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John Sinclair - Folge 1682

Das Blutschiff

Das Unheil näherte sich im zweiten Teil der Nacht, kurz vor Anbruch der Morgendämmerung.

Es war in den letzten Minuten feuchter geworden und so hatte sich Nebel bilden können, der wie eine dünne Wattewand das Ufer bedeckte und auch über dem Wasser schwebte. Für die Küste war dieser plötzlich auftauchende Nebel normal. Niemand kümmerte sich darum. Er dämpfte auch das Klatschen der Wellen gegen den Strand und schuf ideale Bedingungen für diejenigen, die vom Meer aus ungesehen an Land gehen wollten.

Noch befanden sie sich auf dem Wasser. Der alte Segler war kaum zu sehen, weil er in dieser Küstennebelsuppe steckte. Träge glitt er auf das Ufer zu, ein großer dunkler Schatten, der als Schiff kaum zu erkennen war.

Eine Besatzung gab es auch, Personen, die nach Nahrung lechzten.

Und die bestand aus einem besonderen Stoff.

Es war das Blut der Menschen!

Jetzt war Kathy Lester schon fast achtzig Jahre alt geworden. Sie gehörte zu den Menschen, deren Leben in dem kleinen Küstenort zwar nach festen Regeln ablief, die aber auch ihre Probleme hatte. Je älter sie wurde, umso schlechter konnte sie schlafen. Immer wieder wachte sie in den Nächten auf, lag dann hellwach im Bett, lauschte irgendwelchen Geräuschen oder ging in ein anderes Zimmer, um sich dort zu beschäftigen.

So war es auch mal wieder in dieser Nacht, die einen sehr warmen Tag abgelöst hatte. Die alte Frau hatte sogar am späten Abend darüber nachgedacht, sich nicht hinzulegen und die Stunden vor der Glotze zu verbringen. Dann hatte sie es sich anders überlegt und sich in den breiten Ohrensessel gesetzt, der schräg vor dem Fenster stand. Dieser Platz ermöglichte ihr einen Blick aufs Meer, das sie seit ihrer Kindheit kannte. Sie mochte es mit allen seinen Vor- und Nachteilen, und sie hatte sich immer gewünscht, dass es dieser Blick sein sollte, den sie als letzten in ihrem Leben mit auf die lange Reise ins Jenseits nehmen wollte.

Kathy Lester bewohnte die Räume in der unteren Etage des kleinen Hauses. Oben lebte ihr Sohn mit der Schwiegertochter und dem Jungen, der auch schon fast erwachsen war.

Kathy fühlte sich hier wohl. Sie war zwar nicht in dem kleinen Fischerort aufgewachsen, aber schon sehr früh hierher gezogen. Ihr Mann hatte hier gelebt und als Fischer gearbeitet. Mit der Fischerei lief es längst nicht mehr so gut. Es gab nur noch wenige Bewohner, die hinausfuhren, um Fische zu fangen. Die meisten Männer hatten andere Jobs in den modernen Industrien, die sich in der weiten Umgebung angesiedelt hatten.

Das wusste Kathy. Darüber machte sie sich keine Gedanken. Das war nicht mehr ihr Ding. Die kurze Zeit, die sie noch zu leben hatte, wollte sie so gut wie möglich verbringen, bevor sie dann ihren letzten Weg antrat.

In dieser Nacht wachte sie auf, als es noch dunkel war. Etwas steif war sie geworden und sie rieb ihre Augen, um den Schlafsand herauszuwischen. Danach stand sie auf, schaffte ein paar unbeholfene Kniebeugen und war glücklich darüber.

Ihr Mund war trocken. Dagegen gab es nur ein Mittel. Einen kräftigen Schluck Wasser. Sie ging ohne Licht zu machen in die Küche und hatte zuvor noch einen Blick durch das Fenster zum Strand hin geworfen. Ihr war der Küstennebel aufgefallen, der dort eine graue Wand gebildet hatte.

Neu war ihr dieses Phänomen nicht. Es kam öfter im Sommer vor, der Nebel war plötzlich da und verschwand ebenso schnell, wie er gekommen war.

In der Küche ließ sie Wasser in ein Glas laufen. Dann ging sie wieder zurück. Aus den oberen Räumen hörte sie kein Geräusch. Die Familie schlief tief und fest. Ihr Sohn hatte eine Woche Urlaub nehmen müssen, weil in seiner Firma kurzgearbeitet wurde. Angeblich nur für eine kurze Zeit, bis im Hafen wieder mehr zu tun war und die Containerschiffe beladen werden konnten.

