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John Sinclair - Folge 1687

Inhalt

  1. Cover
  2. Impressum
  3. Leibwächter der Halbvampire
  4. Vorschau

Leibwächter der Halbvampire

Die Frau war eine Schönheit!

Rabenschwarzes Haar, Brüste wie gemalt, eine Figur, von der die meisten weiblichen Personen nur träumen konnten, und die Lippen in dem weichen Gesicht waren zu einem Lächeln verzogen.

Was allerdings nicht zu dieser Erscheinung passte, war die Schnellfeuerpistole in ihrer Hand, und die zielte auf mich.

Beide standen wir uns gegenüber. Beide waren wir bewaffnet, und ich sah, dass sie die Hand mit der Waffe allmählich senkte, um mich genau ins Visier nehmen zu können …

Ich war schneller und schoss. Mehrmals hintereinander drückte ich ab, hörte das Krachen der Schüsse, sah auch die Treffer und hörte das grelle Lachen, das die Frau bei jedem meiner Schüsse abgab. Sie machte sich nichts daraus, getroffen zu werden, denn die Kugeln prallten an ihrer Gestalt ab. Sie wurden zu Querschlägern, die auf mich zujagten wie Hornissen, denen ich nicht entgehen konnte. Die Kugeln schlugen in meinen Körper ein, ohne dass ich dabei Schmerzen verspürte, mich aber auf die Verliererstraße befand, denn die Frau riss die Hand mit der Waffe hoch, gab noch ein letztes Lachen von sich – und verschwand von der Bildfläche.

Plötzlich war sie nicht mehr da.

Aber mich gab es noch.

Und ich erwachte aus einem tiefen Schlaf, der mir diesen Traum beschert hatte.

Es floss kein Blut, in meinem Körper befanden sich keine Einschüsse, ich hörte weder das Krachen der Waffen noch sah ich das Mündungsfeuer. Ich hatte schlichtweg nur geträumt von dieser schießwütigen Frau, die ich allerdings auch in der Realität kannte, denn sie war keine Geringere gewesen als die kugelfeste Chandra, mit der ich bei meinem letzten Fall zu tun gehabt hatte.

Sie war für mich ein Albtraum. Ihr Bild hatte sich in meine Erinnerung eingebrannt. Hinzu kam, dass sie noch lebte, denn ihr war die Flucht gelungen und sie hatte sich irgendwo in Moskau versteckt, um neue Pläne zu schmieden.1)

Jetzt war ich wach. Ich konnte wieder durchatmen. Auch mein schneller gewordener Herzschlag beruhigte sich wieder. Was ich erlebt hatte, war zwar ein Albtraum gewesen, aber die Frau, die mit Namen Chandra hieß, hatte ich zusammen mit Karina Grischin in Moskau gejagt, und dort war sie uns entkommen.

Ich saß jetzt in der Maschine, die mich von Moskau nach London bringen sollte, und da hatte mich der Schlaf übermannt. Den Traum wurde ich so leicht nicht los, aber ich freute mich über die Wirklichkeit, denn als ich einen Blick aus dem schmalen Fenster der Maschine warf, sah ich nicht nur den blauen Himmel, sondern auch die Riesenstadt an der Themse, denn der Flieger befand sich bereits im Landeanflug. Ich hatte mich beim Start angeschnallt, und das war bis jetzt so geblieben.

Durchatmen, zur Ruhe kommen, mich auf die Rückkehr konzentrieren. Rechts neben mir hörte ich ein Räuspern. Dort saß ein Mann, der aussah, als wäre er in seinen Sitz hineingepresst worden. Zum Glück war der Platz neben mir frei und der andere Passagier saß auf dem Platz am Mittelgang. Auf seinen Knien lagen einige Zeitungen in kyrillischer Schrift. Er hatte die Blätter während des Fluges gelesen und wartete jetzt auf die Landung, die noch gut eine Viertelstunde dauern würde.

Ich konnte mich in der Zwischenzeit mit meinen Gedanken beschäftigen. Die drehten sich um die nahe Vergangenheit, um das in Moskau Erlebte.

Das war schrecklich gewesen. Da hatte das Schicksal grausam zugeschlagen. Nicht bei mir oder bei Karina direkt, nein, es hatte Wladimir Golenkow, Karinas Partner und Lebensgefährten, erwischt. Diese kugelfeste Chandra hatte Wladimir Golenkow angeschossen und ihn so unglücklich getroffen, dass er bis zu seinem Lebensende wohl querschnittsgelähmt bleiben würde.

