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John Sinclair 2242 - Horror-Serie

200 Seelen für Asmodis

von Marlene Klein

London, vor 205 Jahren

»Etienne ...«, Sophie Lamorts Stimme war so leise und tonlos, dass sie kaum noch hörbar war. »Etienne ...« Wieder hauchte sie den Namen ihres Gatten. Wohl ahnend, dass der Tod bereits seine Hand nach ihr ausstreckte, aber nicht wissend, dass ausgerechnet der Mann, den sie liebte, dafür verantwortlich war.

Etienne Lamort legte den Federkiel zur Seite, mit dem er seine letzte Beobachtung in sein Notizbuch, eine mit einem schwarzen Band verschließbare und in Leder gebundene Kladde, eingetragen hatte.

»Ich bin hier, Liebes!«, antwortete er und fasste ihre Hand.

Sophies Pupillen hatten sich eingetrübt. Schon gestern hatte ihr Augenlicht sie verlassen. Genauso langsam und qualvoll, wie sie auch die anderen Sinne verließen. Doch die junge Frau, die noch nicht einmal zwanzig Sommer erlebt hatte, hatte standhaft gegen die mysteriöse Krankheit in ihrem Körper gekämpft. Eine Krankheit, die in Wirklichkeit keine war, sondern die Symptome einer Vergiftung. Diesen ausweglosen Kampf konnte sie nur verlieren. Der Feind in ihrem eigenen Körper war übermächtig und unerbittlich ...

»Ich ... sterbe ...«, presste sie hervor.

»Das ist korrekt«, stellte der Angesprochene wissenschaftlich fest, nestelte eine Taschenuhr aus der Brusttasche seiner Brokatweste und las die Uhrzeit ab.

Seit der Verabreichung des Arsens waren exakt 72 Stunden vergangen. Sein sachlicher Ton ließ keinen Zweifel daran aufkommen, dass ihm der Todeskampf seiner Frau genauso nahe ging, als würde er beobachten, wie der Sand aus einer Eieruhr rann.

»Du hast alle Phasen der Vergiftung durchlaufen. Die Durchfälle und das Erbrechen, die Schmerzen im Unterleib, die Krämpfe, die Bewusstseinsstörungen und nach und nach der Ausfall deiner Sinne. Es wundert mich, dass du in einem so späten Stadium noch fähig bist, zu sprechen. Ich muss das unbedingt noch vermerken! Erstaunlich!«

Etienne Lamort klappte seine Kladde wieder auf, tauchte den Federkiel erneut in das Tintenfass und machte sich daran, eine weitere Notiz einzutragen. So abgelenkt vom geschwächten Körper seiner Frau bemerkte er nicht, dass in seinem Rücken Sophie Lamort das Leben verließ. Ein letzter Atemzug, der einem Stöhnen ähneln würde, wenn sie denn zu einem solchen noch kräftig genug gewesen wäre.

So begleitete ein leises Seufzen ihr Sterben. Ihre Hand, die eben noch schwächlich zitternd die seine gesucht hatte, sank auf das schmutzige Laken danieder. Die Lider verschlossen langsam die blinden Augen. Sie hatte den Kampf gegen den Tod verloren.

»Ach! Aha!«, kommentierte Etienne Lamort lediglich, als er sich umwandte, um sich wieder seiner Frau und Patientin zuzuwenden.

Nochmals zog er die Taschenuhr hervor, um eine letzte Notiz in sein Buch zu machen.

5. März 1816 6.35 Uhr Exitus.

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Etienne Lamort hatte das fünfzigste Lebensjahr bereits vollendet. Sein Haupthaar, das außerhalb des Hauses von einem schwarzen Zylinder bedeckt wurde, fiel dünn und grau auf seine Schultern und rahmte den ebenso grauen Backenbart ein.

Vor zehn Jahren war er von Paris nach London ausgewandert. Seine Neugier trieb ihn in die Welt hinaus. Wissenschaftler, Arzt oder Gelehrter hatte er werden wollen! Jedoch war ihm ein Studium aufgrund seiner bescheidenen finanziellen Mittel stets verwehrt geblieben.

