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John Sinclair - Folge 1706

Lockvogel der Nacht

Blut, sie brauchte Blut. Deshalb war Justine Cavallo auch auf der Suche nach einem Opfer. Ihre Sucht nach dem menschlichen Lebenssaft war immer stärker geworden. Es hatte sich bei ihr etwas verändert, und sie wusste selbst nicht genau, woran es lag.

Sie wollte die Panik. Sie wollte das Grauen. Und sie wollte der Auslöser sein. Das war sie zwar immer gewesen, aber sie hatte ihr Verhalten trotzdem geändert. Das gewisse Kalkül, das stets ihre Handlungen bestimmt hatte, spielte in letzter Zeit keine Rolle mehr …

Beißen, saugen, dann diejenigen vernichten, die sie leer gesaugt hatte.

So hatte es bisher ausgesehen, aber das war ihr nicht mehr wichtig. Wenn sie sich jetzt satt trank, dann killte sie nicht mehr, sondern ließ ihre Opfer laufen. Nicht mehr als Menschen, sondern als Vampire, und das war neu bei ihr.

Sie hatte das Haus verlassen, das vor langer Zeit zu ihrem Quartier geworden war. Sie war unterwegs, sie brauchte Blut und suchte nach einem Ort, an dem sie es ungestört trinken konnte.

Dieser Ort musste einsam liegen. Keiner sollte sie beobachten. Menschen, denen sie das Blut aussaugen konnte, gab es genug. Sie waren auch an einsamen Orten zu finden. Nicht nur am Tag, sogar in der Nacht und auch bei einem kalten Wetter, wie es jetzt herrschte.

Die Cavallo besaß einen sicheren Instinkt. Auch in dieser kalten Nacht war sie nicht einfach losgelaufen, um irgendwo zu landen. Es gab schon ein Ziel, und das würde sie finden, dem war sie verbunden, denn es gab zwischen ihm und ihr ein unsichtbares Band, das sie aus dem Haus getrieben hatte.

So etwas hatte die Blutsaugerin bisher noch nicht erlebt. Zuerst hatte sie es auch nicht glauben wollen, dann aber war es passiert. Jemand oder etwas lockte sie.

Sie wusste, wie man sich verhielt, um nicht aufzufallen. Immer im Schatten haltend, selbst zu einem Schatten werdend. Eine bestimmte Strecke so schnell wie möglich zurücklegen, um an den Zielort zu gelangen.

In der Regel wusste sie nicht, wo die Jagd enden würde. Sie hoffte auf ihr Glück, und das war ihr bisher stets hold gewesen. In dieser Nacht war es anders. Da war die Verbindung entstanden. Sie war allein, aber sie fühlte sich trotzdem unter einer anderen Kontrolle, und der wollte sie sich fügen.

Die Innenstadt lag längst hinter ihr. Schwäche kannte die Cavallo nicht. Ihre Stärke war nicht mit der eines Menschen zu vergleichen. Sie kannte kein Zusammenbrechen. Sie war nie erschöpft. Es machte ihr nichts aus, gegen ein halbes Dutzend Feinde gleichzeitig zu kämpfen. So etwas zog sie locker durch, und denjenigen Menschen, die sie sich ausgesucht hatte, gab sie nicht die Spur einer Chance.

Es gab ein Ziel. Nur kannte sie es nicht. Und so lief sie weiter. Das Band war da, es würde sich ihr erst offenbaren, wenn sie ihr Ziel erreicht hatte.

Die Blutsaugerin eilte durch eine still gewordene Landschaft. Es gab hier nichts mehr, was sie hätte stören können. Die Welt war still, teilweise begraben unter einer Schneedecke, die auch an den Straßenrändern nicht weggetaut war.

Das Thermometer war wieder gefallen. Der Schnee und auch die Stellen, an denen er nicht lag, fingen an zu glitzern, als wären sie mit kleinen Diamanten bestreut worden. Tatsächlich aber hinterließ der starke Frost seine Spuren.

Die Tageswende hatte sie hinter sich gelassen. Sie lief mit raumgreifenden Schritten in den neuen Tag hinein, der erst viel später hell werden würde.

Schnee würde nicht fallen. Der war erst für später angesagt worden. So lag über ihr ein klarer Himmel, auf dem sich der Mond abzeichnete wie eine kalte Scheibe Metall.

Dem Glatteis an den verschiedenen Stellen wich sie nicht aus. Sie huschte einfach darüber hinweg. Gegen den Wind brauchte sie sich nicht zu stemmen, der wehte so gut wie nicht.

