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John Sinclair 2257

Tödliche Séance

von Marlene Klein

Noch trennten mehrere Minuten und eine noch größere Distanz Brooke Adams von der Séance, der sie beiwohnen wollte. Trotzdem lag ein beklemmendes Gefühl wie die Klaue eines unsichtbaren Drachens um ihre Brust, das nicht weichen wollte.

Zitternd atmete sie tief ein und betrachtete die Umgebung. Die Architektur des Gebäudes war zweckmäßig durchdacht. Der Flur, der vor ihr lag, war lang und besonders breit. Breit genug, um Mithäftlinge zu passieren, ohne sich zu berühren. Breit genug, um mit mehreren Beamten nebeneinander voranzustürmen, sollte das n‍ö‍t‍i‍g sein.

Der Linoleumboden war kalt, hart und dämpfte ihre Schritte. Niemand aus der Gruppe sprach ein Wort. Trotz der Weite des Gangs fühlte sich Brooke eingesperrt, unfrei, eine dumpfe Empfindung, die ihr aufs Gemüt drückte und ihre Miene versteinern ließ ...

Auch ihre Begleiter auf dem Weg durch das Gefängnis konnten es nicht lindern, im Gegenteil. Vorweg schritt eine Beamtin des Gefängnisses, des HMPS, »Her Majesty´s Prison Service«. Die Mittdreißigerin trug eine dunkelblaue Uniform und hatte ihr blondes, langes Haar im Nacken zu einem dicken Pferdeschwanz gebunden.

Die schlichte Frisur, der Verzicht auf Make-up und die wenig figurbetonte Uniform konnte ihre Attraktivität nicht ganz verschleiern. Ihr selbstbewusster, strenger Blick allerdings dürfte alle Annäherungsversuche ihrer Schützlinge zunichtemachen.

Ihr folgte Dr. Julianne McPherson, die Gefängnispsychologin, eine junge Frau etwa in Brookes Alter, die einen roten Strickpulli zu Jeans kombiniert hatte. Ihre Pumps klapperten am lautesten auf dem dämmenden Bodenbelag.

Brooke tippelte mit ihren Canvas-Sneakers unsicher hinter ihr her, ab und zu quietschen die Turnschuhe auf dem Boden. Ihr folgte ihr Kameramann Jake Stevenson. Dieser trug sein Arbeitsgerät in der einen, eine große Tasche mit Equipment in der anderen Hand und blickte ebenso ein wenig betrübt aus der Wäsche. Die drei Männer, die Brooke jedoch eigentlich beunruhigten, liefen noch neben, beziehungsweise hinter Jake.

Es waren drei Häftlinge, allesamt wegen Tötungsdelikten verurteilt. Daher war anzunehmen, dass sie keine Chorknaben waren. Die Insassen trugen unförmige Einheitskleidung in einem auffälligen Orangeton. Ein Fetter mit Stiernacken, der Oberarme dick wie die Schenkel eines T-Rex hatte, hatte ihr schon mehrfach auf den Hintern gesehen,

Brooke konnte die Blicke fast körperlich spüren. Immer wieder schmatzte er leise vor sich hin, gerade so, als würde ihm schon allein vom Anblick ihrer Kehrseite das Wasser im Mund zusammenlaufen.

Brooke räusperte sich und blickte stur geradeaus in den endlosen Flur. Zu dem Dicken gesellte sich ein junger Kerl, der noch keine Mitte zwanzig sein konnte. Er lockerte seine triste Einheitskleidung mit einem Basecap auf. Brooke wunderte sich, dass das erlaubt war, schließlich hätte er darunter etwas verstecken können. Er grinste unentwegt und sein Gang war so locker und beschwingt, als würde er durch einen Vergnügungspark laufen und nicht durch die Haftanstalt, in der er einsaß.

Der dritte Häftling war schon älter, von großer, schlaksiger Statur mit grauer Halbglatze. Obwohl er dieselbe Kleidung trug, wirkte alles an ihm überaus gepflegt und elegant, ja schon fast aristokratisch, sein dezentes Aftershave schwebte angenehm durch den Flur.

