Situation.

Mach dir nicht selbst was vor!, schimpfte er sich gedanklich aus und fand endlich den Schalter. Eigentlich waren es zwei, die dicht übereinander lagen.

Bill kickte den ersten.

An der Decke wurde es hell. Dort hing eine breite Lampe mit mehreren Armen, die schon einem Kronleuchter glich. Die anderen Lampen waren als Punktstrahler angebracht. Sie ließen sich auch von anderen Stellen ein- und ausschalten.

Diese Beleuchtung brauchte der Reporter nicht. Das Deckenlicht reichte ihm. Es fiel auf drei Tische mit jeweils zwei Stühlen davor.

Dafür hatte der Reporter keinen Blick. Zwischen den Tischen und den Regalen gab es genügend Platz, um das zu sehen, was sich auf dem Boden ausbreitete.

Bücher!

Klar, sie gehörten in eine Bibliothek, aber nicht so. Das konnte er nicht gutheißen. Die Bücher lagen auf dem Boden verteilt, manche waren noch zugeklappt, andere wieder offen. Entweder lagen sie mit dem Rücken auf dem Holzboden oder umgekehrt. Das Bild war mit einem Chaos zu vergleichen, das irgendjemand hinterlassen hatte.

Das verdammte Gefühl!, dachte Bill. Es hat mich nicht getäuscht. Da war etwas …

Er blieb noch am Beginn der Treppe stehen, ließ seine Blicke mehrmals durch den großen Raum gleiten.

Dabei dachte er darüber nach, warum er Link Morton nicht zu Gesicht bekommen hatte. Sein Verschwinden konnte nichts Gutes bedeuten.

Endlich raffte er sich dazu auf, die Stufen der Treppe nach unten zu gehen. Er wollte versuchen, den Grund dafür herauszufinden, dass die Bücher auf dem Boden lagen. Irgendwas musste hier passiert sein.

Er ließ auch die letzte Stufe hinter sich und musste einen langen Schritt gehen, um nicht auf die in der Nähe liegenden Bücher zu treten.

Die langen Regale standen sich gegenüber, aber nur an einer Seite – an seiner – waren Bücher herausgerissen worden und lagen auf dem Boden. Es ließ darauf schließen, dass der Täter – so nannte ihn Bill – etwas gesucht hatte, das sich auf dieser Regalseite befand.

Täter und Link Mortons Verschwinden. Wie passte das zusammen?

Bill wusste es nicht. Er ging nur davon aus, dass es da eine Verbindung geben musste.

Er ließ seine Blicke schweifen. Nichts fiel ihm auf. Nur die Bücher, die jemand zu Boden geschleudert haben musste, aus welchem Grund auch immer. Link Morton war es bestimmt nicht gewesen, aber Bill konnte sich durchaus vorstellen, dass Morton den Dieb oder die Diebe bei ihrer Aktion überrascht hatte.

Und jetzt? War etwas mit ihm geschehen? Hatte man ihn aus dem Verkehr gezogen?

Den Gedanken behielt der Reporter schon im Auge, als er durch den großen Raum schritt. Er erreichte die Tische mit den Stühlen. Sie standen so weit auseinander, dass es zwischen ihnen größere Lücken gab, durch die ein Mensch normal gehen konnte.

Das tat auch Bill – bis er plötzlich stehen blieb, als hätte ihn etwas brutal gestoppt.

Sein Blick war nach unten gefallen, und seine Augen weiteten sich. Was er sah, wollte er nicht glauben. Unter einem Tisch an der rechten Seite ragte ein Paar Beine hervor. Er sah auch die halbhohen Winterschuhe. Der größte Teil des Körpers aber blieb ihm verbogen.

Ohne den genauen Beweis zu haben, ahnte er schon, um wen es sich handelte. Und es machte ihm auch Sorge, dass sich keines der Beine bewegte.

Bill ging in die Hocke. Erst jetzt konnte er unter den Tisch schauen.

Link Morton lag auf dem Rücken. Starr. Bill hörte keine Atemgeräusche. Ob der Mann tot oder nur bewusstlos war, das wusste er nicht, da musste er noch nachschauen.

Bill kannte sich aus. Er wollte nichts verändern. Zumindest nicht bei Link Morton. Deshalb richtete er sich wieder auf und fasste den Tisch an zwei Seiten an.