An einer Kreuzung blieb sie stehen. Sie wusste nicht genau, wo sie sich befand, aber das Locken in ihr war noch vorhanden und dem musste sie einfach nachgeben. Das wollte sie auch, obwohl sie nicht wusste, was sie letztendlich erwartete.

Aber sie war schon näher herangekommen. Die Stärke des unsichtbaren Bandes hatte sich erhöht. Justine schaute über die Kreuzung hinweg. Zwei einsam stehende Laternen warfen ihr kaltes Licht gegen den Boden und hinterließen dort einen schwachen Schein.

Passanten sah sie nicht. Die Straßen blieben leer. Justine huschte über die Kreuzung hinweg und sah auf der anderen Seite keine Häuser mehr, die ihr hätten Schutz bieten können.

Dafür sah sie etwas anderes. Es gab eine Mauer an der linken Seite. Über die Kante hinweg ragten die kahlen Äste einiger Bäume, und zum ersten Mal, seit sie das Haus verlassen hatte, konnte Justine wieder lächeln.

Sie hatte es geschafft. Oder fast. Ihr Ziel lag hinter der Mauer, und sie wusste auch, worum es sich handelte. Dieser Ort strömte etwas aus, das sie mochte. Es war wunderbar. Es war die Luft des Todes, der Vergänglichkeit, der auch von starkem Frost und tiefer Kälte nicht vertrieben werden konnte.

Sie war da!

Und sie blieb stehen.

Direkt vor der Mauer wartete sie ab und überlegte. Ein Friedhof konnte sehr wohl das Ziel sein, aber sie fragte sich, ob es wirklich der richtige Ort für sie war.

Was würde sie hinter der Mauer finden? Gräber, eine Leichenhalle? Wer bei dieser Kälte beerdigt wurde, für den war es nicht einfach, ein Grab zu schaufeln.

Sie musste ihr Ziel einfach erreicht haben, denn es gab dieses Band nicht mehr. Etwas schien sich in ihr verändert zu haben zu einem Wissen, das sie vorher nicht gehabt hatte.

Plötzlich war diese Mauer für sie zu einem Sinnbild geworden. Justine wusste selbst nicht, wie sie darauf kam, aber es war so, und das konnte sie auch nicht mehr abschütteln.

Justine Cavallo hatte sich mit ihrer Existenz abgefunden gehabt. Sollte das jetzt vorbei sein? Sollte sie in eine neue Phase eintreten, wenn sie die Mauer überkletterte?

Was wartete auf dem Friedhof auf sie?

Blut. Menschen, in deren Adern es floss. Die sich trotz der Kälte im Freien aufhielten.

Das tat sie auch, und wie immer trug sie ihre enge Lederkleidung. Aber sie gehörte zu den Wesen, die weder Kälte noch Wärme spürten.

Sie schaute an der Mauer entlang bis zur Krone hoch.

Sie hatte keine andere Wahl. Sie musste rüber auf die andere Seite. Der Friedhof lockte. All das, was in den Jahren bisher für sie Bedeutung gehabt hatte, war verflogen, war weggetrieben worden wie von einem Windstoß.

Justine ging einen Schritt zurück. Dann noch einen. Ein letztes Mal schaute sie sich um und stellte zufrieden fest, dass sich niemand in der Nähe aufhielt.

Ein kurzer Anlauf.

Dann der Sprung.

Wer jetzt als Zeuge in der Nähe gestanden hätte, der hätte sehen können, welche Kraft in dieser Gestalt steckte. Mit einem Sprung hatte sie die relativ breite Krone erreicht. Dass die Steine dort leicht angefroren und glatt waren, störte sie nicht. Sie behielt perfekt ihr Gleichgewicht.

Der erste Überblick!

Ja, es war ein Friedhof, auf dessen Mauer sie sich befand. Er breitete sich vor ihr aus und lag eingetaucht in der Dunkelheit der Nacht. Nicht eine Laterne gab Licht ab, aber da der Mond vom wolkenlosen Himmel schien, hatte sie sogar eine relativ gute Sicht, und ihre Augen sahen in der Dunkelheit sowieso besser als die eines normalen Menschen.

Sie blieb auf der Mauerkrone stehen und ließ ihren Blick über das Gelände schweifen. Sie suchte nach irgendwelchen Bewegungen. Sie war nicht gekommen, um sich mit Grabsteinen und froststarren Gewächsen zu vergnügen, hier ging es um etwas ganz Bestimmtes.

Ihre Zunge leckte über die vollen Lippen. Die Gier war noch immer vorhanden. Blut zu trinken, sich zu stärken, satt zu werden, darauf lief es hinaus.

Im Moment sah sie noch nichts. Aber das hatte nichts zu bedeuten. Grundlos war sie nicht hergeführt worden, und plötzlich verzogen sich ihre Lippen zu einem Lächeln, denn jetzt hatte sie etwas gewittert.