Unwillkürlich fragte sich die Web-Reporterin, ob er seine Straftat in relativ hohem Alter begangen hatte, oder ob er hier hinter Gittern gealtert war. Er strahlte nicht die Aura eines Knackis aus, eher eines Akademikers oder britischen Lords.

Ergänzt wurde die Gesellschaft von zwei Patienten der Psychologin aus ihrer Praxis in der Innenstadt. Ein Mann mit auffälliger Goldrandbrille und zurückgekämmten Haaren, dessen Mimik und Gestik jung und unsicher wirkten, obwohl er das Gesicht eines Mittvierzigers hatte, in dem sich erste Falten zeigten.

Neben ihm ging eine junge Frau, die unentwegt leise vor sich hin weinte. Die Taschen der grauen Strickjacke, die sie über dem geblümten Kleid trug, konnten die ganzen Taschentücher kaum halten. Wenn diese beiden Patienten hier waren, um am Ritual teilzunehmen, bedeutete das im Umkehrschluss, dass auch sie einen Menschen getötet hatten. Unter welchen Umständen auch immer.

Dies würde vielleicht auch die Tränen der jungen Frau erklären. Die Nachhut bildete ein weiterer blau gekleideter HMPS-Beamter. Für Brooke, ihren Kameramann und die Praxispatienten war dieser Ausflug in »Her Majesty´s Prison« eine einmalige Angelegenheit, worüber die Web-Reporterin mehr als froh war. Nur galt das beileibe nicht für alle Mitglieder der Gruppe ...

Sie stoppten an einer Glastür, deren Sicherheitsglasscheibe mit weiß lackierten Stahlstreben verstärkt war. Die Beamtin schloss auf, die Gruppe passierte die Tür zu einem Treppenhaus, und die HMPS-Beamtin verschloss diese hinter ihnen wieder sorgfältig mit dem Schlüssel aus dem überaus dicken Schlüsselbund, der an ihrem Gürtel befestigt war.

Seit Minuten liefen sie schon auf diese Art und Weise durch das Gebäude, das kein Ende zu nehmen schien. Brooke schluckte unbewusst und hoffte, dass ihr außergewöhnlicher Spaziergang bald zu Ende sein würde.

Im Moment empfand sie den Weg zum Ritual bedrohlicher als die Beschwörung selbst, der sie beiwohnen wollte. Mit Geistern, Ritualen, unheimlichen Beschwörungen und allerlei Dämonen kannte sie sich aus, waren sie doch das Thema ihrer Internet-TV-Sendung Brooke's Spooks.

Zwei Stockwerke liefen sie die Treppen nach oben, um, nach einer weiteren Tür, an der das Schließungsprozedere wiederholte wurde, in einen neuen Flur zu gelangen, der dem verlassenen ähnelte wie ein Zwilling, allerdings war der Abstand zwischen den Türen hier deutlich größer.

Während ihres ganzen Wegs war ihnen kein einziger weiterer Häftling begegnet. Jetzt, nach 21 Uhr, wurden diese zur Nachtruhe wieder in ihre Hafträume eingeschlossen. Die blonde Beamtin schloss das Ziel ihres Wegs auf, der Fitnessraum der Anstalt, der für ihre Zwecke umgeräumt worden war.

Die Geräte waren zur Seite geschoben worden. Vor der großen Spiegelwand, die den Raum abschloss und vor der die Häftlinge sonst schwitzend und posierend Gewichte stemmten, war Platz geschaffen worden. Parallel zur Wand hatte man Matten auf dem Boden ausgelegt, sodass man in einer Reihe nebeneinander vor dem Spiegel auf dem Boden Platz nehmen konnte. Dicke Kerzen standen auf dem Fensterbrett bereit.

Obwohl sie sich hier im zweiten Stock befanden, waren die Fenster vergittert. Das waren keine kleinen, ziselierten oder geschwungenen Zierstäbchen, mit denen Omis ihre Kellerräume schützten, nein, diese Gitter vor den Fenstern waren aus dicken, massiven Stahl.