Nun konnte er hier zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen. Die junge, ebenso mittellose Sophie hatte er schnell für sich begeistern können. Durch sein wissenschaftliches Interesse wusste er von der tödlichen Wirkung von Arsen. Die Symptome waren für einen Laien kaum von einer gewöhnlichen Lebensmittelvergiftung zu unterscheiden.

Flugs hatte er vor einem Jahr eine Lebensversicherung auf den Namen seiner jungen Gattin abgeschlossen, von der er nun hoffte, die nächsten Jahre leben zu können. Und gleichzeitig hatte er mit seinem kleinen Experiment sein wissenschaftliches Interesse an der Medizin stillen können. Auch wenn dieser Versuch neue Fragen in ihm aufgeworfen hatte. Zu gerne hätte er den Körper geöffnet, um mit eigenen Augen zu sehen, was das Gift in Sophies Organen bewirkt hatte.

Doch dann hätte er schwerlich ihren Tod als natürlich bei der Versicherung anzeigen können. Er musste sich etwas Neues ausdenken, um seinen Trieb zu befriedigen. Das Wort »Leichenschändung« kam ihm dabei nicht in den Sinn. Nein, er betrieb lediglich wissenschaftliche Experimente, und wer weiß – vielleicht war ihm die Menschheit aufgrund seiner Erkenntnisse irgendwann dankbar.

Dass er erst selbst seine Studienobjekte vom Leben zum Tode befördern musste, war ein nebensächliches, notwendiges Übel, das er hinnahm. Den Todeskampf und das Sterben zu beobachten war für ihn ein zusätzlicher Reiz.

»Ach ja, nun ...«, murmelte Etienne vor sich hin, obwohl niemand mehr im Raum ihn hören konnte.

Er musste als Nächstes einen Arzt verständigen, der einen Totenschein ausfüllte, dann den Bestatter. Es wurde Zeit, sein bescheidenes Heim, das nur aus einem einzigen Raum bestand, zu verlassen und sich in das wuselige Getümmel Londons zu begeben. Lamort griff nach seinem samtenen, schwarzen Gehrock und dem Spazierstock mit dem silbernen Knauf, der ein rein modisches Accessoire war.

Er öffnete die Haustür neben dem Fenster mit den trüben Butzenscheiben, zur schmutzigen, engen Gasse hin und sofort wurde er von einem Klangteppich umfangen. Kinder ließen johlend einen Reifen kreiseln, die dicke Nachbarsfrau entleerte geräuschvoll ihren Nachttopf auf der Straße und irgendwo scheute wiehernd ein Ross, bevor seine Hufe wieder auf dem Kopfsteinpflaster klapperten. Ein Pferdefuhrwerk glitt ächzend und scheppernd an seiner Tür vorüber. Lamort tippte zum Gruße des Kutschers an seinen Zylinder und machte sich auf, seine Behausung zu verlassen als ...

»Wo möchtest du hin, Etienne Lamort?«

Der Angesprochene zuckte erschrocken zusammen. Die tiefe, grollende Stimme war hinter ihm aufgeklungen. Doch das konnte nicht sein, der Raum war, bis auf seine tote Frau, leer. Etienne zögerte, sich umzudrehen. Sicher war es besser, sich vor dem Redner außerhalb des Hauses in Sicherheit zu bringen, denn die Stimme hatte unheilvoll und keineswegs wohlgesonnen geklungen und, ja, er gestattete sich den Gedanken, sie unheimlich zu finden.

Lamorts Neugier siegte. Oder war er gar in einen fremden Bann geraten, der ihm gar keine andere Wahl ließ, als sich in der Tür stehend langsam wieder seiner Kemenate zuzuwenden und den Spazierstock an seinen angestammten Platz zu stellen?

Es war nicht ganz dunkel im Raum, die Morgensonne, die gerade aufgegangen war, warf ein schwaches Zwielicht durch das kleine Fenster. Auf den ersten Blick war nichts Ungewöhnliches im Zimmer zu entdecken. Der kleine Tisch aus Holz mit zwei Stühlen, das einzige Bett, das von Sophie belegt war. Eine Kochstelle mit einer Bratröhre.