Auch wenn sie keine Personen entdeckte, war der Friedhof trotzdem nicht leer.

Sie witterte etwas …

Menschen?

Im ersten Moment wollte sie zustimmen und freute sich bereits auf das Blut, aber wenig später begann sie sich zu wundern. Das waren keine Menschen. Sie ging davon aus, nicht allein auf dem Gelände zu sein, aber wer erwartete sie?

Justine war irritiert. Ihre Vorfreude verschwand, auch wenn sie wusste, dass Blut vorhanden war. Ja, das roch sie sehr gut.

Es war trotzdem anders.

An eine Rückkehr dachte sie nicht. Die Cavallo war in ihrer Eigenschaft als Vampirin jemand, die alles, was sie begonnen hatte, auch durchzog. Das würde auch hier nicht anders sein. Viel zu groß waren ihre Gier und die Neugierde.

Ein kurzer Satz, und sie hatte den Boden hinter der Mauer erreicht, wo sie erneut stehen blieb. Es hatte sich nichts verändert. Die Dunkelheit blieb ebenso bestehen wie die Stille.

Wenn sie hoch in das Geäst der Bäume schaute, fiel ihr das Schimmern der Äste und Zweige auf, denn sie waren von einer silbrigen Eisschicht überzogen. Das Gleiche galt auch für die Stämme.

Sie sah die Gräber mit den verschiedenen Steinen. Auch sie sahen anders aus als sonst und schienen unter der Kälte zu leiden. Alles wirkte noch bewegungsloser als sonst. Ein Ort, der die Toten beherbergte und jetzt selbst gestorben zu sein schien.

Sie sprang über die Gräber hinweg. Von der Mauerkrone her hatte sie gesehen, dass kein großer Friedhof vor ihr lag. Er war übersichtlich und deshalb ging sie davon aus, dass es auf dem Gelände auch nur einen Hauptweg gab, und genau den wollte sie finden.

Es verstrich nur wenig Zeit, dann hatte sie ihn gefunden. Der Weg war mit einer schillernden Schicht versehen, als hätte jemand mit einem Pinsel darüber hinweg gestrichen. Dabei waren es nur die kleinen Steine, die zusammenklebten und einen hellen Frostglanz abgaben.

Plötzlich blieb sie stehen. Justine wusste nicht, ob sie schon weit genug gelaufen war, aber sie hatte nicht ohne Grund angehalten, denn vor ihr war ein anderes Bild entstanden.

Eine Insel von einer gelbrötlichen Farbe! Nicht ruhig, sondern in alle Richtungen wie mit langen Zungen greifend.

Feuer!

Ja, das waren Flammen, und sie waren bestimmt nicht grundlos entstanden. Jemand hielt sich hier auf, und jetzt war ihr endgültig klar, dass man sie erwartete.

Die Vampirin wusste, wohin sie gehen musste, aber sie ließ sich Zeit. Eine wie sie dachte sofort an eine Falle, und deshalb wartete sie die nächsten Sekunden ab.

Es kam zu keiner Veränderung. Das Feuer brannte weiter. Hin und wieder schossen Funken in die Höhe, die entstanden, wenn ein Harzknoten zerplatzte.

Das Feuer riss ein Loch in die Dunkelheit. Justines Augen waren sehr gut, und ihre scharfen Blicke schweiften in die Runde.

Sie suchte nach Personen, die es angezündet hatten, aber da hatte sie Pech. Entweder waren sie verschwunden oder hielten sich außerhalb der Flammen auf.

Die Cavallo wollte es trotzdem wissen. Das Feuer war für sie so etwas wie ein Lockmittel, und jetzt hielt sie nichts mehr. Sie wollte herausfinden, warum es brannte.

Sie blieb auf dem Weg. Eine Person wie sie musste sich nicht verstecken. Sie war sich ihrer Kraft voll bewusst und näherte sich der Flammenquelle immer mehr.

Die letzten Meter legte sie ebenso locker zurück wie die ersten und blieb stehen, als das Feuer nahe war und flackernde Reflexe aus Helligkeit und Schatten über ihr Gesicht warf und es wie eine Maske aussehen ließ.

Wo waren sie?

Justine schaute über die Flammen hinweg. Der Weg war hier zu Ende. Jenseits des Feuers gab es keine Gräber mehr zu sehen. Dort wuchs so etwas wie eine Mauer in die Höhe. Die aber bestand nicht aus Stein, sondern aus Büschen, die der Frost zu gespenstischen Wesen hatte erstarren lassen.