Der Gefängnishof mit den gemauerten Tischtennisplatten und dem verankerten Basketballkorb zwei Stockwerke tiefer war zu dieser Stunde logischerweise verwaist, nichtsdestotrotz brannte die Beleuchtung rund um die Uhr. Auch ein Umstand, an den sich manch neuer Häftling erst gewöhnen musste. Genauso wie die Tatsache, dass eine hohe Mauer anstelle eines Horizonts den Ausblick aus jedem Fenster beschränkte. Betongrau, wie der Rest des Hofs. Trist und öde.

Brooke versuchte, ihre trüben Gedanken zu verbannen und sich auf ihre Arbeit zu konzentrieren. Daher sprach sie einfach die Gefängnispsychologin an: »Mrs. McPherson, ich würde jetzt gerne ein Intro drehen und dann das kurze Interview, über das wir gesprochen hatten. Wäre das möglich?«

Die Psychologin, die sich an die Fensterbank gelehnt hatte, zuckte mit den Schultern. »Natürlich. War ja so abgesprochen.«

Ihre Patienten verteilten sich auf den herumstehenden Geräten und der Hantelbank. Der Dicke verschränkte die fleischigen Arme, auf denen ein regelrechtes Fell aus blonden Haaren wuchs. Die Rücken- und Brustbehaarung quoll aus dem groben Leinenstoff, selbst aus der Nase und den Ohren wucherte es.

Er brummte einen undefinierbaren Ton, fixierte Brooke und fuhrwerkte mit der Zunge in seinem Mund herum, als würde er einen Kaugummi hin und her schieben, den er nicht besaß. Vielleicht pulte er sich auch die Reste des Abendessens aus den Zwischenräumen der Backenzähnen. Ein Anblick der Brooke anwiderte.

Die Marken-Kappe hockte breitbeinig relaxt auf der Hantelbank, die Unterarme, auf denen großflächige, schlecht gestochene Tattoos prangten, lagen locker auf den Oberschenkeln. Die graue Halbglatze stand und hatte die Hände vor dem Körper gefaltet, Goldrandbubi sah betreten unter sich, das Blümchenkleid wischte sich mit dem Handrücken eine Träne aus dem Augenwinkel.

Jake dirigierte Brooke und die Psychologin vor die weiße Wand neben der Tür, Brooke schnappte sich ein Mikro aus dem Equipment, tippte sich gegen die Affenschaukelzöpfe, die zu wippen begannen, und wandte sich an ihren Kameramann: »Wie sehe ich aus, Jake?«

»Als wärst du kurz vor einer klaustrophobischen Panikattacke, aber ansonsten wie immer«, lautete sein trockener Kommentar.

Brooke verzog angesäuert das Gesicht.

Jake beschwichtigte: »Nein, Brooke, du siehst toll aus. Ehrlich.« Mit diesen Worten stemmte er sich die schwere Kamera auf die Schulter.

Brooke verzichtete auf weitere Nachfragen, suchte stattdessen kurz ihr Spiegelbild an der Wand neben sich, war so weit zufrieden, nahm das Mikro vor die Lippen und fragte: »Bereit?«

Als Jake seinen Daumen nach oben streckte, setzte Brooke ihr professionelles Lächeln auf und begann: »Hi, meine lieben Freunde von Brooke´s Spooks. Schön, dass ihr wieder mit dabei seid, wenn ich einmal mehr dem Übersinnlichen auf die Spur gehe. Heute habe ich ein absolutes Highlight für euch! Ich befinde mich hier im Wormwood Scrubs Gefängnis im Westen Londons, wo ich die einmalige Gelegenheit habe, für Euch an einem Ritual teilzunehmen, bei dem die Seelen von Getöteten heraufbeschworen werden sollen, damit ihre Mörder sich bei Ihnen entschuldigen können. Bei mir ist die Gefängnispsychologin Doctor Julianne McPherson, die diese außergewöhnliche Idee hatte. Doctor McPherson, habe ich das richtig formuliert, die Mörder sollen sich sozusagen posthum bei ihren Opfern entschuldigen?«

Julianne McPherson räusperte sich. »Nun, zunächst möchte ich betonen, dass es sich bei den teilnehmenden Probanden nicht unbedingt um Mörder handelt, da bei manchen der Tötungsvorsatz fehlt. Allerdings, und das haben alle gemeinsam, haben sie durch Ihr Handeln den Tod eines Menschen zu verantworten.«

Im Hintergrund schniefte die junge Frau, was Brooke nur kurz irritierte, schon eine Sekunde später war sie mit ihrer Konzentration wieder ganz bei Ihrer Interviewpartnerin.