Anschließend hob er ihn hoch und stellte ihn zur Seite. So hatte er einen freien Blick auf die Gestalt am Boden – und musste schlucken, als er das Gesicht sah.

Nicht nur, dass die Haut so blass war, er sah auch den offenen Mund, als wollte Link noch mal nach Luft schnappen, was ihm nicht mehr möglich gewesen war. Sein Blick war gebrochen, und der Reporter hatte in seinem Leben schon so viele Leichen gesehen, dass er davon ausging, einen Toten vor sich zu haben.

Er glaubte nicht, dass Link Morton einen Herzinfarkt erlitten hatte, nein, dieser Mann war ermordet worden …

***

In den folgenden Sekunden spürte Bill Conolly seinen Herzschlag bis in den Hals. Die Kehle war ihm trocken geworden, hinter seiner Stirn tuckerte es, und erst nach einer Weile ging er neben dem Toten in die Knie und strich über dessen Wange.

Er hatte eine Ahnung gehabt, und er hatte sich nicht getäuscht. Der Mann war noch nicht lange tot, denn seine Haut war noch warm. Das konnte bedeuten, dass sich der Mörder noch in der Nähe aufhielt und sich irgendwo in diesem Haus versteckte, denn in der Halle war er Bill nicht entgegen gekommen.

Er drängte den Gedanken daran zur Seite oder versuchte es, weil er feststellen wollte, wie Link Morton ums Leben gekommen war. Er suchte nach einer Wunde, die von einem Einschuss oder einem Messerstich hinterlassen worden war.

Zu sehen war nichts. Zumindest nicht an der Brust. Bill überlegte, ob er den Toten auf den Bauch drehen sollte, um sich den Rücken anzusehen, doch das ließ er lieber bleiben. Die Mordkommission musste herkommen, er durfte nichts verändern.

Aber er sah etwas anderes, weil er sich auf den Hals konzentriert hatte. Und dort war nicht alles normal. Da sah er die Spuren auf der Haut, Druckstellen. Nicht sehr intensiv. Von einer leicht bläulichen Farbe. Dort musste ihn jemand gewürgt haben, und allmählich erhielt der Reporter ein klares Bild.

Er drehte sich zur Seite und stemmte sich in die Höhe. Gefangen hatte er sich noch immer nicht. Sein Herz schlug weiterhin schneller als gewöhnlich, und eine gewisse Kälte hatte sich in seinem Innern ausgebreitet. Wer brachte diesen harmlosen Menschen um, der niemandem etwas getan hatte? Warum hatte er sterben müssen?

Die Antwort kannte der Reporter nicht. Er nahm sich nur vor, dabei mitzuhelfen, sie zu finden. Er entfernte sich von der Leiche, blieb neben einem anderen Tisch stehen und dachte darüber nach, wen er anrufen sollte.

Er konnte eine normale Meldung abgeben, aber auch seinen Freund John Sinclair informieren. Der hatte zwar mit normalen Kriminalfällen nichts zu tun, sondern in der Regel nur mit schwarzmagischen, aber er war schon jemand, der Bescheid haben musste, denn Bill glaubte daran, dass er hier erst am Anfang eines Falles stand. Im Laufe der Zeit hatte er ein Gefühl für bestimmte Dinge entwickelt.

Die Tatsache lag vor seinen Füßen. Es war der tote Link Morton.

Damit wollte sich Bill nicht zufriedengeben, hier war zwar nichts zu sehen, es lief aber einiges verkehrt. Beweise dafür hatte er nicht, nur eine Ahnung.

Wo steckte der Killer?

Hielt er sich hier noch verborgen und lauerte auf eine günstige Gelegenheit?

Es war alles möglich, und Bill war in diesem Moment froh, seine Waffe eingesteckt zu haben.

Noch warten, anrufen oder …

Die Entscheidung konnte er nicht mehr fällen, denn etwas lenkte ihn plötzlich ab.

Über seinen Rücken fuhr ein eisiger Hauch …

***

Das war keine Einbildung gewesen, diese eiskalte Berührung hatte er deutlich gespürt. Zwar war nichts zu sehen gewesen, aber bei dieser Berührung hatte sich die Haut an seinem Nacken zusammengezogen.