Der bequeme Sessel wartete auf sie. Davor stand ein Hocker, auf den sie ihre Füße legen konnte. Sie gähnte einige Male, ohne wirklich müde zu sein. Das Wasser trank sie in kleinen Schlucken und dachte daran, eine Zigarette zu rauchen. Es war ihr kleines Laster. Am Tag drei, vier Glimmstängel, daran hatte sie ihre große Freude.

Aber Kathy Lester war zu faul, die Packung zu holen. Sie blieb sitzen, schaute durch das Fenster auf den Nebelstreifen und schüttelte plötzlich den Kopf.

Etwas stimmte nicht!

Und zwar mit diesem hellgrauen Küstennebel, denn was sie nun zu sehen bekam, das war schon mehr als seltsam.

Der Nebel lag da wie fett, hätte ihr Enkel gesagt. Aber er bewegte sich trotzdem, und das geschah in seinem Innern.

Seltsam …

Für Kathy Lester war das zwar kein Phänomen, aber es machte sie schon misstrauisch, denn das war ihr neu. Ihre Augen waren noch gut, und so brauchte sie keine Brille, um den Vorgang weiterhin zu beobachten.

Ja, es stimmte.

Im Nebel steckte etwas und bewegte sich. Etwas Großes, das Ähnlichkeit mit einem Schiff hatte. Sie glaubte sogar, ein Segel zu erkennen, aber sicher war sie sich nicht.

Die alte Frau wartete weiter. Sie hörte ihren Herzschlag und etwas in ihr warnte sie, dass das, was sie sah, nicht mit rechten Dingen zuging.

Auch als zwei weitere Minuten vergangen waren, hatte sie keine Veränderung erkennen können. Sie ging davon aus, dass es ein Schiff war, das sich in der grauen Suppe verborgen hielt. Und ihr schoss der Begriff Geisterschiff durch den Kopf.

Okay, hier im Ort gab es einen kleinen Hafen. Er war aber nichts für irgendwelche Segler, die hier anlegten, um ihre Mannschaft zu entlassen oder irgendwelche Waren zu bringen und andere mit an Bord zu nehmen.

Oder war es kein Schiff? Hatte der Nebel sie so getäuscht, dass sie sich etwas eingebildet hatte?

Daran wollte Kathy nicht glauben. Innerhalb dieser grauen Suppe gab es die Konturen, die auf dem Wasser blieben und sich nicht bewegten. Ja, sie nicht, aber sie sah andere Bewegungen. Und als ihr dies bewusst wurde, hielt sie den Atem an.

Es waren die Bewegungen von Personen. Das sah sie genau. Innerhalb der Nebelsuppe fanden sie ihren Weg und es dauerte nicht lange, bis sie die graue Wand verlassen hatten und an Land gingen.

»Nein …«

Mehr konnte die alte Frau nicht sagen. Sie hielt den Atem an, sie wollte es nicht glauben. Das war nicht zu fassen! Da gab es Personen, die das Schiff verlassen hatten und an Land gingen!

Kathy zählte nach.

Sechs waren es.

Der Begriff Piraten kam ihr in den Sinn. Aber deren Zeit war längst vorbei und die modernen Piraten enterten Schiffe an der Küste Afrikas oder Asiens.

Was taten die hier?

Kathy Lester war nicht von gestern, sie wusste genau, was in der Welt ablief. Schließlich las sie Zeitung, und besonders das Fernsehen war ihre Informationsquelle. Wer so heimlich von See her ein Land betrat, der führte nichts Gutes im Schilde. Davon ging sie einfach aus. Der hatte etwas zu verbergen, sonst würde er sich anders verhalten.

Sie verließ ihren Platz nicht und behielt weiterhin den Strandabschnitt im Blick. Dort hatten sich die sechs Typen versammelt. Sie standen dicht beisammen und sprachen miteinander. Hin und wieder deuteten sie zu den Häusern hin, die vor ihnen lagen.

Nur wenige Sekunden vergingen, dann hatten sie offenbar einen Entschluss gefasst und setzten sich in Bewegung.

Ihr Ziel war das kleine Küstendorf.

Die sechs Gestalten hatten eine Reihe gebildet und gingen darauf zu. Niemand zeigte eine Unsicherheit. Sie bewegten sich, als wären sie hier zu Hause. Die Nacht schluckte alle Geräusche, und Kathy Lester hatte Zeit, sich auf die Gestalten zu konzentrieren.

Dass es keine normalen Seeleute waren, stand für sie fest. Die hätten sich anders benommen und einen Hafen angelaufen. Und auch das nicht bei Nacht und Nebel. Es mussten Menschen sein, die etwas Besonderes vorhatten, und das konnte nichts Gutes bedeuten. So war der Gedanke an einen Überfall sofort vorhanden.

Sie kamen immer näher!