Und doch hatte sich etwas verändert, seit Lamort seinen Gehrock genommen und sich zum Gehen gewandt hatte. Die Atmosphäre in dem Raum war kälter geworden, die heimelige Gemütlichkeit ausgelöscht. Stattdessen machte sich nun eine Aura des Bösen breit, die Etiennes Herzschlag beschleunigte. Direkt im Hals schien es ihm nun zu pochen.

Er öffnete langsam die Lippen, doch außer dem beschleunigten Atemgeräusch drang kein Laut darüber. Die Stille schien bedrückend. Lamort stieg ein Geruch in die Nase, den er eben noch nicht wahrgenommen hatte. Vergoren, wie von faulen Eiern. Nein, sein wissenschaftlicher Geist kannte diesen Gestank. Schwefel, so roch Schwefel, ganz eindeutig. Etwas – oder jemand – befand sich in diesem Raum, der diesen Geruch absonderte und der ihn angesprochen hatte.

Wer könnte das sein, wenn nicht gar ...

Ungleichmäßige Schritte klangen auf, ausgehend von der dunklen Ecke ihm gegenüber liegend, in die kein Licht drang. Dort aus dem Schatten schritt jemand langsam näher. Doch der Klang der Schritte war ungewöhnlich. Ein Tapsen, wie von einem Schritt, gefolgt von einem hellen Klopfen, wie ... ja, wie von den Hufen der Gäule, deren Klappern er gerade vor der Tür gehört hatte.

Lamort erstarrte wie gelähmt, als sich zwei glühend rote Punkte in Kopfhöhe mit den Schritten näherten, die deutlich aus dem Dunkel herausstachen. Sein Herz schien vor Furcht auszusetzen, als die Gestalt den Schatten verließ und ins Licht trat.

Der seltsame Besucher hatte nur einen bestiefelten Fuß, das andere Bein war von Fell überzogen und endete in einem Huf. Lamorts Blick glitt weiter den Körper hinauf, fiel auf die offene Weste über der behaarten Brust, die von vereinzelten goldenen Haaren durchzogen war. Er erkannte seinen Besucher noch bevor er ihm ins Gesicht gesehen hatte. In diese dreieckige Fratze mit dem spitzen Kinn und den stiftartigen Zähnen in einem maulartigen Mund, eine Hakennase, darüber die rot glühenden Augen und die beiden Hörner, die seitlich aus der Stirn wucherten.

Der Teufel persönlich stattete ihm einen Besuch ab.

»Grundgütiger ...«, entwich seiner Kehle, bevor der Teufel ihm in die Parade fuhr und ihn barsch unterbrach: »Denke diesem Gedanken noch nicht einmal zu Ende, Etienne Lamort! Erzähle mir im Angesicht deiner toten Frau nicht, du wärest ein Freund des alten Mannes!«

»Bist du ... seid Ihr ... der Teufel?«, fragte Lamort stotternd.

»Höllenfürst, Teufel, Satan oder schlicht – Asmodis. Viele Namen wurden mir gegeben.«

Asmodis näherte sich nochmals wenige Schritte und kam an dem Tisch, auf dem die Kladde lag, zum Stehen. Wie beiläufig schlug er sie auf und ließ seine langen, schwarzen, krallenartigen Fingernägel über die Notizen fahren.

»Du hast sie umgebracht, Etienne Lamort. Du hast ihren Todeskampf dokumentiert und dich daran ergötzt, wie sie schwächer und schwächer wurde, bis sie hier schließlich elendig verreckte, vergiftet wie eine Ratte. So war es doch, Etienne, nicht wahr?«

Was sollte Lamort darauf antworten? Jedes Wort entsprach der Wahrheit. So kam im Angesicht des Teufels nur angstvolles Gestammel über seinen Lippen.

»Ich ... äh ... also, nun ja, ...«

»Es war doch so, Lamort?«, donnerte die dunkle, unheilvolle Stimme des Höllenfürsten durch das kleine Zimmer. Etienne wusste, dass sie keinen Widerspruch duldete.

»Ja ...«, gab er nun zögerlich zu.

