Logo weiterlesen.de
John Sinclair - Folge 1685

Angriff der Racheengel

Die Schlacht tobte bereits seit Stunden und niemand wusste, wann sie ihr Ende finden würde.

Dieser Krieg war die reine Hölle. Der Balkan brannte. Da schien jeder gegen jeden zu kämpfen und oft verschwammen die Grenzen zwischen Freund und Feind.

Das wusste auch Goran Bilic, aber er konnte nicht mit Bestimmtheit sagen, ob er die nächste halbe Stunde überleben würde. Zu nahe war der Feind herangekommen …

Durch den Granatenhagel war seine Stellung mürbe geschossen worden. Er hatte bisher Glück gehabt, hielt sich geduckt im Schützengraben auf. Er gehörte zu den wenigen Soldaten, die überlebt hatten.

Viele seiner Kameraden hatte es erwischt. Sie lagen verteilt in der Nähe. Manche Körper waren zerfetzt. Andere wiederum sahen aus, als würden sie nur schlafen.

Bilic kämpfte noch. Oder was man so kämpfen nannte. Er presste sich gegen die Lehmwand des Grabens und lauschte. Er hörte das Stöhnen und Jammern der Verletzten, um die sich niemand kümmerte. Auch er würde ihnen nicht helfen können und Sanitäter gab es nicht.

Die Schreie waren verstummt. Sie konnten einen Menschen fertigmachen. Es war ruhiger geworden, aber Bilic wusste, dass es nur die Ruhe vor dem Sturm war.

Sterben wollte er nicht. Nein, nicht im Alter von zwanzig Jahren, aber danach fragte niemand. Doch welche Chancen hatte er? Der Hass auf beiden Seiten war zu groß, obwohl sich die Menschen mal als Brudervölker angesehen hatten.

Welchen Ausweg gab es?

Keinen, das musste Bilic sich selbst gegenüber zugeben. Er konnte nicht fliehen, denn seine Abteilung steckte in einem Kessel. Sie waren umzingelt.

Der nächste Angriff würde kommen, nachdem man ihre Deckung sturmreif geschossen hatte. Ob dabei noch mal Granatwerfer eingesetzt werden würden, wusste er nicht. Wahrscheinlich nicht. Die Truppen würden zu Fuß kommen und alles überrennen, auch ihn.

Er wusste nicht, ob es besser war, in Gefangenschaft zu geraten oder getötet zu werden. Als Gefangener starb man langsam. Da kam die Folter hinzu. Alles das, was es angeblich in Europa nicht mehr geben sollte, wurde hier wieder angewendet. Er hatte viel darüber gehört.

Bilic besaß noch sein Schnellfeuergewehr. Auch die Waffen der Toten hätte er an sich nehmen können, aber was brachte ihm das? Vielleicht würde er den einen oder anderen Feind noch in die Hölle schicken können, aber darauf konnte und wollte er sich nicht verlassen.

Goran Bilic kroch am Hang des Grabens in die Höhe. Er wollte den Feind zumindest sehen, wenn er kam, und wenig später hatte er einen freien Blick.

Der Schock traf ihn tief. Es lag an dem Bild, was er zu sehen bekam, und jetzt hörte er auch die rasselnden Geräusche.

Im Hintergrund hatten sich die Panzer in einer breiten Reihe aufgestellt. Und genau jetzt setzten sie sich in Bewegung. Eine mächtige Maschinerie rollte an, die alles, was sich ihr in den Weg stellte, zermalmen würde. Vor den Panzern marschierten die Soldaten, bereit, jeden Widerstand sofort im Keim zu ersticken. Sie würden ohne Vorwarnung schießen, so gnadenlos waren sie immer gewesen.

Bilic wusste, dass er aus dem Graben musste. Er konnte sich ausrechnen, wann ihn die Panzer erreicht hatten, und die würden nicht wegen ihm stoppen.

Aus dem Graben klettern, das Gewehr wegwerfen, die Arme hochreißen, das war es dann. Und er konnte nur darauf hoffen, dass der Feind gnädig mit ihm umging. Wobei er darauf keine Wette abschließen würde, denn seine Leute waren mit Gefangenen auch nicht anders umgegangen.

Er schlug ein Kreuzzeichen, obwohl er nicht gläubig war. Eine reine Routine, mehr nicht. Danach setzte er sein Vorhaben in die Tat um. Er kletterte aus dem Graben und schob sich bäuchlings über den Rand hinweg, bevor er sich aufrichtete und sichtbar sein Gewehr zur Seite schleuderte, bevor der Gegner falsch reagierte und anfing zu schießen.