Das Herz der alten Frau schlug schneller. Sie dachte daran, dass ihr Haus eines der ersten war, das sie erreichen würden. Sie musste nach oben gehen und ihren Sohn wecken! Sie wollte es, aber sie schaffte es plötzlich nicht mehr, sich aus ihrem Sessel zu erheben. Ihr Körper schien mit Bleigewichten gefüllt zu sein. So blieb sie sitzen und starrte weiterhin durch die Scheibe.

Das Fenster war gekippt, um frische Luft ins Haus zu lassen. So würde sie die Ankommenden auch bald hören können. Möglicherweise auch ihre Stimmen, aber da musste sie passen, denn die sechs Personen sprachen nicht miteinander.

Sie alle waren dunkel gekleidet. So konnten sie sich besser durch die Nacht bewegen. Sie blieben unauffällig, und nur ihre Gesichter schimmerten hell.

Es gab auch Hunde im Ort. Keines der Tiere meldete sich. Sie schienen tief und fest zu schlafen.

Ich muss meinem Sohn Bescheid geben! Immer und immer wieder kam ihr der Gedanke, aber die Ausführung schaffte sie nicht. Und so blieb sie sitzen mit einem Gesichtsausdruck, der einer Maske glich. Ihre Augen traten weit vor, weil sie sie aufgerissen hatte.

Es gab keine breite Straße im Ort, sondern nur Wege. An ihnen lagen die Häuser. Die letzten standen etwas erhöht, weil das Gelände leicht anstieg.

Und dann geschah das, womit Kathy Lester schon gerechnet hatte. Die sechs Personen hatten sich kurz besprochen. Wenig später trennten sie sich und gingen in verschiedene Richtungen weg. Ihre Ziele waren die einzeln stehenden Häuser.

Auch auf Kathy Lesters Haus kam jemand zu.

Es war ein Mann, der leicht schwankend ging, was an dem Weg liegen konnte, der nicht geradeaus verlief. Man musste um Steine herumgehen, um sich der Haustür zu nähern. Die Schwiegertochter hatte es als Steingarten bezeichnet und bewusst diese Hindernisse aufgebaut.

Der Mann wollte zur Tür.

Kathy bewegte sich nicht. Sie sah allerdings auch, dass er einen Blick auf das Fenster gerichtet hatte, hinter dem sie saß, und jetzt fürchtete sie, dass sie gesehen worden war.

Ja, das musste so sein.

Der Ankömmling veränderte seine Richtung. Als hätte er gespürt, dass hinter der Scheibe jemand lauerte. Er kam immer näher, und Kathy konnte schon sein blasses Gesicht erkennen.

Noch drei, vier Schritte und er hatte sein Ziel erreicht. Er würde wahrscheinlich die Scheibe einschlagen, um ins Haus einzudringen, aber sie wusste auch, dass hier keine Reichtümer zu holen waren. Es war nur die Frage, ob er es auch wusste.

Der letzte Schritt bis zu seinem Ziel. Jetzt stand er dicht vor der Scheibe. Obwohl im Zimmer kein Licht brannte, musste er die alte Frau sehen.

Sie saß unbeweglich im Sessel und starrte in ein Gesicht, das sich von außen an die Scheibe drückte und dadurch etwas deformiert wurde.

Es war schon seltsam. Sie hätte schreien müssen, doch das kam ihr nicht in den Sinn. Sie hielt stattdessen den Atem an und wartete darauf, dass der Mann etwas unternahm.

Es geschah nichts. Er hob seinen Arm nicht an, um die Scheibe einzuschlagen. Er hielt auch keine Waffe in der Hand. Er ging sogar etwas zurück, tauchte aber nicht nach links oder rechts ab, sondern blieb bewusst in der Nähe des Fensters.

Und er öffnete seinen Mund. Er tat es langsam, und die alte Frau verspürte plötzlich eine eigenartige Faszination.

Sie ging davon aus, dass der Mann ihr etwas zeigen wollte, was auch stimmte, denn sie sah plötzlich etwas, das unmöglich war, das es nicht geben durfte, und dann schrie sie gellend auf …

***

Es sah nicht nach einem wirklich guten Tag aus.

Es lag nicht daran, dass Suko und ich besonders großen Stress hatten, nein, es lag am Wetter, das wohl nur den wenigsten Menschen gefallen konnte.

Es war einfach zu heiß. Dabei schien nicht mal die Sonne. Sie war nur als fahler Fleck hinter einer Wolkenbank zu sehen. Es ging darum, dass es ungeheuer schwül geworden war und die Luft sich verdickt hatte, dass das Atmen zur Qual wurde. Hinzu kam der Autoverkehr, der auch nicht gerade für eine bessere Luft sorgte. Wer konnte, der verließ bei diesem Wetter die Stadt und legte sich an den Strand, wo er neben dem Wasser noch ein wenig Wind genießen konnte.