Diese fuhr fort: »Psychologisch gesehen, ist es außerordentlich wichtig, dass wir, wenn wir einen Fehler begangen haben, uns bei der betreffenden Person entschuldigen. Damit erkennen wir unsere Schuld an und können um die Vergebung bitten, die unser Gewissen entlasten könnte. So können wir mit dem begangenen Fehler weiterleben. Kommt die Person allerdings durch unser Handeln zu Tode, ist eine Entschuldigung nicht mehr möglich. Unser Fehler kann uns also niemals mehr vergeben werden und lastet auf ewig auf unserer Seele. Die Folge ist, dass wir entweder die Schuld verdrängen, sie kleinreden, um mit ihr weiterleben zu können, oder sie so schwer auf unserem Gewissen liegt, dass sie unser gesamtes Leben bestimmt.«

Durch das leise Knistern einer Taschentuchpackung ahnte Brooke, auf wen sich der letzte Teil der Erklärung bezog.

»Das Ziel der Therapie ist, meinen Patienten ein normales Leben zu ermöglichen. Wer sich zu seiner Schuld bekennt, ohne sie zu verdrängen, kann beginnen, die Tat zu verarbeiten. Wenn die Patienten sich über die Konsequenzen ihres Handelns im Klaren sind, ist die Gefahr, nach ihrer Entlassung rückfällig zu werden, geringer. Letztendlich ist das Ziel der Haft ja die Resozialisierung.«

Brooke nickte. Obwohl ihr der Gedanke, dem Dicken irgendwann in Freiheit und mitten in London über den Weg zu laufen, gar nicht behagte. »Wie wird das Ritual ablaufen?«, fragte sie weiter.

»Wir werden uns auf die Matten vor den Spiegel setzten, jeder mit einer Kerze in der Hand. Jedes weitere Licht wird gelöscht. Alle Probanden denken mit geschlossenen Augen an ihre Opfer, ich werde versuchen, die Geister der Toten zu rufen. Wenn alles so funktioniert, wie ich mir das vorstelle, müssten die Geister im Spiegel erscheinen, und die Teilnehmer können um Verzeihung bitten.«

»Und wenn nicht alles so läuft, wie von Ihnen geplant? Was passiert dann?«

Dr. McPherson legte geheimnisvoll den Kopf schief. »Tja, wer kann das schon so genau sagen...«

»BULLSHIT!«

Der heftig gerufene Einwand war von der Basecap auf der Hantelbank ausgestoßen worden. Brooke fuhr herum, Jake ebenso und hielt nun auf den jungen Kerl, den das alles nur zu amüsieren schien. Doch statt der Psychologin oder eines der Beamten griff der Rentner unter den Insassen ein.

»Ach, halt doch einfach mal dein blödes Maul!« Der Herr mit dem grauen Haarkranz schien extrem genervt von der rabiaten Art seines Mithäftlings.

Basecap hob provokant die Arme. »Was ist, Opi, sag bloß du glaubst an den Scheiß?«

Der Ältere ließ sich nicht provozieren. »Ich glaube daran, dass die Teilnahme an dem Projekt mir einen positiven Vermerk in meiner Akte einbringt, den ich dringend gebrauchen kann, wenn ich wegen guter Führung vorzeitig entlassen werden will. Wenn ich dafür Bloody Mary beschwören muss, tu ich das.«

Brooke kannte sich in der Szene aus und wusste, dass Bloody Mary ein zumeist böser, weiblicher Geist war, den man auch mit einem Spiegel und einer Kerze beschwören konnte. Den Sinn dahinter hatte sie nie verstanden, schließlich war Bloody Mary bekannt dafür, ihren Anrufer, falls er ihr nicht gefiel, auch mal zu töten, wenn sie denn erschien.