»Gut, sehr gut! Ich kann jemanden wie dich gut gebrauchen. Jemanden, der das Töten genießt. Der erkannt hat, was das Sterben doch für ein faszinierender Prozess ist. Was hältst du von einer kleinen Abmachung, Lamort? Ein Vertrag zwischen dir und mir. Ein Geschäft zum Vorteil von beiden Seiten.«

»Wie soll das aussehen?«

»Komm her, sieh dir das hier an!« Asmodis deutete auf den kleinen Tisch vor ihm.

Dort, wo eben lediglich das Notizbuch gelegen hatte, erkannte Etienne beim Näherkommen ein größeres zusammengefaltetes Stück Papier. Einen Plan, wie er feststellte, als er ihn in beiden Händen in die Höhe hielt und auffaltete. Ihm wurde nicht sofort klar, was er darstellte.

Erst nach und nach erkannte er, dass es sich um den Grundriss und den Bauplan eines Gebäudes handelte. Eines sehr großen Gebäudes. Je länger er den Plan betrachtete, desto besser fand er sich in ihm zurecht.

Asmodis störte ihn nicht in seinem Studium. Etienne Lamort betrachtete den Plan stumm, nur ab und zu kam ein kurzer Laut der Erkenntnis über seine Lippen, ein erstauntes »ach« oder »ah«, wenn sich ihm wieder ein Geheimnis dieses Plans offenbart hatte. Und Geheimnisse barg er viele. Verborgene Gänge, Zimmer, Rutschen in tieferliegende Etagen, Geheimtreppen und Verstecke.

Etienne brauchte mehrere Minuten, um die Skizze auch nur annähernd zu erfassen. Insgesamt war sie so komplex, das er sie möglicherweise nie ganz verstand. Doch irgendwann ließ er langsam die Hände, die das Papier umklammert hielten, sinken und sah den Höllenfürsten an. Die eben noch empfundene Angst und Scheu war wieder einem seiner Hauptinstinkte gewichen: Der Neugier.

»Was ist das?«

Asmodis lachte leise, wobei kleine Flammen aus seinem Rachen stoben.

»Das, mein Freund, ist der Bauplan für ein Hotel. Ein besonderes Hotel. Ich möchte, dass du es für mich baust. Dieser Ort wird durch mich magisch geschützt sein, und jeder innerhalb dieser Mauern verübte Mord wird niemals gesühnt. Wenn du dich an meinen Plan hältst, wirst du niemals für deine Verbrechen zur Verantwortung gezogen werden. Wäre das nicht der ideale Ort für dich? Bedenke, was du alles darin tun könntest. Wie du deine Studien und Forschungen ohne Angst vor Entdeckung betreiben könntest!«

Etienne Lamort wandte sich, noch immer den Plan in der Hand haltend, vom Tisch ab und murmelte nur: »In der Tat, in der Tat, ein faszinierender Gedanke. Nur, die finanziellen Mittel für ein Bauprojekt dieser Größenordnung ...«

Asmodis ließ ihn seinen Satz nicht zu Ende reden. »Darum mache dir keine Gedanken. Du wirst zu jeder Zeit genügend Geld zur Verfügung haben. Dafür verlange ich einen lächerlich kleinen Preis. Absolut geringfügig.«

Eine Pause folgte, in der sich Etienne wieder dem Höllenfürsten zuwandte und abwartend leicht den Kopf neigte.

»Ich verlange lediglich die Seelen deiner Opfer. Mehr nicht.«

»Die Seelen? Was sollte ich mit den Seelen anfangen ...?«

Asmodis' Stimme klang nun fordernd: »200 Seelen in fünf Jahren, Etienne. Das müsste doch für dich machbar sein, oder?«

»Und wenn es mir nicht gelingt?«

»Dann gehört auch deine Seele mir. Aber wenn du diese Anzahl sammeln kannst, wovon ich ausgehe, brauchst du dir in diesem irdischen Leben keine Gedanken mehr um Geld, Macht und Einfluss zu machen. Du wirst bis zu deinem Tod in unvorstellbarem Wohlstand schwelgen. Ein solcher Raum wie dieser hier wird für dich nur noch bestenfalls als Besenkammer dienen. Du wirst mehr Geld besitzen, als du brauchst. Mehr als jeder andere hier in London, ja sogar mehr als King Georg III! Willige ein, Etienne, und all deine Sorgen und Probleme lösen sich in Luft auf!«