Den Fall mit Amara hatten wir hinter uns gebracht. Ihr Geist würde keinen Menschen mehr töten, und um die Aufräumarbeiten, die der Fall mit sich gebracht hatte, kümmerte sich unser Chef Sir James, der einiges zu erklären hatte. Zu einem Gespräch hatten wir uns gegen Mittag mit ihm verabredet.

Dennoch waren wir fast pünktlich im Büro, wo eine Überraschung auf uns wartete.

Das Vorzimmer war leer. Keine Glenda Perkins.

Auch kein Kaffee, was bei diesem Wetter nicht besonders schlimm war.

Suko und ich schauten uns an und hoben die Schultern. Suko meinte: »Sag was, John.«

»Sie ist nicht da.«

»Super. Das sehe ich selbst.«

Es war schon ungewöhnlich, denn Glenda Perkins gehörte zu den Menschen, die mehr als pünktlich waren und meist schon vor uns an ihrem Arbeitsplatz hockte.

Das war heute nicht so, und es musste einen Grund haben.

»Hat sie dir was gesagt, John?«

»Nein.« Ich ging nachdenklich hin und her. Ich dachte nicht mal darüber nach, mir selbst den Morgenkaffee zu machen.

Es war einfach zu warm draußen, und da war es besser, ein Glas Wasser zu trinken.

Nicht mir, dafür fiel Suko auf, dass der Computer nicht hochgefahren war. Aber nicht das erweckte meine Aufmerksamkeit, sondern der Zettel, der in der Tastatur steckte und mit der Hand beschrieben war.

Das konnte nur eine Nachricht für uns sein, die Suko sich schnappte. Er las, lachte dann und reichte mir den Zettel rüber.

Ich erfasste mit einem Blick, weshalb Glenda Perkins nicht im Büro war. Sie war unterwegs, um Blumen für eine Kollegin zu besorgen, die am heutigen Tag ein Firmenjubiläum feierte.

»Na denn«, sagte ich und nickte Suko zu. »Lassen wir sie Elisa, das Blumenmädchen, spielen.«

»Und du kochst dir deinen Kaffee selbst.«

Ich schüttelte den Kopf. »Nein, das werde ich nicht tun. Ich pfeife diesmal darauf und halte mich an Mineralwasser.« Dabei ging ich schon auf den kleinen Kühlschrank zu, in dem stets einige Getränke bereitstanden.

Es waren nur kleine Flaschen. Ein Glas brauchte ich nicht. Das war ein Wetter, bei dem man schon am frühen Morgen Durst bekam. Heiß und schwül. In Südafrika lief die WM. England war gegen Deutschland ausgeschieden, und somit hatten sich die Fußballgemüter bei uns auf der Insel beruhigt. Man sah die übrigen Spiele wesentlich gelassener, ohne die übergroßen Emotionen.

Suko nickte mir zu, als er das Vorzimmer verließ. »Dann wollen wir mal die fröhliche Morgenarbeit hinter uns bringen.«

»Super. Und wie soll die aussehen?«

»Weiß ich noch nicht.«

Ich stellte die leere Flasche weg. »Wie wär’s denn mit ein wenig Augengymnastik?«

»Du denkst ans Schlafen?«

»Perfekt.«

»Wie war denn deine Nacht?«

Ich ließ mich auf meinen Schreibtischstuhl fallen. »Besser als die Nächte davor, aber richtig geschlafen habe ich auch nicht. Wer kann das schon bei diesem Wetter?«

»Ich hatte keine Probleme und Shao auch nicht.«

»Dann gehört ihr zu den Glücklichen …« Ich stoppte mitten im Satz, weil sich das Telefon meldete.

Suko nahm ab und begrüßte unseren Chef mit einem kräftigen: »Guten Morgen, Sir. Ja, wir sind da. Was liegt an?«

Er musste nicht sehr lange zuhören, seine Antwort erfolgte prompt. »Okay, wir sind gleich bei Ihnen.«

Ich bekam große Augen. »Worum geht es denn?«

»Ganz einfach, wir sollen nur bei ihm erscheinen.«

Ich stemmte mich müde hoch. »O je, welch eine Freude. Da kannst du den ruhigen Tag vergessen.«

»Glaube ich auch.«

Sir James saß hinter seinem Schreibtisch. Wie immer war er korrekt gekleidet. Zudem funktionierte die Aircondition gut, aber es schimmerten trotzdem einige Schweißperlen auf seiner Stirn. Sein Gesicht zeigte keinen fröhlichen Ausdruck. Es wirkte eher verkniffen und er hatte die Stirn in Falten gelegt.

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