Noch lag er im Krankenhaus, aber er wusste bereits, dass er die folgende Reha im Rollstuhl verbringen würde und nicht nur die, sondern auch die restliche Zeit seines Lebens, wenn nicht ein großes Wunder geschah. Aber daran zu glauben fiel mir schwer.

Ausgerechnet Wladimir Golenkow. Dieser eisenharte Kämpfer, der unzählige Gefahren überstanden hatte. Jetzt war sein normales Leben für alle Zeiten vorbei. Damit fertig zu werden war verdammt hart.

Ich dachte daran, wie Karina und ich an seinem Bett gesessen hatten. Wir hatten uns zusammenreißen müssen und einen Mann erlebt, der trotz seiner Behinderung an die Zukunft dachte und sich nicht in einer weinerlichen Stimmung verlor.

Er war der Meinung, dass es auch für ihn eine Zukunft gab, und er würde gegen sein Schicksal ankämpfen, das stand für ihn und auch für uns fest.

Ich wünschte ihm alles Gute. Das galt natürlich auch für Karina Grischin, die an seiner Seite bleiben würde. Nicht nur beruflich, auch privat, und sie würde alles tun, um ihm die nötige Unterstützung zu geben.

Das war das eine Problem. Das andere gab es auch, und das hieß Chandra. Sie war eine Person, an deren Körper die Kugeln abprallten, und ich wusste nicht, warum das so war. Das hatten Karina und ich nicht herausbekommen, aber es gab eine Spur, und die deutete auf den großen Magier Rasputin hin, der im letzten und vorletzten Jahrhundert gelebt hatte.

Chandra zählte sich zu den Erben Rasputins und damit zu einer Gruppe von Menschen, die in Russland klammheimlich die Macht übernehmen wollten, um die alten Zeiten wieder aufleben zu lassen. Das Land sollte so werden wie zu Rasputins Zeiten, und da war ihnen jedes Mittel recht. Sie hatten vor, gewisse Industrien zu unterwandern. Sie wollten in die Konzernspitzen hinein, machten aber auch vor normalen Privatunternehmern nicht halt.

Das hatten wir erlebt, als es darum ging, dem Baulöwen Oleg Blochin die Firma abzunehmen. Er lebte nicht mehr. Chandra hatte ihn erschossen. Es gab noch den Sohn. Was mit ihm passieren und wie er sich verhalten würde, wusste ich nicht, und es war auch, ehrlich gesagt, nicht mein Problem.

Dennoch wirbelte das Vergangene meine Gedanken durcheinander, und es würde noch dauern, bis ich mich wieder auf die Normalität konzentrieren konnte.

Auch in London würde ich sicher keinen Urlaub machen. Ich war gespannt, was da auf mich wartete. Vom Flughafen wollte ich mit der Schnellbahn in die Stadt fahren. Ich hätte mich auch abholen lassen können, so aber musste ich keinen Verkehrsstau befürchten.

Wir sanken tiefer. Das Wetter war gut und es waren keine Rauchwolken zu sehen wie in Moskau. Dort hatte ich den Brandgeruch der aus dem Ufer gelaufenen Waldbrände wahrgenommen. Es war zu befürchten, dass er sich noch verstärkte und über die Stadt legte.

Beim nächsten Blick aus dem Fenster sah ich bereits die Landebahn. Sie näherte sich schnell, es kam zum Kontakt, ich spürte die schnellen Rucks, danach lief der Flieger ruhig aus und seiner Position entgegen.

Der Mann neben mir packte seine Zeitungen auf den Mittelsitz und wartete darauf, dass die Maschine den Ausleger erreichte. Als sie endlich stand, erhob er sich als einer der ersten Passagiere.

Ich folgte seinem Beispiel nicht, denn ich gehörte zu den Fluggästen, die mit als Letzte den Flieger verließen. Diese Ausstiegshektik war mir fremd.

Minuten später sprach ich ein paar Worte mit dem Piloten, der mir meine Waffe zurückgab. Eine Stewardess schaute lächelnd zu und fragte: »Haben Sie damit schon geschossen?«

»Ja, leider.« Auf Einzelheiten wollte ich nicht eingehen und sah zu, dass ich zum Terminal kam, um am Gepäckband auf meine Reisetasche zu warten. Alle Passagiere standen vor dem Band und schauten mit gierigen Blicken auf das, was da an ihnen vorbeirollte. Die Ersten griffen bereits zu. Meine Tasche war nicht in Sicht. Ich hatte es auch nicht besonders eilig.