Der Teufel hielt Lamort seine Hand hin, um mit einem Handschlag den Handel zu besiegeln. Lamort zögerte kurz. Wohlstand und Macht interessierten ihn nur zweitrangig. Worum es ihm ging, war die Aussicht auf unbegrenzte Möglichkeiten des Mordens. Doch war seine Passion ihm sogar einen Pakt mit dem Teufel persönlich wert?

Etienne Lamort schlug ein – und bereute es in derselben Sekunde.

Asmodis' Pranke mir der rötlichen Haut und den schwarzen, spitzen Nägeln umklammerte seine Hand unerbittlich hart. Als Asmodis in schallendes Gelächter ausbrach, wobei im selben Takt Flämmchen aus seinem spitzen Maul tanzten, und Rauch aus seiner Nase wehte, wurde Lamort klar, dass er einen schweren Fehler begangen hatte.

Es war ihm unmöglich, seine Hand zurückzuziehen. Eine unglaubliche Hitze erfasste seine Handfläche, sie schien mit der seines ungleichen Partners zu verschmelzen. Lamort begann zu schreien, wurde jedoch von Asmodis Lachen übertönt.

Er starrte auf die verbundenen Hände. Um diese herum begann die Luft zu flirren und zu flimmern. Sie schien sich zu verdichten, ihre Transparenz zu verlieren. Nebel umflorte die Hände. Nein, das war Rauch, der aus den Handflächen der beiden stieg und sich zunehmend verdunkelte. Zeitgleich begann er sich zu bewegen, stand nicht still, sondern rotierte erst langsam, dann immer schneller um seinen Ursprungsort herum.

Helle Punkte erschienen in diesem grauen Wirbel. Gelblich, rötlich. Zunächst als glosende Schlieren, die sich zu einen Band aus Flammen verdichteten, sodass die gekreuzten Hände letztlich von Feuer umschlossen wurden.

Das Schauspiel endete in einer regelrechten Explosion aus Feuer und Licht. In derselben Sekunde war Etienne Lamort frei und taumelte wenige Schritte zurück. Sein Schrei, und Asmodis Lachen erstarben zeitgleich. Mit schmerzerfüllten Gesicht betrachtete Lamort seine pochende Handfläche. Dort zeichnete sich eine Verbrennung ab. Deutlich traten rote, blasige Linien hervor.

Er war von Asmodis gebrandmarkt worden, als wäre er ein Stück Vieh. Erst auf den zweiten Blick erkannte er die stilisierte, dreieckige Fratze des Teufels mit den beiden Hörnern. Auch nach einem Heilungsprozess würde dieses Zeichen für immer in seiner Haut zu sehen sein. Etienne Lamort stöhnte, schüttelte die schmerzende Hand und umklammerte mit der unverletzten, linken Hand sein rechtes Handgelenk.

»Fünf Jahre, 200 Seelen, vergiss es nicht, Lamort!« Asmodis' Stimme war schon an der Tür aufgeklungen. Durch seine Hand abgelenkt, hatte er gar nicht wahrgenommen, wie der Höllenfürst sich zum Gehen gewandt hatte. Einen letzten Satz schickte er seinem neuen Bündnispartner noch hinterher: »Ich vergaß zu erwähnen, Lamort, das die Sache für dich noch einen Haken hat ...«

Asmodis trat, ohne sich nochmals umzudrehen oder ein Wort des Abschieds zu verschwenden, aus der Tür ins Morgenlicht und war augenblicklich verschwunden.

Etienne dachte über seinen letzten Satz nach. Einen Haken? Was konnte noch kommen, immerhin hielt er seine schmerzende Hand umklammert. Welchen Schmerz oder welche Grausamkeit hatte Asmodis sich noch für ihn ausgedacht?