Vor ihr knisterte das Holz, wenn es von den Feuerzungen zerrissen wurde. Sie hörte das Rauschen und das Flattern, wenn die heißen Zungen in ihre Richtung leckten und sich danach zuckend wieder zurückzogen, um den Angriff von vorn zu beginnen.

Wo steckten die Typen, die sie hier erwarteten?

Die Cavallo war jemand, die das Handeln immer in die eigenen Hände nahm. Das war hier nicht möglich, und das ärgerte sie maßlos. Sie fühlte sich an der Nase herumgeführt.

Doch plötzlich waren sie da.

Zwar noch nicht zu sehen, aber etwas schabte in ihrer Nähe. Zugleich sah sie hinter den Flammen Bewegungen, die aus der Buschgruppe zu kommen schienen. Dort brachen die gefrorenen Zweige mit einem Knacken ab, als sie den Druck der Hände spürten, denn Hände waren es, die sich einen Weg bahnten.

Und dann kamen sie.

Die Gestalten brachen durch die Büsche. Das Flammenlicht sorgte dafür, dass ihre Konturen nicht so klar waren, wie Justine es sich gewünscht hätte. Sie musste sich konzentrieren, um die Gestalten zu erkennen, die immer mehr wurden, wobei sich zwei von ihnen hinter großen Grabsteinen hervorschoben.

Justine entdeckte jetzt auch, dass sich zwei weibliche Personen unter den Mitgliedern der Gruppe befanden. Jedenfalls deuteten die langen Haare darauf hin.

Sie waren verschieden, aber sie sahen irgendwie alle gleich aus. Bekleidet mit dunklen Mänteln, die recht lang waren und mindestens bis zu den Kniekehlen reichten. Geschlossen waren sie nicht, und so sah Justine auch die dunkle Kleidung darunter.

Sie gehörte zwar zu den Blutsaugern, aber sie war nicht von einer anderen Welt. Sie hatte lange genug unter den Menschen gelebt, um zu wissen, dass es bei ihnen die unterschiedlichsten Gesellschaftsschichten oder Interessengruppen gab.

Sieben Personen zählte sie, und diese wiederum gehörten zu denjenigen, die sich Schwarze oder die Schwarzen nannten. Aber auch der Begriff Gruftie war nicht falsch.

Hatten sie ihr diese Botschaft geschickt und sie hergelockt? Justine konnte es kaum glauben, aber es gab auch für sie Dinge, die neu für sie waren.

Sie hatte daran gedacht, in eine neue Existenz zu treten, aber das hier empfand sie einfach nur als lächerlich. Die konnten ihr bestimmt nicht das Wasser reichen.

Sieben Gestalten waren es, die sich an drei Seiten des Feuers verteilten und nur ihre Seite frei ließen, als würden sie sich nicht trauen, nahe an sie heranzukommen.

Sie standen da, sprachen nicht und schauten zu, was auch Justine Cavallo tat. Und sie streckte so etwas wie ihre geistigen Fühler aus. Sie wollte herausfinden, um wen es sich bei diesen sieben Gestalten handelte.

Etwas ging von ihnen aus und wehte über das Feuer hinweg auf sie zu. Es irritierte sie, und dann stellte sie fest, dass es keine normalen Menschen waren. Etwas steckte in ihnen wie ein Keim, und dieser war ihr ebenfalls nicht fremd.

Der Keim des Vampirs!

Genau das war es! Aber es war auch nicht mehr als ein Keim. Also kein Vollvampir.

Da gab es nur eine Erklärung, und die schoss der Cavallo wie ein Blitzstrahl durch den Kopf.

Halbvampire!

Ja, das war es. Das musste es einfach sein. Sie strahlten genau das aus, was sie empfand. Das Erbe ihres Todfeindes Mallmann, der auch Dracula II genannt worden war.

Alles, was ihm zur Seite gestanden hatte, hasste sie zutiefst. Und dabei standen die Halbvampire an erster Stelle. Auch sie wussten das, und Justine glaubte, dass sie sich hier zusammengefunden hatten, um sie auf den einsamen Friedhof zu locken.

Wahrscheinlich wollten sie endlich einen Schlussstrich ziehen und sie vernichten, damit sie in Ruhe gelassen wurden und ihre Macht ausbreiten konnten.

Bisher hatte die Blutsaugerin keinen Laut von sich gegeben. Das aber änderte sie jetzt. Sie konnte sich nicht mehr beherrschen. Sie musste es einfach loswerden.

Ihr Lachen war wie eine Explosion. Es riss sie fast auseinander. Sie bog den Kopf und auch den Oberkörper nach hinten und schickte das Lachen in die Stille des Friedhofs hinein, die von diesen Lauten überrollt wurde.

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