Der Duft eines teuren Parfüms schwebte an mir vorbei. Ich drehte mich um und schaute auf den Rücken einer dunkelhaarigen Frau, die mich passiert hatte.

Auch sie hatte im Flieger gesessen, war mir allerdings erst jetzt aufgefallen. Ich sah nur ihren Rücken und nicht ihr Gesicht. Das war jetzt nicht besonders wichtig, denn eine andere Reaktion traf mich völlig überraschend.

Plötzlich meldete sich mein Kreuz!

***

Es war nur ein kurzer Wärmestoß, den ich spürte, aber er war echt gewesen. Keine Einbildung. Und diese Reaktion hatte mich gezwungen, starr auf der Stelle zu stehen und mich nicht weiter zu rühren.

Es war da. Ich wusste nicht wer, aber ich ging von einem schwarzmagischen Wesen aus. Auf die Warnung konnte ich mich verlassen und ich lauerte darauf, dass sie sich wiederholte.

Das war nicht der Fall. Ich spürte den leichten Druck um die Magengegend herum, blieb auf der Stelle stehen und schaute mich unauffällig um.

Alles sah normal aus. Menschen, die in Moskau in den Flieger gestiegen waren und sich jetzt vor dem Gepäckband versammelt hatten, um sich ihre Koffer oder Taschen zu holen.

Ich sah meine Reisetasche und schnappte sie mir, bevor sie an mir vorbeifahren konnte. Dann dachte ich weiter nach, nachdem ich einige Schritte vom Band zurückgetreten war.

Wer von den Fluggästen gehörte zur anderen Seite?

Keine Ahnung. Ich dachte nur darüber nach, was ich Sekunden vor der Warnung erlebt hatte. Es war alles normal gewesen. Aufgefallen war mir eigentlich nur die Frau, die von einer wahren Duftwolke umgeben war. Ein schweres Parfüm, wie es eigentlich nur in Frankreich hergestellt wurde, und heute gar nicht mehr so in war.

Mir fiel nichts anderes ein, was auffällig gewesen wäre, und so konzentrierte ich mich auf die Frau, ohne dass ich einen Beweis dafür hatte, dass ausgerechnet sie zur Gegenseite gehörte. Sie stand nicht mehr am Band. Zumindest auf den ersten Blick sah ich sie nicht. Sie musste ihr Gepäck bereits genommen haben, und das war auch der Fall.

Als ich in die Halle schaute, hatte sie sich bereits ziemlich weit von mir entfernt. Sie geriet in den Bereich des Zolls, und es war möglich, dass man sie dort aufhielt.

Es wäre mir sehr entgegengekommen. Ich würde nicht kontrolliert werden. Das war schon ein großer Vorteil, wenn man durch seinen Ausweis gewisse Privilegien hatte, und ich würde die Frau auf der anderen Seite erwarten können.

Viel Gepäck besaß sie nicht. Sie hatte nur einen Trolley hinter sich hergezogen, aber man hatte sie kontrolliert, wie ich von einem Zollbeamten erfuhr.

Das war mein Glück. Gefunden hatte man bei ihr nichts, und so erwartete ich sie dort, wo die Menschen standen, die ihre Angehörigen oder Freunde abholen wollten.

Die Frau kam. Zum ersten Mal sah ich sie von vorn. Noch immer hatte ich nur einen bloßen Verdacht. Ich wollte in die Nähe der dunkelhaarigen Person gelangen, die mich im ersten Augenblick an die kugelfeste Chandra erinnerte.

Auch sie war ein slawischer Typ, mit leicht hoch stehenden Wangenknochen und dunklen Augen, wobei ihr Teint recht dunkel war. Bekleidet war sie mit einem dunkelblauen Kostüm. Auf den recht hohen Absätzen der Schuhe bewegte sie sich sehr sicher.

Ich hatte mir vorgenommen, auf sie zuzugehen, um in ihre Nähe zu gelangen, als mir ihre Reaktion auffiel, die unnormal war. Sie zuckte zusammen, hob den Kopf an, dann ihren freien Arm und winkte dabei einer bestimmten Person zu, die rechts von mir auf sie wartete.

Ich drehte den Kopf.

Im ersten Moment fand ich nicht heraus, um wen es sich handelte. Der zweite Blick brachte mir mehr, denn da sah ich den Arm eines Mannes, der zurückwinkte.

Sein Anblick überraschte mich schon. Er trug einen grauen Burberry mit breiten Revers. Dazu einen ebenfalls grauen Hut auf dem Kopf, dessen Krempe nach vorn gezogen war. Insgesamt machte er einen recht düsteren Eindruck, und ich hatte das Gefühl, dass die beiden zueinander passten.