Erneut klangen Geräusche aus der dunklen Ecke des Zimmers auf. Mal hell klingend, Schritten ähnelnd, mal schleifend. Etienne hatte keine Ahnung, wer oder was solche Geräusche verursachen könnte. Und als der Verursacher in die Helligkeit trat, wünschte er sich, er hätte es nie erfahren. Sein erneuter Schrei war bis auf die Straße zu hören.

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London, heute

Das Royal Grand Hotel. Ich musste zugeben, dass ich mir diesen Luxusschuppen bisher nur von außen angesehen hatte. Schon dort wirkte er edel, allerdings regelrecht bescheiden im Vergleich zum dem Prunk und der Pracht, den die riesige Empfangshalle bot.

Suko und ich saßen uns in großen, mit rotem Samt bezogenen Sesseln gegenüber, in denen wir fast versanken. Mein Blick wanderte immer wieder an die Decke, die sich gut zehn Meter über uns befand. Dort war ein Kronleuchter von bestimmt 5 Metern Durchmesser angebracht. Hunderte von Kristallen brachen das Licht aus zahlreichen Kerzen nachempfundenen Glühbirnen.

Ich murmelte meine Gedanken vor mich hin: »Wie putzt man dieses Ding?«

Suko legte seinen Kopf ebenfalls in den Nacken und zuckte mit den Schultern. »Auf alle Fälle mit einer Leiter.«

»Und mit viel Geduld«, ergänzte ich. Auf diesem Monstrum konnte ich nicht ein Staubkorn erkennen.

»Die Herren von Scotland Yard? Mister Sinclair, Mister Suko?«, wurden wir angesprochen.

»Ja«, antwortete ich schneller, als ich aus meinem Sessel-Gefängnis aufstehen konnte. Unser Gegenüber stellte sich vor und gab uns nacheinander die Hand während er redete.

»Aziz Al-Anwar, ich bin der Hotel-Manager. Ich freue mich trotz der unangenehmen Umstände, dass Sie den Weg zu uns gefunden haben.«

Al-Anwar trug einen grauen Maßanzug über dem untersetzten Körper. Das dünne Haar des Mittfünfzigers war straff nach hinten gekämmt und klebte direkt am Schädel. Kein Härchen traute sich, aus der Reihe zu tanzen. Die Brille mit dem silbernen Gestell war leicht bläulich getönt. Sein Englisch war trotz des arabischen Namens absolut akzentfrei. Kurz: Er verkörperte denselben Luxus wie seine Umgebung.

»Wenn Sie mir bitte folgen würden, meine Herren, ich bringe Sie direkt zu ...«, er geriet kurz ins Stocken, was wohl nicht seiner ansonsten eloquenten Art entsprach, »... ins betreffende Zimmer.«

Wir taperten Al-Anwar hinterher. Schwere Perserteppiche mit roter Grundtönung dämpften unsere Schritte. An den Wänden hingen Landschaftsgemälde in goldenen Rahmen. Zur Dekoration standen hüfthohe Bodenvasen aus Porzellan herum.

Kurz überlegte ich, ob wohl meine Haftpflicht einsprang, wenn ich hier irgendetwas umrannte. Dieser ganze zur Schau gestellte Pomp hinterließ bei mir ein unangenehmes Gefühl. In meiner Wohnung fühlte ich mich eindeutig wohler. Aber wohl jeder so, wie er es gewohnt war ...

Suko hatte im Gegensatz zu unserem Vordermann keine Probleme, die Fakten auszusprechen.

»Unser Chef sagte, das wäre bereits der dritte Todesfall in Ihrem Haus in dieser Woche.«

»Das ist leider korrekt.«

»Warum wenden Sie sich nicht einfach an die Metropolitan Police? Die wären doch in einem Mordfall zuständig«, sprach ich in Al-Anwars Rücken, da er uns immer noch sehr geschäftig vorweg eilte.

Ein Zimmermädchen erkannte ihren Chef und knickste, altmodisch aber höflich.

Al-Anwar blieb an einer verschlossenen Korridortür stehen und sah uns durchdringend an. »Wir befürchten, dass bei einer offiziellen Beteiligung der Polizei die Medien involviert werden könnten, was für uns einer Katastrophe gleichkäme.

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