Die Panzer hatten sich zwar bewegt, doch Bilic hatte den Eindruck, als wären sie kaum vorangekommen. Dafür aber die Soldaten, die vor den Maschinen her liefen. Sie sahen ihn sehr deutlich. Er hörte ihre Schreie und einige von ihnen liefen schneller. Drei aus den Reihen der Feinde hatten es auf ihn abgesehen. Sie schrien ihn an. Sie hielten die Gewehre schussbereit und er hörte den Befehl, sich auf den Boden zu werfen, was er sofort tat.

Es war für den Kämpfer Bilic schlimm. Er hatte Menschen immer verachtet, die eine Demutshaltung einnahmen. Dieses Hinknien empfand er als schlimm, und er wusste auch, dass in dieser Position viele Menschen erschossen worden waren.

Das Schicksal drohte ihm auch …

Schneller, als er gerechnet hatten, waren sie bei ihm. Sie sprachen ihn an, schimpften ihn aus, traten gegen seine Hüften, und dann spürte er den Druck einer Gewehrmündung im Nacken.

»Das ist ja Goran Bilic«, sagte einer.

»Kennst du ihn?«

»Klar. Von früher.« Ein Lachen erklang. »Wir sind schon damals keine Freunde gewesen, aber das ist jetzt egal.«

»Willst du ihn erschießen?«

»Und ob. So eine Gelegenheit bekomme ich nie wieder.«

»Dann tu es.«

Der Mann lachte und wandte sich an Bilic. »Ha, hast du alles gehört? Weißt du nun, was dir bevorsteht? Du wirst in die Hölle kommen und kannst dem Teufel dort die Hand geben.« Der Mann lachte scharf. »Das ist die Rache dafür, dass du mir damals einige Male die Fresse poliert hast. In der Ecke auf dem Schulhof. Ich habe dich gehasst, aber jetzt kann ich mit dir abrechnen, und niemand wird mir je einen Vorwurf machen. Wir sind ja im Krieg.«

Goran Bilic wusste, dass der Mann, an dessen Namen er sich nicht mal erinnern konnte, recht hatte. Er wusste nicht, wie lange man ihn noch atmen lassen würde. Vielleicht fünf Sekunden oder zehn. Sie wollten seine Angst genießen, möglicherweise sein Betteln oder Schreien hören. Den Gefallen wollte er ihnen nicht tun.

Und dann erhielt er einen Aufschub. Jemand aus der Gruppe rief mit lauter und auch erstaunt klingender Stimme: »Was ist das denn?«

»Wie? Wo?«

»Das Licht, verdammt! Wo kommt es her?«

Plötzlich war Goran Bilic vergessen. Dieses andere Ereignis war einfach zu plötzlich eingetreten.

Bilic verspürte auch den Druck der Mündung nicht mehr. Er konnte es kaum glauben. Er ließ etwas Zeit verstreichen, bevor er es wagte, den Kopf zu heben, um nachzuschauen, was die Soldaten so aus der Fassung gebracht hatte.

Dann sah er es auch, und er war ebenfalls sprachlos. Schräg über ihnen schwebte ein grellweißes Licht. Es hatte eine ovale Form und blieb nicht in dieser Höhe. Es senkte sich dem Erdboden entgegen und war dabei nicht mal langsam. Die Höhe, aus der es nach unten glitt, war nicht zu schätzen, aber die Helligkeit konnte nicht mit einem normalen Licht verglichen werden. Sie war so stark, dass sie blendete.

Der Anblick blieb sekundenlang bestehen, bis das Licht fast den Erdboden erreicht hatte. Dann flog es explosionsartig auseinander und aus ihm hervor erschien eine Gestalt mit hellblonden Haaren, einem menschlichen Körper und zwei Flügeln am Rücken.

Jemand sprach das aus, was alle dachten.

»Ein Engel, das ist ein Engel …«

***

Er war gelandet. Sein Gesicht glänzte in einer überirdischen Helligkeit. In diesem Gesicht vereinigten sich Schönheit und das Strahlen einer anderen Welt.

Aber es war auch etwas anderes zu sehen. Die Flügel waren zusammengeklappt. Die Hände lagen frei, als die Gestalt vor den Männern stehen blieb.

Der Reihe nach schaute sie sie an. Blondes Haar, ein neutrales Gesicht, ein Strahlen darin, und es war nicht zu erkennen, ob es sich um einen Mann oder eine Frau handelte.

Eben ein Engel …

Das sagten auch die Soldaten, aber sie bewirkten damit keine Reaktion bei dem Ankömmling. Er kam auf sie zu. Er starrte sie an und aus seinen Augen sprühten plötzlich Blitze. Gleichzeitig löste sich ein helles Strahlen aus seinen Händen und einen Moment später erwischte es die drei Soldaten voll.