Bleib ruhig!, schärfte er sich ein. Dem Reporter waren bestimmte Vorgänge nicht fremd. Er hatte Dinge erlebt, von denen andere Menschen nicht mal träumten. Er wusste, dass die Welt nicht nur aus Vorgängen bestand, die sichtbar waren, es gab auch andere, die im Verborgenen lauerten, sogar in anderen Welten. Als ihn jetzt dieser eisige Hauch erwischt hatte, da glaubte er schon, einen Gruß aus einer anderen Welt verspürt zu haben.

Er drehte sich noch nicht um, sondern riss sich erst mal zusammen. Er atmete durch die Nase, zwang sich gewissermaßen zur Ruhe und wartete darauf, dass ihn dieser Gruß – woher er auch immer kam – erneut erwischte. Er zählte innerlich bis zehn. Es war eine Methode, die er schon öfter angewandt hatte. Dann erst drehte er sich langsam um. Schon in der Bewegung sah er, dass sich nichts verändert hatte. Es war auch nichts zu hören und doch überkam ihn plötzlich ein Wissen, nicht mehr allein in dieser Bibliothek zu sein.

Drei Sekunden später erhielt er den Beweis.

Bills Blick glitt an dem langen Regal entlang in Richtung der Treppe. Auf halbem Weg und praktisch dicht vor der ersten Stufe stand die bleiche Frauengestalt und hielt ein Buch mit rotem Umschlag in der Hand …

***

Die Straße, in der die Detektivin Janes Collins wohnte, hatte wohl noch nie so viel Wirbel erlebt wie in dieser einen Nacht. Es waren einige Leichen abzuholen gewesen, und diese Toten kamen auf das Konto von Jane Collins, Suko und von mir.

Ja, wir hatten aufgeräumt. Aber nicht unter normalen Menschen, sondern um Geschöpfe, die weder Menschen waren noch Vampire, sondern Halbvampire. Geschöpfe, denen noch keine spitzen Zähne gewachsen waren, die aber trotzdem das Blut der Menschen wollten. Sie mussten ihren Opfern Wunden zufügen, aus denen sie dann das Blut tranken.

Wir hatten sie vernichten müssen. Auch Hellman, der so etwas wie ihr Anführer gewesen war. Doch keiner von uns glaubte, dass wir damit Ruhe hatten. Nein, diese Tat war nur ein Tropfen auf den heißen Stein gewesen. Es würde weitergehen. Stärker und intensiver als zuvor, weil die Vampirin Justine Cavallo die Führung über die Halbvampire an sich gerissen hatte. Sie war wieder zurück zu ihren Wurzeln gekehrt, das heißt, sie musste uns als Feinde ansehen, sodass auch wir sie bekämpfen mussten. Da hatte es sogar einen offiziellen Auftrag gegeben.

Vorbei war die Zeit, als die Cavallo auf unserer Seite gestanden hatte. Natürlich war das eine nicht ganz koschere Sache gewesen, aber es hatte auch positive Seiten gegeben. So hatte sie mir mehr als einmal das Leben gerettet, und auch über meine Hilfe hatte sie sich nicht beklagen können.

Sogar Johnny Conolly hatte sie mal das Leben gerettet, aber sie war letztendlich kein Mensch, sondern eine Person, die sich vom Blut der Menschen ernährte. Und das konnte nicht länger hingenommen werden. So jedenfalls war es unserem Chef, Sir James, von oben mitgeteilt worden.

Jetzt waren wir wieder Feinde!

Nicht, dass ich vor Angst vergangen wäre, aber ein Druck blieb schon im Magen zurück. Ich würde es so leicht nicht vergessen können, selbst wenn ich mit anderen Fällen beschäftigt war.

Ob wir ihr durch die Vernichtung der Halbvampire eine Niederlage beigebracht hatten, stand noch nicht fest. Sie hatte diese Geschöpfe ja von ihrem einstigen Todfeind, Dracula II, übernommen. Dessen Körper war durch die Explosion zweier Handgranaten zerstört worden, aber seine Seele war noch geblieben und in das Reich des Spuks eingegangen, von wo aus diese wieder freigelassen worden war, um sich einen neuen Körper zu suchen, eben den der Cavallo.

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