In Brookes Hinterkopf schwelte schon eine Idee für eine nächste Reportage. Aber nun war sie hier im Gefängnis, um an einem Gruppen-Ritual teilzunehmen. Ob die Psychologin ihre Beschwörung vom Bloody Mary abgeleitet hatte, war Brooke letztendlich egal.

Der junge Kerl hörte, anscheinend ausnahmsweise, auf den älteren, drehte sich zurück und nahm seine coole Haltung wieder ein. Für Hafterleichterungen oder eine vorzeitige Entlassung nahmen die Brüder doch einiges auf sich.

Die Psychologin klatschte in die Hände: »Dann lasst uns mal anfangen!«

Der Vollzugsbeamte an der Tür schaltete die Deckenbeleuchtung aus, die flackernd erlosch. Jeder Teilnehmer nahm sich eine Kerze, zündete sie an und hockte sich, vorzugsweise im Schneidersitz, auf die Matte vor dem Spiegel.

»Können wir die Fenster irgendwie verdunkeln?«, fragte Dr. McPherson den Vollzugsbeamten.

»Oh, oder am besten die Dauerbeleuchtung ganz ausschalten? Hähähä ...«, lachte das haarige Monster.

»Mister Cornell ...«, ermahnte der Beamte den Insassen, bevor er McPherson antwortete: »Tut mir leid, es gibt hier weder Rollos noch Vorhänge.«

Über Brookes Rücken rann eine Gänsehaut, während sie sich setzte. Der widerliche Dicke aus der Gruppe hatte einen Namen bekommen. Cornell. Sie versuchte, den Abstand zwischen sich und ihm so groß wie möglich zu gestalten, und wählte den Platz noch neben der Psychologin ganz außen am Rand der Matte, direkt neben dem sanften Lichtschein, der durch die Fensterfront drang.

Die Praxispatienten saßen neben der Psychologin, die Insassen schlossen sich an, der Dicke in der Mitte, dann Basecap und der eloquente Großvater. So saßen insgesamt sieben Personen vor der Spiegelwand auf den Matten.

Jake filmte, die beiden HMPS-Beamten lehnten an der Wand neben der Tür und beobachteten gespannt, was nun geschah. Eine Geisterbeschwörung gehörte auf keinen Fall zu ihrem Arbeitsalltag. Die Spiegelfläche tat ihren Dienst und reflektierte die Geisterbeschwörer und die flackernden Kerzen. Aufgrund der einfallenden Hofbeleuchtung waren alle Personen gut zu erkennen.

»Ich würde Sie nun bitten, Ihre Augen zu schließen und intensiv an den Menschen zu denken, den Sie getötet haben. Bitte erinnern Sie sich so gut wie möglich an ihre Tat, an alle einzelnen Bilder dazu, die noch von Ihnen abrufbar sind. An ihre Emotionen zum Zeitpunkt des Todes des Opfers. Sie, Miss Adams, schließen bitte einfach die Augen. Wichtig ist, dass Sie sie erst wieder öffnen, wenn ich es Ihnen sage.«

Zustimmendes Gemurmel ging durch die Anwesenden. Brooke tat, wie ihr geheißen, und lunzte noch ein letztes Mal unter ihren halb geschlossenen Lidern auf den Spiegel und somit auf die anderen Teilnehmer.

Das Getuschel verebbte in eine relative Stille, alle saßen ruhig mit geschlossenen Augen auf den Matten. Die junge Frau hatte aufgehört zu weinen. Nur noch ihre regelmäßigen Atemgeräusche waren zu hören.

Brooke musste sich ihre eigene Nervosität eingestehen. Würden sie wirklich die Geister der fünf Getöteten heraufbeschwören können? Wie würden die Geister reagieren, sollten sie wirklich im Spiegel erscheinen? Wäre eine Art Zwiesprache für die Entschuldigung möglich, und wenn ja – würden die Seelen wirklich ihr eigene Tötung vergeben? Brooke schloss die Augen und lauschte Julianne McPhersons Stimme.