Die Frau hatte es nicht so besonders eilig, den Mann zu erreichen, der gekommen war, um sie abzuholen. So hatte ich Zeit, mich ihm zu nähern, ohne dass ich dabei auffiel.

Ich schlug einen Bogen und gelangte in die Nähe des Mannes, der mich bisher nicht beachtet hatte.

Die Frau hatte ihn noch nicht ganz erreicht, als sie ihn schon ansprach. »Hi, Yancey. Schön, dass du gekommen bist.«

»Das war doch abgemacht.«

»Ich weiß, aber man kann sich heutzutage nicht immer auf jeden verlassen.«

»Auf mich schon.«

Die beiden begrüßten sich per Handschlag, dann übernahm dieser Yancey das Gepäck. Sie drehten sich um und gingen einem der Ausgänge entgegen.

Ich fragte mich inzwischen, ob ich nicht einem Hirngespinst nachlief, aber die Warnung des Kreuzes hatte ich nicht geträumt, die hatte es tatsächlich gegeben. Nur stand für mich nicht mit Sicherheit fest, ob die Frau der Grund dafür gewesen war.

Beide benahmen sich völlig unverdächtig und auch ganz natürlich. Wie ein Paar gingen sie nebeneinander her, schauten sich auch nicht um, und so kam ich näher an sie heran.

Ich hatte mir vorgenommen, sie zu überholen und dabei dicht an ihnen vorbeizugehen. Wenn diese Frau zur anderen Seite gehörte, musste sich mein Talisman wieder bemerkbar machen. Sollte dies nicht der Fall sein, hatte ich mich eben geirrt.

Ich ging schnell, aber nicht so eilig, dass es aufgefallen wäre. Ich kam näher an das Paar heran, überholte es noch nicht, sondern blieb etwas länger mit den beiden auf gleicher Höhe und passte mich ihrem Schrittrhythmus an. Dabei blieb ich für einen Moment an der Seite der Frau, die mich nicht wahrnahm, weil sie sich mit ihrem Begleiter unterhielt.

Da geschah es.

Das Kreuz schickte mir die Warnung!

Wieder verspürte ich den Wärmestoß auf der Brust, und jetzt stand für mich fest, dass ich mich nicht geirrt hatte.

Diese Frau sah aus wie ein normaler Mensch, aber sie war keiner. Und ich hatte mal wieder ein neues Problem am Hals …

***

Was sollte ich tun? Was konnte ich tun?

Um nicht aufzufallen, drehte ich nach rechts ab und brachte genügend Distanz zwischen sie und mir. Ob ich ihnen aufgefallen war, wusste ich nicht. Nur stand für mich fest, dass ich sie von nun an nicht mehr aus den Augen lassen würde, und ich war gespannt, wohin ihr Weg sie wohl führte.

Es gab überall Hinweisschilder. Das Paar steuerte auf eine Autoverleihfirma zu, deren Tresen zum Glück nicht umlagert war. Aber drei Mitarbeiter standen bereit, um die Wünsche ihrer Kunden zu erfüllen.

Ich hielt mich zurück und stand so, dass ich nicht unbedingt gesehen wurde. Es ging da um den Austausch von Informationen, dann wurde dem Mann ein Schlüssel überreicht, und ab ging es.

Ich hätte mir gern die Zeit genommen, um herauszufinden, wie der Mann hieß, aber das ging nicht so flott, denn ich wollte die beiden nicht aus den Augen verlieren. So musste ich mich weiterhin mit dem Vornamen Yancey zufriedengeben.

Ich blieb ihnen auf den Fersen. Die Leihwagen standen entweder in einer Halle oder auch im Freien, und ich war gespannt, wohin der Weg die beiden führte.

Sie waren mir gegenüber im Vorteil. Wenn sie erst in einem Fahrzeug saßen, war es für mich zu spät, die Verfolgung aufzunehmen. Ich konnte mir nur die Nummer des Leihwagens aufschreiben und mir das Fabrikat merken. Weiterhelfen konnten mir dann die Mitarbeiter am Tresen der Firma.

Ich überquerte eine Fahrbahn, dann führte uns der Weg in eine Parkhalle hinein, wo die Leihwagen standen und auf ihre Mieter warteten. Bisher war es hell gewesen, das traf ab jetzt nicht mehr zu, denn in der Halle herrschte Dämmerlicht und man musste schon angestrengt hinschauen, um den Wagen zu finden. Zwar ...

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