Sie schrien auf, dann sanken sie zu Boden und blieben dort bewegungslos liegen. Nur für einen Moment blieben sie so, wie sie waren, dann veränderte sich ihre Haut. Sie verbrannte. Sie wurde fast schwarz, und aus den Poren stiegen kleine Qualmwolken, die von winzigen hellen Flammen ausgingen.

Danach bewegte sich niemand mehr. Tot und vernichtet blieben sie auf dem Boden liegen.

Das alles war so schnell gegangen, dass Goran Bilic es nicht richtig mitbekommen hatte. Er hatte als Einziger überlebt, aber er rechnete nicht damit, dass es dabei bleiben würde.

Goran Bilic ging davon aus, dass es auch ihn erwischen würde, aber das geschah nicht. Der Helfer, der für ihn wirklich der rettende Engel gewesen war, blieb vor ihm stehen und nickte ihm zu.

Bilic wollte etwas fragen. Er schaffte es nicht. Seine Kehle war ausgetrocknet. Noch immer wartete er auf seinen Tod, doch der Helfer hatte etwas anderes mit ihm vor.

Er streckte ihm die Hand entgegen und nickte ihm zu. Dabei bewegte er seine Finger.

Goran Bilic kannte die Geste. Er wusste auch, was er zu tun hatte, aber er schaffte es nicht, sich zu bewegen. Stattdessen fragte er: »Wer bist du?«

»Nicht jetzt …«

Der Helfer hatte gesprochen. Eine künstliche Stimme war es gewesen, aber das war dem Soldaten egal. Er konnte sich nicht zurückhalten, es musste einfach raus, und so flüsterte er: »Wo kommst du her?«

»Vielleicht aus der Hölle!«

Es war eine Antwort, mit der Bilic nicht gerechnet hatte. Das Gegenteil wäre glaubhafter gewesen, aber das zählte jetzt nicht mehr, denn plötzlich wurde alles anders.

Bilic konnte sich später nicht mehr daran erinnern, was genau geschehen war. Jedenfalls hatte er wieder dieses helle Licht gesehen und war regelrecht darin gefangen worden.

Noch einmal bekam er freie Sicht. Da schaute er nach unten und sah den Boden tief unter sich. Dort tobte der Krieg. Ja, da gab es das große Sterben. Und er war so unendlich weit davon entfernt – und er war nicht tot.

Er lebte, und das hatte er jemandem zu verdanken, an den er zuletzt als Kind geglaubt hatte …

***

Der Fall des Schamanen lag hinter uns. Darco Uvalde lebte nicht mehr. Er konnte keine Brücke mehr zwischen dem Diesseits und der Anderswelt schlagen, was Suko und mich sehr beruhigte.

Ebenso wie Rosy Mason, die in den Kreislauf dieser Magie hineingeraten war und die sich beinahe mit einer Handgranate selbst in die Luft gesprengt hätte, was ich im letzten Moment hatte verhindern können.

Wir hatten sie gerettet. Suko hatte sie in ihrem VW Polo nach Hause gebracht, während ich ihnen mit dem Rover gefolgt war. Sie wollte nicht in psychologische Behandlung, denn sie ging davon aus, dass ihre Angst jetzt vorbei war.

Eine Sache mussten wir noch aufklären. Wir wollten wissen, woher Rosy die Handgranaten gehabt hatte. Dass man so etwas nicht in der Küche aufbewahrte, war klar.

Wir erfuhren, dass sie die Handgranaten und auch die Pistole auf dem Friedhof gefunden hatte. Verstaut in einer Holzkiste, die sie aus Neugier geöffnet hatte.

Das war auch für uns eine Überraschung. Wir ließen uns den Ort genau beschreiben und nahmen uns vor, gleich morgen früh dorthin zu fahren, um das gefährliche Zeug zu holen.

Im Moment erlebten wir wettermäßig den großen Gegensatz. Die wochenlange Hitze war von einem mächtigen Gewitter und einem Unwetter mit Starkregen abgelöst worden.

Dahinter hatte die Kaltfront gelauert, und die war jetzt über das Land gefegt, sodass einige Menschen schon anfingen zu frieren. Die meisten waren froh darüber, dass die Kälte auch die drückende Schwüle aus ihren Wohnungen und Häusern vertrieb und man wieder anständig schlafen konnte.

Wir waren von unserem Apartmenthaus aus nicht erst ins Büro gefahren, sondern hatten den Weg zum Friedhof eingeschlagen. Wir wussten nicht, wie schwer die Kiste war. Zuerst wollten wir uns einen Überblick verschaffen und dann möglicherweise Hilfe holen.

Wieder hielten wir auf dem uns schon bekannten Parkplatz. Die Luftfeuchtigkeit musste fast hundert Prozent betragen, sodass die Nebelschwaden wie dicke Watteschleier über den Friedhof krochen. Es regnete zwar nicht stark, aber aus den tief liegenden Wolken nieselte schon ein leichter Sprüh, der unsere Gesichter nässte.