»Erhört uns, ihr Geister der Toten. Sehet, die neue Grenze zwischen dem Jenseits und dem Diesseits ist dieser Spiegel. Das Licht der Kerzen wird euch zu uns führen. Wir bitten euch, zeigt euch uns!«

Schweigen folgte. Es lag eine Anspannung in der Luft, die Brooke beinahe schmecken konnte. Waren die Worte von McPherson nur Hokuspokus, oder konnte sie wirklich Totengeister beschwören? Im Gegensatz zu den restlichen Probanden konnte sie sich nicht entspannt zurücklehnen, in dem festen Glauben, dass es keine Geister gab – sie wusste es besser und hatte schließlich mit ihnen mehr als einmal Erfahrungen gemacht. Unwillkürlich beschleunigte sich ihr Puls, den sie versuchte, durch kontrolliertes Atmen wieder zu beruhigen. Konnte es McPherson auf diese Art und Weise tatsächlich gelingen ...

»Erhört uns, ihr Geister der Toten! Folgt dem Licht der Kerzen aus dem Jenseits zu der neuen Grenze, die wir euch darbieten. Wir bitten euch, zeigt euch uns!«

Brooke kniff das rechte Auge fest zu, während sie das linke Lid leicht hob. Gerade genug um einen verstohlenen Blick in den Spiegel zu riskieren. Nichts hatte sich verändert. Alle saßen noch in der gleichen Haltung da wie zuvor. Schnell schloss sie die Augen wieder, fester als nötig, bevor man ihrer kleinen Schummelei auf die Schliche kam.

Wie lange saßen sie schon hier und McPherson intonierte ihre Beschwörung? Bestimmt länger als fünfzehn Sekunden. Garantiert würde durch diesen Mumpitz nichts passieren!

»Erhört uns, ihr Geister der Toten!«, weiter kam die Psychologin diesmal nicht. Was immer sie auch noch hatte sagen wollen, wurde vom erstickten Schrei der Beamtin abgewürgt.

Gleichzeitig grummelte Jake: »Ach du Scheiße!«

Die Web-Reporterin riss die Augen auf.

»Wir werden alle sterben!«, kreischte die junge Frau panisch.

Und beim Blick in den Spiegel konnte Brooke Adams die Befürchtung der Heulsuse nicht ganz von der Hand weisen!

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»Hast Du das, Jake? Filmst du das?«, war Brookes erste Reaktion, die sogar noch das Grauen verdrängte, das sie beim Anblick des Spiegels eigentlich befallen müsste.

»Ja doch, ja! Scheiße noch mal ...«

Der Patient mit der Goldrandbrille wollte aufspringen. Julianne McPherson bedeutete ihm, sitzen zu bleiben. Basecap hatte es beim Anblick des Spiegels seine Coolness verschlagen, und sein konsternierter Blick sah aus, als stünde er kurz davor, sich vor Furcht in die orangene Anstaltshose zu erleichtern. Gandalf mit der Halbglatze blieb ruhig sitzen, als können ihn nichts erschüttern.

Brooke unterdrückte ein Zittern, während eine kalte Gänsehaut ihr Rückgrat entlang rann.

Im Spiegel vor ihr huschten schwarze Schemen hin und her, wobei sie die gesamte Breite ausnutzten, sich vom Hinter- in den Vordergrund drängten, von links nach rechts und von oben nach unten rauschten. Alle hatten ungefähr die gleiche Größe und Form und ähnelten den Astralkörpern von Gespenstern.

Das schwarze Gewusel in der glatten Scheibe erinnerte Brooke an die Körper von Robben, die sie im Zoo durch das Glas der Tunnelröhre unter Wasser hatte beobachten können.

Unwillkürlich versuchte sie, die erschienenen Geister zu zählen, was sich schwierig gestaltete, weil sie permanent in Bewegung blieben. Manche der Anwesenden stießen unterdrückte, spitze Schreie aus, die Frau im Blümchenkleid heulte noch heftiger und schien kurz vor einem Nervenzusammenbruch zu stehen.

»Bleiben Sie sitzen!«, dirigierte McPherson. »Das ist gut, das ist genau die Reaktion, die ich durch die Beschwörung erhofft hatte.«

»Sie werden uns alle töten!« Die schrille Frauenstimme überschlug sich fast.

»Nein, niemand wird getötet.

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