Der Boden hatte das Wasser endlich aufsaugen können. Auch die Pflanzenwelt hatte ihren Durst gestillt. Sträucher und Büsche waren regelrecht aufgelebt, als hätten sie erst jetzt richtig durchatmen können, nachdem die große Trockenheit endlich vorbei war.

Überall schimmerte es feucht, Tropfen fielen von den Blättern und klatschten auf unsere dünnen Regenjacken. Der Weg war uns zwar beschrieben worden, trotzdem mussten wir etwas suchen, denn der Ort lag nicht dort, wo das Begräbnis von Rosy Masons Freundin stattgefunden hatte.

Ein Wasserbottich sollte sich in der Nähe befinden. Den fanden wir auch, und dann war es kein Problem mehr, die Kiste zu entdecken, die in der Nähe stand und nicht einmal besonders gut versteckt war.

»Bingo«, sagte Suko und blieb stehen.

Wir schauten uns die Kiste genauer an. Das Holz war mal hell gewesen, jetzt hatte es durch das Regenwasser eine andere Färbung angenommen und war auch aufgeweicht. Ein Deckel allerdings verbarg den Inhalt. Auch das hatte uns Rosy Mason erzählt.

»Dann wollen wir mal«, sagte Suko und bückte sich, um den Deckel anzuheben.

Ich blieb stehen und schaute nach unten. Nicht nach rechts, auch nicht nach links oder nach hinten.

Das war ein Fehler.

Denn plötzlich hörten wir in unserem Rücken eine harte Männerstimme sagen: »Finger weg und hoch die Hände!«

***

Es war kein Witz, wir erlebten auch keinen Traum. Er war die Wirklichkeit, die uns da förmlich überrollt hatte, und wir standen da und wussten nicht, was wir unternehmen sollten.

Sicherheitshalber hoben wir die Hände und hörten in den nächsten Sekunden erst mal nichts. Nur das Aufschlagen der Tropfen drang an unsere Ohren.

Bis wir dann die Schritte hinter uns vernahmen. Und es waren nicht die eines einzelnen Mannes. Es mussten mehrere Personen sein, zumindest zwei.

Ich spürte den Druck einer Waffenmündung in meinem Rücken, und Suko erging es bestimmt nicht anders.

Ich aber wurde angesprochen. »Was habt ihr hier zu suchen?«

Es war kein Landsmann, der die Frage gestellt hatte. Der harten Aussprache nach kam er aus dem Osten Europas oder aus dem Südosten. Das registrierte ich schon.

Da weder Suko noch ich antworteten, zischte er uns an: »Wer seid ihr? Woher wusstet ihr, dass hier Waffen lagern?«

»Wir haben es gehört.«

»Und von wem?«

»Ich denke nicht, dass Sie das etwas angeht.«

»Ach? Tatsächlich nicht? Willst du, dass ich dir eine Kugel in den Schädel jage?«

»Das wäre Mord.«

»Na und?«

»Mord an einem Polizisten.«

Mit dieser Antwort hatte der Typ hinter mir nicht gerechnet. So forsch er vorhin auch die Fragen gestellt hatte, so ruhig war er plötzlich geworden.

»Haben Sie nicht gehört? Es wäre Mord an einem Polizisten. Oder an zwei. Wie ich weiß, ist bisher jeder Polizistenmörder gefasst worden. Da würdet auch ihr keine Ausnahme machen.«

»Klar. Ihr seid Bullen. Das garantiert aber kein Überleben. Die Waffen gehören uns. Wir haben dieses Versteck angelegt, und wir werden sie auch holen.«

Sie machten Nägel mit Köpfen. Nein, sie schossen nicht, aber sie mussten uns aus dem Weg haben. Als der Druck in meinem Nacken nachließ, da wusste ich, was kommen würde. Ich duckte mich sogar leicht zusammen, aber es war zur spät. Auch eine Drehung zur Seite schaffte ich nicht mehr. Der Treffer erwischte mich im Nacken, und durch meinen Kopf zuckten starke Schmerzstiche, während ich zusammensackte. Ich sah nichts mehr. Vor meinen Augen bekam die Welt einen Vorhang, der meine Sicht auslöschte.

Aber nicht das Gehör. Ich lag auf der nassen Erde, hörte Stimmen, konnte mich aber nicht bewegen, denn der Treffer hatte mich paralysiert. So bekam ich nur die Geräusche mit und auch die Stimmen.

»Willst du ihn nicht doch umlegen, Goran?«

»Nein. Er hat recht, als er davon sprach, dass die Bullen durchdrehen, wenn einer von ihnen abgeknallt wird.«

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "John Sinclair - Folge 1685" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen